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tausend tode schreiben [89.]

Christiane Frohmann hat heute den ersten Teil des Buchs Tausend Tode schreiben herausgegeben. “Die Idee ist, dass tausend Autoren tausend kurze Texte über den Tod schreiben: Persönliche Begegnungen, wissenschaftliche Betrachtungen, Fiktion. Diese vielfältigen Texte sollen zusammenwirken als ein transpersonaler Text, der – so die Annahme – einiges über das aktuelle Bild des Todes in unserer Gesellschaft verraten wird.”

Ich habe mich mit einem Text beteiligt, den ich in längerer Form schon einmal geschrieben hatte, der sich seither aber verändert hat. Die Herausgeber- und Autorenanteile an den Erlösen werden dem Kindersterbehospiz Sonnenhof in Berlin-Pankow gespendet.

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Im Berliner Wagen erreichte ich den kleinen Ort in Norddeutschland, in dem meine Großmutter am folgenden Tag beerdigt werden sollte. Kurz vor uns war das Auto aus Siegen angekommen, davor der Wagen aus Heidelberg. Die Ravensburger riefen an, sie waren schon in Dortmund und würden bald da sein. Das Haus war voll von Verwandten, denn meine Oma hatte neun Kinder, zwanzig Enkel und neunzehn Urenkel, die mittlerweile über ganz Deutschland verteilt wohnten, und die sich nun samt Familienanhang im Haus meiner Oma trafen. Es gab Hühnersuppe.

Am nächsten Morgen sollte der Sarg geschlossen werden. Viele wollten die Mutter, Großmutter und Urgroßmutter lieber lebendig in Erinnerung behalten und so waren wir eine recht kleine Gruppe, die sie noch ein letztes Mal sehen wollte. Auf den ersten Blick sah meine Oma aus wie eine andere Person, doch je genauer ich hinsah, desto besser konnte ich sie doch erkennen. Meine Tante zupfte an den Haaren herum, die noch nicht so aussahen wie sonst. Um den Hals trug Oma eine Perlenkette, an den gefalteten Händen einen schönen roten Rosenkranz, den meine Eltern ihr vor nicht allzu langer Zeit aus Mexiko mitgebracht hatten.

Die Hände sahen noch genauso aus wie immer, das waren Omas Hände, und ich fand es schön, dass man ihr nicht die Fingernägel manikürt hatte, obenauf lag der Daumen mit dem etwas schief geschnittenen Nagel, genauso, wie er immer gewesen war. Ich drückte ihr zum Abschied die Hände, sie waren natürlich eiskalt und steif, und ich spürte, dass darin gar kein Leben mehr war. Komisch, wie viel Leben in einer Hand steckt, oder wie groß der Unterschied ist, wenn in dieser Hand kein Leben mehr ist. Diese Berührung war das letzte Wissen, dass meine Oma nicht mehr in diesem Körper steckte. Dennoch konnten wir uns kaum überwinden zu gehen.

Später dann das Rosenkranzbeten in der Leichenhalle, das Monotone daran, dessen Effekt mich immer wieder erstaunt. Wenn der ‘schmerzhafte’, der schlimmste unter den Rosenkränzen beginnt, “der für uns Blut geschwitzt hat”, erschrickt man kurz, aber dann entzieht das Aufsagen und Wiederholen den Wörtern langsam immer mehr von deren Bedeutung. Es bleibt nur das Ritual, lang und schwer, und dennoch auch ein Singsang, der einen fast wie ein Gutenachtlied einlullt.

Draußen großartig klare und kalte Luft bei Sonnenschein. Etwas entfernt vom Grab spielte, als wir von der Leichenhalle aus hinter dem Sarg herliefen, eine Blaskapelle in kleiner Choralbesetzung und mit Tenorhörnern, und gerade als wir in den Gang unseres Familiengrabes einbogen, zog ein Schwarm von Vögeln durch den blauen Himmel, in einem Film hätte man das wahrscheinlich für eine zu perfekte Choreographie gehalten. Bei früheren Beerdigungen hatte ich den Anblick des Sarges in der Erde immer schlimm gefunden, natürlich auch dieses Mal, aber nicht auf die gleiche Weise, vielleicht, weil ich kurz vorher noch Omas leblose Hände gehalten hatte und damit ihren Körper besser gehen lassen konnte.

Über 200 Menschen beim anschließenden Kaffeetrinken. Eine traurige und zugleich schöne Feier zum Abschied von meiner Oma, die 92 Jahre alt geworden war.

journal.

Während ich noch immer um die explosive Selbstzerstörung und krasse Selbstdarstellung in Knausis Band 4 herumtapse, google ich natürlich ständig, was es so Neues über ihn gibt – oder Altes, das ich noch nicht gesehen oder gelesen habe. Dabei bin ich auf dieses Interview mit Siri Hustvedt gestoßen. [#]

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“Leben” von Karl Ove Knausgård [#]

Karl Ove Knausgaard at the Edinburgh International Book Festival [#]

Und was ist das für ein merkwürdiges Interview? Homestory, im Ernst? [#]
(Seine Frau Linda und er haben ein viertes Kind bekommen, das war mir bis vor kurzem entgangen.)

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Nächste Obsession: Qualität der Versorgung in der Psychiatrie.
(In der John hoffentlich nie landen wird, aber das weiß man bei einem schwer betroffenen Autisten eben nie, daher bin ich im Gemeinsamen Bundesausschuss nun auch in einer neuen Arbeitsgruppe zum Thema. Die Vorbereitung, also detailliertere Einsicht in die Dinge, macht alles nur noch schlimmer.)

“Psychiatry’s dirty secret is that if you had a severe mental illness requiring hospital care in 1900, you’d be better looked after than you are today. Despite a flurry of media hand-waving about new technologies in psychiatry, the average hospital patient probably does less well now, despite the new drugs, than the average hospital patient a century ago.” [#]

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Kelli Stapleton hat letztes Jahr versucht, ihre autistische Tochter umzubringen. Die Berichterstattung in den Medien war damals schon schlecht und sorgte für viele verärgerte Blogposts in der autism community, aber dieser Artikel setzt dem Ganzen die Krone auf: “County Jail Has Been Better Than the ‘Jail of Autism’.”
Was das wieder für eine Rhetorik ist. [#]

(Es ist absolut lächerlich, das überhaupt sagen zu müssen: Wenn ein Erwachsener ein Kind tötet oder zu töten versucht, dann ist der oder die Erwachsene nicht das Opfer.)

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Sonst keine News. Möchte immer noch nach Afrika ziehen.
(Not gonna happen.)

ein knausi eignet sich nicht zum raushauen.

Den Inhalt von Karl Ove Knausgårds viertem Band Leben muss ich noch verdauen. Was mir momentan ein bisschen auf der Seele brennt, ist die Frage der Form. Ich finde es ganz schade, dass das Buch wohl zu schnell auf den Markt gebracht wurde, denn es wurden so einige Rechtschreib- und Grammatikfehler übersehen. Flüchtigkeitsfehler, die man mit genügend Zeit hätte finden können. Da steht zum Beispiel “Waser” (S. 581) anstatt “Wasser.” Oder: “Er trug ein kariertes Hemd und so eine grüne Trekkinghose mit eine Menge Taschen.” (S. 598) Wohl eher: “mit einer Menge Taschen.” Das sind nur zwei kleine Beispiele, ich habe erst gegen Ende angefangen, das zu markieren, weil es mich immer mehr gestört hat. Es beeinträchtigt den Lesefluss, aber auch die Tiefenwahrnehmung. Beim Lesen höre ich innerlich die Stimme des Autors, aber wenn zu viele Fehler im Text sind, werde ich immer wieder an die Oberfläche gezogen.

Die Qualität der professionellen Verlage soll doch gerade das Alleinstellungsmerkmal gegenüber der Konkurrenz aus dem Internet sein. Aber wird die Qualität nicht oft schon eingespart? Bücher werden immer schneller publiziert. Manchmal setzt man gleich eine ganze Gruppe von Übersetzern an ein einziges Buch, damit es schnell auf den Markt kommen kann. Als Leserin merke ich oft den Übergang, an dem wohl ein Wechsel von einer Person zu einer anderen erfolgte.

Das war hier nicht der Fall, es war nur ein Übersetzer tätig, aber ich denke nicht, dass Ulrich Sonnenberg genügend Zeit hatte. Die langen Sätze so zu gestalten, dass man sie dennoch im Fluss gut lesen kann, ist nicht immer gelungen. Ein Beispiel:

“Als ich den Hügel hinunter nach Hause ging, fühlte ich mich weder glücklich noch erleichtert, wie ich es erwartet hatte, denn eigentlich hatte ich seit einem halben Jahr auf diesen Tag gewartet, sondern nur leer.”

Den Satz musste ich doppelt lesen. Die zwei Einschübe erschweren es sehr, den letzten Teil gedanklich noch verknüpfen zu können. Besser zu lesen wäre es so:

“Eigentlich hatte ich seit einem halben Jahr auf diesen Tag gewartet, aber als ich den Hügel hinunter nach Hause ging, fühlte ich mich weder glücklich noch erleichtert, wie ich es erwartet hatte, sondern nur leer.”

Das sind nur Nuancen, aber sie machen auf einer Distanz von 618 Seiten eben doch einen Unterschied.

Die Übersetzung von Ulrich Sonnenberg ist alles in allem gar nicht schlecht. Aber sie hat einen anderen Ton als die ersten drei Bände, die von Paul Berf übersetzt wurden. Ich frage mich, warum der Verlag den Übersetzer ausgetauscht hat, gerade bei einem so eng zusammenhängenden Projekt, bei dem der Autorenstimme eine solch wesentliche Bedeutung zukommt. Paul Berf hat sich durch die ersten drei Bände doch schon intensiv in den Ton eingearbeitet und er war für seine Übersetzung völlig zu Recht für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert.

Nun bin ich natürlich die Erste, die die nächsten Bände am liebsten schon morgen auf dem Tisch hätte, aber selbst ich gedulde mich gerne, den Übersetzern und Lektoren genügend Zeit zu lassen. Die Verlage sind in der Krise, aber wenn sie sich jagen lassen und zurückjagen, wird dabei am Ende wenig herumkommen. Ich bin davon überzeugt, dass Sie stattdessen wirklich auf Qualität setzen müssen: auf einzelne Übersetzer statt großer Teams sowie auf ein gewissenhaftes Lektorat und Korrektorat.

Noch ein Link zu Ben Lerners Rezension der englischen Übersetzung von Band 3: Each Cornflake. Am Ende steht ein sehr interessanter Kommentar von Christopher Eva aus Norwegen:

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“Karl Ove Knausgaard ‘has a tendency towards cliché’, Ben Lerner writes. The writing, precisely where it aspires to the literary, can be sloppy: “The warm, bright September days were summer’s last burst of energy before abruptly crumbling.” Days are bursts that crumble?’

I don’t have the English translation to hand, but I’m fairly sure that the sloppy writing is down to the translator (Don Bartlett) and not to Knausgaard himself. The Norwegian original of the passage Lerner quotes is: “De varme, klare septemberdagene var sommerens siste anstrengelse, for brått falt den sammen, og i dens sted kom regnet.” A literal translation would be: “The warm, bright September days were the summer’s last exertion, for suddenly it was over, and in its place came the rain.” That doesn’t sound so sloppy; in fact it sounds like an echo of Hemingway (‘in the fall when the rains came’). The translation manages both to introduce an unnecessary poetic flourish (summer’s ‘last burst of energy’ for ‘anstrengelse’, a word which means simply ‘effort’ or ‘exertion’ or ‘strain’) and to lose the structure and rhythm of the original three-part sentence.” [#]

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Was ich sage: Diese Nuancen machen einen Unterschied und ein Knausi eignet sich nicht zum Raushauen.

tddl 2014 [die vorbereitung].

Dieses Jahr ist die Ausbeute in der Bibliothek groß, 13 Bücher. Die Vorbereitung kann beginnen.

tddl2014

Die Autorinnen und Autoren im Internet:

Michael Fehr [#]

Olga Flor [#]

Romana Ganzoni [#]

Anne-Kathrin Heier [#]

Gertraud Klemm [#]

Karen Köhler [#]

Georg Petz [#]

Tex Rubinowitz [#]

Tobias Sommer [#]

Senthuran Varatharajah [#]

tddl 2014 [die videoporträts].

Michael Fehr

Das Wunder der Fähigkeit zur Artikulation. Und daraus Motivation, Motivierung, Motiv. Und daraus Repetition, Variation. Und daraus eine existenzielle Geschichte mit einer gewissen Musikalität.

Olga Flor

Mag seltsame Räume, Durchgangsorte, Speicherorte – Räume, die man eigentlich nicht betritt, um sich darin aufzuhalten. Schreiben: Ins Leere hineingreifen und was rausholen. Ort der Aufnahme ist das Depot der zoologischen Sammlung: Vorstellung der Welterfassung in Form von Konservierung toter Körper. Schild: Quetschgefahr durch Fahrregale. Man begibt sich auf die Schliche von psychischen Phänomenen.

Romana Ganzoni

Die Autorin kauft im Coop ein.

Katharina Gericke

Ort: Berlin-Moabit. JVA und Kriminalgericht als trostlose Institutionen. Was mal an Kultur da war – ein Kino – existiert nicht mehr. Eine glamourfreie Zone. Moabit als das Neukölln des Zentrums, zwischen Wedding und Charlottenburg. (Die Autorin möchte dort im Herbst ein Kulturzentrum eröffnen.)
Der Mauerfall als großer Theatervorgang. Kurzgeschichten als Urlaub von der Dramatik.

Anne-Kathrin Heier

Fahrt in einem alten Auto durch die Nacht, Wunderbaum am Rückspiegel. Es werden leuchtende Platten eingesammelt, unterlegt mit schöner Musik. Bücher, ein Buchumschlag (John Cage), Notizhefte, Stifte, ein gerahmtes Foto. Das Licht der Platten erlischt.

Gertraud Klemm

Das Politische im Privaten: “Ich glaube, wenn ich mit allem zufrieden wäre, wenn ich dieses große Einverständnis mit der Welt hätte, würde ich wahrscheinlich nicht schreiben.” Schreiben als eine der wenigen Aktionen, die man der Unzufriedenheit entgegensetzen kann.

Karen Köhler

Wir sind in die Welt und in ein Leben hineingeboren, ohne unser Einverständnis. Die Welt ist kein guter Ort, weil wir sie so schlecht verwalten. Irgendwann sterben wir dann wieder aus dieser Welt hinaus. Leben als vierdimensionale Wurst, an deren Anfang die Geburt und an deren Ende der Tod steht. Wir können uns als diese Lebenswurst nicht begreifen, wir sehen immer nur einzelne Scheiben. Die Anker, die uns schwerelos machen können: Liebe, Empathie, Humor, Intelligenz, Gestaltungswille. [Vorschlag für die automatische Literaturkritik: Minuspunkt “Anker, die schwerelos machen.” Banalität, die sich in schiefe Bilder verrennt.] (Kann natürlich auch alles ironisch gemeint sein, müsste dann aber auch mit dem Minuspunkt leben können.)

Roman Marchel

Spiegeleffekthaschereien zu Beginn. Der Autor ist der Meinung, dass der Mensch ans Meer gehört, aber vor seinem Haus gibt es einen kleinen Bach und einen Wald dahinter, das ist auch okay. Zum Schreiben braucht man dreierlei: Feuer, Geduld und Vertrauen. Notizheft, Nahaufnahme Stiftspitze. Literatur verbessert die Welt durch Anspruch, unabhängig vom Gelingen.

Georg Petz

Der Autor läuft über Treppen, jede Menge Aufnahmen “aus einem interessanten Winkel.” Zurückgespultes Treppengehen, ich ahne ein Fest für die Punktevergabe in der Kategorie Videoporträt bei der automatischen Literaturkritik. Autor: Der Mensch als narrative mammal. Wahrnehmung ist die Schlüsselstelle unserer Erkenntnis von der Welt. Literatur kann genau an dieser Schlüsselstelle sitzen. Was wir für gesichert halten, geht doch nur durch den schmalen Verschlussvorhang, den die Wahrnehmung ihr lässt. Autor möchte in seinen Büchern dieses celare artem aufzeigen. Holzhammersymbolik: Autor blickt durch Bücherregale in die Kamera, dazu der Text: “Blicksteuerung ist die Regie in der Literatur.” [Ich vermute, hier handelt es sich um den Klassiker, dass der Autor dem Redaktionsteam beim Videoporträt nichtsahnend viel zu viele Freiheiten gelassen hat.]

Birgit Pölzl

Schreibt gegen die Gier, sich selbst zu vervollkommnen. Betrachtet sich als politische Autorin mit leiser Botschaft (nicht offensiv). Blick auf Parkplatz, Zeitraffer, Zeitlupe, Personenschatten auf regennassem Boden gespiegelt. Wieder jede Menge Punkte für die automatische Literaturkritik. Die Autorin stellt sich ihre Leser als sensible Männer und Frauen vor, die auch spüren, dass gesellschaftlich etwas nicht in Ordnung ist. Holzhammersymbolik I: Zurückgespultes Büroklammerentwirren, während die Autorin über Struktur einerseits und Offenheit andererseits spricht. Holzhammersymbolik II: Die Autorin öffnet ein verdunkeltes Fenster, dazu der Text: “Jedes Schreiben ist ein Erkenntnisprozess.” Möchte etwas schreiben, das der Schönheit eines Baumes oder Blattes gerecht werden kann (nicht mimetisch, eher strukturelle Äquivalenz). Kunst als Intensivierungsform, die widerständig macht.

Kerstin Preiwuß

Es wird Holz gehackt und eine Liste geschrieben: Schoten auspulen, Johannisbeeren pflücken, teils unleserlich wegen Weichzeichnerspielerei, Holz hacken, unleserlich. “Dieser verdammte Jähzorn, der in der Familie liegt. Das Haus beschreiben. Wer dort verdroschen wurde. Wer dort gestorben ist. Die Familie kann ein unheimlicher Ort sein. Das reicht nicht. Nochmal von vorn.” Die Asche der angezündeten Holzscheite verglüht. Der Text heißt Restwärme.

Tobias Sommer

Einige Seiten werden ausgedruckt, beginnend mit Fokusspielereien. Anzoomen an einen Koffer, Detailaufnahmen hingeworfener Hotelschlüssel und einer Serviceklingel. Großaufnahme sich im Luftzug bewegender Buchseiten. Wieder ein Fest für die automatische Literaturkritik. “Zum Erhalt seiner Finanzen verwaltet Tobias Sommer von Amts wegen die Finanzen anderer.” Der Finanzbeamte/Autor sitzt an seinem Schreibtisch im Büro, Fokus auf die Tastatur, tippende Finger. Büropflanze. Der Text: Ein Hotel in der Nähe der polnischen Grenze. Wieder viele Zoom- und Fokusspielereien. Holzhammersymbolik: Ein Bürostuhl steht im Unkraut am Eingang eines verfallenen Hauses, dazu sagt der Redakteur, er finde im Text des Autors keinen Finanzbeamten. Ende: “Oder habe ich was übersehen?”

[Dieses Jahr wieder so einige Videoporträts, bei denen man vermutet, dass der Autor/die Autorin dem Redaktionsteam zu viele Freiheiten gelassen hat.]

tddl 2014 [tex rubinowitz & automatische literaturkritik].

Die Tage der deutschsprachigen Literatur nahen und dieses Jahr fallen sie nicht einmal in die Sommerferien. Nur am Tag der Preisverleihung am 6. Juli muss ich arbeiten, von Mittwochabend bis Samstagabend kann ich den Bewerb verfolgen. Was mich besonders freut: Tex Rubinowitz ist dabei. Ich bin eine große Fanin von Wilbur und von den Wischgeräuschen, mit denen ich seit Anfang/Mitte der Neunziger viele Male auf zwei Kontinenten umgezogen bin. Hier sind sie, 2014 noch in einem ziemlich guten Zustand:

Auf falbem Laube

Quitten

“Dreh dich nicht um – hinter dir steht ein 8-geschossiges Wohnhaus und  … und … es kämmt sich.” Ich kann nur nicht fassen, dass das alles schon zwanzig Jahre alt ist. Das fällt schon fast in die Kategorie “Oma erzählt aus ihrer Vergangenheit.” Dazu passt auch: 1994 war es ja noch schwierig, an die Bücher überhaupt ranzukommen. Ich bestellte sie direkt beim Falter Verlag und dann wurden sie mir aus Wien in einem so schönen Umschlag geschickt, dass ich den auch gleich aufbewahrt habe.

Brief aus Wien

Hoffentlich befassen sich die Juroren in ihrer Vorbereitung auf den Bewerb auch angemessen ausführlich mit dem Rubinowitzschem Frühwerk.

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Eben habe ich mich an der Finanzierung des Automatischen Literaturkritik Preises beteiligt. Ich hoffe, dass die 5.000 Euro zusammenkommen und der Preis damit würdig aufgewertet wird.

die verratene generation.

die verratene generation

Bei fast allen meinen deutschen Freundinnen, die Kinder bekommen haben, war dies mit einem recht lange andauernden Kürzertreten im Beruf verbunden. Gründe dafür gab es genügend, vor allem für die, die nicht in Berlin leben. Es gab kaum Betreuung für Kinder unter 3 Jahren und später kamen die kurzen Schulzeiten und die vielen Ferienzeiten hinzu. Wie soll man Vollzeit arbeiten, wenn das Kind um spätestens halb zwei wieder Zuhause ist und alle zwei Monate Ferien hat? Jetzt, da die Kinder größer sind, fällt vielen Müttern der Wiedereinstieg schwer. Nur die wenigsten können da anschließen, wo sie aufgehört haben.

Meine amerikanischen Freundinnen haben das Berufsleben nicht so lange und nachhaltig verlassen. Meine eine Kollegin und gute Freundin arbeitete ein Jahr lang Teilzeit, stockte dann wieder auf, blieb im gleichen Job und wurde über die Jahre hinweg immer weiter befördert, neben zwei Kindern. Als ich in den USA lebte, schien es mir viel leichter und akzeptierter zu sein, Beruf und Familie zu vereinbaren. Ich habe in Chicago drei Monate nach Johns Geburt wieder angefangen zu arbeiten. (Allerdings wurde ich dann nach anderthalb Jahren durch Johns schwere Epilepsie aus der Bahn getragen. Das ist dann Schicksal.)

Weder die Erfahrungen in meinem deutschen noch in meinem amerikanischen Umkreis sind Beweise für irgendwas, es sind willkürlich beobachtete Tendenzen. So kam es mir jedenfalls größtenteils vor, auch wenn immer das Gefühl an mir nagte, dass da vielleicht doch grundsätzlich und strukturell etwas schief läuft. Denn warum gibt es in Deutschland so viele Maßnahmen, die das Kinderhaben unterstützen sollen und dennoch funktioniert das für die Frauen gefühlt viel schlechter als in den USA, wo es nicht einmal Kindergeld gibt?

In ihrem Buch “Die verratene Generation” haben Kristina Vaillant und Christina Bylow sich auf die Suche nach den Strukturen gemacht, die das etwas vage und vor allem eher private Gefühl von Ungerechtigkeit in einen politischen und gesellschaftlichen Gesamtzusammenhang stellen. Mit konkreten Zahlen und Fakten legen sie Schicht um Schicht frei, dass das, was wir vielleicht für ein persönliches Problem halten, in Wirklichkeit im System angelegt und somit auf eine Weise auch gewollt ist.

Frauen sind widersprüchlichen Anreizen und Logiken ausgesetzt. Betreuungsgeld, Ehegatten-Splitting, Teilzeitangebote oder gar Minijobs suggerieren einerseits Hilfe beim Vereinbaren von Beruf und Familie. Andererseits sorgt nur Berufstätigkeit für eine Rente, von der sich leben lässt. Abgerechnet wird zum Schluss: “Über vierzig Prozent der Frauen, die zwischen 1962 und 1966 in den alten Bundesländern geboren wurden, müssen mit einer gesetzlichen Rente von unter 600 Euro im Monat rechnen. Bei den gleichaltrigen Frauen, die in der DDR geboren wurden, sind es nur 20 Prozent. Sie waren fast immer berufstätig.” Die Anreize locken uns Frauen am Ende in eine Falle.

Letztens saß in einer Talkshow ein sympathischer junger Journalist der ZEIT, der davon berichtete, dass er und seine Frau eigentlich nicht den klassischen Weg gehen wollten: Er arbeitet und sie bleibt mit den Kindern Zuhause. Dann hätten sie aber gemerkt, dass es zu schwierig sei, zwei Berufstätigkeiten mit den Kindern zu vereinbaren und so hätten sie sich dann doch in das traditionelle Modell gefügt. Das war alles ganz geschmeidig, wie er da so saß und das erzählte. Es täuschte unheimlich gut darüber hinweg, was da eigentlich geschehen war: Er musste nichts aufgeben, seine Frau dagegen schon. Er bedauerte das, immerhin, aber einen alternativen Weg zu suchen, der auch ihr mehr gerecht würde, das hatten sie nicht vermocht. Und so saß da wieder der erfolgreiche Mann in der Öffentlichkeit, die Frau Zuhause bei den Kindern. Das System funktioniert für die Männer nach wie vor richtig gut. Man fragt sich wirklich: Warum sollten sie es ändern wollen?

Dazu kommt, dass nicht alle Frauen automatisch von Armut betroffen sind: “Natürlich trifft die Altersarmut viele Frauen nicht: Lehrerinnen, Richterinnen, Frauen im öffentlichen Dienst und Beamtinnen der mittleren bis hohen Besoldungsstufen. Auch den Frauen, die einen gut verdienenden Mann an ihrer Seite haben, geht es, finanziell betrachtet, besser – solange die Ehe hält.” Doch auch hier lauert also Gefahr: Solange die Ehe hält. Immer mehr Ehen scheitern und das führt dazu, dass sich die finanzielle Lage der Frauen nach der Scheidung meist deutlich verschlechtert. Wo sich nach der Reform des Unterhaltsrechts 2008 nun eigentlich Männer und Frauen zu gleichen Teilen um die Kinder kümmern sollten und die finanziellen Einbußen teilen, geschieht dies dennoch eher selten. Immer noch kümmern sich meistens die Frauen um die Kinder und schultern die damit einhergehenden finanziellen Einbußen.

“Die Reformen des letzten Jahrzehnts setzten auf Eigenverantwortung auch bei den Frauen, die nicht ausschließlich für sich selbst, sondern sehr viel für andere gesorgt haben. Unter anderer Gesetzgebung haben sie sich auf eine nun für sie höchst ungünstige Verteilung von unbezahlter und bezahlter Arbeit innerhalb ihrer Ehen und Partnerschaften eingelassen. Aber nicht nur geschiedene Frauen sind mit dem neuen Unterhaltsrecht von 2008 gemeint: Es betrifft alle Frauen, die in dem Konstrukt leben, das der Staat entgegen dem Prinzip der Selbstverantwortung wiederum durch ein antiquiertes Steuersystem fördert: die Zuverdiener-Ehe, das deutsche Standard-Modell. Ist der Hauptverdiener nicht mehr da, bricht dieses System zusammen.”

Nach dem Lesen des Buchs scheint es mir, dass wir vor allem eine Reform des Steuerrechts brauchen: die Abschaffung des Ehegatten-Splittings und die Einführung von Steuerklassen, die sich nach Kinderzahlen richten und die Alleinerziehende nicht mehr fast wie Singles besteuern.

Solange die Rente an die entlohnte Berufstätigkeit gekoppelt ist, erhalten Frauen nur dann eine Rente, von der sie leben können, wenn man die Anreize Betreuungsgeld, Elterngeld und Kindergeld abschafft und dieses Geld stattdessen konsequent in Kinderbetreuungsangebote investiert. Das ist eine Möglichkeit. Möchte man dagegen mehr Zeit für Kinder und Familie erlauben (was die Anreize suggerieren), dann wiederum müsste man das Rentensystem so ändern, dass das unbezahlte Kümmern auch zählt. Entweder oder, lieber Staat. So widersprüchlich, wie es heute durchgeführt wird, schadet es den Frauen erheblich.

“Zu lange wurde geschwiegen über die in Deutschland besonders drastische Lohnungerechtigkeit zwischen Männern und Frauen, zu lange haben wir uns ein katastrophales Betreuungsmängelwesen für unsere Kinder gefallen lassen, zu lange haben sich Frauen in Fehden über das falsche und richtige Muttersein bekämpft. Zu lange haben sie für andere gesorgt und sich dabei selbst aus den Augen verloren. Die Quittung dafür bekommen sie jetzt. Sie kommt in Form des Rentenbescheids ins Haus und konfrontiert uns mit der bitteren Bilanz unseres Lebens – und der Wahrheit über ein Lebenskonzept, das Frauen auch heute noch nahegelegt wird: Die Mehrheit der 40- bis 50-jährigen Frauen arbeitet Teilzeit. Auch siebzig Prozent der Minijobs, jener schändlichsten Erfindung des Arbeitsmarkts, wird von Frauen dieser Altersgruppe erledigt. Sie alle erwarten eine Rente weit unter dem Existenzminimum. Es sind keine Einzelfälle, “Einzelschicksale”, wie es früher hieß, und schon gar nicht haben diese Frauen ihr Leben selbst vermasselt, wie ihnen die Ideologie der “Wahlfreiheit” suggeriert. Diese Ideologie leugnet die Existenz jedweder Rahmenbedingungen. Sie leugnet den Einfluss von Herkunft und Geschlecht. Sie schiebt dem Einzelnen die Schuld zu, wenn er fällt. Was die Frauen unserer Generation betrifft, ist diese Ideologie besonders fatal: Denn einerseits wurde die Selbstaufgabe der Mutter noch immer selbstverständlich gefordert, andererseits wird gerade das Sorgen für andere am Ende gnadenlos und bis zur Existenzgefährdung hin abgestraft.”

Ich bin dem Buch dankbar, dass es dies so deutlich herausarbeitet. Das Problem ist kein Privates, sondern es ist systemimmanent. Und wir müssen auch endlich über Geld reden, ohne dass dann gleich “die Ökonomisierung der Frau” heraufbeschworen wird.

büchermärz.

Still war es hier, nachdem ich kurz einen Umweg über die Notaufnahme nahm, zum ersten Mal in meinem Leben eine Vollnarkose und eine OP erlebte und am Ende doch alles wieder gut ist. Jetzt aber kommt der Büchermärz.

Am 13. März werde ich auf der Buchmesse in Leipzig an einem Panel zur Veröffentlichung von Daniela Schreiters Graphic Novel Schattenspringer teilnehmen. Daniela Schreiter ist eine Asperger-Autistin, deren Comic bisher im Internet erschien. Wer auch in Leipzig ist und Lust hat vorbeizukommen: Wir werden auf dem Schwarzen Sofa in Halle 1 ab 13 Uhr ein bisschen über Autismus sprechen.

Am 19. März stellen meine früheren Kolleginnen aus der textetage, Kristina Vaillant und Christina Bylow, ab 19 Uhr im Literaturhaus in der Fasanenstraße in Berlin ihr neues Buch vor: Die verratene Generation. Was wir den Frauen in der Lebensmitte zumuten. Der Eintritt ist frei, um Reservierung wird gebeten.

Am 24. März stellt Katja Petrowskaja ihr Buch Vielleicht Esther im Deutschen Theater Berlin vor, juhu.

knausi-resonanz.

Wie schön. Es freut mich, dass “Spielen” so gut besprochen wird.

Peter Praschl [#]
Richard Kämmerlings [#]
Eva Behrendt [#]
Mikael Krogerus [#]
Peter Urban-Halle [#]
Gerrit Bartels [#]

der anti-proust.

Wie kein anderer beschreibt der norwegische Schriftsteller Karl Ove Knausgård das Leben als unablässige Bewegung zwischen Annäherung und Zurückweisung

Manchmal bleibt die Frage nicht aus: Müssen wir wirklich alles erfahren, bis zum letzten Teebeutel, der in einen Becher gehängt wird? In insgesamt sechs Bänden mit über 3.600 Seiten Text hat der norwegische Autor Karl Ove Knausgård detailliert sein Leben aufgeschrieben. Nach “Sterben” und “Lieben” ist bei Luchterhand nun der dritte Band seines autobiographischen Romanprojekts auf Deutsch erschienen: “Spielen.” Im ersten Band ging es um den Tod des Vaters, im zweiten um die Liebe zu seiner Frau und die Geburt der drei Kinder, im dritten Teil nun geht es um seine eigene Kindheit.

Wie in den ersten beiden Büchern werden Leser und Leserinnen auch hier wieder mit ausufernden Beschreibungen konfrontiert. Den Gegenständen, der Landschaft, allem unterliegt eine existenzielle Dringlichkeit: “Sinnvoll, sinnlos, sinnvoll, sinnlos, das ist die Welle, die durch unser Leben rollt und seine grundlegende Spannung bildet.” Manchmal ersteigt unerwartet eine große Szene aus einer vorher eher dahinplätschernden Erzählung, manchmal baut Knausgård Spannung auf, die am Ende mehr oder weniger verpufft, weil dann doch nichts Aufregendes passiert. So gelingt es ihm, die Kindheit einzufangen, in der alles unberechenbar ist. Jederzeit kann sich eine unerwartete Intensität entfalten, oder eben nicht. Das Kind macht keine Prognosen, es erlebt.

Einen großen Anteil an dieser Unberechenbarkeit hat neben der Kindheit an sich allerdings auch der Vater des Jungen. Im ersten Band war die Ungeduld des Vaters schon zu erahnen, im dritten Band verdichtet sich die Erkenntnis über das Ausmaß seines Jähzorns. Der Junge soll dem Vater zum Beispiel beim Holzhacken Gesellschaft leisten. Karl Ove ist gerade eingeschult worden und sie unterhalten sich über die Lehrer. Als der Junge die Holzklötze stapeln soll und dies in den Augen des Vaters falsch macht, beginnt die Stimmung zu kippen. Nach einer Weile friert der Junge und möchte ins Haus gehen, aber der gereizte Vater lässt ihn nicht. Stattdessen ahmt er den Sprachfehler des Jungen nach und Karl Ove sagt, das dürfe er nicht. Dies fasst der Vater als Widerwort auf, packt den Jungen am Ohr und dreht es um. Der Junge ist erschüttert und zieht sich in sein Zimmer zurück. Er möchte nicht mehr mit dem Vater und dem Bruder Fußball sehen, wie sonst am Samstag, doch der Vater kommt in sein Zimmer, schleift ihn ins Wohnzimmer und zwingt ihn, sich mit vor den Fernseher zu setzen. Die Bonbons, die der Vater den Kindern beim Fußballgucken zuwirft, möchte der Junge nicht, daraufhin zwingt ihn der Vater, sie zu essen. Immer wieder begegnen wir einem Mann, der die Kontrolle über sich verloren hat.

Die Erzählung entfaltet einen Sog, der zwingend ist, fast hypnotisierend. Die Offenbarung macht sprachlos, erstaunt, hält in Atem. Die Erlebnisse des Jungen Karl Ove sind voller Verletzungen, vor allem durch den autoritären Vater, selten durch die Mutter, bei ihr sind es eher sporadische Enttäuschungen, wie zum Beispiel wenn sie ihm eine Damenbademütze kauft, die ihn vor seinen Mitschülern lächerlich macht. Zurückweisungen erfährt er aber auch manchmal durch den Bruder, durch Freunde, zum Beispiel wenn zwei an einem Abend nicht an seiner Haustür klingeln, um ihn mitzunehmen, und er sie dann vergeblich sucht, sich anderen Kindern im Fußballspiel zuwendet, in einer Mischung aus Trotz und Gleichgültigkeit, hinter der aber noch immer die Traurigkeit über die beiden Freunde lauert, die ohne ihn loszogen. Ihnen gilt sein letzter suchender Blick auf dem Weg nach Hause.

Der Junge erlebt aber auch viel Begeisterung. Wie er mit seinem besten Freund Geir durch die Gegend streift, wie sie eine großartige Müllhalde entdecken, wie sehr ihn seine ersten Freundinnen faszinieren, das alles steht neben den Verletzungen, die im Übrigen ja nicht nur Karl Ove selbst erfährt, sondern die auch er anderen zufügt, auch das gehört dazu. So entfaltet sich das ganze große Universum der Kindheit. Man möchte jedem, der sechs- bis dreizehnjährige Kinder hat, “Spielen” empfehlen, so wie man den zweiten Band “Lieben” jedem empfehlen wollte, der oder die gerade Kinder bekommen hat. Knausgårds große Stärke ist es, zum Kern der manchmal diffusen Gefühle vorzudringen, die mit unseren Erfahrungen verbunden sind.

Knausgård, der Proust verschlungen hat, bezeichnete sich selbst einmal als Anti-Proust. Proust sei elegant, sein eigener Text dagegen roh. Proust sei wunderbar strukturiert, sein eigener Text direkt. Er hatte lange versucht, über seinen Vater zu schreiben, aber es war ihm nie gelungen, bis er die Frage nach der Qualität des Textes ausklammerte: Nicht clever komponieren wollen, einfach aufschreiben. Er habe Angst gehabt, dass es das langweiligste Buch werden könnte, das je geschrieben wurde. Doch es funktioniert. Tatsächlich entsteht durch das direkte Erzählen eine sehr intensive Leseerfahrung. Die Übersetzung von Paul Berf ist dabei ein großer Glücksfall, denn sie nimmt genau dieses organische Erzählen auf. Jedes Komma und jeder Punkt sind genau richtig gesetzt, um den Erzählfluss zu tragen. Hat es einen einmal gepackt, muss man überall mit durch, alles mitfühlen.

Es ist keine Offenbarung, der man zusieht wie einem Autounfall, bei dem man nicht wegsehen kann. Diese Dynamik hier führt uns ohne Schaulust ins zutiefst Menschliche. So kann es erstaunlicherweise geschehen, dass das, was der Junge Karl Ove in Norwegen erlebt, mit der eigenen Erfahrung verschmilzt, obwohl die Erzählung mit fremd klingenden Namen, Dörfern, Produkten und Naturbeschreibungen gefüllt ist. Es ist alles so spezifisch anders, und dennoch findet sich darin vor allem das Gemeinsame. Es kann nicht verwundern, dass die Bücher in Skandinavien für so viel Furore gesorgt haben, aber es verwundert ebensowenig, dass sie mittlerweile in 30 Sprachen übersetzt wurden. Der Graben, den das Fremde erzeugt, ist am Ende erstaunlich klein.

Knausgård geht der Unerschöpflichkeit des Lebens auf die Spur, die neben der Banalität des Alltäglichen besteht, oder ihr unterliegt, in ihr wohnt. Das Immergleiche, die Routinen des Alltags mögen langweilen oder schwer zu ertragen sein, aber der Ausbruch aus ihnen ist keine Lösung. Er würde bedeuten, auch alles Wichtige und Schöne zurückzulassen. All die großen Fragen, die großen Ereignisse – die Beziehung zu den Eltern, die Liebe zu seiner Frau, selbst Vater zu sein – all das findet statt im täglichen Kleinklein. Knausgård dreht jeden Stein um und schreibt die Oberfläche damit fast manisch weg, um die Frage zu beantworten: Wo sind wir in diesem Leben?

Seine Erzählung ist schonungslos, aber sie ist nicht gnadenlos. Der Sog des Lesens ist trotz aller beschriebenen Zurückweisungen kein negativer, denn immer ahnt man die Liebe darunter. Nur weil sie da ist, in allem und zu allen, kann es die Verletzungen in ihrer Intensität schließlich überhaupt geben. Man möchte das beschriebene Universum nicht verlassen, ganz so wie man das eigene Leben (im Idealfall) nicht verlassen möchte, trotz aller Einwände, die dagegen auszusprechen wären. Wir wussten es schon, aber wissen es mit jedem Knausgård-Band immer noch genauer: Ohne Sorgen ist die Liebe eben nicht zu haben. In all ihrer Radikalität und Banalität sind dies Bücher, die unsentimental Hoffnung spenden: Die Ernüchterung mag im Laufe des Lebens wachsen, aber die Liebe darunter vielleicht doch nicht zerbrechen.

In diesen Büchern verschwindet man, in aus der Zeit geworfenen Stunden. Wenn es doch nur gleich weiterginge, aber wie jedes Mal heißt es jetzt auch wieder: leidvoll warten, bis Paul Berf den nächsten Band übersetzt hat.

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