Archiv für Ethik

dilemma.

“Psychopharmacology: hit or miss, hard to tune, ripe with side effects, symptom-masking, and once begun, difficult to tail off of. Medicine’s next generation would surely remember Weber’s as sadly as Weber remembered his father’s. The general level of barbarism receded, but never as quickly or completely as thought. Or maybe he was the last barbarian. Months of unnecessary suffering, because of Weber’s eyes-averted Puritanism.”

(Richard Powers: The Echo Maker. In den Roman ist das Thema Hirnforschung auf vielen Ebenen eingewoben: die verschiedenen Dimensionen und Implikationen bis tief in die Gesellschaft auf der ethischen Ebene einerseits, und bis tief in die Familien auf der persönlichen Ebene andererseits. Sehr empfehlenswerte Lektüre.)

last words.

“Claire Cameron has compiled a list of last words from prisoners executed in Texas since 1982.” [#]

euthanasia blues.

“So when they say you’re better off dead/
But they say it’s your right to choose/
You’re gonna be just another statistic of/
The Euthanasia Blues.” [#]

biopolitik.

NPR versucht anhand eines Fotos, die Lobbyisten zu identifizieren, die in Washington für Obamas Reform des Gesundheitssystems um die Durchsetzung ihrer Interessen buhlen. Laut NPR ist ein Sechstel der Wirtschaft von dieser Reform betroffen.

Derweil kann man bei USA Today die finanziellen Verbindungen von medizinischen Experten zur Pharmaindustrie nachlesen: “Conflicts of interest bedevil psychiatric drug research.” Es geht um die Neuauflage des “Diagnostischen und Statistischen Handbuchs Psychischer Störungen” (DSM-V), die 2012 erscheinen soll. Daran arbeiten 160 Experten, von denen 68% wirtschaftliche Verbindungen zu Medikamentenherstellern eingeräumt haben. Die Kardinalsfrage ist hier, ob jemand unabhängig Krankheitsbilder neu definieren kann, wenn er viel Geld von der Pharmaindustrie einstreicht.

Diese ganze Debatte hat eine enorme Brisanz, und zwar auch für Deutschland. Mir ist unbegreiflich, dass man sich hier in der Öffentlichkeit so wenig dafür interessiert. Auch hier gelten die Diagnosestandards des DSM (oder des komplementären ICD der Weltgesundheitsorganisation), also werden die Veränderungen des DSM auch für unser Gesundheitssystem potentiell enorme Folgen haben. Was gilt als Krankheit? Immer mehr Erscheinungbilder werden aufgenommen, was nicht zuletzt der Pharmaindustrie zuträglich ist, denn mit zunehmender Pathologisierung können sie immer mehr Psychopharmaka verkaufen. Letztes Jahr betrug der Umsatz von antipsychotischen Medikamenten in den USA $14,6 Milliarden, sie führten damit die Liste der verkauften Medikamente an. Antidepressiva brachten es auf immerhin $9,6 Milliarden. Auch in Deutschland ist dies ein Riesengeschäft, und auch in Deutschland gibt es immer mehr Therapeuten und Gesundheitsexperten jeglicher Couleur.

Seitdem die Mitarbeiter an der Neuauflage des DSM ihre Verbindungen zur Industrie transparent machen müssen, lassen sich so einige “medizinische” Entwicklungen von einer ganz neuen Warte aus betrachten, nämlich als finanziell motiviert und als anschließend kulturell ausgeformt. Dazu später mehr, zunächst zurück zur Neuauflage des DSM.

Schon letztes Jahr hat es erste Debatten gegeben, ich hatte darauf auch schon einmal hingewiesen. In den USA ist nun ein noch heftigerer Streit entbrannt: “A Warning Sign on the Road to DSM-V: Beware of Its Unintended Consequences.” Dr. Allen Frances fällt darin ein vernichtendes Urteil: “I believe that the work on DSM-V has displayed the most unhappy combination of soaring ambition and weak methodology.” Die Verteidigung der “American Psychiatric Association” erfolgte sofort. Sie wirft den Kritikern wiederum selbst finanzielle Interessen vor, da diese als Mitverfasser des DSM-IV noch Tantiemen verdienen, die mit der Neuauflage auslaufen. Danach eilte Dr. Spitzer zur Verteidigung von Dr. Frances: “APA and DSM-V: Empty Promises.”

Finanzielle Interessen allerorten also, aber was heißt das nun konkret für den Patienten? Betrifft uns das alles überhaupt? Ja, denn die Veränderungen in den Diagnosekriterien haben unumgängliche kulturanthropologische Folgen. Im Fall von Autismus zum Beispiel kann man leicht nachweisen, wie sehr die Veränderungen der Diagnosekriterien bei den jeweiligen Neuauflagen des DSM die Diagnosezahlen, und damit auch Behandlungen von und Sichtweisen über Autismus, beeinflusst haben.

Zwischen der Ausgabe DSM-III im Jahr 1980 und DSM-III-R im Jahr 1987 wurden die Bewertungskriterien derart unkonkreter, dass bei einer Testgruppe von 194 Kindern 51% nach DSM-III dem autistischen Spektrum zugeordnet wurden, nach DSM-III-R beurteilt stieg die Zahl bei denselben Kindern von 51% auf 91% an. Dabei muss man noch im Auge behalten, dass in der Ausgabe DSM-III-R aus dem Jahr 1987 das Asperger-Syndrom noch gar nicht zum Spektrum gehörte, es wurde erst 1994 im DSM-IV hinzugefügt.

Ähnliche Zahlen wie in den Testgruppen der USA stellten Kusch und Petermann 1991 auch für die Bundesrepublik Deutschland fest: nach DSM-III gab es demnach 2.200 Autisten unter 18 Jahren, nach DSM-III-R 20.000. Im Jahr 2000 verglichen drei Forscher in Finnland die Diagnosekriterien von Kanner aus dem Jahr 1943 mit den Diagnosekriterien des ICD-10 (dem Handbuch der Weltgesundheitsorganisation, das dem DSM-IV gleichwertig ist). Bei der Kanner-Statistik kamen sie auf 5,6 Autismusdiagnosen pro 10.000 Menschen, bei der ICD-10-Statistik auf 12,2 pro 10.000.  An allen Tests ist unschwer zu erkennen, wie stark die Prävalenz von der Definition abhängt.

Mit Einführung des DSM-IV im Jahr 1994 hatte man angeblich das Spektrum der tiefgreifenden Entwicklungsstörungen wieder näher eingrenzen wollen. Die Kriterien für die Autismusdiagnose wurden 1994 also spezifischer als im DSM-III-R von 1987, allerdings waren sie nach wie vor weniger spezifisch als im DSM-III von 1980. Zudem fügte man das Asperger-Syndrom hinzu, sowie auch den atypischen Autismus, dessen Definition so offen ist, dass er einer Vielzahl von Grenzdiagnosen Tür und Tor öffnete. Zu guter Letzt unterlief den Autoren dann noch ein Fehler in der Korrektur der Manuskriptfahnen: aus “Beeinträchtigung der sozialen Interaktion und der verbalen/ nonverbalen Kommunikation” wurde “Beeinträchtigung der sozialen Interaktion oder der verbalen/ nonverbalen Kommunikation oder stereotypische Verhaltensweisen, Interessen und Aktivitäten.” Die angebliche Absicht der Autoren war es gewesen, dass Autismus nur dann vorliegt, wenn eine Beeinträchtigung in mehr als einem Bereich vorliegt, stattdessen reichte nach der gedruckten Ausgabe nun eine Beeinträchtigung in einem einzigen Bereich für eine Autismusdiagnose aus. Das gesetzte Ziel einer näheren Eingrenzung wurde durch die verschiedenen, gerade beschriebenen Faktoren torpediert und das Gegenteil trat ein. Ich bin schon so paranoid, dass ich mich frage, ob der Fehler in den Manuskriptfahnen wirklich ein Fehler war, oder am Ende nicht doch beabsichtigt. Aber alleine mit der Aufnahme des atypischen Autismus hatte man wahrscheinlich schon genug getan, um Diagnosen auszuweiten.

Tatsache ist, dass die Autismus-Diagnosezahlen enorm ansteigen, obwohl es keine wissenschaftliche Erklärung für eine solche Zunahme gibt. Mit ansteigenden Zahlen öffnet sich natürlich auch ein Markt, der Bedarf nach Therapeuten und Experten steigt, es werden den Diagnostizierten immer mehr Medikamente verabreicht und immer neue Therapie-Ideen offeriert. Auch wenn mein eigenes Kind ein ganz klassischer Fall ist, der noch unter den strengsten Kriterien diagnostiziert werden würde, fühle ich mich diesem Sog ausgeliefert. Manchmal möchte ich nichts mehr hören über Therapien und immer neue Experten, die einem alles mögliche aufquatschen wollen. Ich möchte einfach nur in Ruhe gelassen werden mit meinem Kind, aber durch die Diagnose entstehen natürlich foucault’sche biopolitische Mechanismen, denen man kaum entkommen kann.

Zunächst werden Strukturen geschaffen (DSM), die einen Markt eröffnen (für Ärzte, Therapeuten, die Pharmaindustrie), die dann im gemeinsamen Wechselspiel den Markt immer mehr ausweiten: DSM-Neuauflagen treiben die Pathologisierung voran, begleitend dazu wird mit Epidemisierungsdebatten ein dringlicher Handlungsbedarf suggeriert, woraufhin die Experten schon ihre neuesten Behandlungsideen aus der Tasche zücken können usw. Im Verlauf der kulturellen Einprägung dieser Biopolitik wird der entstehende Sog für jeden einzelnen immer unumgänglicher.

Als einzig hilfreich habe ich es bisher empfunden, diesen Mechnismen wenigstens auf den Grund zu gehen und nachzuvollziehen, wie sie entstehen. Auch aus seiner nicht selbst verschuldeten Unmündigkeit muss man sich herauszuschälen versuchen, was bleibt einem anderes übrig. Dank Internet und zunehmenden Transparenzvorgaben kann man das heute wenigstens ansatzweise tun. Die Diskussionen um die Neuauflage des DSM werfen den Schatten dessen voraus, was in biopolitischer Hinsicht auf uns zukommen wird.

do not fix me, I am not broken.

“Do not use theories and strategies on me. Be with me. And when we struggle with each other, let that give rise to self-reflection.” [#]

that they were careful to assure us that the drone was unarmed gives us a clear indication of the road we’re headed down.

Das ist ja schon fast ein bisschen lustig anzusehen, wie konsequent, minutiös und effektiv sich die SPD zu einer immer unwählbareren Partei mausert. Jahrelang verfolgt man nun mit, wie sie einen Fehler nach dem anderen machen, man muss dahinter mittlerweile eine suizidale Strategie vermuten, die Wahlniederlage des Herbstes 2009 wirkt von langer Hand geplant, wahrscheinlich hat Gerhard Schröder einen Implosions-Zeitzünder eingebaut bevor er bei Gazprom sein wahres Ich offen auszuleben begann.
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Bei radio eins bestreitet Martina Krogmann, Verhandlungsführerin der CDU/CSU Bundestagsfraktion in Sachen Internetsperre, dass das geplante Gesetz in irgendeiner Form Folgen für andere Bereiche haben wird. Komisch, denn Frau Zypries von der SPD hatte dies kürzlich noch recht freimütig zugegeben: “Angesichts der ‘zahlreichen Verletzungen des geistigen Eigentums im Internet’ fragte sich die Ministerin auch, ob beispielsweise eine stärkere Regulierung des Netzes erforderlich ist. So werde es die Politik sicher ‘die nächsten Jahre beschäftigen’, was aus den geplanten Sperren kinderpornographischer Seiten ‘folgen wird’, schloss sie eine Ausweitung auf illegale Angebote geschützter Werke zumindest nicht komplett aus.”
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Dazu Felix: Das Internet darf kein bürgerrechtsfreier Raum werden
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Und Jens: Fertig mit der SPD
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Und Katia: Wer hat uns verraten? Sozialdemokraten
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Die Worte von “The coming insurrection” scheinen ein düsterer Wegweiser: “As an attempted solution, the pressure to ensure that nothing happens, together with police surveillance of the territory, will only intensify. The unmanned drone that flew over Seine-Saint-Denis last July 14th – as the police later confirmed – presents a much more vivid image of the future than all the fuzzy humanistic projections. That they were careful to assure us that the drone was unarmed gives us a clear indication of the road we’re headed down.
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Besonders schlimm ist die Berliner SPD, vermutlich weil sie hier in Berlin schon so schön mit der Linken kuscheln darf und ihren Sozialdarwinismus daher gänzlich unbehelligt ausleben kann. Während also Banken und Opel gerettet werden, die Abwrackprämie ein zurecht an Wichtigkeit verlierendes Gewerbe künstlich stützt, und das zweite Konjunkturpaket eine Investition in Bildung /sein soll/ hat man in Berlin beschlossen, bei der Bildung weiter zu sparen und gesundheitlich elementare Bildungskomponenten schwerst-mehrfachbehinderter Kinder zu streichen: Pankow will an Sonderschulen Therapeutenstellen sparen. Jetzt protestieren die Eltern.
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Der Artikel im “Tagesspiegel” gibt die Situation leider sogar nur ungenügend wieder. Es gibt viele Gründe, weshalb es schwierig ist, freie Praxen in die Schule einzugliedern, und genau darum wurde eigentlich in einem langen Verhandlungsprozess ermittelt, dass die Therapeuten der Gesundheitsämter an den Schulen bleiben sollen und müssen. Der Pankower Amtsarzt Dr. Peters kennt die Hintergründe anscheinend nicht, und meint darum, man könne diese Therapeuten auch einfach entlassen und stattdessen auf die Einbindung freier Praxen setzen. Die diversen Gründe, warum das keine gute Idee ist, hatte ich schon einmal im Posting unserer Resolution aufgeschrieben. Alleine die alle 10 Wochen neu benötigten Verordnungen von Eltern regelmäßig zu bekommen, kann in vielen Fällen problematisch sein – und sobald die Verordnungen nicht regelmäßig vorliegen, wird das Kind nicht adäquat gefördert. Besonders für Kinder im Rollstuhl kann das schwere gesundheitliche Folgen haben.
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Was man auch dringend erwähnen muss: hätte die Senatsverwaltung für Bildung, Wissenschaft und Forschung (SPD) ihre Verantwortung getragen und die Versorgung übernommen, gäbe es das ganze Problem nicht. Erst durch das Abwälzen der Verantwortung auf die Bezirke ist das Problem entstanden. Das Schulhelfer-Problem hat die Senatsverwaltung auch von der ehemals zentralen Bearbeitung auf die Bezirke abgewälzt. Soweit zur immergleichen SPD-Strategie, ungeliebte Kürzungen und Streichungen einfach outzusourcen.
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Schön ja auch der Satz der Schulstadträtin Lioba Zürn-Kasztantowicz (SPD). [Eigentlich kann man in Zukunft auch gleich hinter jede dumme Argumentation das Wort SPD in Klammern setzen.] “‘Wir sind an einem Punkt angekommen, an dem die Bürger Einsparungen unvermeidlicherweise spüren, so die Stadträtin.” Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen: während man – ebenfalls in Pankow – einer Sonderschule die versprochenen Räumlichkeiten entzieht, zugunsten der neuen Sekundarschule, während es also durchaus allerlei, sowieso schon verhältnismäßig gut versorgte, Gewinner der Konkjunkturpakete, Abwrackprämien und Rettungsfonds gibt, sind in den Augen der SPD die schwerst-mehrfachbehinderten Kinder gerechterweise die ersten, die demütiges Verständnis für Einsparungen auf ihre Kosten demonstrieren sollen. SPD! [Geht auch ohne Klammern und mit Ausrufezeichen.]
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Ich habe gestern meine Unterschrift zur Wahlzulassung der Piraten abgeschickt.
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Die ethische Diskussion der Pränataldiagnostik erreicht eine neue, wenn auch logischerweise längst absehbare /Qualität/: Deborah und Ariel Levy verklagen einen Arzt, der im Rahmen der Pränataldiagnostik ausgeschlossen hatte, dass sie ein Kind mit Down-Syndrom erwarten. Nach der Geburt stellte sich heraus, dass das Kind doch ein Down-Syndrom hat. Das Paar sagt, sie hätten die Schwangerschaft abgebrochen, wenn der Arzt richtig diagnostiziert hätte. Nun möchten sie 14 Millionen Dollar für Therapien, und zusätzlich die Kosten lebenslanger Versorgung erstattet bekommen, sowie eine Entschädigung für die emotionale Belastung und Depression, die das Kind der Mutter verursacht hat. “The Levys declined to be interviewed. Their attorney, David K. Miller, said the toddler is as dear to them as their two older children but they fear being perceived as ‘heartless.’” Haha, herzlos, wie kommen sie bloß darauf?
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(Unverständlich der Adressat der Klage. Verklagen könnten sie zum Beispiel Gott wegen seiner unerhörten Idee menschlicher Vielfalt. Auch warum sie Schmerzensgeld bekommen sollten, ist unklar: wenn sie das nicht auf sich nehmen wollen, können sie das Kind ja auch zur Adoption freigeben, es gibt viele Paare, die gerne ein Kind mit Down-Syndrom adoptieren möchten.)
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(Ich hätte gerne 14 Millionen Dollar als Entschädigung für die emotionale Belastung und Depression, die mir die SPD verursacht.)

neuroethics as a brain-based philosophy of life.

“Human experience is a complex blending of biological, cultural, economic, political, religious, aesthetic, and legal dimensions that influence and are influenced by our values, purposes, institutions, and practices. [...] The results of cognitive neuroscience can only contribute to an ethical discussion when these results are embedded in a wider discussion of cultural, economic, political, religious, aesthetic, and legal dimensions interrelated with our values, purposes, institutions, and practices. Outside such a multi-dimensional context they have little moral relevance.” [#]

(Der freie Zugang zu Artikeln wie diesem aus der online lesbaren Zeitschrift “Neuroethics” zeigt mir mal wieder, wie wichtig Open Access ist, und welcher Quatsch der Heidelberger Appell.)

walter jens.

Oliver Tolmein hat in der FAZ einen sehr guten Artikel über Walter Jens, bzw. auch über Hans Küngs Gedanken zu Walter Jens geschrieben: “Wer schließt sich ab?”

Ich finde die Erkenntnis sehr wichtig, dass der Fall von Menschen in eine andere Ordnung – sei es durch eine geistige Behinderung oder durch eine Altersdemenz – vor allem das Gegenüber vor ein Problem stellt, nicht zwangsläufig den Betroffenen selbst. Dem Betroffenen selbst mag es im Gegenteil sogar sehr gut gehen, was vielen anscheinend wiederum so unerhört scheint, dass sie das am liebsten ausblenden möchten, und ihm stattdessen womöglich gar unterstellen, er selbst hätte nie so leben wollen. Diese Anmaßung ist nichts als ein Ausdruck der eigenen Hilflosigkeit und des eigenen Unvermögens, den Menschen so zu akzeptieren, wie er geworden ist.

Wenn die Selbst- und Weltvergewisserung in der und durch die Sprache (und/ oder den Intellekt) nicht mehr gelingt, muss eine neue Verständigungsform gefunden werden, die gar nicht mehr auf die Herstellung von Verständlichkeit zielt, und die die Ebene des Verlustes gar nicht zu überkommen trachtet. Wir müssen erst lernen, Menschen zuzuhören, die anders kommunizieren. Wir müssen auch lernen, dass es Menschen gibt, die viel zu sagen haben, auch wenn sie dies nicht sprachlich vermitteln können. Wir müssen auf vielen Ebenen lernen, über unsere Gewohnheiten und Annahmen hinauszugehen. Nicht nur Schönheit, auch Normalität liegt im Auge des Betrachters. Am Ende seines Lebens auf Hilfe angewiesen zu sein, dürfte eigentlich als normal angenommen werden. Wir kommen und gehen nicht alleine in die und aus der Welt.

Bei der Einbindung und Akzeptanz von Menschen mit körperlichen Behinderungen hat unsere Gesellschaft in den letzten Jahrzehnten viele Fortschritte gemacht. Was aber die Einbindung und Inklusion von geistig Behinderten oder auch dementen Menschen betrifft, liegt noch ein weiter Weg vor uns. Damit werden die Familien noch weitgehend alleine gelassen und sie sind in der Öffentlichkeit auch wenig erwünscht.

Würde ist nicht nur ein politisches Konstrukt, sondern auch eine gesellschaftliche Aufgabe, an der unsere Gesellschaft leider im Moment noch scheitert. Mit der Aufklärung (die Hegel ja als die Wiege des Utilitarismus beschreibt) und mit dem Diktat der Rationalität sind Werte entstanden, die unserer Zeit nicht mehr genügen. Das heißt nicht, dass man sie gleich zum Fenster hinauswerfen muss, aber man muss ihr schonungsloses Diktat überdenken, gerade in einer Welt, in der die Menschen immer älter werden und sich gegen Ende ihres Lebens vielleicht zunehmend jenseits der Rationalität aufhalten. In Liebe zu einem so dispositionierten Menschen kann man das nicht nur annehmen, sondern sogar gut damit leben - schön wäre allerdings, dabei mehr Unterstützung und Zuspruch von außen zu bekommen.

kate’s story.

“Kate was the first person in a persistent vegetative state to be given a PET scan. Though physically unresponsive and unable to communicate, the scan showed unexpected brain activity.” [#]

sinn und unsinn.

Im Dezember 2008 hat die Bundesregierung die UN-Konvention zu den Rechten von Menschen mit Behinderungen ratifiziert. Seither berichten Zeitungen und Zeitschriften in sehr unterschiedlicher Qualität darüber, was dies für das deutsche Bildungssystem bedeuten könnte. Die Betonung liegt auf dem Konjunktiv, der dafür sorgt, dass sich Berichterstattung und Spekulationen auf einem sehr ideologischen Feld bewegen, und sich nicht oder nur wenig an der Realität orientieren.

Der Spiegel titelt in der Ausgabe 2/2009 in einem Artikel: “Die unverdünnte Hölle.” In ihm finden sich einige wichtige und richtige Passagen, wie zum Beispiel: “Es gibt einen wachsenden Druck zur Optimierung der menschlichen Natur, zur Steigerung körperlicher und geistiger Fähigkeiten. […] Seit der Radikaleugenik der NS-Zeit spricht zwar in Deutschland so gut wie niemand mehr von ‘lebensunwertem Leben’. Aber die Ansicht, dass Menschen mit Behinderungen die Gesellschaft belasten, ist weit verbreitet. Mit der ‘Art der Geräusche’ begründete ein Richter sein Urteil, das einer Wohngruppe von sieben geistig behinderten Menschen vorschrieb, sich nur noch zu festgelegten Zeiten im Garten aufzuhalten. Ein Flensburger Gericht sprach Hotelgästen eine finanzielle Entschädigung zu, weil sie im Urlaub gemeinsam mit behinderten Menschen hatten speisen müssen. Und im Stuttgarter Stadtteil Muckensturm klagten Anlieger gegen ein Heim, weil sie Lärmbelästigung, tätliche Übergriffe und den Wertverlust ihrer Häuser fürchteten.”

Leider ist der Artikel in seiner Schlussfolgerung aus den richtig beschriebenen Problemen sehr wenig differenziert. Behindertenvertreter plädierten für die Abschaffung des Sonder-Förderschulsystems, heißt es. Eine Frau aus der Behindertenbewegung wird zitiert, die Sonderschulen seien “nichts als Abfalleimer.” Die Kinder lernten dort nur kochen und übten Tischmanieren. Ein weiteres Zitat: “In Sonderschulen herrscht eine regelrechte Friedhofsruhe.” Ich weiß ja nicht, wie man darauf kommt; in der Schule meines Sohnes habe ich Friedhofsruhe jedenfalls noch nie erlebt. Auch ist es bei weitem nicht so, als ob alle Behindertenvertreter für die Abschaffung der Sonderschulen plädieren, und vor allem ist es nicht so, als ob dort nur kochen und Tischmanieren eingeübt würden. Sonderpädagogen setzen sich teils mit sehr großem Engagement für die Kinder ein, eine solche Schilderung tut der Schulform ebenso wie engagierten Pädagogen großes Unrecht an.

Es gibt sicher viele Kinder mit Behinderungen, die von einer Integration in eine Regelschule profitieren würden, vielleicht und vor allem Kinder mit körperlichen Behinderungen. Genauso gibt es aber Kinder, die eine solche Integration überhaupt nicht verkraften könnten. Diese Erkenntnis mag nicht in die Integrations-Ideologie passen und das Ganze kompliziert machen, sie ist aber dennoch wahr und muss Beachtung finden. Kinder mit tiefgreifenden Entwicklungs- und Wahrnehmungsstörungen, wie etwa Kinder mit schwerem frühkindlichen Autismus, könnten den Lärm, die Größe und die Dynamiken einer großen Regelschule niemals aushalten. Am Unterricht einer Sonderschule in kleinen Klassen teilnehmen zu können, ist für diese Kinder schon Integration; selbst dafür brauchen sie schon spezielle Integrationshelfer. Wenn es keine Sonderschulen mehr gäbe, sondern nur noch Regelschulen, würden diese Kinder wie früher als unbeschulbar gelten und sogenannten Hausunterricht bekommen, um der Schulpflicht Genüge zu tun. Das hieße wiederum, dass für sechs Stunden in der Woche ein Lehrer Nachhause kommt – und dass ein Elternteil seine Berufstätigkeit aufgeben muss. Integration ohne Alternativen bedeutet Ausgrenzung, nämlich Ausgrenzung der schwerstbetroffenen Kinder aus der Schule und gleichzeitig noch ihrer Eltern aus dem Arbeitsleben. Sonderschulen und Integration gegeneinander auszuspielen, wie es der Spiegel-Artikel tut, mag einigen Behinderten dienen, geht aber zu Lasten von anderen Behinderten und ihren Angehörigen. Eine viel differenzierte Betrachtung ist angebracht und notwendig, leider haben Journalisten, Lobbyisten und Politiker dafür wenig Zeit, wenn sie versuchen, die UN-Konvention dafür zu missbrauchen, ihre Ideologie durchzusetzen.

Die Zeit titelt: “Am Ende des Sonderwegs.” Nun weiß man von der Zeit schon, dass sie über Behinderung nicht in guter Qualität berichten kann, man denke nur an den katastrophalen Artikel von Frau von Thadden, in dem sie die Frage stellte: “Wer könnte heute noch sagen, dass auch ein behindertes Kind ein Geschenk ist, wenn man das Geschenk doch zu Beginn der Schwangerschaft faktisch ablehnen konnte und das Kind also einer Entscheidung entspringt?” Bei der Zeit hat man kein Gespür für dieses Thema, das ist auch in diesem Artikel zur Sonderschule wieder zu sehen, so heißt es zum Beispiel: “Geistig oder körperlich Behinderte, aufmerksamkeitsgestörte Problemkinder, schwer Erziehbare mit Migrationshintergrund – wer, der dafür nicht bezahlt wird, will schon mit ihnen zu tun haben? Und wer, außer ihren Eltern, nähme Anteil am Schicksal dieser geborenen Verlierer?” Der Autor dieses Satzes offenbart mit seinen Fragen wahrscheinlich mehr über seinen eigenen Zugang zu Menschen mit Behinderungen, als ihm lieb sein würde, wenn er denn verstünde, was er da schreibt, bzw. was dies über ihn selbst aussagt. Ich frage mich angesichts solcher Sätze immer, in was für einer Welt Zeit-Redakteure eigentlich leben. Es muss eine sehr abgeschirmte und realitätsfremde sein. Dabei meinen diese Redakteure es, auch wenn sie so beleidigen, eigentlich auch immer noch gerade besonders gut, sie haben bloß keine Ahnung und kein Gespür - eine unglückliche Kombination. Der Artikel zielt nämlich durchaus darauf ab, dass Kinder mit Behinderungen integriert werden sollen. Allerdings endet er auch mit der pauschalen Diagnose über Sonderschulen: “Es ist Zeit, sie abzuschaffen.” Die Sonderschulen werden als “Apparate” beschrieben, die ihre Existenz verteidigen. Dieses Argument ist blanker Unsinn, denn die sonderpädagogische Förderung wäre ja auch in einer neuen Schulform weiter notwendig, und Lehrer wie Schulleiter würden ihre Stellen nicht verlieren, sondern nur in einer anderen Schulform weiterarbeiten. Der Artikel ist derart von Ahnungslosigkeit geprägt, dass man schon fast Mitleid haben muss.

Der Verweis darauf, dass im Ausland schon mehr Sonderschulen aufgelöst wurden, und dass Deutschland somit hinterherhinke – auch diese Behauptung ist unter Integrationsideologen sehr beliebt. Leider enthält uns der Artikel vor, welches Land/ welche Länder im Ausland genau gemeint ist/sind, und was dort konkret besser läuft. In Frankreich und Italien jedenfalls läuft diese Auflösung so ab, dass schwer beeinträchtigte Kinder zu viel größeren Anteilen als in Deutschland keine Schulen besuchen können und Zuhause bleiben. Auch in den USA ziehen Menschen von einem Staat in den nächsten auf der Suche nach einer Schule, die ihrem schwer beeinträchtigten Kind genügend Schutzraum bieten kann. Die Frage, ob Deutschland vielleicht nicht komplett hinterherhinkt, sondern sich in Teilen etwas Bewahrenswertes bewahrt hat, ist aber hierzulande geradezu undenkbar und öffentlich tabu. Das Problem liegt in der Differenzierung: in Ländern wie den USA bedeutet die Integration für manche Kinder mit Behinderungen viel Gutes, und hier hat Deutschland tatsächlich Nachholbedarf, auch großen Nachholbedarf. Es ist nicht einzusehen, warum ein Kind im Rollstuhl eine Sonderschule besuchen muss, wenn es genausogut in einer Regelschule lernen könnte. Den Fehler anderer Länder, dabei aber das Kind mit dem Bade auszuschütten, könnte und sollte man in Deutschland vermeiden. Integration muss unbedingt vorangetrieben werden, wo möglich. Auf der anderen Seite müssen aber Schutzräume bleiben für die Kinder, die diese benötigen.

Für die schwer beeinträchtigten Kinder wäre Integration nur dann denkbar, wenn sehr, sehr viele Voraussetzungen dafür geschaffen würden, dass sie es an einer Regelschule aushalten können: sie bräuchten kleine Klassen wie in der Sonderschule, also sechs Kinder pro Klasse, selbst in diesem Rahmen bräuchten manche noch einen Integrationshelfer, sie bräuchten einen Trakt, in dem sie nicht zu vielen Reizen und Kindern ausgesetzt sind, da ihr Wahrnehmungsapparat sonst überfordert wird, worauf sie mit massiven Aggressionen reagieren, sie bräuchten Räume mit Lärmschutz, damit ihr übersteigertes Hörvermögen nicht überlastet wird, damit sie nicht in Aggressionen ausbrechen usw. usw. Die baulichen und personellen Anforderungen wären enorm.

Viele Politiker plädieren – hinter vorgehaltener Hand – vor allem deshalb für Integration, weil die Sonderschulen sehr teuer sind. Sie meinen, durch Integration der Kinder mit Behinderungen und Abschaffung der Sonderschulen Geld sparen zu können. In den USA spielt nicht zuletzt dieses Argument eine Rolle: Kinder mit Behinderungen werden nicht ausschließlich aus lauter Behindertenfreundlichkeit integrativ beschult, sondern weil man nicht willens ist, ein großes Maß an Sonderförderung staatlich zu finanzieren. Für Kinder mit Behinderungen, die mit einer mangelhaft ausgestatteten Integration nicht zurechtkommen, gibt es teure Privatschulen, die schwer beeinträchtigten Kindern für viel Geld den benötigten Schutzraum bieten – wenn es sich die Eltern denn leisten können. Um Integration erfolgreich, staatlich und für alle zugänglich anzubieten, müsste man sogar mehr Geld ausgeben als für das System der Sonderschulen. Sollte man dazu bereit sein, spricht auch nichts gegen die Integration. Nur leider läuft es genau so nicht ab: die Integration wird vorangetrieben (auch durch Druck der Presse), ohne alle Voraussetzungen dafür zu eruieren und umzusetzen. Man macht den ersten Schritt vor dem zweiten.

Was die tatsächliche Umsetzung einer theoretisch guten Idee, und was die Zukunfts- und Erfolgsaussichten einer solchen Politik betrifft, so lohnt sich ein Blick in die Berliner Schulpolitik, wo das Schulgesetz seit 2004 der Integration absoluten Vorrang einräumt. Anfangs gab es für die integrative Beschulung noch viele Förderstunden und die Klassenstärke war begrenzt. Doch in den letzten Jahren haben sich die Bedingungen für die Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf immer mehr verschlechtert. Die Begrenzung der Klassenstärke wurde aufgehoben und die Förderstunden auf durchschnittlich 2,5 in der Woche reduziert. Kommt es zu Erkrankungen im Lehrerkollegium, fallen auch diese Förderstunden weg. Eine verantwortungsvolle Integration behinderter Kinder kann nicht mehr durchgeführt werden. Die Sonderpädagogen fahren von einer Schule zur nächsten, drei Schulen oder mehr am Tag, geben hier und da eine Stunde Sonderförderung – das reicht alles überhaupt nicht mehr aus, die Klassen sind zu groß und die Integrationskinder kommen nicht mehr zurecht. In unserer Elterngruppe melden sich zunehmend Eltern, die ihre Kinder krankschreiben lassen, weil die Beschulung nicht funktioniert. Und dabei muss man noch sagen, dass in dieser Integration momentan vor allem Kinder mit Verhaltensauffälligkeiten und emotional-sozialem Förderschwerpunkt beschult werden: die schwer beeinträchtigten Kinder sind noch gar nicht dabei.

Wahr ist: unter dem Deckmantel erstrebenswerter, humanitärer Argumente der Integration und Inklusion wird in Wirklichkeit ein Sparmodell vorangetrieben, das letztlich genau zu Lasten derjenigen gehen wird, denen es eigentlich helfen wollte. Verbände und Behindertenvertreter sollten sich genau überlegen, ob sie auf diesen Zug aufspringen wollen.

Der differenzierteste Artikel kommt denn auch aus Berlin, der Stadt, in der wir diese Erfahrungen seit Jahren leidvoll sammeln: “Wann ist die Sonderschule die richtige Wahl?“ 

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