das leben lebt nicht.
Oliver Tolmein hat gute Gedanken zum Suizid von Gunter Sachs aufgeschrieben: Gunter Sachs: Privater Suizid und öffentliche Erklärung. Jedenfalls hat mich die öffentliche Reaktion voll von klischeehaften, festgefahrenen und ich hatte eigentlich gehofft: überholten Wahrnehmungsbildern auch etwas erschreckt. Sachs’ Schritt sei mutig gewesen (ich kann den Mut nicht erkennen, höchstens eine traurige Hilflosigkeit), und auch der Topos des Aushaltens, anstatt im Leben mit Demenz das Kontinuum anzuerkennen, das reichhaltige und vielfältige Spektrum des Erlebens, das auch Freude und Glück enthält.
Mir fiel dazu gleich ein Satz aus einem Artikel von Andrea Trumann ein, der sich zwar auf behinderte Kinder bezieht, aber ebenso für die kranken Alten gilt: “Die inhaltsleere Selbstbestimmung will nichts anderes, als der gesellschaftliche Trend auch: ein bis zwei gesunde, qualitativ hochwertige Kinder, die die leeren Renten- und Krankenkassen füllen und flexibel genug sind, die Jobs der New Economy machen zu können.”
(Andrea Trumann: Frauen gegen Gen- und Reproduktionstechnologien, in: Das Leben lebt nicht: Postmoderne Subjektivität und der Drang zur Biopolitik, hrsg.v. die röteln, Berlin 2006, 9-34, hier 30).
Die suizidale Selbstbestimmung im Fall der kranken Alten will auch nichts anderes als der gesellschaftliche Trend: ein Leben, das nur genau so lange dauert, wie es noch leistungsfähig und unabhängig von Hilfen zu bewältigen ist. Noch einmal Andrea Trumann, S. 32: “Die Selektion behinderter Kinder findet eher über Kontrolle und Individualisierung als allein über repressive Maßnahmen statt, und so funktioniert sie ganz gut: 90 % der Frauen, denen ein behindertes Kind prognostiziert wird, entscheiden sich gegen das Kind. Die individuelle Entscheidung deckt sich trefflich mit der Staatsraison.”
Zufall, dass gesellschaftlicher Trend und die sogenannte Selbstbestimmung jeweils so praktisch zusammenfallen? Wie weit ist es überhaupt her mit dieser Selbstbestimmung? Man muss sich nur seinen Foucault wieder aus dem Regal ziehen, um an dieser Selbstbestimmung ordentlich zu zweifeln. Biopolitik eben (wie das Weblog von Oliver Tolmein ja auch passend heißt).
Da fällt mir noch ein anderer Franzose ein, Michel Houellebecq, der Verschmitzte, der in der letzten Sendung Druckfrisch zu Gast war, dort auch über die Dignitas-Sterbeklinik in der Schweiz sprach (schön, wie Denis Scheck sie “kapitalistische Sterbeklinik” nennt) und Houellebecq sagt den guten Satz: “Alles am Rande der Legalität ist eben teuer.” Er meint zwar in diesem Fall teuer im Sinne davon, dass die Klinik viel Geld kostet, aber er spricht vorher darüber, wie die Praxis von Dignitas mit “allen ethischen Gesetzen der Welt, allen moralischen Geboten in Widerspruch steht” und so ist teuer eben auch zu verstehen: will man bestimmte Formen des Menschseins nicht erleben, so muss man mit dem teuersten bezahlen, dem Leben.
