Archiv für Politik

recht auf sparen auch für schwerstbehinderte.

Dies ist eine Petition von Constantin Grosch:

“Wie viel Geld darf ich sparen? Diese Frage werden sich wohl die wenigsten Menschen bisher gestellt haben. Warum auch? Für Menschen mit Behinderungen ist das anders. Wer trotz Behinderung erfolgreich einer Arbeit nachgeht und gar beruflich Karriere machen möchte, hat in Deutschland dazu eigentlich keinen Grund. Die Anstrengungen, die eine höher qualifizierte Berufsausbildung und Erwerbsarbeit mit sich bringen, zahlen sich selbst dann nicht aus, wenn der Karriereerfolg sich tatsächlich einstellt. In Deutschland werden voll berufstätige Menschen ohne eigenes Verschulden daran gehindert, zu sparen. Wir dürfen nicht mehr als 2.600 Euro auf dem Konto haben! Danach wird alles abkassiert.

Anlegen einer Altersvorsorge? Unmöglich.
Rücklagen für  Reparaturen, Ausfälle und Notfälle bilden? Nicht erlaubt.
Geld für einen Autokauf ansparen? Fehlanzeige.
Eine Erbschaft annehmen? Wozu?
Die große Liebe heiraten? Besser nicht.

Menschen, die aufgrund ihrer Behinderung auf intensive Unterstützung durch z.B. persönliche Assistenz angewiesen sind, werden dadurch arm gehalten. Ein weitestgehend “normales” Leben und gesellschaftliche Teilhabe wird so unterbunden. Aber wie sieht das finanziell denn aus? Da die Inanspruchnahme einer persönlichen Assistenz, ohne die die meisten Menschen mit Behinderung nicht (über-)leben könnten, unter die Sozialhilfe fällt, gelten für diese auch die entsprechenden Regelungen. Behinderte zahlen die üblichen Steuern und Abgaben. Darüber hinaus zieht der Staat aber bis zu 40% des Einkommens zusätzlich ab. Sollte man trotzdem noch Geld sparen können, ist dies nicht gestattet. Mehr als 2.600 € darf ein Mensch mit Behinderungen, der auf intensive Hilfe angewiesen ist, nicht besitzen. Diese beiden Bestimmungen gelten auch für Ehepartner.”

[Ich habe die Petition unterschrieben. Wer das auch tun möchte, kann dies hier tun.]

lasst uns frei.

Gestern demonstrierten wir mit bis zu 7.000 Schülern, Eltern und Lehrern gegen die vom Land Brandenburg geplanten Mittelkürzungen für freie Schulen. Die Abgeordneten wurden zu ihrer ersten Lesung nach der Sommerpause vor dem Landtag in Potsdam mit einem langen Protest-Spalier empfangen, durch das jeder Abgeordnete fahren musste.

Johns Burgdorf-Schule ist eine freie Schule in evangelischer Trägerschaft und gleichzeitig die einzige Schule in ganz Berlin und Brandenburg, die schwerstbetroffene autistische Kinder erfolgreich und gut beschult. Das Land Brandenburg möchte nun an den freien Schulen sparen, obwohl sie im Vergleich mit öffentlichen Schulen schon jetzt nur 65% der Gelder bekommen: Grund- und Oberschulen sollen weitere 20 Prozent ihrer Einnahmen verlieren, Berufsfachschulen für Soziales 28 Prozent, der Aufbaulehrgang Sonderpädagogik sogar 37 Prozent. Von den 167 freien Schulen in Brandenburg sind 11 Förderschulen betroffen.

Bildungsministerin Münch (SPD) und Finanzminister Markov (Die Linke) betonen immer wieder, dass öffentliche Schulen nicht von Kürzungen betroffen sind und suggerieren damit, sie seien eine Alternative. In unserem Fall gibt es gar keine Alternative einer öffentlichen Schule, dazu schweigen SPD und Linke sich aber aus.

Überhaupt besuchen im Moment noch viele Kinder aus einkommensschwachen Familien freie Schulen, wenn erst einmal das Schulgeld erhöht werden muss, werden die freien Schulen nur noch für Eliten eine Alternative sein.

Fotos vom Protest auf meiner Flickr-Seite.

Proteste gegen Bildungssparpläne [#]
Protest gegen Kürzungen bei Freien Schulen [#]
Tausende demonstrieren in Potsdam gegen Kürzungen bei freien Schulen [#]

Die Arbeitsgemeinschaft Freier Schulen Brandenburg hat eine Website zum Protest: Vorsicht – Frei Gestrichen.

pädagogik paradox.

Autisten-Schule schmeißt autistischen Jungen raus: Es ist nicht das erste Mal, bei Weitem nicht, John hatten sie gar nicht erst genommen, es gibt andere Kinder, die aus den Autistenschulen als unbeschulbar hinausgeworfen und danach in Fürstenwalde bestens beschult wurden. Mir fällt ein Stein vom Herzen, endlich öffentliche Aufmerksamkeit gegenüber der fragwürdigen Praxis des Berliner Landesverbands von “Autismus Deutschland”, Fördergelder einzustreichen und dann die Kinder, für die es diese Fördergelder gibt, nicht zu beschulen. Danke, Christian Füller und danke, Spiegel.

(Es ist merkwürdig zu lesen, wie eine andere Familie genau das gleiche durchmacht, wie wir es hinter uns haben. Ich hatte mit der Mutter letztens lange telefoniert, ihr Kind wird wie John den Weg nach Fürstenwalde gehen.)

das leben lebt nicht.

Oliver Tolmein hat gute Gedanken zum Suizid von Gunter Sachs aufgeschrieben: Gunter Sachs: Privater Suizid und öffentliche Erklärung. Jedenfalls hat mich die öffentliche Reaktion voll von klischeehaften, festgefahrenen und ich hatte eigentlich gehofft: überholten Wahrnehmungsbildern auch etwas erschreckt. Sachs’ Schritt sei mutig gewesen (ich kann den Mut nicht erkennen, höchstens eine traurige Hilflosigkeit), und auch der Topos des Aushaltens, anstatt im Leben mit Demenz das Kontinuum anzuerkennen, das reichhaltige und vielfältige Spektrum des Erlebens, das auch Freude und Glück enthält.

Mir fiel dazu gleich ein Satz aus einem Artikel von Andrea Trumann ein, der sich zwar auf behinderte Kinder bezieht, aber ebenso für die kranken Alten gilt: “Die inhaltsleere Selbstbestimmung will nichts anderes, als der gesellschaftliche Trend auch: ein bis zwei gesunde, qualitativ hochwertige Kinder, die die leeren Renten- und Krankenkassen füllen und flexibel genug sind, die Jobs der New Economy machen zu können.”
(Andrea Trumann: Frauen gegen Gen- und Reproduktionstechnologien, in: Das Leben lebt nicht: Postmoderne Subjektivität und der Drang zur Biopolitik, hrsg.v. die röteln, Berlin 2006, 9-34, hier 30).

Die suizidale Selbstbestimmung im Fall der kranken Alten will auch nichts anderes als der gesellschaftliche Trend: ein Leben, das nur genau so lange dauert, wie es noch leistungsfähig und unabhängig von Hilfen zu bewältigen ist. Noch einmal Andrea Trumann, S. 32: “Die Selektion behinderter Kinder findet eher über Kontrolle und Individualisierung als allein über repressive Maßnahmen statt, und so funktioniert sie ganz gut: 90 % der Frauen, denen ein behindertes Kind prognostiziert wird, entscheiden sich gegen das Kind. Die individuelle Entscheidung deckt sich trefflich mit der Staatsraison.”

Zufall, dass gesellschaftlicher Trend und die sogenannte Selbstbestimmung jeweils so praktisch zusammenfallen? Wie weit ist es überhaupt her mit dieser Selbstbestimmung? Man muss sich nur seinen Foucault wieder aus dem Regal ziehen, um an dieser Selbstbestimmung ordentlich zu zweifeln. Biopolitik eben (wie das Weblog von Oliver Tolmein ja auch passend heißt).

Da fällt mir noch ein anderer Franzose ein, Michel Houellebecq, der Verschmitzte, der in der letzten Sendung Druckfrisch zu Gast war, dort auch über die Dignitas-Sterbeklinik in der Schweiz sprach (schön, wie Denis Scheck sie “kapitalistische Sterbeklinik” nennt) und Houellebecq sagt den guten Satz: “Alles am Rande der Legalität ist eben teuer.” Er meint zwar in diesem Fall teuer im Sinne davon, dass die Klinik viel Geld kostet, aber er spricht vorher darüber, wie die Praxis von Dignitas mit “allen ethischen Gesetzen der Welt, allen moralischen Geboten in Widerspruch steht” und so ist teuer eben auch zu verstehen: will man bestimmte Formen des Menschseins nicht erleben, so muss man mit dem teuersten bezahlen, dem Leben.

die axt für das gefrorene meer in uns. [a propos überdosis weltgeschehen]

In der Reihe “World’s Untold Stories” zeigt CNN im Moment einen schwer anzusehenden Dreiteiler: Locked Up and Forgotten über geistig behinderte Menschen in Kenia. [#]

Gleichzeitig kommt immer mehr darüber heraus, wie in den USA noch bis vor 40 Jahren an Behinderten und Gefangenen medizinisch experimentiert wurde:
Past medical testing on humans revealed

Die LA Times berichtet über die Ausbeutung von Behinderten in China:
China’s disabled exploited as slaves

In Großbritannien und in Deutschland werden die Leistungen für Behinderte gekürzt, die Hartz IV-Reform sieht vor, dass erwachsenen Behinderten, die Zuhause leben, 20% ihrer Leistungen gekürzt werden. Die SPD behauptete zwar mal herum, diesbezüglich gäbe es mit ihr keine Einigung, letztlich hat Frau Schwesig es dann aber doch mitgetragen, das nehme ich ihr sehr, sehr übel. [#]

Wegen der Afrika-Doku bin ich gleich in die Bibliothek und habe mir aus der Geschichte der Empfindlichkeit von Hubert Fichte Psyche. Annäherung an die Geisteskranken in Afrika ausgeliehen. Darin der so richtige Satz: “Jeder Krankheitsfall ist die Begegnung zweier geschichtlicher Abläufe: der Geschichte der Persönlichkeit und der Geschichte der Gesellschaft, in der die betreffende Person lebt.”

Weil das alles eh schon so unfassbar schlimm war, habe ich dann auch noch gleich gelesen: Das Vergessen der Vernichtung ist Teil der Vernichtung selbst. Lebensgeschichten von Opfern der nationalsozialistischen ‚Euthanasie’, ein umfangreicher Einblick in die Funktionsweise und Durchführung der Aktion T4. Darin erwähnt: Kafkas Diktum der Bücher, die die Axt für das gefrorene Meer in uns sind, aber was man dann macht, wenn die Axt in Büchern, Artikeln und Dokumentationen das Eis zerhackt, da bin ich auch ratlos.

like most people, i am conflicted about wikileaks, but: was für ein trauerspiel.

Am Tag nachdem sich der Wikileaks-Gründer Julian Assange freiwillig der britischen Polizei gestellt hat, frohlockt es in den Zeitungen. Claus Christian Malzahn unterstellt Assange in der WELT, Assange habe zu lange mit der Rechtsfreiheit im Internet gespielt: schon im Untertitel vermischt Malzahn die Wikileaks-Veröffentlichungen und die Strafverfolgung in Schweden, die mit den Veröffentlichungen überhaupt nichts zu tun hat, ganz abgesehen einmal davon, dass es gar keine Rechtsfreiheit im Internet gibt. Es ist geradezu erstaunlich, wie viele Fehler man in einem einzigen Satz einbauen kann. Der Titel war auch schon nicht viel überzeugender: „Die Verhaftung bringt Assange zurück in die Realität.“ Hat Herr Malzahn mit Herrn Assange gesprochen oder woher weiß er, dass sich Julian Assange vor der Verhaftung nicht in der Realität befunden hat? Und wo war er dann stattdessen, das wäre doch interessant zu wissen. Der erste Satz des Artikels: „Der Wikileaks-Aktivist Julian Assange befindet sich im Gewahrsam der britischen Polizei“, ist zwar nicht falsch, aber auch nicht richtig, denn wie Assange dort hingekommen ist, nämlich freiwillig, wird unterschlagen. Immerhin erfährt der Leser, dass noch nicht einmal eine Anklage erhoben wurde. In der Mitte des Artikels kommt der Journalist zu der Einsicht: „Es geht in Schweden ausdrücklich nicht um den politischen Schaden, den der Wikileaks-Aktivist angerichtet hat.“ Da hätte Herr Malzahn gleich zu seinem eigenen Untertitel zurückgehen und ihn löschen können. Im Folgenden noch mehrfach die falsche These, im Internet gelte weder Recht noch Gesetz, die auch durch ständige Wiederholung nicht richtiger wird, angereichert mit ein paar kruden Platitüden (beleidigende Leserkommentare seien im Netz verbreitet, üble Nachrede, alles solle möglich und natürlich auch noch umsonst sein, blabla) und einer völlig verdrehten Interpretation der Kinderpronographie-Debatte „Löschen statt Sperren.“ Die Frage ist nur: ist das alles mutwillig oder ahnungslos?

Auch Stefan Kornelius in der Süddeutschen Zeitung weiß irgendwoher (woher?), dass Julian Assange die Gesetze der Rechtsstaaten für sich nicht akzeptieren will. Komisch nur, dass er sich dann freiwillig einer Befragung gestellt hat. Assange heize die Stimmung bis ins Hysterische an und drohe mehr oder minder unverhohlen den Strafverfolgern mit einer Flut von schädigenden Veröffentlichungen, schreibt Kornelius. Das sei kein Selbstschutz, das grenze an Erpressung. Dabei übersieht der Journalist offensichtlich, dass Wikileaks nicht nur aus Julian Assange besteht, und dass weitere Veröffentlichungen kommen werden, egal was aus dem Verfahren um Assange wird. Das hat mit Einheizen, Hysterie und Erpressung nichts zu tun, sondern ist eine nüchterne und einfache Ankündigung der Wikileaks-Mitarbeiter, die von Anfang an verdeutlichten, dass sie auch ohne Assange weiterarbeiten. Kornelius räumt immerhin ein, dass Assange als unschuldig zu gelten habe, bis ein Urteil vorliegt – eigentlich eine Selbstverständlichkeit, aber Kornelius’ Rhetorik zeigt, wie schwer ihm diese Selbstverständlichkeit über die Lippen kommt: „die komplizierten Ermittlungen ZWINGEN zu der Mahnung, dass Assange als unschuldig zu gelten habe, bis ein Urteil vorliegt.“ Angereichert ist dieser Text dann zwar nicht mit ganz so kruden Beispielen wie der Text von Malzahn, dafür allerdings mit lauter füllenden, inhaltslosen Sätzen: „Julian Assange braucht kein Mitleid und er hat kein Recht auf eigene Regeln bei den Ermittlungen. Er braucht lediglich ein faires Verfahren. Und er muss akzeptieren, dass er sich dem Zugriff des Rechtsstaates nicht entziehen kann.“ Dass Assange ein faires Verfahren braucht und kein Recht auf eigene Regeln bei der Ermittlung hat, das sind Selbstverständlichkeiten, die wohl niemand bezweifelt, und dass er sich dem Zugriff des Rechtsstaates nicht entziehen will, hat Assange doch wohl selbst schon dadurch gezeigt, dass er sich freiwillig einer Befragung gestellt hat. Dass noch nicht einmal eine Anklage erhoben wurde, erfährt der Leser dieses Artikels erst gar nicht.

Zu was für einem Trauerspiel an Berichterstattung durften wir heute morgen nur aufwachen. Medien nutzten die Freiheiten, die Demokratien bieten, weil sie zu einem besseren Verständnis der Welt beitragen wollen, so Kornelius am Ende seines Artikels. Assange aber gehe es nicht um Verständnis, es gehe ihm um Radikalität, bei der alleine er die Regeln setze. Die ganze Häme also am Ende wieder, weil sich die Holzmedien vom Internet bedroht sehen. Darum wahrscheinlich auch Malzahns Seitenhieb, im Netz solle natürlich auch alles umsonst sein. Man fühlt sich bedroht und beißt darum aufs Niveauloseste zurück. Dabei vergisst man sämtliche hehren Ziele (siehe: besseres Verständnis der Welt), denn auf die wichtigen Inhalte geht man erst gar nicht ein: was bedeuten zum Beispiel die Rückzüge von PayPal, VISA, MasterCard etc. für die Demokratie – gerade wenn man sieht, dass VISA und MasterCard sogar den Klu-Klux-Clan als Kunden akzeptieren, nicht aber Wikileaks. Man verschenkt mit den niveaulosen Reaktionen nicht zuletzt auch die Möglichkeit einer ehrlich-kritischen Auseinandersetzung mit dem, was Wikileaks macht und was es positiv wie auch negativ für Politik und Gesellschaft bedeutet. Da ist endlich mal ein wirklich wichtiges, komplexes Thema, das auf Qualitätsjournalismus wartet, und dann verkauft man sich so unter Wert. (Dazu noch die Bigotterie, dass sich sowohl WELT als auch Süddeutsche wohl über eine Veröffentlichung der Wikileaks-Daten gefreut hätten, wenn der SPIEGEL sie abgelehnt hätte.)

“The leaders of Myanmar and Belarus, or Thailand and Russia, can now rightly say to us ‘You went after Wikileaks’ domain name, their hosting provider, and even denied your citizens the ability to register protest through donations, all without a warrant and all targeting overseas entities, simply because you decided you don’t like the site. If that’s the way governments get to behave, we can live with that.’” [#]

wir brauchen qualität.

Genauso, wie ich lieber weniger kritisch gegenüber dem Internet wäre, hätte ich auch gerne eine weniger kritische Meinung zur Abschaffung der Sonderschulen, aber immer kommt einem diese blöde Wirklichkeit zwischen die schönen Meinungen. John geht nun seit fast vier Wochen auf eine Privatschule in Fürstenwalde. Die Burgdorf-Schule ist ein Förderzentrum Geistige Entwicklung (a.k.a. Sonderschule für geistig Behinderte), spezialisiert auf Autismus.

Die erste Woche war eine Eingewöhnungswoche, ab der zweiten Woche fuhr John dann schon alleine jeden Tag hin und her mit dem Schulbus. Ihn in einen Schulbus zu bekommen, der eine Begleitperson hat (alles andere ist für alle Beteiligten viel zu gefährlich), erforderte in der ersten Woche noch Gutachten des behandelnden Kinderpsychiaters und des Kinder- und Jugendpsychiatrischen Dienstes KJPD, also einiges an Lauferei und bürokratischem Aufwand, aber ging letztlich auch ohne Sozialgericht vonstatten (meine Messlatte mittlerweile: alles, was ohne Gericht läuft, bekommt die Wertung „gut gelaufen“).

Da ich eine Woche lang viel an der Schule war, habe ich erlebt, wie die Kinder ankommen, wie das Personal mit ihnen umgeht, wie der Unterricht läuft. Was soll ich sagen, es ist ein Traum und Lichtjahre besser als die rückblickend noch furchtbarer scheinenden drei ersten Schuljahre, die in Berlin hinter uns liegen. Der Unterschied ist einfach und klar zu benennen: die Menschen an der Burgdorf-Schule kennen sich alle mit Autismus aus und wissen alle Bescheid, wie man damit umgeht.

John fühlte sich auf Anhieb wohl dort und ist nach nicht einmal vier Wochen schon vollstens eingewöhnt, steigt morgens begeistert in den Bus (wir müssen aus Vorfreude sogar schon immer zehn Minuten vorher nach draußen gehen, während er sich bei der alten Schule jeden Morgen geweigert hat, aus dem Auto zu steigen) und er kommt nachmittags entspannt und gut gelaunt nach Hause. Das Ganze nun auch noch: ganz ohne Schulhelfer. Ja, in Fürstenwalde kann er tatsächlich ohne Schulhelfer beschult werden – das wäre in Berlin undenkbar gewesen.

Aus Johns Sonderschule in Berlin hatte man nach und nach qualifiziertes Personal abgezogen und durch unqualifizierte Betreuer ersetzt, das Ergebnis war eine Katastrophe. Aber so wird das von der Berliner Bildungsverwaltung praktiziert: die Signale stehen auf Integration und Inklusion, und weil kein Geld da ist, werden dazu die Sonderschulen ausgehungert. Zusätzlich traurig nur, dass dann in der Integration noch nicht einmal genug ankommt, aber das ist ein anderes Thema.

Letzte Woche war ich wieder einmal zum Thema Schulhelfer und auch Inklusion beim Landesbeirat für Behinderte und erlebte einen weiteren, mehr als frustrierenden Auftritt der zuständigen Mitarbeiterinnen aus der Senatsbildungsverwaltung. Man verwies wieder darauf, dass man in den letzten Jahren doch so viel Personal an die Sonderschulen geschickt habe und ignorierte die Aussage, dass es uns nicht um die Quantität, sondern um die Qualität geht.

Selbst wenn es fünf Erwachsene gäbe, die sich nur um John kümmern sollten, würde das schiefgehen, wenn sie sich nicht auskennen. Stattdessen braucht er noch nicht einmal mehr 1:1-Betreuung, wenn das Personal gut und der Schulrahmen an die Bedürfnisse von Autisten angepasst ist. Wenn man die Schulen mit 55-jährigen ehemaligen Reinigungskräften bevölkert, die noch nie mit Autismus oder geistig Behinderten oder schwerstmehrfachbehinderten Kindern zu tun hatten und keine pädagogische Bildung haben, dann wird man eben immer mehr Schulhelfer brauchen, die das Kind für Kind kompensieren. Und selbst das funktioniert nicht, das habe ich daran erlebt, wie unglücklich John dennoch war. Ein Schulhelfer kann kein ganzheitliches Konzept ersetzen, er ist immer nur Flickwerk.

Unbegreiflich ist mir, warum die Senatsbildungsverwaltung anscheinend kein Interesse daran hat, die immer wiederkehrenden Probleme wirklich in den Griff zu bekommen. Der Berliner Senat arbeitet an einem Konzept zur Umsetzung der Inklusion nach Maßgabe der UN-Konvention für die Rechte von Menschen mit Behinderungen. So oft haben wir vom Elternzentrum Berlin schon unsere Bereitschaft gezeigt, an diesem Konzept mitzuarbeiten (die UN-Konvention sieht die Beteiligung der Betroffenen im Übrigen auch ausdrücklich vor), aber unser Angebot wird immer wieder ausgeschlagen.

Es gibt mittlerweile über 20 autistische Kinder aus Berlin, die jeden Tag circa 60 Kilometer weit nach Fürstenwalde und nachmittags wieder zurückgefahren werden. Warum sieht man sich nicht einmal an, warum diese Kinder dort so gut beschult werden können und etabliert auch in Berlin ein solches Schulmodell? Warum sieht man nicht endlich ein, dass es soziale und pädagogische Berufe nicht ohne Grund gibt? Wann wird man verstehen, dass Integration und Inklusion nicht zum Nulltarif zu haben sind? Ach, es ist müßig, aber unsere Arbeit des Elternzentrums geht weiter, wir haben keine andere Wahl. Ich bin erstmal froh, dass es meinem Kind endlich wieder gut geht und wir als ganze Familie uns nun vielleicht, hoffentlich auch von den extrem anstrengenden letzten drei Jahren erholen können.

ein kleiner etappensieg.

Seit letzter Woche geht John wieder richtig zur Schule, jeden Tag. Mit der neuen Schulhelferin scheint alles gut zu klappen, John mag sie, er freut sich, wenn er sie sieht, und sie hat auch einen sehr guten Umgang mit ihm. Sie ist Heilerziehungspflegerin und weiß eben, was sie tut.

Leider geht es noch immer vielen Kindern nicht so, ich kenne mehrere Kinder, bei denen die fehlenden Stunden immer noch nicht nachbewilligt wurden, die Schule schickt dann etwa einen zusätzlichen Zivi in die Klasse, aber natürlich klappt das nicht so einfach. Nun ist es auch schon so weit, dass bei ersten Kindern die Integration an den fehlenden Schulhelferstunden scheitert, und die Kinder an die Sonderschule verwiesen werden. Gestern gab es dazu erstmals eine Titelgeschichte in der Zeitung, im Berliner Kurier.

Wir arbeiten weiterhin Vollzeit an der Öffentlichkeitsarbeit, während die Senatsverwaltung sich nur in Babyschritten bewegen lässt. In den letzten Wochen war ich oft abends bei irgendwelchen Sitzungen: Landesbeirat für Behinderte, Landeselternausschuss, Vorstandssitzung des EZB, nebenbei noch eine Veranstaltung zur Selbsthilfeförderung, denn unsere Finanzen müssen wir dringend verbessern, alleine das Drucken von Infomaterial, Flyern etc. kostet schon viel. Die Veranstaltung zur Selbsthilfeförderung fand bei der AOK statt und es hat dort so gezogen, dass ich mir einen steifen Nacken geholt habe, ausgerechnet bei der Gesundheitskasse. Nächste Woche bin ich bei der Spastikerhilfe eingeladen, es geht immer weiter und weiter, wir arbeiten politisch und medial, auf allen Ebenen, in allen Gremien.

Heute Abend kommen wir im Fernsehen. Letzten Freitag haben sie bei John in der Schule gedreht und nachmittags bei uns Zuhause. Ich war nachher tagelang ganz fertig, auch weil John so gar nicht er selbst war vor der Kamera. Aber das wäre von einem Autisten vielleicht wirklich auch zu viel verlangt. Ich habe jedenfalls nun beschlossen, mir den Beitrag nicht anzusehen, das kann ich einfach nicht. Die anderen sollen mir dann einfach sagen, wie es war. Wir haben heute Abend einen Babysitter und gehen aus.

Nach dem Drehtag habe ich mich gefragt, ob sich Belastung und Aufwand lohnen, aber zum Glück hat es schon jetzt, schon vor dem Ausstrahlen des Beitrags, etwas gebracht: der Senat hat gegenüber der Redaktion erstmals die richtigen Zahlen autistischer Kinder in Berlin rausgerückt, an die wir schon seit Monaten heranzukommen versuchen und die wir nie bekamen. Statt der 210 Kinder, mit denen die Bildungsverwaltung in die Haushaltsverhandlungen gegangen ist, sind es 641. Die dreifache Menge, kein Wunder, dass dabei zu wenig Geld rauskam. Teilweise bin ich direkt fassungslos, in was für einem inkompetenten Sumpf wir da herumwaten müssen. Je nun, wir haben also nun neue ordentliche Argumentationsgrundlagen und können weiterarbeiten. Ein richtiger Etappensieg.

Der Landesbeirat für Behinderte hat gemeinsam mit allen Bezirksbeauftragten für Behinderte eine tolle Resolution verabschiedet. Der Verstößebericht des Landesbeauftragten für Behinderte ist hervorragend gelungen. Der Landeselternausschuss hat der Senatsverwaltung nahegelegt, einen Runden Tisch einzurichten. Noch wissen wir nicht, ob es dazu kommt. Vielleicht stupst der Fernsehbeitrag die Senatsverwaltung noch einmal etwas an, auf der Grundlage korrekter Zahlen endlich mit allen Beteiligten dauerhafte Lösungen zu erarbeiten. Ich kann im Moment nur sagen: wie hart erarbeitet das alles ist. Selbst über Erfolge kann man sich kaum freuen, weil es einem allzu bewusst ist, dass das alles dennoch nur kleine Schritte sind, und der Weg vor einem noch zehrend lang. Aber ich bin davon überzeugt, dass wir mit viel Geduld und Mühe etwas erreichen können, und mit dieser Zuversicht lässt es sich dann wohl auch weiterarbeiten.

last words.

“Claire Cameron has compiled a list of last words from prisoners executed in Texas since 1982.” [#]

kinder verboten.

“Ich will eine Geschichte erzählen. Eine lange Geschichte. Eine Geschichte, in der es um die Wahrheit geht, um das Recht eines Menschen auf seine Würde und einen Freund. Diese Geschichte handelt von der Organisation Human Rights Watch, ihrer deutschen Direktorin Marianne Heuwagen und von der Villa Aurora, aber auch vom Auswärtigen Amt des SPD-Kanzlerkandidaten Frank-Walter Steinmeier. Es ist eine verwickelte Geschichte, mit Handlungsorten in Zentralasien, Bochum und Los Angeles.” [#]

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