Archiv für Fernweh und Heimweh

ich bin die gentrifizierung (huch).

Nach erfolgreichem Umzug unserer dreiköpfigen Familie nach Alt-Treptow saß ich in den Osterferien erstmals in einem nahen Café, um etwas zu arbeiten, während John Zuhause von einem Einzelfallhelfer betreut wurde. Zwei Tische neben mir saß ein Handwerker in bekleckstem Anzug, der nach seiner Pause zwei Heizkörper streichen musste, wie er allen Anwesenden kundtat, indem er es der Kellnerin durch das gesamte Lokal hindurch erzählte. Etwas später beim Bezahlen fragte er die Kellnerin: „Wat is überhaupt mit dem Internet hier und den Computern?“ (Nickt in meine Richtung.) „Kann man hier demnächst noch wat essen oder wird das jetzte bürgerlich hier?“
So schnell wird man vom Gentrifizierungsopfer zum Täter.

38.

[Wie schön ist das denn, eine Torte im Design der Lieblingsvase geschenkt zu bekommen. Älterwerden leicht gemacht.]

happy thanksgiving.

[Einen Tag verspätet, gestern war den ganzen Tag zu viel los, aber: John trug zur Feier des Tages natürlich sein Urlacher-Shirt (nicht, dass es dieses Jahr bei den Bears irgendetwas zu feiern gäbe, aber das ist eine andere Geschichte) und gegen Abend waren wir wenigstens noch im Prater Gans essen, bevor ich zum Treffen der Elterngruppe abdüste. Nachts dann noch "Home for the Holidays" gesehen, den schönen Thanksgivingfilm.]

die neue cousine.

John hat eine neue Cousine: welcome Annaleise in Chicago!
(Count: 4 Cousins, 2 Cousinen.)

taxicab journals.

There are more than 6,000 cabs in the city of Chicago. We intend to review every one of them. [#]

the complexity of chicago.

A New Wind Is Blowing in Chicago [#]

(”Chicago has long been a place that seems comfortable — or, at least, well adjusted — to losing, a place where you put your head down and shoulder through whatever hand is dealt you.”)

details.

Abends um elf saß ich auf dem Sofa und reparierte mit Sekundenkleber einen alten, scharzen Schuh. Er gehörte einer Frau aus der Reisegruppe, sie hatte sich zwei Tage lang mit ihrem Mann darüber gestritten, dass ihr Schuh kaputt sei, sie ihn aber nicht wegwerfen wolle, nur repariert haben, da sie in den Schuhen so gut laufen könne. Er aber wollte partout kein entsprechendes Geschäft mit ihr suchen. Ich erklärte mehrfach: das Hotel an der Friedrichstraße lag ungefähr 300 Meter von “Mister Minit” im Bahnhof Friedrichstraße entfernt, how to get there, it’s very easy. Aber direkt am Hotel gab es ein Schuhgeschäft, und der Mann machte es zu einer Grundsatzdiskussion, nach mehr als 30 Jahren Ehe wird noch immer, oder gerade drum, um alles hart gefochten. Heutzutage noch Schuhe zu flicken, das sei doch lächerlich, nein, er bestand auf neuen Schuhen, man habe doch mehr als genug Geld. Da ich ständig in diese Diskussionen eingebunden wurde, und auch nicht wollte, dass sich das auf die Stimmung der ganzen Reisegruppe auswirkt, bot ich der Frau also am zweiten Tag an, nach der spätabendlichen Führung durch die Gemäldegalerie (donnerstags immer bis zehn geöffnet) die Schuhe vom Hotel aus mit Nachhause zu nehmen, und am nächsten Morgen repariert wieder mitzubringen, ein paar Minuten früher als das Treffen der Gruppe in der Lobby. Um kurz nach zehn kam ich also abends Nachhause, würde um kurz nach sieben wieder losmüssen, um das Kind in die Schule zu bringen und dann die Gruppe zur Besichtigung des Holocaust-Mahnmals abzuholen. Ich suchte den Sekundenkleber und saß dann des Nachts auf dem Sofa und klebte den ausgeleierten Schuh einer alten Kanadierin. Wie man aber auch immer in solche Situationen kommt, woher dieses Bestreben, Konflikte zu lösen, Harmonie herzustellen, auf alle Teilnehmer in der Gruppe Rücksicht zu nehmen. Das geht natürlich auf eigene Kosten, viele Frauen in diesem Job machen das, während Männer meistens cooler sind, die Leute sich selbst überlassen können, und dabei am Ende genauso viel oder wenig Trinkgeld bekommen, finanziell lohnt sich das nicht, nur viele Karten und Notizen bekomme ich am Ende immer: “Dear Monika, thank you for all your effort in making the city of Berlin a ‘wunderbar’ place. We especially loved your personal touches, like getting us the English booklet at the concert hall and fixing my shoe.”