Archiv für Fernweh und Heimweh

tausend tode schreiben [89.]

Christiane Frohmann hat heute den ersten Teil des Buchs Tausend Tode schreiben herausgegeben. “Die Idee ist, dass tausend Autoren tausend kurze Texte über den Tod schreiben: Persönliche Begegnungen, wissenschaftliche Betrachtungen, Fiktion. Diese vielfältigen Texte sollen zusammenwirken als ein transpersonaler Text, der – so die Annahme – einiges über das aktuelle Bild des Todes in unserer Gesellschaft verraten wird.”

Ich habe mich mit einem Text beteiligt, den ich in längerer Form schon einmal geschrieben hatte, der sich seither aber verändert hat. Die Herausgeber- und Autorenanteile an den Erlösen werden dem Kindersterbehospiz Sonnenhof in Berlin-Pankow gespendet.

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Im Berliner Wagen erreichte ich den kleinen Ort in Norddeutschland, in dem meine Großmutter am folgenden Tag beerdigt werden sollte. Kurz vor uns war das Auto aus Siegen angekommen, davor der Wagen aus Heidelberg. Die Ravensburger riefen an, sie waren schon in Dortmund und würden bald da sein. Das Haus war voll von Verwandten, denn meine Oma hatte neun Kinder, zwanzig Enkel und neunzehn Urenkel, die mittlerweile über ganz Deutschland verteilt wohnten, und die sich nun samt Familienanhang im Haus meiner Oma trafen. Es gab Hühnersuppe.

Am nächsten Morgen sollte der Sarg geschlossen werden. Viele wollten die Mutter, Großmutter und Urgroßmutter lieber lebendig in Erinnerung behalten und so waren wir eine recht kleine Gruppe, die sie noch ein letztes Mal sehen wollte. Auf den ersten Blick sah meine Oma aus wie eine andere Person, doch je genauer ich hinsah, desto besser konnte ich sie doch erkennen. Meine Tante zupfte an den Haaren herum, die noch nicht so aussahen wie sonst. Um den Hals trug Oma eine Perlenkette, an den gefalteten Händen einen schönen roten Rosenkranz, den meine Eltern ihr vor nicht allzu langer Zeit aus Mexiko mitgebracht hatten.

Die Hände sahen noch genauso aus wie immer, das waren Omas Hände, und ich fand es schön, dass man ihr nicht die Fingernägel manikürt hatte, obenauf lag der Daumen mit dem etwas schief geschnittenen Nagel, genauso, wie er immer gewesen war. Ich drückte ihr zum Abschied die Hände, sie waren natürlich eiskalt und steif, und ich spürte, dass darin gar kein Leben mehr war. Komisch, wie viel Leben in einer Hand steckt, oder wie groß der Unterschied ist, wenn in dieser Hand kein Leben mehr ist. Diese Berührung war das letzte Wissen, dass meine Oma nicht mehr in diesem Körper steckte. Dennoch konnten wir uns kaum überwinden zu gehen.

Später dann das Rosenkranzbeten in der Leichenhalle, das Monotone daran, dessen Effekt mich immer wieder erstaunt. Wenn der ‘schmerzhafte’, der schlimmste unter den Rosenkränzen beginnt, “der für uns Blut geschwitzt hat”, erschrickt man kurz, aber dann entzieht das Aufsagen und Wiederholen den Wörtern langsam immer mehr von deren Bedeutung. Es bleibt nur das Ritual, lang und schwer, und dennoch auch ein Singsang, der einen fast wie ein Gutenachtlied einlullt.

Draußen großartig klare und kalte Luft bei Sonnenschein. Etwas entfernt vom Grab spielte, als wir von der Leichenhalle aus hinter dem Sarg herliefen, eine Blaskapelle in kleiner Choralbesetzung und mit Tenorhörnern, und gerade als wir in den Gang unseres Familiengrabes einbogen, zog ein Schwarm von Vögeln durch den blauen Himmel, in einem Film hätte man das wahrscheinlich für eine zu perfekte Choreographie gehalten. Bei früheren Beerdigungen hatte ich den Anblick des Sarges in der Erde immer schlimm gefunden, natürlich auch dieses Mal, aber nicht auf die gleiche Weise, vielleicht, weil ich kurz vorher noch Omas leblose Hände gehalten hatte und damit ihren Körper besser gehen lassen konnte.

Über 200 Menschen beim anschließenden Kaffeetrinken. Eine traurige und zugleich schöne Feier zum Abschied von meiner Oma, die 92 Jahre alt geworden war.

i forget where we were.

“It’s quite fun getting old. The world’s changing and one’s own past turns into an exotic place.”
(Ich mag es, wenn meine greisen Reisenden ermutigend über das Altern sprechen.)

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Das neue Album von Ben Howard gefällt mir, ich bin erleichtert, denn ich hatte ein bisschen Angst, dass es zu viel “Keep your head up” und zu wenig “Black flies” wird, aber gar nicht.
(Konzertkarten für den 27.11. in Berlin, check.)

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“Il roule à la parisienne”, sagte der französische Busfahrer auf dem Weg von Honfleur zum Mont Saint Michel über einen Fahrer, der die ganze Zeit auf der mittleren Spur fuhr. Auf Amerikanisch heißt es: “He’s milking the middle lane.”
(Auf Deutsch fällt mir nichts gleichwertig Schönes ein.)

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Mehr zu Kelli Stapleton, der Mutter, die versuchte, sich und ihrer autistischen Tochter das Leben zu nehmen. Die Aggressionen von schwer beeinträchtigten Autisten können schlimm sein, aber selbst sie sind keine Rechtfertigung für einen Mordversuch.

“Like a subset of autistic children, Issy can fly into violent, unstoppable rages. Usually, it’s because they want something but can’t have it (going to an amusement park on a Tuesday evening), or because they are frustrated, or sometimes just to get attention. Typically, it’s directed against their mother, because she’s smaller, usually the one saying no, and also there more often. Issy has hit Kelli so hard that she’s knocked her unconscious; twice she has sent her mother to the hospital.” [#]

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The Creepy New Wave of the Internet [#]

The Internet of Things, Enchanting Objects, wtf, creepy indeed. “Among these enchanted objects are the Google Latitude Doorbell that lets you know where your family members are and when they are approaching home, an umbrella that turns blue when it is about to rain so you might be inspired to take it with you, and a jacket that gives you a hug every time someone likes your Facebook post.”

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In den Herbstferien waren wir in Norddeutschland, sind mit dem Katamaran von Cuxhaven nach Helgoland gefahren und waren in Bourtange in Holland, sehr schön alles. Bourtange ist gar nicht weit weg von Oldenburg, ich habe keine Ahnung, warum ich dort noch nie gewesen bin, wirklich empfehlenswert.

Seehund

Helgoland

Bourtange

Bourtange

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Auf dem deutschen Soldatenfriedhof in La Cambe in der Normandie wird im Informationszentrum des Volksbunds Kriegsgräberfürsorge das Gedicht Liberté von Paul Eluard zitiert. So las ich im Oktober 2014 in Frankreich dieselbe Zeile: “Je suis né pour te connaître”, die mir im Oktober 2012 in Bulgarien als Graffiti begegnet war.

journal.

Während ich noch immer um die explosive Selbstzerstörung und krasse Selbstdarstellung in Knausis Band 4 herumtapse, google ich natürlich ständig, was es so Neues über ihn gibt – oder Altes, das ich noch nicht gesehen oder gelesen habe. Dabei bin ich auf dieses Interview mit Siri Hustvedt gestoßen. [#]

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“Leben” von Karl Ove Knausgård [#]

Karl Ove Knausgaard at the Edinburgh International Book Festival [#]

Homestory [#]

(Seine Frau Linda und er haben ein viertes Kind bekommen, das war mir bis vor kurzem entgangen.)

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Nächste Obsession: Qualität der Versorgung in der Psychiatrie.
(In der John hoffentlich nie landen wird, aber das weiß man bei einem schwer betroffenen Autisten eben nie, daher bin ich im Gemeinsamen Bundesausschuss nun auch in einer neuen Arbeitsgruppe zum Thema. Die Vorbereitung, also detailliertere Einsicht in die Dinge, macht alles nur noch schlimmer.)

“Psychiatry’s dirty secret is that if you had a severe mental illness requiring hospital care in 1900, you’d be better looked after than you are today. Despite a flurry of media hand-waving about new technologies in psychiatry, the average hospital patient probably does less well now, despite the new drugs, than the average hospital patient a century ago.” [#]

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Kelli Stapleton hat letztes Jahr versucht, ihre autistische Tochter umzubringen. Die Berichterstattung in den Medien war damals schon schlecht und sorgte für viele verärgerte Blogposts in der autism community, aber dieser Artikel setzt dem Ganzen die Krone auf: “County Jail Has Been Better Than the ‘Jail of Autism’.”
Was das wieder für eine Rhetorik ist. [#]

(Es ist absolut lächerlich, das überhaupt sagen zu müssen: Wenn ein Erwachsener ein Kind tötet oder zu töten versucht, dann ist der oder die Erwachsene nicht das Opfer.)

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Sonst keine News. Möchte immer noch nach Afrika ziehen.
(Not gonna happen.)

erinnerung.

“Ich dachte wie ein Kind: Die Vergangenheit brauchte ich nicht.
Mir fiel nie ein, dass die Vergangenheit mich brauchen könnte.”

Jonathan Safran Foer, Extrem laut und unglaublich nah

km 00

KM 00, Normandie.

“Erinnern bedarf der Darstellung”, heißt es am Ende von Aleida Assmanns Buch Das neue Unbehagen an der Erinnerungskultur. Die Küste der Alliiertenlandung in der Normandie ist eine riesige Gedenkstätte. Übermorgen am 6. Juni jährt sich der D-Day zum 70. Mal und gerade jetzt summt die Gegend geradezu vor Erinnerung. Ich war mit Alumni der Cornell University und der Penn State University dort. Wir besuchten viele Orte: die Batterie Longues-sur-Mer, den Mulberry-Hafen in Arromanches, die Steilküste Pointe du Hoc, natürlich Omaha Beach, Utah Beach, den amerikanischen Friedhof in Colleville-sur-Mer und den deutschen Friedhof von La Cambe.

Utah Beach mit Gruppe

Kranzniederlegung

Amerikanischer Friedhof

Ein Absolvent der Penn State University ist auf dem amerikanischen Friedhof begraben. Ich habe auf Wunsch der Universität in Honfleur einen Kranz gekauft und beim Friedhof eine spezielle Zeremonie bestellt: Ein Mitarbeiter bringt einen kleinen Eimer Sand vom Omaha Beach ans Grab, reibt den Sand über das Kreuz, bürstet es ab und nur in den Buchstaben verbleibt dann Sand, so dass der Name deutlich lesbar wird. Die Repräsentantin der Universität sprach ein paar Worte und die Gruppe sang ihre Alma Mater. (Eine sehr amerikanische Erinnerungskultur, mit über siebzig Jahren fühlen sie sich ihrer Universität noch sehr verbunden.)

Die Kranzniederlegungszeremonie war sehr bewegend. In Emotionalisierung macht man den Amerikanern so schnell nichts vor. Ich hatte in Vorbereitung der Reise Aleida Assmann gelesen und zum Auftakt der Reise in Paris noch Katja Petrowskajas Vielleicht Esther. Mit diesen beiden Stimmen im Kopf bewegte ich mich durch diese Woche des Erinnerns an der Landungsküste.

Ich musste daran denken, was Aleida Assmann bezüglich der deutschen Erinnerungskultur über das Unbehagen an Ritualen schrieb: “Kritisiert werden vor allem drei Komponenten der Erinnerung: Emotionalität (Pathos der Betroffenheit), Inszenierung (leere rituelle Wiederholungen) und Institutionalisierung (Festschreibung der Erinnerung für die Zukunft). […] Ein dumpfes Unbehagen an der deutschen Erinnerungskultur hat es im rechten Spektrum immer schon gegeben. Jetzt aber steht es zunehmend auch auf der Agenda von Wissenschaftlern und Intellektuellen, die den demokratischen Wertekonsens keineswegs in Frage stellen wollen.” Assmann identifiziert diese Kritik als Abrechnung mit der 68er Generation, als Generationenkonflikt. Sie verteidigt die Erinnerungskultur überzeugend, auch mit dem aktuellen Bezug zum NSU-Skandal, der wieder leidvoll gezeigt hat: “Eine Zivilgesellschaft ist eine prekäre Institution und kein stabiler Besitz; sie ist nie ein für allemal gegeben, sondern muss sich als solche immer wieder bewähren, bestätigen und argumentativ durchsetzen. […] Auf dem Weg zu einer empathischen Gesellschaft gehören Erinnerungskultur und politische Bildung, Vergangenheit und Zukunft eng zusammen.”

“Sind die Deutschen also Weltmeister im Erinnern? Wenn ihnen dieser absurde Titel zukommt, dann nur, weil sie zuvor Weltmeister im Morden waren.” Überall stößt man in der Normandie natürlich auf diese Erkenntnis. Ganz am Anfang hatte ich ein bisschen Bedenken gehabt, dass die amerikanische Gruppe es vielleicht nicht gut findet, ausgerechnet mit einer Deutschen diese Woche zu verbringen. Beim Welcome Meeting hatte ich diese Bedenken in einen Witz verpackt und gesagt: “Not that you wonder how you got stuck with a German, of all people, visiting the D-Day sites. I’m only here for the organizational part. A very knowledgeable British historian will guide us through the week.” Sie lachten alle, zum Glück fand niemand es blöd, dass ich dort war. (Und unser britischer Guide war wirklich hervorragend.)

[Im Laufe der Woche sprachen mich mehrere Leute darauf an, warum wir nachfolgenden Generationen noch so zögerlich seien. Ich glaube, dass es auch daran liegt, dass die Geschichte nicht irgendwann auserzählt vor uns liegen wird, wie Aleida Assmann schreibt: “Jede Offenbarung verbirgt zugleich etwas anderes, was dann auf weitere Enthüllung wartet. Immer bleibt ein Rest des Schweigens, etwas, das man nicht wissen will, das man umgeht, dem man sich (noch) nicht stellen möchte oder das man übersieht und ignoriert.” Und: “Im Gegensatz zum amerikanischen Traum, der Vergangenheit und Herkunftsgeschichten annulliert und das Versprechen einer neuen, glücklichen Zukunft macht, sind beim europäischen Traum Vergangenheit und Zukunft eng miteinander verknüpft.”]

Die Amerikaner reisen in die Normandie an einen Ort, an dem sie viele Verluste erlitten, aber auch einen großen Sieg errungen haben. Die Trauer mischt sich mit der Pathosformel der “Befreiung Europas.” Ich habe dieses Mal in der Normandie das erste Mal gesehen, dass die Erinnerungskultur vor Ort durch “mediales Erinnern” zurückbeeinflusst wird. Es gibt eine neue Statue von Richard Winters, der durch die HBO-Serie Band of Brothers bekannt geworden ist. Eine künstlerische Aufarbeitung der Erinnerung ist also so populär geworden, dass für einen der Protagonisten nun vor Ort eine Statue errichtet wurde. Erst die Serie löste dies anscheinend aus, wie ein Mann erzählte, der den Entstehungprozess und das Spendensammeln für die Statue in den USA mitverfolgt hat. “Erinnern bedarf der Darstellung”, wie wahr das ist, zeigt sich wohl auch an solchen Erinnerungsschleifen.

Richard Winters Statue

Bei BBC Travel gab es einen interessanten Beitrag zum Erinnern an den Ersten Weltkrieg: Where to commemorate WWI. (Wir waren in den letzten Herbstferien in Ypern und es war sehr beeindruckend.) Es ist eine Gratwanderung zwischen dem Erinnern und dessen kommerziellem Ausverkauf. Dass der sogenannte Dark Tourism oft zu weit geht, zeigt dieser Artikel über Polen: Touring History’s Dark Side. Neben der berechtigten Kritik an ausbeuterischen Auswüchsen des Erinnerungstourismus finde ich es dennoch wichtig, Orte selbst zu sehen und zu erleben. Wenn man dies respektvoll tut, gibt es der abstrakten Erfahrung eine neue Dimension.

Als wir auf dem deutschen Friedhof ankamen, war gerade eine Schulklasse dort gewesen.

Gedenken einer Schulklasse

In Vielleicht Esther ist das Reisen an verschiedene Orte auch ein wiederkehrender Teil der Erinnerungssuche. Das Buch ist geprägt von Wehmut (oder ist es Sehnsucht?) und gleichzeitig von einer großen Kraft, die daraus erwächst.

“Bei welcher Zahl verschwindet der Mensch? 10.000 Erschossene wurden unter der Marbacher Linde begraben, drüben auf dem Berg, wenn ich mich nicht irre, wie soll ich mir das vorstellen, in meiner Schule waren wir nur 600, und in einem Stadion war ich noch nie. Wenn ich noch eine Null anhänge, muss ich anfangen, strategisch zu denken, ich stelle mir die großen Schlafbezirke vor, in den Hochhäusern auf der Insel gegenüber von meinem Kiewer Haus leben genau hunderttausend Menschen, ich bringe sie heimlich in die Todesstatistik ein, ohne sie in ihrem Schlaf zu stören, nicht für immer, nur um diese Zahl zu verstehen, und dann lasse ich sie wieder ins Leben zurück.

Wir sind mit 20 Millionen Kriegstoten aufgewachsen, dann stellte sich heraus, es waren viel mehr. Durch Zahlen sind wir verwöhnt und verdorben, von der Vorstellung der Gewalt vergewaltigt, wenn man diese Zahlen versteht, akzeptiert man auch die Gewalt. Mich ergreift eine Schwermut, ich weiß nicht, warum das alles so gewöhnlich klingt, fast langweilig.

Ich wollte eine Lösung finden, für mich und für diejenigen, die heute hier wohnen und arbeiten, ich wollte mich erinnern und darüber schreiben, es war aber eine Tätigkeit ohne absehbares Ende. Sisyphos wollte den Tod betrügen, und Thanatos bestrafte ihn mit nie endender Arbeit, er holte ihn aus dem Schattenreich ins Leben zurück und verurteilte ihn zu ewiger Beschäftigung, ewiger Mühe, ewiger Erinnerung. Sisyphos rollte seinen Stein nach oben, im Schweiße seines Angesichts, und wie das ausging, wissen wir.”

Wir sind alle 70

Im Friedensmuseum in Caen hat mich dann am Ende der Reise enttäuscht, dass es zu allen Opfergruppen Informationen gab, nur zu den Euthanasieopfern konnte ich nichts finden. Zu den Homosexuellen gab es nur eine ganz kleine Passage. Ich musste wieder an Vielleicht Esther denken: “Als die Ukraine vor zwanzig Jahren unabhängig wurde, bekamen mit der Zeit alle Opfergruppen ihr Monument: ein Holzkreuz für die ukrainischen Nationalisten, ein Denkmal für die Ostarbeiter, eines für zwei Mitglieder des geistlichen Widerstands, eine Tafel für die Zigeuner. Zehn Denkmäler, aber keine gemeinsame Erinnerung, sogar im Gedenken setzt die Selektion sich fort.”

Auch Aleida Assmann hat über das Problem geschrieben, das so merkwürdig Opferkonkurrenz heißt: Eine gänzlich inklusive Opferkategorie bietet keinen Raum für die besondere Identität der einzelnen Gruppen, eine gänzlich getrennte Opferkategorie dagegen perpetuiert die Selektion. Zur Überwindung der Opferkonkurrenz macht Assmann den Vorschlag eines dialogischen Erinnerns: “Ich verstehe dialogisches Erinnern ganz pragmatisch als wechselseitige Anerkennung von Opfer- und Täterkonstellationen in Bezug auf eine gemeinsame Gewaltgeschichte. […] Während die monologische Erinnerung die eigenen Leiden ins Zentrum stellt, nimmt die dialogische Erinnerung das den Nachbarn zugefügte Leid ins eigene Gedächtnis mit auf.”

[Das bleibt dann der Wunsch für die Zukunft: Dass auch die ermordeten Menschen mit Behinderungen und psychischen Erkrankungen mehr in dieses dialogische Erinnern aufgenommen werden. Es ist kein Zufall, dass sie auch die letzten sind, die in Berlin ihre Gedenkstätte erst noch bekommen – und wir schreiben das Jahr 2014.]

new york hat nichts mit afrika zu tun [nachricht an mich selbst].

Diese Leute, die mal eben übers Wochenende nach New York fliegen, freitags nach der Arbeit hin und sonntags zurück. Wie viele Stunden ist man dann eigentlich da, erst recht, wenn man die Transfers vom und zum Flughafen abrechnet? Jedenfalls, seitdem ich letzten Herbst in Afrika war, ertrage ich solche Exzesse nur noch so schwer. (Also Achtung: Jammertext.) Ich weiß, es sollte mir egal sein, ob jemand übers Wochenende mal eben nach New York fliegt und wer weiß, vielleicht gibt es auch so eine Art fundamentaler Unzufriedenheit, die nur ein Schnelltrip nach New York ein bisschen heilen kann, was weiß denn ich, ich bin vom Land, ich bin pragmatisch, also für mich persönlich als Grundstimmung einfach zufrieden mit dem, was ist. Ich verstehe das also nicht, das ist wahrscheinlich der Punkt.

Seit Afrika ist es allerdings schlimmer geworden, weil zusätzlich zu diesem grundsätzlichen Nichtverstehen nun noch ständig das Totschlagargument der “Kinder in Afrika” in meinem Kopf rumwabert. Ich habe zum Beispiel vorher mal angedacht, dass wir vielleicht eine größere Wohnung suchen könnten. Zu Dritt auf 75 qm, das ist nicht so wahnsinnig viel Platz, aber diesen Gedanken habe ich fast unmerklich ad acta gelegt. Wir brauchen nicht mehr Platz und ich brauche überhaupt ganz wenig. Was machen wir hier eigentlich, frage ich mich (banalerweise) nun permanent.

Ich komme ja nicht dazu, meine letzten drei Teile Afrika zu schreiben, daher hier nur in Kürze: In Lake Naivasha verletzte sich eine Frau aus meiner Reisegruppe schwer und wir mussten spät abends mit ihr in die Notaufnahme des lokalen Krankenhauses fahren. So etwas wie dort habe ich noch nie gesehen. Vorhänge voll von Blutflecken, teils frischrot und teils schon ganz altbraun. Kein Fußboden, nur Estrich. Eine kreischende Frau, deren drei Monate altes Baby gerade gestorben war, und es gab niemanden, der mit ihr sprach, denn überhaupt arbeiteten dort nur zwei Frauen für eine wachsende Menge an Notfällen. Transportliegen gab es nicht, die Menschen wurden in Rollstühlen von einem Ort an einen anderen gefahren, und die Rollstühle sahen aus, als ob sie in den Fünfzigern schon hier in Deutschland benutzt wurden. Wenn jemand liegend transportiert werden musste, wurde der Rollstuhl nach hinten gekippt und vorne lief jemand rückwärts mit, der die Beine des Verletzten gerade streckte. Eine sterile Umgebung gab es nirgendwo. Die Utensilien waren in alte Geschirrtücher eingeschlagen. Das ist nicht alles, aber es mag einen Eindruck geben.

Meine Reisende war in der Badewanne hingefallen und hatte sich den Hinterkopf so aufgeschlagen, dass man einen Teil davon einfach aufklappen und hineinsehen konnte. Entsprechend die Blutmenge der Platzwunde. Zum Glück gab es in meiner Reisegruppe auch einen Mann, der Arzt war (Frauenarzt, aber immerhin Arzt). Den holte ich gleich und er fuhr mit uns ins Krankenhaus. Er konnte die Verletzte selbst versorgen, so dass wir nicht auf die beiden Frauen warten mussten, die dort arbeiteten. Auch wenn sie wenig begeistert davon schienen, dass da plötzlich Weiße kamen, die einen eigenen Arzt mitbrachten, aber ihre Utensilien benutzen wollten, waren sie hilfsbereit. Dann stellte sich heraus, dass es im ganzen Krankenhaus keine Rasierklinge gab, die der Arzt brauchte, um die Haare rund um die Wunde abzurasieren. Wir waren den ganzen Tag im Busch gewesen und die Haare waren voller Staub und Bakterien.

Die eine Frau, die im Krankenhaus arbeitete (Ärztin? Schwester? Ich hatte aus der Lodge auch einen Übersetzer mitgenommen, aber in der Hektik der Situation klappte das mit dem Übersetzen zwischen Suaheli und Englisch nicht so gut), die eine Frau also gab unserem Arzt ein Skalpell als Rasierklingenersatz. Geduldig und vorsichtig kratzte er die Haare um die Wunde herum ab, was mit dem kleinen Skalpell eine gefühlte Ewigkeit dauerte. Dann desinfizierte er alles und nähte die Wunde zu (noch mit dem Witz: “As an ob/gyn, at least I’m really good at stitches!”). Zum Glück gab es in dem Krankenhaus tatsächlich ein Röntgengerät. Neben dem Gerät hing eine Dankesplakette für die Stifter des Geräts, vier Namen. Daneben hing ein Kalender von vor drei Jahren. Ich stellte mir vor, dass irgendwann vor drei Jahren jemand hier gewesen war, der oder die diesen Ort etwas verschönern wollte und dazu den Kalender aufhängte, der in der sonstigen Trostlosigkeit, Kaputtheit, Unfertigheit und Armut des Gebäudes allerdings völlig absurd wirkte, und dann einfach dort hängengeblieben war, weil wahrscheinlich niemand hier Zeit hatte, ihn überhaupt zu bemerken.

Als wir gegen ein Uhr nachts in der tiefschwarzen afrikanischen Dunkelheit in die Lodge zurückfuhren – wir hatten so ein komisches Gefährt, das wie ein Golfcart aussah – wären wir dann fast noch verunglückt, denn plötzlich tauchte direkt vor uns im Scheinwerferlicht ein Nilpferd auf, ein Riesenkoloss. Der Fahrer machte eine Vollbremsung, wir wurden alle nach vorne geschleudert und das Nilpferd sprang erstaunlich beweglich und schnell rechts zur Seite und lief ebenso erstaunlich schnell weg. Ich glaube nicht, dass wir es hätten überleben können, wenn wir mit dem Nilpferd kollidiert wären. Nunja, aber das ist schon wieder eine andere Geschichte. Zurück zum Totschlagargument in meinem Kopf. Denn was da in Lake Naivasha los ist, diese Konzentration von Menschen und deren eklatant mangelnde Versorgung, hat ganz direkt etwas mit uns hier zu tun.

In Lake Naivasha gibt es enorme Blumenfarmen, riesige Gewächshäuser, man kann sich das kaum vorstellen, wenn man das nicht gesehen hat. Dort werden für uns die Blumen gezüchtet. Ich habe irgendwo gelesen, dass mehr als 80% der Blumen, die in Deutschland verkauft werden, aus Afrika und Südamerika stammen. Panorama hatte zum Beispiel mal einen Beitrag zu den Farmen am Lake Naivasha. Es ist für den See und die ganze Umwelt dort eine Katastrophe und die Pestizide sind bei ungenügender Schutzkleidung für die Arbeiterinnen und Arbeiter sehr gefährlich. Zudem erhalten sie für die harte Arbeit nur 20-30 Euro im Monat. Es heißt oft: “Die Blumenindustrie in Kenia ernährt mehr als eine halbe Million Menschen.” Das klingt so schön, aber ich habe zum Beispiel gesehen, wie die Menschen nach der Arbeit kilometerweit am Straßenrand von der Farm zu Fuß zu ihren Hütten zurücklaufen. Mein kenianischer Kollege hat mir das gezeigt, ich habe mich so geschämt. Nicht einmal Transportmöglichkeiten werden ihnen zur Verfügung gestellt. Mal ganz abgesehen von allem anderen.

Das Krankenhaus, das ich für ein paar Stunden erleben durfte, zeigt die Probleme auch sehr deutlich. Der Grund wird hier zusammengefasst: “In den letzten 10 Jahren sind durch die Blumenzucht viele Menschen in die Region eingewandert. Es wurden 700.000 Arbeiter eingestellt, 70% von ihnen sind Frauen. Die meisten haben ihre Familien mitgebracht. Die Gesundheitsversorgung wurde nicht entsprechend den wachsenden Bevölkerungszahlen mitentwickelt. Das Krankenhaus in Naivasha versorgt mehr als 400.000 Menschen, obwohl es für weniger als die Hälfte gebaut wurde.”

Ich musste am folgenden Tag noch einmal in das Krankenhaus fahren, um mit der Radiologin, die nachts keinen Dienst gehabt hatte, das Röntgenbild zu besprechen (zum Glück hatte meine Reisende keine Schädelfraktur). Tagsüber war die Situation im Krankenhaus nicht viel ermutigender als nachts. Was aber kann ich tun, frage ich mich seitdem. Ich bin noch zu keinem Ergebnis gekommen. In der Zwischenzeit hadere ich stattdessen ungewollt mit so Sachen wie “Übers Wochenende nach New York fliegen.” Das bringt nun ja aber auch niemandem was. [Ohne Pointe. Ohne Lösung.]

every year is restless [2013].

Auf dem Schafbauernhof

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Am 27.12. hat John nach langer Zeit – Wie lange? Etwa zwei Jahre? Müsste man alles aufschreiben, denn im Rückblick erschließen sich die Phasen und Zeiten leider nicht mehr – hat John also nach langer Zeit wieder angefangen zu sprechen. Er stand einfach so frühmorgens auf und fing an zu rufen: “Jetzt ist Schluss! Schluss is! Genug! Später! Leise sein! Konrad! Dani, nein! Justin! Justin! Moooritz? Denny? Owens! Owens und Mowens!” Die Namen, das sind alles Mitschüler oder ehemalige Mitschüler und der letzte Ausruf ist eine von Johns erfundenen Variationen, zuletzt gesagt circa 2009: “Owens und Mowens.” John hörte dann den ganzen Tag nicht mehr auf mit dem lauten Rufen und es kam noch so einiges an Wörtern und Satzfragmenten dazu.

So viel zur Aussage unserer Nachbarin, unser Junge sei so ruhig geworden. Not anymore. Jetzt hält John uns vom Aufwachen bis zum Einschlafen, von etwa 06:00 Uhr bis 22:00 Uhr, wieder den Kommandospiegel vor, wobei wirklich viele der Aufforderungen aus der Schule kommen und nicht von uns, I swear. Meistens ist es nur Echolalie, manchmal scheint es der Situation angemessen und einmal kam sogar eine richtige Frage. Er bekam das Toffifee nicht aus der Verpackungsmulde und fragte plötzlich: “Wie geh daa?” Unfassbar. Ich sagte: “Hast Du gefragt: Wie geht das? Ich kann Dir zeigen, wie das geht. Guck mal.” Er freute sich und sah sich sogar aufmerksam an, wie ich es machte (auch das eher ungewöhnlich), und sprang dann – ohne Toffifee – hüpfend und lautierend davon. Vor lauter gelungener Kommunikation hatte er den Grund des Austauschs ganz vergessen, und das obwohl es eine seiner geliebten Naschereien war.

Das sind die kurzen Momente, in denen unerwartet etwas aufscheint, von dem wir oft nicht wissen, ob es irgendwo da ist. Es passiert sehr selten und ist auch binnen einer Minute wieder weg, aber natürlich erinnert es uns daran, dass da ganz, ganz viel ist. So ein Toffifee-Moment boxt einem dann auch ordentlich in den Magen mit der erneuten Erkenntnis, wie wichtig es ist, gegenüber all dem aufmerksam zu bleiben: gegenüber dem, was sich so selten zeigt, genauso wie gegenüber dem, was sich vielleicht niemals zeigen wird (aber dennoch da sein könnte), und gegenüber dem, was wahrscheinlich wirklich nicht da ist (mindestens eine mittelschwere Intelligenzminderung, diagnostiziert der Kinderpsychiater). Alles in allem nötigt einem jede einzelne dieser Ebenen einen Wahnsinnsrespekt ab. Das ist so ein unfassbares Leben, was John da hat.

(Ich bewundere ihn immer noch so sehr, dieses Bewundern hat ja im Grunde seit seiner Geburt nicht aufgehört, als ich wie wahrscheinlich fast jeder und jede andere in dieser Situation nichts anderes denken konnte als: “Wunder! Wunder! Was für ein Wunder!” Damals noch mit vielen unbewussten Versprechungen verbunden, die sich im Laufe der Jahre immer weiter verschieben und verändern sollten, aber genau das ist ja der Punkt: immer noch ist da vor allem dieser Gedanke, der sich so kitschig anhört, “Wunder des Lebens.”)

[der toffifee-moment]

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Wir waren in den Sommerferien in der Bretagne und in den Herbstferien im französischen Flandern, direkt an der Grenze zu Belgien. Die Fotos der Herbstferien habe ich noch nicht einmal auf Flickr zu stellen geschafft. (Ihr solltet meine To-Do-Liste auf Workflowy sehen.) Im belgisch-französischen Grenzgebiet haben uns die vielen Gedenkstätten und Friedhöfe des Ersten Weltkriegs sehr beeindruckt (ich sage nur: Vimy).

Vimy Memorial

In Ypern waren wir im Büro der Commonwealth War Graves Commission, um uns mehr Informationen zu besorgen. Es hat uns total reingezogen, unfreiwillig pünktlich zum hundertjährigen Jubiläum des Ersten Weltkriegs.

Ein Highlight dieses Urlaubs war aber auch unser Besuch des Louvre in Lens.

Louvre Lens

Louvre Lens

[urlaub]

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Ostafrika. So gerne hätte ich die Zeit und Muße, die letzten drei Teile meines Reiseberichts zu schreiben. In der Zwischenzeit nur schonmal mein tl;dr: 2013 wird mir unter anderem auch als das Jahr in Erinnerung bleiben, in dem ich mich in Afrika verliebte.

[highlight]

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2013 habe ich sehr viel gearbeitet. Es kamen immer neue Sachen dazu, wie zum Beispiel Afrika, aber auch die Schweiz war wieder super und meine drei Monate Pendeln zwischen Prag und Berlin im Frühjahr waren auch toll. 2011 schrieb ich vom Übergangsjahr 2010, in dem wir mit Johns Schulwechsel die Grundlage für mehr Stabilität legen wollten. 2011 entwickelte sich diese Stabilität zum Glück tatsächlich und 2012 nahmen wir zur weiteren Stabilisierung Zuhause einen Rollenwechsel vor. Ich kam alleine nicht mehr gut mit John zurecht, zweimal bin ich unterwegs mit ihm gestrandet, zweimal musste Scott uns mit dem Auto abholen, weil ich mit John nicht mehr nach Hause kam. Beides dramatische Situationen, suffice it to say. Ich weiß gar nicht mehr, ob ich darüber im Weblog geschrieben habe, aber besser ist vielleicht auch, wenn nicht. Also, da ich sowieso bessere Arbeitsmöglichkeiten hatte, Scott mit John noch sehr gut alleine zurechtkommt und wir John auf jeden Fall noch Zuhause behalten wollen (die Hälfte seiner Mitschüler lebt mittlerweile im Heim) folgte dann also im Mai 2012 ein neuer Plan. Scott und ich waren uns einig: Es ist unser beider größter Wunsch, John so lange wie möglich ein schönes Zuhause zu geben. Das war am besten mit einem Rollenwechsel möglich. Seither ist Scott also hauptsächlich für die Pflege zuständig (obwohl er auch noch ein bisschen freiberuflich arbeitet, wenn es neben der Kinderbetreuung hinkommt) (haha, klingt wie sonst bei Frauen, die als Accessoire noch ein bisschen arbeiten) und ich verdiene den Lebensunterhalt für uns Drei. Das hat 2012 ganz gut geklappt und 2013 auch.

[arbeit]

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2013 war ich das erste Mal in meinem Leben auf gar keinem Konzert. Scott hat wenigstens noch viel Musik gehört, ich hatte gar keine Zeit, die Neuerscheinungen richtig zu verfolgen. Ich habe das ganze Jahr über einfach mitgehört, was er gespielt hat. Überhaupt sind wir 2013 fast gar nicht ausgegangen, wir haben nur entweder gearbeitet oder uns um John gekümmert. Das muss 2014 auf jeden Fall besser werden.

[kein konzert]

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Von Büchern, Lesungen, Filmen und dergleichen fange ich jetzt erst gar nicht an. Next year. Wobei 2013 natürlich das totale Knausgård-Jahr war. Im Februar las ich den ersten Teil, in Prag den zweiten und im Herbst den dritten. Knausgård hat mich sehr intensiv durch das ganze Jahr 2013 begleitet, ich habe seit Februar praktisch nicht aufgehört, über diese Bücher nachzudenken.

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2013 haben Scott und ich nach dem Crowdfunding im Vorjahr endlich unser Buch veröffentlicht, wenn auch mit vier Monaten Verspätung (und die Übersetzung ist leider immer noch nicht ansatzweise fertig). Nachdem ich bestimmt fünf Jahre daran rumüberlegt hatte und das Buch auf dem Umweg über Kickstarter endlich zustande kam, war die eigentliche Veröffentlichung ein merkwürdiger Antiklimax. Es ist so viel Herzblut drin und trotzdem (oder gerade deshalb?) fühlte es sich fast schlecht an, als es rauskam. Ganz merkwürdig. Ich hatte dann auch gar keine Lust, es zu bewerben. Ein Freund sagte mir: “Du musst doch alle bitten, bei amazon und bei goodreads usw. Kommentare zu schreiben.” Aber das wollte ich nicht, das wäre mir falsch vorgekommen. Ich dachte mir, wer immer das gerne tun möchte, der wird es schon tun. Und wenn das Buch sehr wenige Menschen interessiert, dann muss ich das auch einfach akzeptieren. Und es findet ja doch ein paar Leser.

Aus England bekam ich die wohl schönste Mail des Jahres von einem Mann, den ich nicht kenne und der auch einen autistischen Sohn hat. Er und seine Frau hatten beide mein Buch gelesen und dann schrieb er mir eine lange Mail über seinen eigenen Sohn und hängte sogar noch ein Foto dran. Sein Sohn ist schon 23 und ist nach den Beschreibungen und auch nach der Haltung und dem Gesichtsausdruck auf dem Bild John sehr ähnlich. Das könnte John in zehn Jahren sein, dachte ich. Allein die Tatsache, dass mir jemand so eine schöne Mail schrieb, hat das Buch für mich dann doch “richtig” gemacht, nach all den Zweifeln und dem Letdown. Seine Erzählung kam offensichtlich daher, dass er über mein Buch John kennengelernt hatte und mir deshalb von seinem Sohn und seinen Erfahrungen erzählen wollte. Ich habe ein paar Mails von Angehörigen bekommen und auch von einem Therapeuten, aber diese aus England hat mich am meisten berührt. (Meine eigene, bescheidene Miniversion einer Erfahrung, die Knausi mit seinen identifikatorischen Lesern beschreibt, die ihm so gerne von sich selbst erzählen möchten.) 

[unser buch]

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Political correctness mal wieder. Ziemlich merkwürdige Debatte darüber, ob Witze über Menschen mit Behinderung jetzt okay sind (hier gut nachzulesen). Die taz machte in der Gurke des Tages einen Witz über blinde Fußballspieler, darüber gab es einige Aufregung und Silke Burmester sagte: “Schluss mit der Sprachmaskerade.” Was ich an der ganzen Debatte so merkwürdig fand, war die Tatsache, dass Witze über Defizite in Burmesters Kolumne zu einem Bestandteil der Inklusion umgedeutet werden. Sie nutzt den Gedanken der Inklusion zur willkommenen Ausweitung eigener Grenzen aus. Sie fragt quasi: Was kann die Inklusion für mich tun? Hier geht es aber ausnahmsweise nicht darum, was privilegierte Menschen gerne alles noch mehr hätten und täten. Hier geht es darum, bescheiden und genau andersherum zu fragen und zu denken: Was kann ich für die Inklusion tun? Wie kann ich mich besser verhalten?

Es gibt bestimmt einige lustige Witze über Behinderungen. Solange man selbst nicht betroffen ist, mag man sich damit sogar für einen Moment richtig gut unterhalten. Genau das ist aber der Punkt: was Burmester als Sprachmaskeraden kritisiert sind auf der anderen Seite auch Grenzen, die wir uns selber bewusst stecken, denn nicht alles, was wir aus dem Bauch heraus tun oder lustig finden, wird auch von unserem Kopf geschätzt. Political correctness mag nerven, aber sie ist auch eine zivilisatorische Errungenschaft. So, wie wir zum Beispiel auch nicht auf jemanden einschlagen, der uns ärgert, selbst wenn wir es in einem bestimmten Moment vielleicht gerne täten. Wie wir mit unseren Impulsen zur Gewalt umgehen, das ist vielleicht ein ganz gutes Beispiel für das, was ich meine.

Dazu kommt: gerade im Bereich der Behinderung ist die politische Korrektheit in Deutschland noch nicht einmal besonders weit gediehen. Immer noch stellen sich zum Beispiel permanent Menschen ohne einen entsprechenden Ausweis mit ihren Autos auf Behindertenparkplätze. Und was passiert, wenn man sie freundlich darauf hinweist? Eine Frau weigerte sich zum Beispiel selbstgefällig, es überhaupt anzuerkennen: sie parke neben dem Behindertenparkplatz, sie sei eine sehr rücksichtsvolle Frau und würde niemals auf einem Behindertenparkplatz parken. Ich erklärte ihr, dass sie ihr Auto aber nicht auf einen Parkplatz gestellt hatte, sondern auf eine schraffierte Fläche, die neben dem Behindertenparkplatz dafür freigehalten werde, dass auch ein Rollstuhlfahrer aussteigen kann. Deshalb wäre es sinnvoll, sich auf einen Parkplatz zu stellen, der auch als solcher ausgewiesen sei, und davon gibt es ja auch genügend, nur eben nicht ganz direkt vor dem Eingang. Sie dampfte schnaubend ab. Das sei lächerlich, da sei genug Platz. Ein anderer Mann behandelte mich wie Luft, ließ einfach seinen Wagen stehen und ging ins Geschäft. Es ist leider fast nie ein Dialog möglich. Ich spreche die Menschen wirklich immer ganz höflich und freundlich an, aber das nützt gar nichts. Sie sind nicht bereit zuzuhören und empfinden es als Zumutung, überhaupt angesprochen zu werden. Ihre Ablehnung zeigt, wie sehr sie den Platz zwischen sich (oben) und uns (unten) brauchen, warum auch immer. Als würden wir ihnen all ihr Hab und Gut nehmen, wenn sie uns die Parkplätze überließen.

Silke Burmester schreibt: “Wenn ihr, liebe Menschen mit Behinderung, dazugehört, dann seid ihr Teil der Gemeinschaft. Im Zweifelsfall einer Gemeinschaft der schlechten Witze. Witze von Ringel. Natürlich wäre es schön, Witze würden nicht auf Kosten von Minderheiten gemacht oder von Defiziten. Aber euch geht es ja darum, nicht als defizitär wahrgenommen zu werden. Uns auch. Und deswegen behandeln wir euch so beknackt wie andere auch.” (Mit dieser Argumentation könnte man auch pro rassistische Witze argumentieren, das würde Frau Burmester wahrscheinlich aber nicht tun, also vielleicht nochmal drüber nachdenken, bevor man es in eine Kolumne haut.) Natürlich kann es einen stören, wenn PC absurde Ausmaße annimmt, “man nichts mehr sagen darf”, aber der Umkehrschluss, deshalb nun einfach alles sagen wollen zu dürfen ist auch kontraproduktiv. Vielmehr braucht es zum Beispiel ein genaueres Nachdenken darüber, wie wir Dinge aussprechen können, ohne verletzend zu sein. Zwischen Schönreden und Bloßstellen ist viel Platz.

Weiter vorne in ihrem Text argumentiert Silke Burmester dafür, dass man Defizite nicht schönreden soll. Bei den Witzen geht es ihr plötzlich darum, die Menschen mit Behinderungen nicht mehr als defizitär wahrzunehmen. Das ist der bedauerliche Widerspruch in der Logik ihres Textes. Anzuerkennen, dass es Defizite gibt, wie sie es vorher ganz richtig und zutreffend fordert, bringt nämlich mit sich, dass man sehr wohl darüber nachdenken sollte, wie man jemanden behandelt.

Sobald das Alltagsleben von Menschen mit Behinderungen und ihren Angehörigen nicht mehr von so vielen Problemen im öffentlichen Umgang miteinander geprägt ist – falls wir wirklich mal teilhaben und unsere Bedürfnisse akzeptiert, respektiert und umgesetzt werden – können wir über die Witze gerne nochmal sprechen.

[pet peeve]

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2013 war ein anstrengendes Jahr in vielerlei Hinsicht. Mein Vater war sehr krank und es gab im Familien- und Freundeskreis zwei Tode, die mich sehr getroffen haben. 2014 darf gerne etwas leichter werden, bitte.

Gestern sind wir wieder einmal mit John um die Krumme Lanke gelaufen, eine alte Routine. Vorher und nachher bekommt er immer ein Kaktus-Eis an dem Imbisswagen, der vor der Krummen Lanke steht, das weiß John genau und macht das Ganze vermutlich auch nur deshalb überhaupt noch manchmal mit. Das Paar, das diesen Wagen betreibt, kennt John schon seit 2006. (Stellvertretergedanke an all die Menschen am Rande des Bewegungsradius unseres Lebens, die wir gar nicht kennen und die John doch mit aufwachsen sehen und erleben.) Jedenfalls sagte mir die nette Dame, wir müssten 2014 auf uns aufpassen, denn das Jahr werde von Saturn regiert und das bringe viel Unruhe.

So viel zum Wunsch nach einem ruhigeren und leichteren Jahr.

[Scott auf dem Weg zum Auto: “She doesn’t realize, every year is restless.”]

november so. [life is what happens to you while you’re busy making other plans]

Ausflug nach Werder (an der Havel) |
MDK: Pflegestufenbegutachtung |
Kinderpsychiater: Rezept für Johns Medikament |
Weltempfänger |
Ein Suizid, der mich ganz schön aus der Bahn wirft. |
Gemeinsamer Bundesausschuss: Sitzung AG Gestationsdiabetes |
Lotta Wundertüte |
Bewerbungen |
Gemeinsamer Bundesausschuss: Sitzung AG Psych. |
Café A.Horn am Urbanhafen |
Vater im Krankenhaus, erstmals mit dem Fernbus nach Oldenburg |
Deutschlandfunk: Zwischentöne mit Hajo Funke (kommt sogar Friesoythe drin vor!) |
Bibliothek |
Hausärztin wegen Schilddrüse |
Schneiderin, Bank, Apotheke |
Arcade Fire |
Abgabe zweier Übersetzungen |
Doku Leben, lieben, vergessen. Alzheimer mit 40 |
Volkspark Rehberge |
Lieferung des neuen Herds & Ofens |
Jährliche “Dauerverordnung Inkontinenzmaterial” läuft ab: Kinderarzt |
John zwei Tage keine Schule wegen Klassenausflügen, die er nicht gut mitmachen kann. |
Gemeinsamer Bundesausschuss: Sitzung AG Kinder |
Mit dem Zug nach Hanau, Trauerfeier in Heidelberg |
Steuererklärung |
Rechnungen schreiben, Rechnungen bezahlen |
Winterreifen |
Knausgård |
John Zahnarzt |
Geburtstagsfeier in der textetage |
Briefe: Künstlersozialkasse, Krankenkasse, Servicecenter Fahrgastrechte |
Polen (Zigarettenkauf) |
Magical Mystery |
Zwei neue Jobs |
Morgen: Thanksgiving |
Übermorgen: Jährliches Weihnachtsessen der in und um Berlin lebenden Familienmitglieder (15) in Charlottenburg.

the east african travelogue [dritter teil: serengeti].

“Everything in Africa bites, but the safari bug is worst of all.”
(Brian Jackman)

Nach meiner ersten Pirschfahrt träume ich nachts von der Savanne, dem gelben Gras, das sich im Wind bewegt und den Löwen im Gras – ganz so, wie wir es tagsüber gesehen haben. Es fühlt sich absurd real an. Hermann, in dessen Auto ich am nächsten Morgen sitze, lächelt und sagt, er höre immer wieder, dass die Ausländer vom Land und von den Tieren so lebhaft träumen. Und die Geräusche, die wir die ganze Nacht gehört haben, so ein merkwürdiges Kichern, was waren das denn nur für Vögel? Das waren keine Vögel, sagt er, das waren Buschbabys, kleine Feuchtnasenaffen. Er ahmt das Kichern nach und genau, das ist es. Unsere Fahrer und unser Safari Manager sind sehr gut darin, alle möglichen Tiergeräusche nachzuahmen und so lernen wir langsam zu unterscheiden, was wir hören, wenn wir es nicht sehen. (Das Bellen der Paviane, das Keuchen der Hyänen.)

Es gehört mit zu den tollsten Erfahrungen der Reise, abends im Bett zu liegen, diese ganzen Geräusche zu hören und wegzudämmern im Bewusstsein, dass direkt vor der Tür all diese Tiere aktiv sind. Sie tragen einen direkt in diese lebhaften Träume hinein. Ich liebe Einschlafen im Busch. Ich glaube, ich hatte mir vorher vorgestellt, dass das irgendwie beängstigend sein könnte, ist es aber tatsächlich überhaupt nicht.

Unser Safari Manager ist ein Maasai. Sein Vater ist noch in einer traditionellen Siedlung aufgewachsen, als eines von zehn Kindern. In den Fünfzigern, also vor der Unabhängigkeit, verlangten die Engländer von Familien mit so vielen Kindern, wenigstens eines in die Schule zu schicken. Weil Philips Vater der schlechteste Ziegenhüter war, wählte der Vater ihn für die Schule aus. Das Glück der Bildung genoss er also nur, weil er von allen zehn Kindern am Entbehrlichsten war. Er lernte und wurde später selbst Lehrer. Seine Kinder wuchsen außerhalb des Dorfes auf, jedoch haben sie Maa gelernt, die Sprache der Maasai, und auch zeitweise im Dorf gelebt, um die Bindung an den Stamm zu halten. Philip kennt also beide Welten sehr gut und ich bin dankbar, mit ihm ins Maasai-Dorf zu gehen, was mir ansonsten sehr touristisch und/oder übergriffig vorgekommen wäre.

Nach zwei Nächten Ngorongoro fahren wir weiter in die Serengeti. Zuerst sind da noch viele Bäume und einigermaßen viel grün, die Bäume sind oft mit Epiphyten bewachsen und mit Baumflechten behangen. Es gibt viele der für Afrika so typischen Akazien, zuerst flat-top acacias (von denen ich nicht weiß, wie sie auf Deutsch heißen), später Schirmakazien und auch Fieberakazien, mit der gelben Rinde, die ihren Namen vom Gelbfieber haben, oder vom Malariafieber, je nachdem, welcher Quelle man Glauben schenkt. Es gibt, so Hermann, Hunderte Arten von Akazien und als eine unserer Reisenden ihn fragt, ob sie denn alle Dornen haben, sagt er: “Absolutely. Let’s say: if it doesn’t have thorns, it’s not an acacia.”

Es gebe in Afrika aber auch exotische Bäume. Er zeigt auf eine Kiefer und ich denke mir, wie schön das ist: die Vorstellung (im doppelten Sinn) der Kiefer als exotischer Baum.

[Ich interessiere mich eigentlich weniger für Bäume, aber es gehört anscheinend zu meiner conditio africana, dass ich plötzlich restlos alles interessant finde.]

Wir fahren am Grab von Bernhard und Michael Grzimek vorbei. Ich habe als Kind natürlich Serengeti darf nicht sterben gesehen, aber ich kann mich nicht erinnern, dass es einen übermäßig großen Eindruck auf mich gemacht hat. Erst hier vor Ort erwischt mich diese Begeisterung, und es sind überhaupt nicht nur die Tiere, es sind natürlich auch die Menschen und vor allem diese Landschaft: die Luft, die irgendwie anders ist, der hohe Himmel, das Licht, die schönen Farben, die Gerüche und Geräusche. Im Stillen entschuldige ich mich bei den Grzimeks. (Dass ich aber auch immer erst selbst an Orte kommen muss, um zu begreifen.)

[Trivia: was ich vorher auch nicht wusste: Nach dem Tod von Michael Grzimek, der im Flugzeug in Tansania mit einem Geier kollidiert und dabei gestorben war, ließ Bernhard Grzimek sich scheiden, heiratete die Frau seines verstorbenen Sohnes und adoptierte seine eigenen Enkelkinder.]

Wir kommen in eine wüstenartige Landschaft, in der sich der rote Staub über die paar verbliebenen Bewüchse gelegt hat. Elefanten essen Staub. Hermann: “It’s part of their diet, and actually it’s now part of our diet, too.” Er lacht und Recht hat er. Beim Fahren atmen wir so viel von diesem Staub ein, dass wir alle sehr viel Wasser trinken, denn der Staub trocknet einen innerlich regelrecht aus. Die kahle, rote Landschaft sieht im Kontrast mit dem tiefblauen Himmel fast surreal aus.

Auf dem Weg nach Serengeti

Giraffen (Ngorongoro)

Drei Giraffen (Ngorongoro)

Vier Giraffen (Ngorongoro)

Zwischenstopp in der Oldupai-Schlucht. Wir haben einen Vortrag mit einem Archäologen gebucht. Während meine Gruppe erfreut die Toiletten stürmt, lerne ich den Wissenschaftler kennen und bespreche kurz unseren Zeitplan mit ihm. Schon von diesen wenigen Minuten Vorgespräch weiß ich, dass es gut werden wird, und tatsächlich ist sein Vortrag fantastisch. Die Oldupai-Schlucht wird als Wiege der Menschheit bezeichnet (wenn auch Kenia, Tschad und Äthiopien das gleiche von sich sagen können). Hier wurden Fußabdrücke gefunden, die vor etwa 3,7 Millionen Jahren entstanden und die zeigen, dass die Hominiden offensichtlich schon in aufrechtem Gang über frische Vulkanasche gegangen sind. Nach dem Vortrag haben wir noch Zeit für das Museum. Eine Echse blickt in die Schlucht.  

Echse blickt in die Oldupai-Schlucht

Vogelnester (Oldupai Schlucht)

Die Vogelnester sind wohl nur interessant, wenn man die Geschichte dazu kennt: sie gehören einer einzigen Vogelfamilie, die auch nur in einem dieser Nester lebt. Die anderen Nester sind Attrappen zum Schutz vor Angreifern. Die Vogelfamilie lebt in dem Nest, das für Angreifer am Schwierigsten zu erreichen ist und somit ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass ein falsches Nest angegriffen wird. [Das ist ein bisschen so wie mit uns und dem Datenschutz jetzt.]

Wir kommen in der Lodge in Serengeti an, ich gehe in mein Zimmer und bin begeistert vom Ausblick und vom Affenbesuch auf meinem Balkon.

Blick von der Lodge in die Serengeti

Affenbesuch auf meinem Balkon

Wir sehen die typischen, abgerundeten Granitfelsbrocken, Kopjes, die ursprünglich unter der Erde lagen und dann mit der Zeit freigespült wurden. Auf einem der Kopjes liegt ein großer Löwe. An einem Fluss sehe ich zum ersten Mal ein Dikdik, die kleinste Antilopenart, kaum größer als ein Hase.

Dikdik (Serengeti)

An einem See die ersten Flamingoschwärme. (Ja, Afrika ist nicht Jenseits von Afrika, aber natürlich muss ich an diese Szene mit den Flamingoschwärmen denken, als Robert Redford und Meryl Streep in seinem Flugzeug an einem See entlang fliegen.) Und dann sehen wir einen Geparden, der eine Gazelle erlegt. Er hält sie lange ganz still, das Maul in ihren Hals gegraben, er wartet geduldig, das ist brutal, aber noch brutaler ist es, als er sich sicher ist, dass die Gazelle tot ist, und er sie zu fressen beginnt. Ein Blutbad. Wir fahren zurück in die Lodge, für heute reicht es mit der Wildnis.

Am nächsten Morgen Wecken um vier Uhr nachts, Abfahrt 4:30 Uhr, um halb sechs kommen wir bei den Ballons an, die mit der aufgehenden Sonne vorbereitet werden, und gegen halb sieben steigen wir im Morgengrauen ein und auf und dazu gibt es nicht viel zu sagen. Das ist erhebend (auch im doppelten Sinn).

Ballonfahrt im Morgengrauen (Serengeti)

Ballonfahrt (Serengeti)

Blick vom Ballon auf die Autos (Serengeti)

Ballonfahrt (Serengeti)

Blick auf die Serengeti von oben

Serengeti von oben

Die Ballonfahrt kostet $500 pro Person. Ein Paar hatte einen Tag vor Abreise storniert und die Ballonfahrt, die nicht mehr storniert werden konnte, war also schon bezahlt, deshalb durfte ich kostenlos mitfahren. Was für ein Glück.

Danach Frühstück im Busch, mit einem Plumpsklo als Buschtoilette – Loo with a View.

Buschfrühstück

"Loo with a view" (Buschtoilette)

Serengeti wird von allen Nationalparks mein Favorit bleiben.

Sonnenuntergang (Serengeti)

Giraffe (auf dem Weg nach Serengeti)

Giraffe (Serengeti)

Elefant (Serengeti)

the east african travelogue [zweiter teil: ngorongoro].

“Take nothing but photos and leave nothing but your footprints.”
(Philip, unser Safari Manager)

Auf dem Weg von Arusha nach Ngorongoro sehen wir gleich am Beginn der Fahrt den als Charakterberg bezeichneten Kilimanjaro, den höchsten Berg Afrikas. Er liegt an der Grenze von Tansania und Kenia, noch in Tansania, aber den schönsten Blick soll man vom kenianischen Amboseli Nationalpark haben, den wir in der zweiten Woche besuchen werden. In der Zwischenzeit freue ich mich, den Kili hier schon einmal zu sehen. Der Gipfel trägt eine viel kleinere Schneekuppe, als ich es von Fotos kenne. Unser Fahrer erklärt, dass es einerseits an der Jahreszeit liege und andererseits schmelze der Schnee wohl tatsächlich immer mehr ab. Der Gipfel heißt Uhuru Peak, weil die Tanganyika African National Union dort 1961 Fackeln der Freiheit entzündete. Uhuru, das ist das Wort für politische Freiheit und Unabhängigkeit, es wird uns in Tansania und Kenia überall begegnen.

[Trivia: Der Kilimanjaro wurde am 6. Oktober 1889 das erste Mal bestiegen, und zwar durch Ludwig Purtscheller aus Salzburg und Hans Meyer aus Leipzig. Warum mich das interessiert, weiß ich auch nicht, vielleicht wegen der ganzen Eiger-Geschichten im August in der Schweiz, wo mich der Blick von Mürren aus auf den Eiger immer ein bisschen umhaut. Aber zurück nach Tansania.]

Am Wegesrand bereiten Frauen mtoke zu, Kochbananen. In einem kleinen Ort finden wir eine Apotheke und kaufen Antibiotika für eine meiner Reisenden, die sich auf dem Flug eine Blaseninfektion eingefangen hat. So langsam werden die Städte und Dörfer seltener und ich sehe zum ersten Mal das weite Land, die typisch ostafrikanische Savanne.

Auf dem Weg in den Busch

Die Straße ist an vielen Stellen im Bau befindlich und so müssen wir oft auf ungeteerte Pisten voller Schlaglöcher ausweichen. Wir schaukeln ordentlich in unseren Land Cruisern und nach zwei Stunden kommt ein Funkspruch aus einem unserer Autos, er hat einen Platten. Wir halten an und die Fahrer wechseln gemeinsam – und in erstaunlicher Geschwindigkeit – den Reifen aus. Zum Glück hat jeder Wagen zwei Ersatzreifen. Die braucht man hier, das ist schnell klar. Als wir wieder einsteigen, zeigt Peter, der Fahrer des Autos, in dem ich für diese Wegstrecke sitze, in die Landschaft und sagt: “By the way, that’s a baobab over there.” Mein erster Affenbrotbaum, und ich hätte ihn vor lauter Reifenwechseln fast verpasst.

Wir nähern uns dem Großen Ostafrikanischen Graben. Das Great Rift Valley entstand vor zwei bis drei Millionen Jahren durch Erdfaltung und erstreckt sich über 6.000 Kilometer vom Toten Meer bis Mosambik. Aus unserem Minifitzel Deutschland kommend, bin ich schwer beeindruckt. Die Ausmaße von allem hier scheinen unfassbar.

Wir fahren in vielen Kurven den Rand des Ngorongoro-Kraters hoch, unsere Lodge liegt auf etwa 2.400 Metern Höhe. Der Krater entstand durch Lavaströme. Bei einer Explosion sackte die Mitte ein und bildete einen Vulkankegel von zehn mal sechzehn Kilometern. Heute ist es der größte, nicht mit Wasser gefüllte Krater der Erde und bis zu 30.000 Tiere leben dort. Viele verlassen den Krater anscheinend niemals, sie haben dort alles, was sie zum Leben brauchen. Die großen Tierwanderungen finden woanders statt, da kommen wir auch noch hin, hier konzentrieren sich die Tiere aber erst einmal.

Am nächsten Morgen machen wir unsere erste Pirschfahrt. Damit wir weiter fahren können, nehmen wir unser Mittagessen gleich als Lunchbox mit. Wir fahren hinunter in die Caldera.

Unterwegs nach Ngorongoro

Ich bin im Auto von Donald und er schlägt vor, dass jeder zehn Punkte bekommt, der ein Tier entdeckt. Genau in dem Moment sehe ich links von uns zwei Zebras, die ersten 20 Punkte sind meine. Wenn man meint, ein Tier gesehen zu haben und es stellt sich als Busch heraus, werden Punkte abgezogen. Im Laufe des Tages haben wir viel Spaß mit unseren Punkten. Und wir sehen unglaublich viele Tiere. Unsere Land Cruiser haben ein Dach, das geöffnet werden kann, und so können wir im Auto stehen und die Tiere direkt beobachten und fotografieren, wobei einige sehr nah sind und andere doch eher fern, wie zum Beispiel ein Schwarznashorn, das wir nur mit dem Fernglas beobachten können, während ein Gnu direkt neben dem Wagen steht.

Zebraherde (Ngorongoro)

Gnus (Ngorongoro)

Tüpfelhyäne (Ngorongoro)

Donald fragt uns jeweils: “Sawa, sawa?”, ob wir bereit sind weiterzufahren. Sawa heißt gut, und seine Frage damit soviel wie: “Sind wir gut?” (was natürlich auf Deutsch keinen Sinn macht, aber auf Englisch schon). Das Sawa, sawa benutzen wir in den beiden Wochen dann ständig, wenn es weitergehen kann. Binnen weniger Tage lernen wir fast so etwas wie eine eigene Sprache, dazu gehört zum Beispiel auch der Ausdruck “checking the tyres.” Wenn wir in der Wildnis unterwegs sind, gibt es natürlich nur selten Toiletten. Die Fahrer müsen einen Ort finden, an dem es nicht gefährlich ist auszusteigen, und dann muss derjenige oder diejenige hinter das Auto gehen, das ist die einzige Möglichkeit. Und das heißt eben: “Donald, I need to check the tyres.”

Mittagspause an einem See. In unseren Lunchboxes gibt es einen unglaublich leckeren Passionsfruchtsaft. Wir essen in den Autos und werden gewarnt, bloß kein Essen mit nach draußen zu nehmen. Tatsächlich kreisen über uns große Schwarzmilane, Raubvögel, die in Sekundenbruchteilen hinabstürzen können und anscheinend schon Touristen schwer verletzt haben, die Essen mit aus den Autos genommen haben.

Schon am ersten Tag im Busch haben wir vier der Big Five gesehen: Elefant, Büffel, Nashorn und Löwe. Uns fehlt nur noch der Leopard. Ich lerne, dass es neben den Big Five auch die Ugly Five gibt, zu denen die Gnus gehören und die Warzenschweine, die wir gesehen haben. Was wir nicht alles gesehen haben: so viele Thomson- und Grant-Gazellen, Impalas, Tüpfelhyänen, Strauße und Riesentrappen, und was ich jetzt noch alles vergesse. Ngorongoro wird als achtes Weltwunder bezeichnet und ist ein UNESCO Weltkulturerbe, keine Frage warum.

Sonnenuntergang (Ngorongoro)

the east african travelogue [erster teil: ankunft in arusha].

“There are no foreign lands. It is the traveler only who is foreign.”
(Robert Lewis Stevenson)

Die ganze Zeit möchte ich meinen Reisebericht über Afrika schreiben und schaffe es zuerst tage- und dann wochenlang nicht. Weil so viel passiert ist? Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll, das stimmt. Oder weil es so schwer zu beschreiben ist? Alles, was ich sagen möchte, driftet schon im Denken so leicht in zu viel Pathos ab und mir ist natürlich klar, dass dieses Pathos an der afrikanischen Realität vorbeigeht. Afrika, das ist nicht die romantisierte Welt von Jenseits von Afrika.
[“I had a farm in Africa, at the foot of the Ngong Hills.” Ich höre prompt Meryl Streeps Stimme.]
Heute zieht selbst ein traditionell gekleideter Maasai auch schonmal plötzlich ein Handy aus seiner roten Shouka. Aber vielleicht beginne ich doch lieber am Anfang.

Flug über Istanbul nach Arusha, Ankunft Ortszeit 3:20 Uhr in der Nacht. Mit mir steigen nur eine Handvoll Leute aus, der Rest fliegt weiter nach Mombasa. Das Visum für Tansania hatte ich mir nicht mehr vorher in Berlin besorgt und kaufe es problemlos bei der Ankunft – es kostet vor Ort sogar nur $50 anstatt in Deutschland €75. Mein Gepäck kommt nicht an, der Lost & Found Schalter ist zur Nacht nicht besetzt. Ich darf die Ankunftshalle nicht verlassen und danach wieder reinkommen, kann also dem auf mich wartenden Fahrer draußen nicht Bescheid sagen. Ich hoffe, dass er nicht wegfährt und suche jemanden, der die Meldung zum vermissten Gepäck aufnimmt. Mit ziemlicher Verspätung komme ich dann nach draußen, mein Fahrer wartet noch, und sogar noch jemand vom Büro des Ground Operators, mit dem wir in Tansania zusammenarbeiten. Zwei Leute schlagen sich die Nacht um die Ohren, um mich abzuholen. Ich habe ein schlechtes Gewissen, aber man kann sich hier nicht einfach ein Taxi zum Hotel nehmen.

Wir fahren etwa eine Stunde nach Arusha. Sie haben mich in einem der Geländewagen Marke Land Cruiser abgeholt, mit denen wir die Safari machen werden. Das Fenster lässt sich leicht zur Seite schieben. Draußen ist es dunkel, ich erahne nur die Natur, aber die Luft ist wunderbar, ganz mild. Wir fahren durch vereinzelte Townships, in denen Menschen in der Dunkelheit zwischen Wellblechhütten herumlaufen. Langsam geht die Sonne auf, während wir Arusha erreichen. Den Vorschlag, unser für 10 Uhr geplantes Meeting auf den nächsten Morgen zu verschieben, nehme ich dankbar an und lege mich um sechs Uhr morgens ins Bett. Unter einem Moskitonetz zu schlafen ist gewöhnungsbedürftiger, als ich es mir vorgestellt hatte. Ich habe noch nie Platzangst gehabt, aber unter dem Netz das erste Mal eine Ahnung, wie sich das anfühlt.

Als weiße Frau in Arusha alleine spazieren zu gehen, erweist sich als nahezu unmöglich. Bei jedem Schritt werde ich angesprochen, ob ich Schuhe kaufen möchte, eine Rundfahrt mit dem Motorrad machen oder eine Safari buchen. Im Buchladen, der im Schaufenster “Books in English” bewirbt, sind ausnahmslos alle Bücher auf Englisch Ratgeber, wie man geschäftlichen Erfolg erzielt und reich wird. How to become a millionaire. Ich gehe ins Africafé und – kolonialistisches Erbe? – sehe in der Auslage als Erstes eine Schwarzwälder Kirschtorte (die ich nicht esse).

[Trivia: Das Kisuaheliwort für Geld, hela, kommt vom deutschen Heller. Ein Angehöriger der High-Society heißt wabenzi, abgeleitet von Mercedes-Benz-Fahrer.]

Im Hotel elende Versuche, mit dem Lost & Found am Flughafen zu telefonieren und etwas über mein Gepäck herauszufinden. Jemand vom Hotel bringt mir netterweise einen Beutel mit Deo, Zahnbürste, Zahnpasta, Shampoo und einem grünen T-Shirt mit der Aufschrift Jambo Tanzania. Da die Klimaanlage nicht funktioniert, oder ich sie zumindest nicht ans Laufen bringen kann, öffne ich das Fenster. Ich bin beeindruckt von den Bananenbäumen, die fast ins Zimmer ragen und merke erst spät, dass sie Heimat recht großer, merkwürdig aussehender Insekten (einer Grillenart?) sind, die ich mit dem Öffnen des Fensters in mein Zimmer einlade. Argh, bestimmt ein totaler Anfängerfehler. Dann also erstmal Insektenjagd.

Bäume vorm Fenster

Obwohl ich am ersten Tag noch fast gar nichts wirklich gemacht habe, bin ich erschöpft. Das bloße Sein wird anstrengend, wenn alles ungewohnt ist. Ich kann gar nicht anders, als in jeder Sekunde alles wahrzunehmen, weil eben alles anders ist. Alleine wenn ich nur von meinem Zimmer zum Restaurant durch den Garten laufe, ist das kein schnödes Laufen von A nach B, weil die unbekannten, erstaunlich starken Düfte der blühenden Pflanzen in der Luft hängen. Im Restaurant schlägt die Köchin ein Ei für ein Omelett auf und das Eidotter sieht ganz hellgelb aus, fast weiß. Alles riecht anders, alles sieht anders aus, bis hin zum Eigelb, ohne Scheiß. Das ist ebenso faszinierend wie erschöpfend.

Für das Meeting werde ich am nächsten Morgen schon wieder gleich von zwei Leuten abgeholt. Die Reisegruppe kommt am Abend an und bis dahin haben wir alles tiptop vorbereitet. Auf dem Weg zum Flughafen nehmen mich meine neuen afrikanischen Kollegen, die sich schnell als sehr sympathisch und nett herausgestellt haben, mit in ein kleines Café, weil wir viel zu früh dran sind. Das Café besteht aus einer bunt angemalten Hütte und ein paar roten Plastikstühlen und -tischen, die draußen in den Sand gestellt wurden. Im Gegensatz zum Africafé in der Innenstadt, in dem nur Touristen gewesen waren, bin ich hier die einzige Weiße. Es gibt traditionelles Essen, ugali (eine Art Polenta) und afrikanischen Eintopf. Als ich zum Bezahlen reingehe, bin ich ehrlich gesagt froh, dass ich die Küche nicht vor dem Essen gesehen habe.

Einer meiner Reisenden wird im Rollstuhl aus dem Flughafengebäude gefahren. Er hat eine Halbseitenlähmung, wie ich später erfahre von einem Absturz in einer Cessna. Einen eigenen Rollstuhl hat er nicht mitgebracht, weil er am Stock langsam selbst laufen kann. In den Lodges sind die einzelnen Hütten aber teils recht weit voneinander entfernt und das Gelände ist uneben und hat Gefälle, sagt mein afrikanischer Kollege. Er ruft gleich unsere Lodges an, die zum Glück alle einen Rollstuhl haben.

Mein Gepäck wurde gefunden und soll in der Nacht mit dem nächsten Flugzeug aus Istanbul ankommen. Nach drei Tagen ist es da, was für eine Erleichterung, gerade rechtzeitig für unsere Abreise aus Arusha in Richtung Ngorongoro-Krater. Wir fahren zum ersten Mal in unserem Konvoi von sechs Land Cruisern: meine Gruppe hat 26 Personen, jeweils sechs passen in ein Auto und der Safari Manager und ich wechseln zwischen den Autos.

Konvoi

Auf dem Weg aus der Stadt heraus sehe ich eine Wellblechhütte, die kaum größer ist als ein Dixie-Klo, ein Loch aus dem Blech geschnitten als Tür, und ein kleineres als Fenster, und in bunten Farben steht mit dem Pinsel draufgemalt: “Hair Cut Saloon.”

Weitere Straßenimpressionen von unterwegs im Bild (unterschiedliche Orte und Transfers):

Ole's Hotel

Straßenszene

Straßenszene

Wasserstelle

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