Archiv für Filme

tddl 2010 [der erste tag].

Klagenfurt, Bachmannpreis 2010, es ist so weit.

Erster Text des Bewerbs: Sabrina Janesch, Katzenberge.

Wir befinden uns in Schlesien. Männer sehen sich blinzelnd um, vom Staub verschmutzte Haare wirken grau, knochige Schultern, dampfende Erde, fremder Geruch von Beton, jemand meldet sich mit leiser Stimme, ein anderer streckt seine Nase in die Luft.

Vom Wiesenschaumkraut übersäte Felder. Konturen von Menschen in der Ferne verschmelzen fast mit dem Hintergrund. Hüte sitzen auf den Köpfen wie hässliche Tierchen, Rufe füllen jeden Winkel der Siedlung und der Felder, bis in den Wald, in die Flur und bis hinauf in den Himmel. Es wird an Toren gerüttelt, sich brüllend und schnaufend den Eingängen der Häuser genähert.

Einer hört sein Blut in den Ohren rauschen, sein Herz schlägt gegen den Brustkasten, er umschließt die Klinke mit seiner Hand, fühlt die Kühle des Metalls. Hinter der Pforte lauert ein Brombeerstrauch. Ein Fenster ist sperrangelweit geöffnet, Schilf wiegt sich, Balken ächzen. Auch nachdem es ihm gelungen ist, das verzogene Holzfenster zu verriegeln, kann er kein Auge zumachen, mit fahrigen Händen streicht er sich über den Kopf.

Unter seinen Füßen quieken die Dielen, als sei er auf ein lebendiges Tier getreten. Dann die Erkenntnis: Herr Dietrich hat sich mit Hut und Krawatte aufgehängt. Mit einem dumpfen Laut fällt die Leiche zu Boden.

Prädikat: der neue Juror Hubert Winkels stellt die ebenso bittere wie treffendste Diagnose: Literatur aus dem Setzkasten.

Streitbare Praxis, an die mich der Text erinnert: auf dem Oktoberfest in Chicago hing im Zelt neben den Flaggen von Niedersachen und anderen Bundesländern auch die Flagge von Schlesien.

Zweiter Text: Volker H. Altwasser, Letzte Fischer.

Dass der Offizier die Seekarte “versonnen” betrachtet, okay. Zu viele Ausrufezeichen: geschenkt. Ein deplatziertes “rekapitulierte Rösch”, naja. Bin nach Wie ich vom Ausschneiden loskam milde gestimmt. Ein Schiff vor Somalia, Giftmüll der italienischen Mafia, Piraten, Kurznasenseefledermäuse, das ist doch interessant – weniger dagegen aber leider die Zuhause verbliebene Frau Mathilde.

Und dann so Sachen wie: “…und plötzlich erinnerte sich der alte Mann an seinen uralten Traum vom Meer! Das Meer war dabei, ihm seinen Traum zu erfüllen. Es wollte ihn reich machen, damit er seinen Enkel auf eine große und wichtige Schule schicken konnte!” Ich mag es nicht, wenn ein Erzähler sich den Figuren gegenüber so überheblich zeigt (“der einfache Fischer”).

In einem Kommentar auf zeit.de wird alles mögliche in den Text hinein interpretiert: die Kurznasenseefledermaus schaffe als Metapher eine “sphaerische Verbindung aus Unterbewusstem (Meer) und Bewusstem (Luft als Sphaere des Geistigen).” Psychoanalytische Literaturkritik, wer’s mag. Natürlich ist “die Bindung zu Mathilde (Ursprung) und Freiheit auf dem Meer (Ursprungslosigkeit) ein zentrales Motiv des Textes”, aber meines Erachtens eben nicht gut ausgearbeitet, weil das zweite Moment, die Ursprungslosigkeit, auf hohem Niveau dargestellt wird, das erste Moment Mathilde aber sehr banal daherkommt, bzw. recht unklar bleibt, weil man als Leser die Mathilde gar nicht kennenlernt. Für eine aussagekräftige Gegenüberstellung müsste der Autor beide Elemente mit derselben Tiefe ausarbeiten. Mir erscheint jedenfalls klar, dass das Herz des Autoren viel mehr am Meer hängt als an Mathilde, ersteres Thema ist liebevoll erschrieben und zweiteres eher aus Pflichtgefühl dazwischen gesetzt. Im Videoporträt hat er versprochen, dass von ihm keine Liebesgeschichte zu erwarten sei – hätte er sich doch dran gehalten.

Harte Szenen des Häutens und dann wieder Kitsch, das geht alles nicht zusammen, ein etwas disparater und zwiespältiger Text, kein Preiskandidat, muss ich wohl sagen, verliert sogar nach dem Vortrag beim nochmaligen Abendlesen. Eine potentiell und in Ansätzen schöne Erzählung, aber nicht gut umgesetzt.

Dritter Text: Christopher Kloeble, Ambrosisch.

Ulrich Ditzen erzählte letzte Woche bei einer Lesung, dass sein Vater Hans Fallada immer früh ins Bett ging, gegen 22 Uhr, weil er schon um drei oder vier Uhr morgens wieder aufwachte, die Arbeit ließ ihn nicht los, er kochte sich einen Kaffee und setzte sich an den Schreibtisch, arbeitete den ganzen Tag, bis er am nächsten Abend um zehn wieder vor Erschöpfung einschlief und in den sehr frühen Morgenstunden wieder aufstand. Seine eigene Vorgabe war es, niemals weniger zu schreiben als am Tag davor, ich nehme an, so kann man sich bestens selbst zugrunde richten. Auf die Frage, ob es nicht schwierig gewesen sei, einen solch besessenen Vater gehabt zu haben, sagte Ditzen: “Everyone has their fate.”

Mein Schicksal ist es nun, dass ich bei der Lesemaschine zugesagt habe, etwas zum dritten Text des Bewerbs zu sagen, einem Auszug aus dem Roman “Ein versteckter Mensch” von Christopher Kloeble. Ein Sohn zieht zu seinem geistig behinderten Vater, der nur noch fünf Monate zu leben hat. Zunächst sind da die verunglückten Dialoge, ich weiss ja nicht, mit welchen geistig behinderten Menschen Kloeble so zu tun hat, aber die, die ich kenne, sprechen nicht so. Dann weint der Vater natürlich Krokodilstränen, wie es sich für einen geistig Behinderten gehört, es können keine einfachen Tränen sein, nein, wie ein Kind weint er Krokodilstränen. Die den Text durchdringende Überheblichkeit ist in der Sprache angelegt, ärgerlich und bevormundend, am Ende müssen wir dann auch noch das Selbstmitleid des Protagonisten ertragen, der mit seinem geistig behinderten Vater hadert. “Albert erwiderte seinen Blick und wünschte sich einmal mehr, er hätte Fred einfach eine Frage stellen und Fred sie ihm einfach beantworten können, ein stinknormales Gespräch, das wünschte er sich, bei dem Fred seine Worte so verstand wie Albert sie meinte.” Das ist dann ein bisschen wie Jean-Louis Fournier auf Valium.

“Schweigen drang durch die Tür”, heißt es gegen Ende, und ich wünschte mir, Schweigen wäre durch den Text gedrungen. Ich bin sicher, der Autor hat es gut gemeint, aber manchmal ist genau das bekanntlich das Gegenteil von gut.

Bewusstseinserweiterndes Bild: “Im selben Moment gab der Hahn des Nachbarn sein gekrächztes Kikeriki zum Besten.”

Ratlose Frage: Warum war die Jury so gnädig mit dem Text?

Vierter und fünfter Text: Daniel Mezger und Dorothee Elmiger, zwei Kandidaten für einen Preis.

Leider jetzt keine Zeit mehr für eine ausführlichere Stellungnahme zu den beiden Texten des Nachmittags. Daniel Mezger las einen wirklich guten Text, den die Jury allerdings teilweise nicht verstanden hat (Karin Fleischanderl nicht und vor allem Meike Feßmann gar nicht), auch Dorothee Elmiger las einen Text, der mir sehr gut gefallen hat. Am Ende also zwei von fünf Texten gut, da hat man schon schlimmere erste Bewerbstage erlebt.

tom atkins blues.

Gedreht im Späti in der Choriner Straße [#] (via)

berlinale 2009: was man zum abschluss sagen kann.

Daumen hoch: es war die gesundeste Berlinale aller Zeiten, es haben kaum Leute gehustet und geschnupft, so gesund habe ich das Festival meines Wissens noch nie durchlebt, normalerweise ist die Berlinale im Februar ja immer die Top-Brutstätte für Erkältungen und grippale Infekte. Wahrscheinlich hatten das alle, so wie wir, diesen Winter schon vorher durch und reisten mit Top-Immunsystemen an.

Daumen runter: der neue Austragungsort Friedrichstadtpalast sucks! Die Stuhlreihen haben so wenig Beinfreiheit, dass man mit 1,78 m bei aufrechtem Sitzen schon seine Knie an der Vorderreihe stößt, sich kein bisschen umsetzen oder mal gemütlich runterrutschen kann, am Ende von jeden Film tun einem die Knie total weh, es ist schlimmer als in den engsten Billigfliegern, das geht wirklich nicht. Nächstes Jahr sehe ich mir keine Filme im Friedrichstadtpalast mehr an.

von wegen.

Dokumentation über die Einstürzenden Neubauten, Dezember 1989 in Ostberlin – super, und dann also doch noch ein krönender Abschluss der Berlinale 2009.

la teta asustada.

Wettbewerbsbeitrag aus Peru. Man kann nicht sagen, dass der Film einen nicht mitnimmt, aber mittlerweile hat man so viele Filme gesehen, und “London River” war viel besser, da hat man halt auch nicht mehr alle Geduld der Welt. Es ist Zeit, dass die Berlinale so langsam ein Ende findet, jedenfalls ahne ich, dass ich diesen Film nicht mehr so wohlwollend betrachten kann, wie ich es vielleicht am Anfang des Festivals noch getan hätte – ein bisschen nervig.

empire of silver.

Chinesisches Epos, große Premiere und großer Bahnhof im “Cinema Paris”, der Film ist ganz gut, wäre aber auch ohne bubblegum-cheesy-ending ausgekommen – ganz okay.

katalin varga.

Ein ziemlich langsamer Wettbewerbsfilm, der sich sehr stark auf seine Bilder, und dann noch auf deren Zusammenspiel mit der Musik stützt. Nicht schlecht, aber mir ist das manchmal zu aufgeladen, die Einstellungen zu selbstverliebt lang, nunja, wahrlich keine Katastrophe, aber eben auch nicht preisverdächtig – zu bukolisch.

it might get loud.

Musik-Doku über Jimmy Page (Led Zeppelin), The Edge (U2) und Jack White (The White Stripes). In den dokumentarischen Segmenten interessant und gut, allerdings ist die Jam Session, die in der Broschüre als “Highlight des Films” angepriesen wird, musikalisch dann doch nicht so ein Highlight, Jimmy Page ist deutlich aus der Übung, Jack White der überzeugendste, wahrscheinlich gerade weil er derjenige ist, der noch mittendrin steckt. Die dokumentarischen Teile kompensieren diese nicht-so-prickelnd-wie-angekündigte Jam Session allerdings gut – lohnenswert.

marin blue.

Ambitioniertes amerikanisches Independent-Kino, das auf voller Linie scheitert. Ich habe mich richtig drüber geärgert, vor allem wegen der intellektuellen Arroganz des Films gegenüber den Themen, die man sich für seinen mind-fuck hier klaut (Psychiatrie etc.). Das kann ich mit der Jugendlichkeit der Filmemacher und Schauspieler nicht vollends entschuldigen – für mich bisher mit Abstand der schlechteste Film der Berlinale.

london river.

Eindrucksvoller Wettbewerbsfilm über eine englische Mutter und einen afrikanischen Vater, die nach den Terroranschlägen 2005 in London nach ihren Kindern suchen. Ein paar kleine Mängel in der Dramaturgie (wenn die Tochter vermisst ist und die Mutter Zutritt zur Wohnung der Tochter bekommt, würde sie die Wohnung sofort auf jeglichen Hinweis hin durchsuchen, nicht erst Tage später – und ein paar mehr solch unlogischer Details). Diese Mängel sind ziemlich offensichtlich einer angestrebt spannenderen Entwicklung des Plots geschuldet, mir gefällt das in einem so klaren Film nicht, aber dennoch ist der Film unheimlich überzeugend, mitreißend, toll, weswegen er ja auch ohne diese unlogische Dramaturgie ausgekommen wäre. Besonders die Protagonistin spielt hervorragend – Favorit auf den Goldenen Bären für den besten Film und/ oder die beste weibliche Hauptrolle (allerdings habe ich ja auch nicht allzu viele Wettbewerbsfilme gesehen, und man hört ja, dass “Der Sturm” Favorit ist).

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