schweres herz [3].

  1. Im Notfall

Das Wort, das dir hilft, kannst du dir nicht selber sagen.

(Dietrich Bonhoeffer)

Wenn ich vor Johns Tod das Wort Notfallseelsorge gehört habe, verband ich damit Katastrophensituationen wie die Amokläufe in Erfurt und Winnenden, das Loveparade-Unglück in Duisburg oder den Flugzeugabsturz der Germanwings-Maschine in den französischen Alpen. »Notfallseelsorger sind vor Ort im Einsatz, um den Überlebenden und Angehörigen beizustehen,« hieß es in diesen Situationen in den Medien. Dass die Notfallseelsorge auch in Familien kommt, in denen jemand gestorben ist, zudem mitten in der Nacht, das war mir bis zu Johns Tod nicht bewusst gewesen.

Tatsächlich gibt es in Deutschland seit 1995 eine koordinierte Notfallseelsorge: ein flächendeckendes System, das Menschen in seelischen Notlagen Begleitung und Betreuung anbietet. In Berlin arbeiten rund 140 evangelische und katholische Seelsorger sowie ausgebildete Kriseninterventionshelfer von fünf Hilfsorganisationen unabhängig von religiöser Bindung oder Weltanschauung ehrenamtlich zusammen unter dem Dach der Notfallseelsorge und Krisenintervention Berlin. Der Verbund wird in belastenden, traumatischen Situationen von der Feuerwehr, der Polizei und den Verkehrsbetrieben alarmiert. Seit ihrer Gründung leistete die Notfallseelsorge in Berlin bisher schon bei über 6.000 Einsätzen Erste Hilfe für die Seele.

Ein Leitungsteam mit einem diensthabenden Notfallseelsorger hat jeweils für eine Woche Bereitschaftsdienst. Das Team ist zu jeder Tages- und Nachtzeit erreichbar, koordiniert die Alarmierungen und schickt Notfallseelsorger oder Kriseninterventen an den Ort des Geschehens. Die ausgebildeten Helfer werden durch einen Funkstreifenwagen oder einen Wagen der Feuerwehr abgeholt und zum Einsatzort gebracht. Sie stehen Opfern, Angehörigen, Beteiligten und Helfern beratend und stützend zur Seite. Auch die Begleitung der Polizei beim Überbringen von Todesnachrichten gehört zu ihren Aufgaben. Anders als Telefonseelsorger sind die Notfallseelsorger immer direkt vor Ort tätig. Dort werden sie mit den verschiedensten Krisensituationen und unterschiedlichsten Menschen konfrontiert. Notfallseelsorger müssen spontan reagieren, und so kann es für ihre Arbeit keine allgemeingültigen Handlungsanweisungen oder Musterlösungen geben. Grundsätzlich geht es für sie in einer Krisensituation vor allem darum, sich Betroffenen zuzuwenden und ihr Leid solidarisch mitzutragen.

Sarah ist 38 Jahre alt, Sozialpädagogin und Musikerin, aber auch ehrenamtliche Notfallseelsorgerin. Sie ist die Frau, die ich in der Nacht von Johns Tod in unserem Wohnzimmer begrüßte. Zwei Jahre später habe ich sie gesucht und gefunden. Wir treffen uns in einem Café in Prenzlauer Berg. Scott und ich haben kaum noch eine Erinnerung daran, was wir in der Nacht von Johns Tod mit Sarah und ihrem Kollegen gesprochen haben. Gleichzeitig erinnere ich mich eindrücklich, dass ich die beiden als sehr hilfreich empfunden habe. Sie hatten eine vertrauensvolle und beruhigende Ausstrahlung. Sie waren in einer mitfühlenden Weise da, und das war wohl der zentrale Punkt, diese Art von Präsenz. Zugewandt aber unaufdringlich da zu sein, Zeit zu haben, Ruhe zu schaffen, Sicherheit zu geben und Orientierung zu ermöglichen. Solche grundlegenden Impulse konnten wir uns in diesem Moment nicht selbst geben, wir brauchten sie von außen.

Als wir uns zwei Jahre später wieder begegnen, denke ich als Erstes daran, was wir wohl gesprochen haben. Sarah kann sich daran auch nicht genau erinnern. Im Gespräch wird mir erst richtig bewusst, dass dieser Ansatz womöglich sowieso etwas in die Irre führt. In der Nacht von Johns Tod ging es vielleicht gar nicht so sehr um das Sprechen. Scott und ich befanden uns in dieser Nacht in einem anderen Bewusstseinszustand, in dem wir einerseits extrem aufnahmefähig und verletzlich waren, und andererseits aber auch alles an uns vorbeirauschte. Wir hatten eine Welt betreten, in der Worte nicht unbedingt weiterhelfen.

Allerdings weiß ich, dass wir miteinander gesprochen haben. Vielleicht ging es also eher darum, mit Worten das zu erreichen, was unter ihnen liegt? Sprache als Navigationshilfe für das eigentliche Terrain. Das ist sie immer, aber in einer existenziellen Krisensituation wird ihr Werkzeugcharakter vielleicht noch ein bisschen deutlicher als sonst. Die amerikanische Dichterin und Bürgerrechtlerin Maya Angelou hat es einmal so gesagt: »Die Menschen werden vergessen, was Du gesagt hast, und sie werden vergessen, was Du getan hast, aber sie werden nicht vergessen, welches Gefühl Du ihnen gegeben hast.«

In der Begegnung mit Menschen in Notfällen müssen die Notfallseelsorger sich selbst, ihr Gegenüber, den Kontext des Geschehens, die Verhaltensweisen, die verbalen wie auch nonverbalen Reaktionen verantwortlich erkennen und einordnen können, so steht es in ihren Leitlinien. Die Notfallseelsorger beherrschen das aktive und empathische Zuhören, die Kommunikation ohne Worte, aber sie kennen auch die Grundregeln der Gesprächsführung. Eine behutsame Aufklärung über körperliche und seelische Vorgänge kann Betroffenen helfen, wenn sie mit traumatischen Gefühlen von Schock und Trauer konfrontiert sind, sich ohnmächtig fühlen, über eigene und/oder fremde Schuld nachdenken und nach dem Sinn des Geschehens oder dem Sinn des Lebens überhaupt fragen.

Sarah erinnert sich daran, dass die Polizei Johns Leichnam mitnehmen wollte, ohne dass Scott ihn noch einmal gesehen hatte. Sie hatte Scott geholt, der sich neben John auf den Boden setzte. Sarah erinnert sich, dass Scott mit John gesprochen hat. »Danke, dass du mein Sohn warst«, habe er zum Beispiel gesagt, das ist ihr in Erinnerung geblieben. Scott hat keine Erinnerung daran, dies gesagt zu haben. Sehr wohl erinnert er sich aber daran, dass er sich von John verabschieden konnte. Das war wichtig.

In unserem Gespräch erzählt Sarah auch von dem Fleck auf dem Boden ins Johns Zimmer. Als sie hörte, dass man mit der Beschlagnahmung und dem Abtransport nicht auf mich warten wollte, hatte sie geahnt, dass es für mich furchtbar sein wird. So hatte sie die Rettungskräfte gebeten, den Fleck nicht zu säubern, damit ich wenigstens durch ihn eine Chance hätte, das Geschehen mit der Realität zu verknüpfen. Ich erfahre das erst jetzt, knapp zwei Jahre nach Johns Tod. Wie Recht Sarah gehabt hat: Tatsächlich hatten wir den Fleck einige Tage nach Johns Tod noch nicht weggewischt, während er genau diesen Prozess des Bewusstwerdens begleitete.

Für mich wird es immer ein Trauma bleiben, dass John nicht mehr Zuhause war, als ich ankam. Aber daran lässt sich nichts mehr ändern. Es ist aus Sicht der Polizisten vielleicht verständlich, es war mitten in der Nacht, sie haben viele solcher Einsätze, und für sie ist es vielleicht leichter, alles möglichst schnell über die Bühne zu bringen. Ohne Abschied des Vaters, ohne Abschied der Mutter. Das sind existenziell-emotionale Momente, die man als Außenstehender vielleicht auch lieber vermeidet.

Für die Angehörigen können diese Momente allerdings sehr wichtig für das Weiterleben sein, das in den ersten Tagen, Wochen und Monaten sowieso gänzlich unmöglich erscheint. Während Scott und Sarah sich unterhalten, denn die beiden haben in der Nacht mehr zusammen erlebt, als ich noch auf dem Weg nach Berlin war, denke ich, wie gut es ist, dass es die Notfallseelsorge gibt, die um diese Dinge weiß, und die zum Beispiel dafür sorgen kann, dass der Vater sich verabschieden darf und der Mutter wenigstens noch ein Fleck auf dem Boden belassen wird.

Die Notfallseelsorger sind Profis, aber auch Laien können aus verschiedensten Gründen in Krisensituationen eingebunden sein. Das Gespräch mit Sarah lässt mich auch an meine eigenen Erfahrungen als Ersthelferin denken, die ich zumeist als Reiseleiterin mit amerikanischen Senioren gemacht habe. Mir wird bewusst, dass ich schon eine recht beträchtliche Anzahl solcher Erfahrungen gesammelt habe. Unter anderem hatte ein Mann in Amsterdam einen Herzinfarkt, eine Frau in Berlin einen Schlaganfall, eine Frau in Bulgarien einen komplizierten Hüftbruch, ein Mann in der Schweiz heftige Krampfanfälle und eine Frau mitten im Busch in Kenia eine schwere Kopfverletzung. Bei diesen und anderen Gelegenheiten trug ich erste Verantwortung für die Menschen, rief einen Krankenwagen und stand ihnen bei, während wir auf die Ambulanz warteten, oder im Fall von Kenia, wo es keinen Notruf gab, besorgte ich ein Fahrzeug und einen Fahrer, um zum nächsten Medical Center zu gelangen. Ich begleitete die Menschen ins Krankenhaus und blieb teils mehrere Tage an ihrer Seite.

Ich erinnere mich, wie Chuck in der Schweiz auf dem Weg nach Zermatt auf dem Bahnsteig in Täsch lag. Er hatte einen Krampfanfall gehabt und wir hatten ihn in die stabile Seitenlage gelegt, er wachte wieder auf, ich fasste ihn an der Schulter, sah ihm in die Augen und sagte: »Chuck, hier ist Monika. Wir sind in der Schweiz. Du liegst auf einem Bahnsteig und Du hattest einen Anfall. Wir haben den Krankenwagen gerufen. Er ist in zehn Minuten da. Bleib solange am besten ruhig liegen und versuche, gleichmäßig zu atmen.«

Chuck nickte, er hatte verstanden. Ich wusste, dass man in diesen Situationen mit Autorität sprechen muss, wichtige Informationen mit Instruktionen verbinden, klare Botschaften formulieren, bestimmt, positiv und leicht zu verstehen. Man musste sich zentrieren und ganz auf den Moment konzentrieren.

»Würde es Dir helfen, wenn wir eine zusammengerollte Jacke unter Deinen Kopf legen?«, hatte ich Chuck gefragt, weil ich auch wusste, dass man die verletzte Person möglichst einbinden soll, um Selbsterfahrung und Selbstwirksamkeit zu aktivieren. Er nickte, doch noch bevor ich die Jacke unter seinen Kopf legen konnte, hatte Chuck den nächsten Krampfanfall bekommen. Ich hielt seine Hand und drückte sie, als er aufwachte. Er sah mich an und im festen Blickkontakt begann ich von vorne: »Chuck, hier ist Monika. Du liegst auf einem Bahnsteig in der Schweiz und hattest gerade einen Anfall. Es war schon der zweite. Der Krankenwagen muss jeden Moment ankommen. Sieh mich an und bleib bei mir. Ich kann den Krankenwagen hören, Du hast es gleich geschafft.«

Ich wusste, dass es wichtig ist, fortwährend den Kontakt zu halten, im Hier und Jetzt der Situation zusammenzubleiben und deutlich zu zeigen, dass man den anderen gehört hat, zum Beispiel durch Wiederholen dessen, was er gesagt und was man verstanden hat. Dieser Kontakt gelang Chuck und mir. Der Krankenwagen kam und brachte uns zu einem Helikopter, der uns quer über die Alpen nach Bern flog, wo Chuck zweimal operiert wurde und überlebte. Die Krampfanfälle waren von einem Herzproblem ausgelöst worden.

Ganz anders war die Lage in Bulgarien gewesen. Sally hatte sich auf dem Marmorboden einer Hotel-Lobby einen sehr komplizierten Hüftbruch zugezogen. Sie musste im Krankenhaus in Sofia operiert werden, obwohl sie eine Auslandskrankenversicherung abgeschlossen hatte, welche sie im Notfall sogar ausfliegen sollte. Sally war noch nicht einmal im Helikopter flugfähig, diese Einschätzung der bulgarischen Orthopäden hatten die Ärzte aus den USA nach Sicht der Röntgenaufnahmen bestätigt.

In dem Krankenhaus in Sofia sah es nicht besonders vertrauenserweckend aus. Es gab praktisch keine alltägliche Versorgung, von Trinkbechern über das Toilettenpapier bis hin zum Essen und Trinken musste man alles selbst mitbringen. Das Gebäude war vollkommen heruntergekommen, die Geräte alt. Sally hatte, verständlicherweise, große Angst, in die sie sich allerdings so hineinsteigerte, dass sie dachte, jetzt in diesem Krankenhaus zu sterben. Sie war alleine gereist und der Unfall hatte sich ausgerechnet am Abend vor der Rückreise ereignet, so dass am Folgetag die gesamte Gruppe abgereist war. Meine Firma hatte mich gebeten, meinen Flug zu stornieren, um bei ihr zu bleiben. So fanden wir zwei uns alleine in Sofia wieder, bis ihr Sohn aus den USA eingeflogen kam. Zwei Tage lang saß ich an Sallys Bett und neben dem Organisieren der Grundversorgung und den Gesprächen mit den Ärzten wusste ich, was für sie besonders wichtig war: ihr Selbstvertrauen zurückzubringen.

»Natürlich wärest Du jetzt lieber Zuhause. Stattdessen bist Du in einem fremden Land, in dem du die Sprache nicht sprichst, und fast niemand hier spricht Englisch. Das Krankenhaus sieht schlimm aus, ich bin auch schockiert. Es ist eine wirklich schwierige Lage. Es ist ganz normal, dass Du so verzweifelt bist und Dich so schlecht fühlst. Aber Du stirbst hier nicht. Ich habe mit den Ärzten hier und in den USA gesprochen. Sie sind sich vollkommen einig, wie die Operation verlaufen soll. Der Chefarzt wird Dich operieren und er macht einen sehr kompetenten Eindruck. Guck nicht darauf, wie es hier aussieht. Guck auf den Menschen, der das gut machen wird. Davon bin ich überzeugt«, sagte ich.

Ich kannte die Regeln der verbalen Ersten Hilfe. Das Ereignis nicht zu verkleinern versuchen. Die Gefühle des anderen nicht beurteilen. Keine Bewertungen oder Berichtigungen einbringen, denn wie man es sieht und was man selbst anders sieht, spielt in diesem Moment keine Rolle. Keine eigenen Erfahrungen mitteilen, denn auch sie spielen im Moment keine Rolle. Keine Vergleiche mit anderen Situationen oder Erfahrungen ziehen. Keine einfachen Lösungen oder Ermunterungen anbieten, keine Floskeln. Die Situation anerkennen und den anderen stärken.

Die Operation verlief gut. In den beiden Tagen, die wir zusammen saßen, erzählte mir Sally fast ihr ganzes Leben. Aus ihren Erzählungen wurde mir schnell klar, dass sie starke innere Ressourcen hatte. Ihr Selbstvertrauen kam zurück und auch ihre körperliche Situation verbesserte sich. Ihr Sohn traf ein und ich flog nach Hause. Ein paar Wochen später schrieb sie aus den USA, dass ihre Reha schneller verlaufe als gedacht, und dass die Ärzte beeindruckt wären, wie hervorragend in Bulgarien operiert worden sei: »Mein Arzt sagt, den Mangel an Technologie gleichen sie wohl durch praktische Expertise aus. Sie haben nicht unsere Ausstattung, aber sie verstehen ihr Handwerk. Vielleicht sogar mehr als viele Ärzte in den USA heutzutage.«

Am Ende war Sally sogar ein bisschen stolz auf ihre OP in Bulgarien.

Einige Reisende haben mir nach solchen Situationen bewegende Dankesbriefe geschrieben. Mir war daher bewusst, dass und wie sehr sie die Hilfe und den Beistand zu schätzen wussten. Noch besser verstehe ich es allerdings durch meine eigene Dankbarkeit nach der Erfahrung mit der Notfallseelsorge in der Nacht von Johns Tod. In dem Moment, in dem ich selbst in eine solch existenzielle Krisensituation kam, konnte ich meine Erfahrung und Intuition nicht abrufen. Sie waren wie komplett verschwunden. Dieses Mal war ich selbst in einer Ausnahmesituation, in der ich keine strukturierende Kraft besaß und spürte erstmals, wie völlig abhängig man von den Menschen um sich herum ist. Auch deshalb fühlt man später eine solche Dankbarkeit, wenn sie sich gekümmert haben und man bei ihnen gut aufgehoben war. Und im Idealfall haben sie mit ihrem Beistand nicht nur in der Krisensituation selbst geholfen, sondern auch bereits dazu beigetragen, dass das Trauma später leichter zu verarbeiten ist. Seit ich diese Hilfe selbst erfahren habe, weiß ich noch mehr als vorher, was Erste Hilfe und Notfallseelsorge bedeuten, situativ und perspektivisch. Dass es Menschen gibt, die das ehrenamtlich leisten und dass es in Deutschland ein organisiertes Netzwerk der Notfallseelsorge gibt, beeindruckt mich bis heute nachdrücklich.

Die Frage: »Was kann ich in einer akuten Krisensituation tun?«, lässt sich am Ende vielleicht sogar relativ schlicht beantworten: Ich kann dem anderen beistehen, das Leid mittragen, die unmögliche Situation mit aushalten und durch klares Handeln für Struktur und Halt sorgen. In der jeweiligen, individuellen und immer verschiedenen Krisensituation kann genau das allerdings auch alles andere als leicht sein. Das weiß ich aus eigener Erfahrung als Laie. Sarah weiß es auf professioneller Erfahrung. Sie noch einmal zu treffen und über die Nacht von Johns Tod zu sprechen, hat uns gut getan.

schweres herz [2].

  1. Die Nachricht vom Tod

Zurück zum Anfang. Am 4. März 2016 arbeite ich für die Öffentlichkeitsarbeit des Deutschen Bundestages bei der Thüringen-Ausstellung in Erfurt. Scott und John sind Zuhause in Berlin. Abends telefoniere ich mit den beiden, beziehungsweise eher mit Scott, da John ja nicht sprechen kann. Aber Scott hat das Telefon auf Raumklang gestellt und ich höre John im Hintergrund fröhlich lautieren. John ist wie immer am Freitag gegen halb drei von der Schule gekommen, die beiden haben mittlerweile zu Abend gegessen, sitzen im Wohnzimmer und sehen sich auf Youtube die Tiny desk concerts von NPR an. Ich höre an ihren Stimmen, dass es den beiden Männern gut geht. Scott hält John den Hörer hin und ich sage: »Die Arbeit ist fast fertig. Noch zwei Tage, mein Schatz, dann komm ich nach Hause.«

Um sicher zu gehen, dass John es verstanden hat, denn wir wissen nicht genau, wie viel er versteht, formuliere ich es noch einmal anders: »In zwei Tagen kommt Mama nach Hause.« John gluckst fröhlich. Ich bin müde, Scott und ich legen bald danach auf. Alltag. Alles wie immer.

Mitten in der Nacht klingelt in meinem Traum ein Handy. Der Traum will weiter, aber das Handy hört nicht auf zu klingeln. Ich wache langsam auf und merke, dass es mein Handy ist, das da in der Wirklichkeit klingelt. Verschlafen erkenne ich, dass es nach Mitternacht ist. Warum ruft Scott mich so spät noch an? Ich bin verärgert, er weiß doch, dass ich früh aufstehen muss. Ich nehme ab, und höre eine heisere, verzweifelte Stimme: »Es tut mir leid, Monika. Es tut mir so leid!«

»Was ist los?«, frage ich ungeduldig. Was soll das, so ein Anruf mitten in der Nacht, denke ich immer noch verärgert.

»John ist tot«, kommt es tonlos vom anderen Ende zurück.

Ich bin sofort wach und denke gleichzeitig dennoch, dass ich träume. Was? Wie? Es muss ein Albtraum sein, jetzt aber besser schnell in der Wirklichkeit aufwachen, in der sowas unmöglich ist. Aber Scott sagt: »Ich bin in sein Zimmer gegangen, um ihn noch einmal auf die Toilette zu setzen. Und da lag er tot im Bett. Der Notarzt ist hier, wir haben versucht, John wieder zu beleben, aber es geht nicht. Er ist tot.«

Wie Scott es mir so ruhig beschreibt, sickert in mir die Erkenntnis ein, dass es wahr sein muss. Trotzdem denke ich gleichzeitig immer noch, es sei ein Traum. »Der Arzt ist hier. Soll ich ihn dir geben? Ich gebe ihn dir mal«, sagt Scott.

Der Arzt erklärt es mir noch einmal. John ist tot. Er sagt, es müsse noch ein weiterer Arzt kommen, um den Totenschein auszustellen. Man wisse nicht genau, was passiert sei. Vielleicht ein epileptischer Anfall. Er hat von Scott schon Johns Krankheitsgeschichte erfahren. Ich verstehe nicht, warum jetzt noch ein anderer Arzt kommen muss. Es ist alles verwirrend, aber mir fällt noch nicht einmal ein, nachzufragen. Allein die Tatsache, dass offensichtlich mitten in der Nacht ein fremder Mann in unserer Wohnung ist, macht aber die Vorstellung zugänglicher, dass John wirklich gestorben ist.

Scott kommt zurück ans Telefon. Ich erkläre ihm, wo er für den Arzt die neuesten Arztbriefe aus dem Epilepsiezentrum findet. »Ich komme sofort«, sage ich. »Ich packe meine Sachen und melde mich von unterwegs.«

Mir ist bewusst, dass ich eigentlich überhaupt nichts mehr tun kann und es deshalb auch nicht auf die Minute ankommt, aber ich möchte so schnell wie möglich zu John. Ich war mit dem Zug nach Erfurt gefahren, damit Scott und John Zuhause mit dem Auto beweglich sind. Wie soll ich nun nach Berlin kommen? Ich bin gute 300 km weit weg. Erst einmal raus, denke ich und werfe meine Kleidung in den Koffer. Meine Sachen sind überall in der Wohnung verstreut, ich bin kopflos und weiß nicht, ob ich sie alle einsammle. Es ist eine Airbnb-Wohnung, in der ich mich für zehn Tage eingemietet habe. Sie gehört einer Studentin, die gerade Zuhause bei ihren Eltern in Hamburg ist. Ihre Kleidung liegt im Schrank, ihre Schuhe stehen an der Eingangstür, überall hängen Fotos von ihrer Familie und ihren Freunden. Mit meinen Kollegen hatte ich mich noch darüber unterhalten, wie merkwürdig es ist, sozusagen in das Leben eines anderen Menschen einzuziehen. Ich denke noch, dass ich den Müll mitnehmen sollte. Ist das Geschirr abgewaschen? Was denke ich da? Das spielt doch überhaupt keine Rolle. Mein Kind ist tot. Das erste Mal denke ich diesen Gedanken: Mein Kind ist tot. Der Gedanke macht schwindelig.

Draußen werfe ich den Wohnungsschlüssel in den Briefkasten, laufe zum Geldautomaten und hebe 500 Euro ab. Geld werde ich bestimmt brauchen. Ich verhalte mich merkwürdig strukturiert, wie auf Autopilot. Ich ziehe meinen Koffer bis zur nächsten großen Straßenecke. Nachts fährt hier kein öffentlicher Nahverkehr, aber an einer Straßenbahnhaltestelle finde ich die Telefonnummer eines Taxi-Unternehmens und lasse mich zum Bahnhof bringen. Dort finde ich heraus, dass der erste Zug nach Berlin allerdings erst am Morgen fährt. Ich stehe vor der Anzeigentafel und weiß nicht weiter. Kein Zug, das liegt so gar nicht in meinem inneren Plan. Bei der ersten Hürde beginnt sich meine schöne Strukturiertheit aufzulösen. Ich fühle mich hilflos wie ein Kleinkind und in etwa auf diese Stufe hat sich auch mein Denken zurückgezogen: Wenn Du nicht weiter weißt, bitte jemanden um Hilfe. Ich laufe zu einem Hotel, das sich neben dem Bahnhof befindet, und frage den Nachtportier, was ich nun machen soll. »Ich habe gerade die Nachricht bekommen, dass mein Sohn gestorben ist. Ich muss so schnell wie möglich nach Berlin. Ich weiß nicht, wie ich das machen soll. Es fährt kein Zug. Können Sie mir helfen? Kann man hier vielleicht irgendwo ein Carsharing-Auto mieten?«

Der Portier guckt mich erschrocken an, ist aber sofort hilfsbereit. Er spricht mir seine Anteilnahme aus und sagt: »Ein Auto mieten, das geht hier in Erfurt nachts nicht. Aber wissen Sie was, Sie können in diesem Zustand sowieso nicht selbst fahren. Zu dieser Zeit bleibt Ihnen nur ein Taxi. Ich guck mal im Internet nach, was das kosten darf. Nicht, dass man Sie da übers Ohr haut.«

Seine Worte hallen in mir nach: »Sie können in diesem Zustand sowieso nicht selbst fahren.« In was für einem Zustand ich wohl bin, frage ich mich, als ob es bei der Frage um jemand anderes geht. Ich stehe merkwürdig neben mir. Das ist bestimmt der Schock, denkt der Teil von mir, der noch Zugang zur Vernunft hat, und der wie von Außen auf den anderen Teil blickt, der immer tiefer in ein mir bisher unbekanntes Nichts fällt. Eine Taxifahrt von Erfurt nach Berlin kostet laut Internetauskunft 700 Euro, also mehr als ich abgehoben habe. Der erste Fahrer, den ich draußen vor dem Bahnhof anspreche, möchte sowieso nicht nach Berlin. Der zweite willigt etwas unzufrieden ein, nennt mir den korrekten Preis von 700 Euro und hat auch ein Lesegerät für Kreditkarten. Während der dreistündigen Fahrt telefoniere ich nahezu die ganze Zeit mit Scott, mit dem Arzt, dann mit einem anderen Arzt, der für die Ausstellung des Totenscheins gekommen ist, dann mit einem Kriminalpolizisten. In unserer Wohnung sammeln sich immer mehr Menschen.

»Wann kommen Sie denn in Berlin an?«, fragt der Polizist.

»Das Navi sagt, noch eine Stunde und 15 Minuten«, erwidere ich.

»Also, so eine Wartezeit kann ich leider nicht rechtfertigen«, sagt der Polizist. »Wir dürfen den Leichnam nicht alleine lassen. Wenn Sie ihn jetzt noch sehen wollten, dann müssten wir die ganze Zeit hier in Ihrer Wohnung bleiben. Das dauert zu lange. Es ist mitten in der Nacht. Das kann ich auch gegenüber meinen Kollegen nicht rechtfertigen. Tut mir leid, aber wir müssen gehen und wir müssen den Leichnam mitnehmen. Das ist die normale Routine, wenn jemand Zuhause verstirbt.«

Ich sage dem Polizisten, wie wichtig es mir ist, John zu sehen. Meine Versuche, ihn umzustimmen, bleiben aber erfolglos. Johns Leichnam wird beschlagnahmt und abtransportiert. In mir löst sich nun alles auf. Die ganze Zeit habe ich darauf hin gehandelt, möglichst schnell bei John zu sein. Nun wird er noch nicht einmal mehr da sein, wenn ich ankomme.

Gegen drei Uhr nachts fahren wir auf der Autobahn am Messegelände vorbei und der Taxifahrer sagt, dass er das hier wiedererkennt, da hinten sei doch dieser Funkturm, er war ja schon mal in Berlin, und überhaupt, er kennt ja sogar jemanden, der in Berlin wohnt. Vielleicht könnte er den sogar besuchen, wenn er noch ein paar Stunden wartet und nicht direkt wieder zurückfährt nach Erfurt.

Ich denke daran, wie es John einmal sehr schlecht gegangen war, etwa im Alter von drei Jahren. Wir hatten Wochen im Krankenhaus verbracht und John hatte Tag und Nacht epileptische Anfälle gehabt, die nicht auf Medikamente reagierten. Um sein Gehirn näher zu untersuchen, mussten wir in ein anderes Krankenhaus gefahren werden und weil gerade kein Krankentransport zur Verfügung stand, hatte man uns ein Taxi gerufen. John trug einen Schutzhelm, um sich den Kopf nicht während eines Krampfanfalls zu verletzen. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass man uns beiden die tiefe Erschöpfung und die Not nicht ansehen konnte. Im Radio lief »Another day in paradise« von Phil Collins, während der Taxifahrer die ganze Fahrt über von Dieter Bohlen sprach, der gerade ein Buch mit delikatem Tratsch herausgebracht hatte.

Ein vorbeihuschender Gedanke: Taxifahren mit John und verrückten Taxifahrern, das wird es jetzt auch nie mehr geben. Realität, die immer nur für ganz kleine Augenblicke einsickert. Schon in der nächsten Sekunde fühlt sich wieder alles unwirklich an.

So auch unsere Wohnung, als ich endlich Zuhause ankomme. Hier scheint alles anders als vorher. Ich kann nicht sagen, was genau. Auf dem Weg ins Wohnzimmer sehe ich aus dem  Augenwinkel das Chaos in Johns Zimmer und einen Fleck auf dem Boden, aber das ist es nicht. Die ganze Wohnung macht einen kalten, leeren und vor allem fremden Eindruck. Das ist nicht unsere Wohnung. Ha, jetzt hat sich der Albtraum verkalkuliert, jetzt wache ich gleich auf, denke ich für einen kleinen Moment. Doch mit Scott im Wohnzimmer sitzen ein unbekannter Mann und eine unbekannte Frau. Ich hatte schon am Telefon gehört, dass zwei Notfallseelsorger gekommen waren. Ich begrüße sie und setze mich neben Scott aufs Sofa. Es kommt mir komisch vor, wie wir so steif nebeneinander sitzen, wie auf einer Hühnerstange. Ich schaffe es wieder und wieder nicht, meine Wahrnehmung damit in Einklang zu bringen, dass dies hier alles gerade tatsächlich passiert.

schweres herz [1].

  1. Die erste Begegnung

Und ich weiß schon:
Solange meine Seele in mir wohnt,
werd ich das Dunkel dieses Augenblicks
schöpfen und trinken und bluten

(David Grossman: Aus der Zeit fallen)

Im Leichnam ist der Mensch gleichzeitig da und nicht mehr da. Im ersten Augenblick nehme ich nur diese verstörende Gleichzeitigkeit wahr, als ich meinen Sohn zum ersten Mal tot sehe. Da liegt John, 15 Jahre alt, ganz er. Ich sehe sein Haar, seinen Mund, seine Hände. Ich denke ein bisschen erstaunt zunächst nur das: Er ist so ganz und gar er. Ebenso eindeutig ist aber alles Leben aus seinem Körper entwichen. Ich sehe die Totenflecken, die Hautverfärbungen, sehe, dass dies eindeutig ein toter Körper ist. John ist da und nicht mehr da.

Ich bin vergleichsweise ruhig, denn ich hatte vier Tage lang Zeit, mich auf diesen Augenblick vorzubereiten. Ich habe das Zusammentreffen in diesen Tagen sogar mit Wehmut herbeigesehnt. John ist nachts Zuhause in seinem Bett gestorben, plötzlich und unerwartet, als ich beruflich unterwegs war. Sein Leichnam wurde von der Polizei mitgenommen und in eine Gerichtsmedizin gebracht, um ein Fremdverschulden auszuschließen, wie es hieß. Weil der Tod sich am Wochenende ereignete, mussten mein Mann Scott und ich vier Tage auf die Freigabe durch die Staatsanwaltschaft warten. Wir wussten nur, dass der Körper unseres Kindes irgendwo in Berlin in einem Kühlfach liegt. Wir sehnten uns so sehr danach, bei ihm zu sein.

Wir begegnen Johns Leichnam in einem Abschiedsraum am Richardplatz in Berlin-Neukölln. Unsere Bestatter arbeiten mit dem hier ansässigen Fuhrunternehmen Gustav Schöne zusammen. Sie haben Johns Leichnam aus der Gerichtsmedizin abgeholt und hierher gebracht. Ich kenne den Richardplatz seit Mitte der 1990er Jahre. Ich erinnere mich, wie wir es zu Studienzeiten verwunderlich fanden, dass es mitten in Berlin so einen klassischen Dorfanger gibt, wie er selbst aus vielen kleineren Gemeinden im Laufe der Zeit bereits verschwunden ist. Und ausgerechnet mitten in Berlin dann diese alt-dörfliche Atmosphäre, Böhmisch-Rixdorf, das klang außerdem angenehm exotisch nach Osteuropa. Rund um den Richardplatz konnte man abends ausgehen, daher kannten wir den Platz. In den letzten Jahren hingegen hatten wir vor Weihnachten oft mit John den Weihnachtsmarkt auf dem Richardplatz besucht und die Umgebung so ganz anders erlebt als früher.

Nun erfahre ich die für mich dritte Bedeutungsebene des Richardplatzes. Das Fuhrunternehmen Gustav Schöne, das seit 120 Jahren ein Hochzeits- und Bestattungsfuhrwesen betreibt, und damit Leben wie Tod der Menschen organisiert, liegt mitten am Platz: ein rustikaler Hof, sauber und großzügig, mehrere Gebäudeflügel, eine Remise mit historischen Kutschen, Tore mit schweren Scharnieren, roter Klinker. Wir könnten auf dem Land in meiner norddeutschen Heimat sein. Johns Leichnam wird bis zur Beerdigung hier aufbewahrt.

Und so sehe ich John zum ersten Mal tot. Sehe, wie er im Leichnam gleichzeitig anwesend und abwesend ist. Genau so, wie er für den Rest meines Lebens nun nie wieder da ist, und doch für immer bei mir, in mir. Im Anblick seines Leichnams wird der Verlust real, doch die erste Begegnung bringt auch eine befreiende Erkenntnis mit sich. Sobald ich ihn sehe, wird mir klar: Die Liebe hört mit dem Tod nicht auf. Seit Johns Geburt gibt es kein Ich ohne ihn, und daran ändert sein Tod nichts.

Nichts an ihm stößt mich ab, alles zieht mich zu ihm hin. Ich trete näher an John heran. Ihm läuft Flüssigkeit aus dem Mund, die wir vorsichtig abtupfen. Entweder ist es noch Schaum von der Wiederbelebungstablette, die der Notarzt verabreicht hatte, oder es ist schon die Autolyse. In den letzten Tagen habe ich viel über den Tod gelernt. Unsere Bestatterin Lea hat uns von der Autolyse erzählt, der Selbstverdauung des Körpers, seiner Auflösung von innen, die sofort nach dem Tod beginnt. Bakterien fangen an, den Magen-Darm-Trakt zu zersetzen, sie spülen dabei auch Flüssigkeit nach oben. Ich denke: Noch bewohne ich meinen zukünftigen Leichnam. Eines Tages wird auch aus meinem Mund Flüssigkeit laufen. Es kommt mir nicht schlimm vor, sondern ganz normal. Das neue Normal.

Auf Johns Brustkorb kleben noch die Pflaster von den erfolglosen Wiederbelebungsversuchen, sonst sieht er ganz friedlich aus. Vorsichtig entfernen wir die Pflaster, waschen John ein bisschen, irgendwie hat man das so im Kopf, dass ein Leichnam gewaschen werden muss, aber nicht zum ersten Mal in den letzten Tagen fällt mir wieder auf, wie wenig ich über den Tod weiß. Muss überhaupt etwas unbedingt mit dem Leichnam gemacht werden? Wenn ja, was? Lea erklärt uns, dass nichts muss. Es ist uns überlassen. Wir ziehen John die Kleidung an, die wir Zuhause sorgfältig für ihn ausgesucht haben. Am Ende hatten noch drei Pullover auf seinem Bett gelegen, die in die engere Auswahl kamen, drei Lieblingspullis. Das letzte Mal haben wir gewissenhaft das getan, was zuvor fünfzehneinhalb Jahre lang morgens nebenbei und auf die Schnelle passierte: einen Pullover ausgesucht.

Wir haben John bis zu seinem Tod jeden Tag an- und meistens mehrfach umgezogen. John war schwerstbehindert, Autist und chronisch an einer therapieresistenten Epilepsie erkrankt. Er konnte nicht sprechen und sich nicht alleine anziehen. Wir sind es gewohnt, das zu tun. Nun aber lassen sich die Arme und Beine nur schwer bewegen. Lea und ihr Vater geben uns Tipps, wie man einen toten Körper anzieht. Um den Pullover anzuziehen, müssen wir die Ärmel erst durch unsere eigenen Arme ziehen. Mehrfach müssen wir Johns Körper auf die Seite bewegen. Lea und ihr Vater helfen uns. Beim Anziehen spüre ich körperlich, was ich beim ersten Anblick gesehen habe: Jegliche Energie ist aus Johns Körper gewichen. Ich sehe es, ich spüre es in meinen Handlungen, mein Kind ist tot, da gibt es kein Vertun. Und keine Hoffnung, dass das alles nicht wahr ist. Die Bewusstwerdung steigt mit jedem Handgriff. Die Totenfürsorge ist ein schwerer Schritt, und dennoch sehr wichtig für mich. Ich weiß nicht, wie ich diese Realität sonst verstehen können sollte, gegen die sich alles in mir wehrt. Dies sind die letzten Handlungen, die wir für John tun können, ich möchte mir so wenige der kostbaren letzten Momente aus der Hand nehmen lassen wie möglich. Es tut bei allem Schmerz so gut, John zu sehen und ihn berühren zu können. Mir ist sehr bewusst, dass es ganz bald nie wieder möglich sein wird.

Wir haben Schuhe mitgebracht. Lea weist uns taktvoll darauf hin, dass es durchaus möglich sei, John mit Schuhen zu beerdigen, aber dass es ohne Schuhe umweltfreundlicher sei. Wenn John sehr an seinen Schuhen gehangen habe, wenn sie eine besondere Bedeutung haben, könnte man es selbstverständlich trotzdem machen. Nein, nein, sagen wir schnell. Wir hatten nur gar nicht daran gedacht. Wir hatten einfach alles mitgebracht, was wir ihm normalerweise anziehen. Wir sind solche Anfänger, es ist unglaublich, wie wenig wir wissen. Warum ist das so? Geht das nur uns so? Haben alle anderen das Memo über den Tod bekommen, mit allem, was man über die Beisetzung wissen muss, nur wir nicht? Natürlich ohne Schuhe.

Zu viert heben wir John in einen schlichten und unbehandelten Kiefernsarg. Es ist ein Sarg mit Überlänge. Wie groß John genau war, wissen wir nicht, weil er beim Messen nie still stand. Manchmal sah es nach 1,93 m aus, manchmal nach 1,94 m. Jedenfalls sehr groß. Leas Satz ist einer der Momente, die immer wieder klar vor mir stehen: »Da brauchen wir einen Sarg mit Überlänge.« Gefolgt von meinem Gedanken: Wie bin ich hierher gekommen, zu einem Sarg mit Überlänge, für mein Kind? Alles erscheint unwirklich.

Scott und ich haben Johns Kissen, seine Decke, eins seiner geliebten Wimmelbücher und ein Holzpuzzle dabei, mit dem er in der letzten Zeit viel gespielt hat. Wir betten Johns Kopf auf das Kissen, legen ihm die Decke über die Beine und verteilen die Spielsachen um seinen Körper. In der folgenden Nacht schlafe ich das erste Mal seit seinem Tod sechs Stunden durch. Und wache erschrocken auf: Wie kann ich nur sechs Stunden schlafen, wenn mein Kind tot ist? Aber dass ich überhaupt endlich schlafen konnte, zeigt, wie gut es mir getan hat, John zu sehen.

schweres herz [0].

»Schweren Herzens haben wir von John Abschied genommen«, stand auf unserer Danksagungskarte an Angehörige und Freunde. Die Karte mit dem Bild von John steht auf meinem Schreibtisch, jeden Tag sehe und lese ich sie, und deshalb habe ich mein Buchprojekt »Schweres Herz« genannt. Ich werde hier nun einfach mal die ersten drei Kapitel einfügen, die mehr oder weniger fertig sind. In den nächsten Monaten habe ich leider wieder viel Arbeit, so dass ich nicht weiß, wie sehr ich dazu komme, die weiteren Kapitel zu überarbeiten. Aber es hat ja auch keine Eile.