blog hop.

Oh, ein Stöckchen. Dass es das noch gibt.

Was ist der Arbeitstitel Ihres Buchs?

Der Arbeitstitel war „Das Zeitalter des Autismus.“ So heißen noch ganz viele meiner Dateien, die sich mit den theoretischen Aspekten befassen. Das Ganze hat sich mittlerweile aber anders entwickelt. Der Titel wird nun sein: „Morgen kann warten. Unterwegs mit unserem autistischen Kind.“

Woher kam die Idee für das Buch?

Autismus ist in den letzten zehn Jahren oft Thema, zumindest in den USA, und auch die Metapher wird viel benutzt, vielleicht weil das, was wir üblicherweise mit dem Syndrom verbinden, irgendwie in unsere Zeit passt. Es gab dazu viele interessante Artikel, zum Beispiel von Steve Silberman in Wired, dass es im Silicon Valley immer mehr Autisten gäbe, um nur ein Beispiel zu nennen. Es ging, zugespitzt, um die Frage, ob unsere globalisierten, kapitalistischen und technisch geprägten Lebens- und Arbeitsbedingungen uns irgendwie zu Autisten machen. (Leben wir in einer autistischen Gesellschaft? Antwort: Eher nein.) Letztlich wird Autismus als Metapher benutzt. Ein Agent hat sich dafür interessiert, wir haben am Exposé gearbeitet, aber die Einschätzung der befragten Lektoren war, dass das vielleicht ein längerer Zeitungsartikel sein könnte, kein ganzes Buch.

Da ich Autismus von ganz unterschiedlichen Warten recherchiert hatte, hätte ich gerne so ein Buch mit verschiedenen Kapiteln gemacht, in denen eines das oben beschriebene ist, ein anderes zum Beispiel die autistische Emanzipationsbewegung neurologischer Vielfalt – neurodiversity. Da war dann aber die Meinung, dass das so speziell sei, dass es nur Leute interessiere, die mit Autismus eh zu tun haben, also: zu kleines Publikum. (Mittlerweile habe ich gelesen, dass Steve Silberman gerade genau so ein Buch schreibt, es soll irgendwann 2013 rauskommen.)

Unter welches Genre fällt Ihr Buch?

Sachbuch, aber mittlerweile mehr so ein erzählendes Sachbuch.

Wie lautet die Einsatzzusammenfassung Ihres Buches?

„Morgen kann warten“ ist eine Geschichte über Autismus und über das Leben mit einem schwer autistischen Kind.

Vielleicht noch ein zweiter Satz darüber, was es nicht ist: „Morgen kann warten“ ist keine Geschichte über Heilung und keine klassische Schicksalserzählung.

Werden Sie Ihr Buch selbst verlegen oder wird es vertreten durch einen Agenten?

Ich habe einen Agenten gefunden, der das Projekt vertritt. Allerdings haben wir keinen Verlag gefunden.

Als wir nicht weiterkamen, habe ich letztes Frühjahr das Buch auf Englisch im Selbstverlag geplant, über Kickstarter. Nun werde ich es wohl, wenn das Buch auf Englisch fertig ist, zurückübersetzen ins Deutsche und dann auch auf Deutsch selbst veröffentlichen. Ich habe gemerkt, dass ich etwas machen möchte, das anscheinend nicht viele Leute interessiert. Da kann man nichts machen. Mich interessiert es, und deshalb mache ich das nun alleine, beziehungsweise mit Scott, der meinen englischen Text lektoriert, und mit Hilfe der tollen Kickstarter-Unterstützung.

Der Agent und ich konnten eben leider keinen Verlag davon überzeugen. Oft hieß es, ich sei keine ausgewiesene Expertin, „nur Mutter.“ Es lief fast immer darauf hinaus, dass ein Verlag von einer Mutter ein emotionales Rührstück erwartet. Letzter Stand war das Exposé mit den Reisen als roter Faden, der Agent hatte es im Herbst mit auf die Buchmesse genommen.

Eine Lektorin schrieb daraufhin, das Exposé sei sehr selbstbewusst formuliert, das sei dem Thema nicht angemessen. Als ich das las, saß ich erstmal eine bis zwei Minuten sprachlos vor dem Bildschirm. Leserinnen, die sich für Schicksalsbücher interessierten, erwarteten eine andere Position. Mit anderen Worten: dass sich die Mutter ihrer Situation angemessen als Opfer präsentiert, oder wie habe ich das zu verstehen?

Ganz viele wollten den Text viel emotionaler haben, da waren wir wieder beim Rührstück. Aber nur um Klischees zu bedienen, muss ich mich nicht fünf Jahre lang hinsetzen und ein Buch recherchieren und schreiben. Ein Lektor meinte, das sei ja alles ganz interessant, aber wohl doch eher Blogniveau. Da kam dann ein bisschen der alte Dünkel auf. Ein Lektor schrieb, er fände das Thema Autismus normalerweise spannend, aber hier käme diese Faszination nicht rüber.

Natürlich werden in den Medien oft und vorzugsweise die faszinierenden Aspekte von Autismus präsentiert: Daniel Tammet oder Stephen Wiltshire oder Gilles Tréhin oder George Widener. Aber es sind eben nur 10% der Autisten, die überhaupt eine besondere Begabung haben. Es geht mir ja gerade darum, mal nicht von dieser Faszination aus zu schreiben. Aber das wird dann nicht als interessant empfunden.

Eine Lektorin meinte, da sei so vieles ganz ähnlich wie mit einem normalen Kind, das sei ja gar nicht so besonders. Auch da las ich die E-Mail und dachte: „Ja, genau, es ist ja auch vieles wie mit einem nicht behinderten Kind. Das Leben mit einem schwerbehinderten Kind hat viele Anteile, die jeder kennt, der Kinder hat.“ Es kommt also schon viel Intendiertes bei den Lektoren an, aber es wird dann jeweils als nicht interessant genug befunden.

Ein Lektor meinte, die Kombination aus Reisen und Autismus sei zu speziell. Das ist gerade der Punkt: dass die Kombination nicht unbedingt naheliegt. Ein kleiner Teil des angestrebten Perspektivwechsels.

Ich bescheinige mir selbst abschließend eine recht große Leidensfähigkeit bei der Suche nach einem Verlag, aber nach der Buchmesse im letzten Herbst habe ich dann aufgegeben. Wir hatten extra noch direkt vor der Buchmesse einen Zeitungsartikel mit Céline Lauer gemacht, aber selbst das hat nichts gebracht. Der Artikel sei ja sehr schön, hieß es, aber damit sei dann ja auch schon alles gesagt, wozu nach dem Artikel noch ein Buch?

Einerseits fand ich es sehr gut, dass ich so viel inhaltliches Feedback bekommen habe und keine 08/15 Absagen, andererseits hat es mir am Ende wenig gebracht, weil vieles ja schon richtig erkannt wurde, aber eben Absicht war, oder ein inhärentes Problem (wie, dass John zu blass blieb – das habe ich mittlerweile schon besser in den Griff bekommen). Ich hätte jemanden gebraucht, der das Vertrauen hat, dass das schon eine gute Sache ist, und der oder die das dann einfach mal macht. Leider hat es nicht sollen sein.

Wie lange haben Sie gebraucht, um den ersten Entwurf Ihres Manuskripts zu schreiben?

Angefangen habe ich mit der Idee 2007, dann habe ich aber zwei Jahre lang fast nur gelesen. Das Projekt hat sich in diesen Jahren immer wieder etwas verändert. Im Moment schreibe ich am zweitletzten Kapitel. Ich weiß nicht, ob wir den Text noch im Februar druckreif bekommen, realistisch gesehen eher nicht. Bei Kickstarter hatte ich Februar 2013 als Fertigstellung angegeben, das war sehr optimistisch kalkuliert. John war zweimal krank, Weihnachtsferien, jetzt die Winterferien nächste Woche: ich hätte da mehr Zeit einkalkulieren müssen. Nächstes Mal wüsste ich es besser.

Selbst wenn bald alle Kapitel fertig sind, haben Scott und ich noch viel Arbeit. Zum Beispiel ist es noch nicht immer überall klar, wie alt John gerade ist, der ganze Zeitverlauf muss verständlicher werden. Auch Johns Entwicklung – wann spricht er, wann spricht er wieder nicht – das sind so Sachen, die deutlicher werden müssen. Ich habe eine Liste von Kohärenzaspekten gemacht, die ich abarbeiten muss, wenn der Text an sich steht. Der Text muss dann ja auch noch von außen Korrektur gelesen werden, dazu habe ich schon eine muttersprachliche Freiberuflerin gefunden. Für das Cover bin ich noch auf der Suche nach einer Grafikerin, aber vielleicht machen wir das auch selbst mit InDesign. Je länger wir zum Schreiben brauchen, umso weniger Geld bleibt dafür, andere zu bezahlen. Ich muss noch die Endnoten und die Bibliographie ausformulieren, im Moment steht da zum Beispiel sowas wie „Autism Matrix 53“ in den Anmerkungen, haha. Auch wenn es kein wissenschaftliches Buch ist, soll es nicht zu guttenbergisch werden. Ich hätte gerne einen Index, aber dafür bleibt dann wohl wirklich keine Zeit mehr. Von April bis Oktober bin ich beruflich ausgebucht, es muss also vor April fertig werden. März sollte zu schaffen sein. Ich hoffe, dass die Kickstarter Backer nicht allzu böse sein werden, wenn es sich um einen Monat verspätet.

Welche anderen Bücher würden Sie mit Ihrem Genre vergleichen?

Ich kann nur sagen, dass mir Sachbücher gefallen, in denen Menschen mit einer persönlichen Stimme über etwas Schwieriges erzählen, das sie erlebt haben, ohne dass es dabei larmoyant wird. Mir fallen da ein: Siri Hustvedt mit Die zitternde Frau, Tim Parks mit Die Kunst stillzusitzen, und natürlich Joan Didion mit dem Jahr magischen Denkens und den Blauen Stunden. Nicht, dass ich sowas hinkriegen würde, aber das sind für mich wichtige Bücher gewesen, die sagen: Man kann und darf seine eigene Situation ernst nehmen, und man kann darüber reflektieren, ohne dass es rührselig wird. Das heißt nicht, dass es nicht auch emotional wäre. Ich glaube, das ist ein großes Missverständnis. Es soll bloß keine billige Gefühlsduselei sein, und nicht so eindimensional.

Was sonst über Ihr Buch könnte das Interesse des Lesers wecken?

Keine Ahnung, ich bin im Moment von der Verlagssuche-Erfahrung zu demotiviert, um überhaupt darüber nachzudenken. Ein Mann hat mich mal gefragt: „Warum soll das eigentlich irgendjemanden interessieren, wo Sie mit Ihrem Mann und Kind in Urlaub hinfahren, oder wie Ihr Leben ist?“

Es ist klar, dass sich dafür nicht jeder interessiert. Mich zum Beispiel aber interessiert, wo andere Leute in Urlaub hinfahren, wenn sie darüber etwas zu sagen haben, und mich interessiert auch, wie ihr Leben ist. Deshalb lese ich gerne Weblogs, oder Bücher wie die genannten. Das ist Kommunikation, da sind Menschen, die von sich erzählen und damit erst die Möglichkeit geben, dass man sie versteht. In diesem Fall: wie soll die Gesellschaft verstehen, wie vielfältig Autismus ist, wenn es darüber nur immer die gleichen drei Narrationen gibt (Heilung, Verzweiflung, Savants)?

Das geht alles aufs Webloggen zurück: dass da mal Leute waren, die an einem ehrlichen Austausch interessiert waren. Vielleicht hatte der Dünkellektor am Ende sogar Recht und das ist Blogniveau. Das wäre dann nur nicht so abschätzig konnotiert, wie er es schrieb, sondern im Gegenteil.

Möchten Sie andere Autoren für das Interview nominieren?

Alle, die ich kenne, haben den Fragebogen schon, glaube ich. Aber ich wünsche mir, wie Isa, ein Buch von Hotel Mama.

himbeerreich im hotel mama.

Finde ich immer gut, wenn Frau Casino im Theater war:
„biodetails als kleine postkarten bei der einrichtung dieser bombenegos, die unser geld bewegen“ [#] Ah.

(Frohes Neues Jahr rundum, übrigens. Ich schreibe momentan nur am Buch und komme zu nichts anderem, aber das ist ja was Gutes. )