der autist als massenmörder [update].

Im Februar 2013 veröffentlichte ich einen Textteil aus meinem Autismusbuch. Mir ist immer mehr aufgefallen, dass die metaphorische Vereinnahmung des Begriffs Autismus konkrete Rückwirkungen auf die Wahrnehmung des tatsächlichen Syndroms hat:

„Autisten sind viel häufiger Opfer als Täter, zum Beispiel Opfer von Mobbing, in der Schule und am Arbeitsplatz. Sie sind oft von Ausgrenzung betroffen. Durch die verzerrte Berichterstattung werden sie allerdings im Gegenteil geradezu als Psychopathen dargestellt. […] Die Prägung des Symbols lässt bereits deutliche Rückwirkungen auf die Wahrnehmung des Syndroms erkennen, wie Newtown und München leidvoll verdeutlicht haben.“ [#]

Wir erleben im Moment, dass sich genau diese Beobachtung weiter fortsetzt. Eine mehr als zweifelhafte Studie mutmaßte frei von wissenschaftlicher Evidenz herum, dass es eine statistisch erhöhte Verbindung zwischen Autismus und Massenmord gebe. Die Autoren haben die beiden Begriffe gegoogelt und auffällig viele Treffer festgestellt. Sie nehmen eine Reihe von spekulativen und einseitigen Artikeln, unter anderem aus Quellen der Boulevardpresse (z.B. Daily Mail) zum Anlass, eine Verbindung zwischen dem tatsächlichen Syndrom und Massenmord abzuleiten, statt zu sehen, dass damit lediglich die Vereinnahmung des Begriffs dokumentiert wird.

Die Washington Post titelte daraufhin: Study: ‘Significant’ statistical link between mass murder and autism, brain injury. So zieht das Ganze nun also seine Kreise. Die veränderte Wahrnehmung des Syndroms als Folge der metaphorischen Konnotation prägt sich immer drastischer aus. Solange die Kritik an diesen beiden Vereinnahmungen im Mainstream gar nicht diskutiert, geschweige denn akzeptiert wird, ist ein weiterer Anstieg zu erwarten. Die Gesellschaft kann damit Probleme auf eine scheinbar einfache Art lösen: Diese ganzen Amokläufer und Massenmörder, das sind eben Autisten, Psychopathen („Das hat mit uns nichts zu tun“).

[Nur zur Info: Die Links zur Studie und zum Artikel in der Washington Post laufen über donotlink.com, damit kein Traffic auf die Artikel generiert wird und sie in den Suchmaschinen nicht aufgewertet werden.]

Zu weiteren Details empfehle ich Emily Willinghams Artikel: No, Timothy McVeigh Was Not Autistic

Es gibt eine Petition, dass die Washington Post ihren Artikel zurückziehen soll.

Nachtrag: Mela Eckenfels hat einen sehr guten, ausführlichen Text dazu geschrieben: Autismus und Massenmord: Der konstruierte Zusammenhang

die verratene generation.

die verratene generation

Bei fast allen meinen deutschen Freundinnen, die Kinder bekommen haben, war dies mit einem recht lange andauernden Kürzertreten im Beruf verbunden. Gründe dafür gab es genügend, vor allem für die, die nicht in Berlin leben. Es gab kaum Betreuung für Kinder unter 3 Jahren und später kamen die kurzen Schulzeiten und die vielen Ferienzeiten hinzu. Wie soll man Vollzeit arbeiten, wenn das Kind um spätestens halb zwei wieder Zuhause ist und alle zwei Monate Ferien hat? Jetzt, da die Kinder größer sind, fällt vielen Müttern der Wiedereinstieg schwer. Nur die wenigsten können da anschließen, wo sie aufgehört haben.

Meine amerikanischen Freundinnen haben das Berufsleben nicht so lange und nachhaltig verlassen. Meine eine Kollegin und gute Freundin arbeitete ein Jahr lang Teilzeit, stockte dann wieder auf, blieb im gleichen Job und wurde über die Jahre hinweg immer weiter befördert, neben zwei Kindern. Als ich in den USA lebte, schien es mir viel leichter und akzeptierter zu sein, Beruf und Familie zu vereinbaren. Ich habe in Chicago drei Monate nach Johns Geburt wieder angefangen zu arbeiten. (Allerdings wurde ich dann nach anderthalb Jahren durch Johns schwere Epilepsie aus der Bahn getragen. Das ist dann Schicksal.)

Weder die Erfahrungen in meinem deutschen noch in meinem amerikanischen Umkreis sind Beweise für irgendwas, es sind willkürlich beobachtete Tendenzen. So kam es mir jedenfalls größtenteils vor, auch wenn immer das Gefühl an mir nagte, dass da vielleicht doch grundsätzlich und strukturell etwas schief läuft. Denn warum gibt es in Deutschland so viele Maßnahmen, die das Kinderhaben unterstützen sollen und dennoch funktioniert das für die Frauen gefühlt viel schlechter als in den USA, wo es nicht einmal Kindergeld gibt?

In ihrem Buch „Die verratene Generation“ haben Kristina Vaillant und Christina Bylow sich auf die Suche nach den Strukturen gemacht, die das etwas vage und vor allem eher private Gefühl von Ungerechtigkeit in einen politischen und gesellschaftlichen Gesamtzusammenhang stellen. Mit konkreten Zahlen und Fakten legen sie Schicht um Schicht frei, dass das, was wir vielleicht für ein persönliches Problem halten, in Wirklichkeit im System angelegt und somit auf eine Weise auch gewollt ist.

Frauen sind widersprüchlichen Anreizen und Logiken ausgesetzt. Betreuungsgeld, Ehegatten-Splitting, Teilzeitangebote oder gar Minijobs suggerieren einerseits Hilfe beim Vereinbaren von Beruf und Familie. Andererseits sorgt nur Berufstätigkeit für eine Rente, von der sich leben lässt. Abgerechnet wird zum Schluss: „Über vierzig Prozent der Frauen, die zwischen 1962 und 1966 in den alten Bundesländern geboren wurden, müssen mit einer gesetzlichen Rente von unter 600 Euro im Monat rechnen. Bei den gleichaltrigen Frauen, die in der DDR geboren wurden, sind es nur 20 Prozent. Sie waren fast immer berufstätig.“ Die Anreize locken uns Frauen am Ende in eine Falle.

Letztens saß in einer Talkshow ein sympathischer junger Journalist der ZEIT, der davon berichtete, dass er und seine Frau eigentlich nicht den klassischen Weg gehen wollten: Er arbeitet und sie bleibt mit den Kindern Zuhause. Dann hätten sie aber gemerkt, dass es zu schwierig sei, zwei Berufstätigkeiten mit den Kindern zu vereinbaren und so hätten sie sich dann doch in das traditionelle Modell gefügt. Das war alles ganz geschmeidig, wie er da so saß und das erzählte. Es täuschte unheimlich gut darüber hinweg, was da eigentlich geschehen war: Er musste nichts aufgeben, seine Frau dagegen schon. Er bedauerte das, immerhin, aber einen alternativen Weg zu suchen, der auch ihr mehr gerecht würde, das hatten sie nicht vermocht. Und so saß da wieder der erfolgreiche Mann in der Öffentlichkeit, die Frau Zuhause bei den Kindern. Das System funktioniert für die Männer nach wie vor richtig gut. Man fragt sich wirklich: Warum sollten sie es ändern wollen?

Dazu kommt, dass nicht alle Frauen automatisch von Armut betroffen sind: „Natürlich trifft die Altersarmut viele Frauen nicht: Lehrerinnen, Richterinnen, Frauen im öffentlichen Dienst und Beamtinnen der mittleren bis hohen Besoldungsstufen. Auch den Frauen, die einen gut verdienenden Mann an ihrer Seite haben, geht es, finanziell betrachtet, besser – solange die Ehe hält.“ Doch auch hier lauert also Gefahr: Solange die Ehe hält. Immer mehr Ehen scheitern und das führt dazu, dass sich die finanzielle Lage der Frauen nach der Scheidung meist deutlich verschlechtert. Wo sich nach der Reform des Unterhaltsrechts 2008 nun eigentlich Männer und Frauen zu gleichen Teilen um die Kinder kümmern sollten und die finanziellen Einbußen teilen, geschieht dies dennoch eher selten. Immer noch kümmern sich meistens die Frauen um die Kinder und schultern die damit einhergehenden finanziellen Einbußen.

„Die Reformen des letzten Jahrzehnts setzten auf Eigenverantwortung auch bei den Frauen, die nicht ausschließlich für sich selbst, sondern sehr viel für andere gesorgt haben. Unter anderer Gesetzgebung haben sie sich auf eine nun für sie höchst ungünstige Verteilung von unbezahlter und bezahlter Arbeit innerhalb ihrer Ehen und Partnerschaften eingelassen. Aber nicht nur geschiedene Frauen sind mit dem neuen Unterhaltsrecht von 2008 gemeint: Es betrifft alle Frauen, die in dem Konstrukt leben, das der Staat entgegen dem Prinzip der Selbstverantwortung wiederum durch ein antiquiertes Steuersystem fördert: die Zuverdiener-Ehe, das deutsche Standard-Modell. Ist der Hauptverdiener nicht mehr da, bricht dieses System zusammen.“

Nach dem Lesen des Buchs scheint es mir, dass wir vor allem eine Reform des Steuerrechts brauchen: die Abschaffung des Ehegatten-Splittings und die Einführung von Steuerklassen, die sich nach Kinderzahlen richten und die Alleinerziehende nicht mehr fast wie Singles besteuern.

Solange die Rente an die entlohnte Berufstätigkeit gekoppelt ist, erhalten Frauen nur dann eine Rente, von der sie leben können, wenn man die Anreize Betreuungsgeld, Elterngeld und Kindergeld abschafft und dieses Geld stattdessen konsequent in Kinderbetreuungsangebote investiert. Das ist eine Möglichkeit. Möchte man dagegen mehr Zeit für Kinder und Familie erlauben (was die Anreize suggerieren), dann wiederum müsste man das Rentensystem so ändern, dass das unbezahlte Kümmern auch zählt. Entweder oder, lieber Staat. So widersprüchlich, wie es heute durchgeführt wird, schadet es den Frauen erheblich.

„Zu lange wurde geschwiegen über die in Deutschland besonders drastische Lohnungerechtigkeit zwischen Männern und Frauen, zu lange haben wir uns ein katastrophales Betreuungsmängelwesen für unsere Kinder gefallen lassen, zu lange haben sich Frauen in Fehden über das falsche und richtige Muttersein bekämpft. Zu lange haben sie für andere gesorgt und sich dabei selbst aus den Augen verloren. Die Quittung dafür bekommen sie jetzt. Sie kommt in Form des Rentenbescheids ins Haus und konfrontiert uns mit der bitteren Bilanz unseres Lebens – und der Wahrheit über ein Lebenskonzept, das Frauen auch heute noch nahegelegt wird: Die Mehrheit der 40- bis 50-jährigen Frauen arbeitet Teilzeit. Auch siebzig Prozent der Minijobs, jener schändlichsten Erfindung des Arbeitsmarkts, wird von Frauen dieser Altersgruppe erledigt. Sie alle erwarten eine Rente weit unter dem Existenzminimum. Es sind keine Einzelfälle, „Einzelschicksale“, wie es früher hieß, und schon gar nicht haben diese Frauen ihr Leben selbst vermasselt, wie ihnen die Ideologie der „Wahlfreiheit“ suggeriert. Diese Ideologie leugnet die Existenz jedweder Rahmenbedingungen. Sie leugnet den Einfluss von Herkunft und Geschlecht. Sie schiebt dem Einzelnen die Schuld zu, wenn er fällt. Was die Frauen unserer Generation betrifft, ist diese Ideologie besonders fatal: Denn einerseits wurde die Selbstaufgabe der Mutter noch immer selbstverständlich gefordert, andererseits wird gerade das Sorgen für andere am Ende gnadenlos und bis zur Existenzgefährdung hin abgestraft.“

Ich bin dem Buch dankbar, dass es dies so deutlich herausarbeitet. Das Problem ist kein Privates, sondern es ist systemimmanent. Und wir müssen auch endlich über Geld reden, ohne dass dann gleich „die Ökonomisierung der Frau“ heraufbeschworen wird.

nutzervertreter.

Am Wochenende habe ich mir einige Vorträge der re:publica angesehen, unter anderem auch die von Sascha und Felix. Mir fiel dabei wieder etwas auf, was ich schon häufiger gedacht habe: Bezüglich der Interessensvertretung von Internetnutzern gibt es viele Parallelen zur Entwicklung der Selbsthilfe im Gesundheitswesen. Letztere hat gegenüber der Internetproblematik etwa 40 Jahre Vorlauf und könnte vielleicht als Orientierung dienen. Möglicherweise muss das Rad (wie aus Interessensvertretung erfolgreich Mitverantwortung gestaltet werden kann) nicht komplett neu erfunden werden.

Rückblick: Seit den 70er Jahren entwickelte sich in Deutschland eine Selbsthilfevertretung, die für die Rechte von Menschen mit chronischen Erkrankungen wie auch Behinderungen eintrat. Sie bildete Bundesverbände, die sich zudem untereinander vernetzten. Mit großem Engagement arbeitete diese Interessensvertretung im Laufe der Jahre immer effektiver. Im Grunde tat sie genau das, was Sascha in seinem Vortrag den „Einmarsch in die Institutionen“ nannte. In der politischen Mitgestaltung ist diese Interessensvertretung seit zehn Jahren angekommen. Mit der Gesundheitsreform 2003 wurde im Rahmen eines Modernisierungsgesetzes der gesetzlichen Krankenkassen ein neues Beschlussgremium der Gemeinsamen Selbstverwaltung im Gesundheitswesen geschaffen. Erstmals sind darin nicht nur Vertreter der Ärzte, Krankenhäuser und Krankenkassen, sondern auch Patientenvertreter eingebunden.

Der Gemeinsame Bundesausschuss bestimmt in Form von Richtlinien den Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenversicherung für mehr als 70 Millionen Versicherte und legt damit fest, welche Leistungen der medizinischen Versorgung von der gesetzlichen Versicherung erstattet werden. Darüber hinaus beschließt der G-BA Maßnahmen der Qualitätssicherung für den ambulanten und stationären Bereich des Gesundheitswesens. Die Gesundheitspolitik ist einer der umfangreichsten Politikbereiche. Rund ein Zehntel des Bruttosozialprodukts wird im Gesundheitswesen erarbeitet, jeder zehnte Berufstätige ist in diesem Bereich beschäftigt und etwa 90% der Bundesbürger sind in einer gesetzlichen Krankenversicherung versichert. Die Beschlüsse, die im Gemeinsamen Bundesausschuss gefasst werden, haben also Einfluss auf fast alle Bürger in Deutschland. Es geht dort entsprechend einerseits um enorm viel Geld, aber andererseits auch um die konkrete Lebensqualität von Millionen von Menschen. Und Patientenvertreter gestalten das heute aktiv mit. Das müssen wir auch mit der Interessensvertretung zum Internet hinkommen.

Ich bin seit einigen Jahren Patientenvertreterin im G-BA. Das ist ein Ehrenamt, also viel Arbeit für wenig Entschädigung. (Die Sitzungspauschale für einen Sitzungstag beträgt für Patientenvertreter € 55,30 zzgl. Verdienstausfall.) Auch das hat die Selbsthilfegemeinde mit der Netzgemeinde gemeinsam: Es geht um zentrale Fragen unseres Lebens, ohne dass für die Interessensvertretung auch nur ansatzweise genügend Geld zur Verfügung stünde. Sascha betonte diesen Aspekt in seinem Startrant. Sicher hat er Recht, aber ich glaube, dass man an der Entwicklung der Selbsthilfevertretung sieht, dass dies nicht zwingend ein entscheidender Aspekt sein muss. Trotz der Geldnot hat die Selbsthilfe es im Gesundheitswesen in entscheidungsbefugte Gremien geschafft. Sie hat einst mit Schnellaktionen und Feuerlöschen begonnen, ganz ähnlich wie wir es zum Beispiel bezüglich der Vorratsdatenspeicherung von avaaz erlebt haben. Interessensvertretung kann aber auf lange Sicht nicht immer nur auf Notsituationen regieren, sondern muss strukturell verankert werden. Deshalb bin ich nach meiner eigenen Erfahrung mit dem Feuerlöschen (als der Berliner Senat die Schulhelferstunden kürzte und damit die Beschulung meines Kindes gefährdete) nun in politischen Gremien tätig, auch wenn das – wie Sascha ebenfalls ganz richtig sagte – sehr langwierig und auch oft frustrierend ist. Es kann schon gut drei Jahre dauern, bis eine Neuerung zur Beschlussfassung ins Plenum gelangt. Ich sehe aber keine Alternative, die diese zähe Arbeit ersetzen könnte.

Das Problem in Bezug auf das Internet sehe ich vor allem darin, dass es noch kein solches Beschlussgremium gibt, in dem man Nutzervertreter verankern könnte. Enquete-Kommissionen binden zwar externe Sachverständige ein, haben aber keine Entscheidungsbefugnis. Im Grunde muss in Bezug auf das Internet eine ähnliche Selbstverwaltung geschaffen werden, wie dies 2003 für das Gesundheitswesen mit dem Gemeinsamen Bundesausschuss geschah. Ein solches Gremium könnte – wie der G-BA dem Bundesministerium für Gesundheit zugeordnet ist – auch einem entsprechenden Ministerium in der Regierung zugeordnet werden. Dass ein solches Beschlussgremium über kurz oder lang sowieso eingerichtet werden muss, erscheint mir unumgänglich, immerhin betrifft das Internet alle Lebensbereiche, ganz ähnlich wie dies für die Gesundheit gilt.

Als Patient lebe ich in einem System, dem Gesundheitssystem, ob ich will oder nicht. Ich kann mir nicht aussuchen, welche Aspekte dieses Systems ich möchte oder nicht möchte. Meine einzige Alternative ist das Mitgestalten der Struktur. Auch das Internet ist eine solche Struktur. Es ist längst kein Ort mehr, denn die Idee eines Ortes impliziert, dass man sich temporär in ihn hinein- oder hinausbegeben kann. Das ist nicht mehr der Fall. Das Internet ist eine Struktur, in der wir uns unweigerlich befinden, mit allen Vor- und Nachteilen. Es ist sogar eine Struktur, die permanent in unser Leben hineinwirkt, selbst wenn wir sie selbst nicht aktiv nutzen. Und so wie das Gesundheitssystem unsere Gesundheit, Krankheit und/oder Behinderung – oft zudem ohne unsere Zustimmung – überwacht, einstuft und bewertet, so tut dies auch das Internet.

[Technologien der Macht. Sascha hat ganz Recht mit den Herrschaftsstrukturen, besser noch als Marcuse eignete sich hier aber Foucault mit seinen Analysen der Disziplinarmacht und der Bio-Macht. Um aus den Dispositiven zur Macht zu zitieren: „Wenn sie nur repressiv wäre, wenn sie niemals anderes tun würde als nein sagen, ja glauben sie dann wirklich, dass man ihr gehorchen würde? Der Grund dafür, dass die Macht herrscht, dass man sie akzeptiert, liegt ganz einfach darin, dass sie nicht nur als neinsagende Gewalt auf uns lastet, sondern in Wirklichkeit die Körper durchdringt, Dinge produziert, Lust verursacht, Wissen hervorbringt, Diskurse produziert; man muß sie als ein produktives Netz auffassen, das den ganzen sozialen Körper durchzieht.“ Ein produktives Netz, das den sozialen Körper durchdringt, Dinge produziert, Lust verursacht, Wissen hervorbringt, Diskurse produziert: Man denkt, er spreche vom Internet, oder?]

Wir brauchen meines Erachtens ein politisches Beschlussgremium, in das von Anfang an Nutzervertreter eingebunden werden, analog der Einbindung von Patientenvertretern im G-BA. Ich glaube, dass sich die Patientenvertretung sehr gut als Modell eignen würde. So könnte man etwa die Benennung von Nutzervertretern durch die Anerkennung sogenannter „maßgeblicher Organisationen“ durchführen. Im G-BA sind dies der Deutsche Behindertenrat, die Bundesarbeitsgemeinschaft der PatientInnenstellen, die Deutsche Arbeitsgemeinschaft Selbsthilfegruppen und der Bundesverband Verbraucherzentrale. Diese vier Organisationen entscheiden, wen sie als Vertreter benennen. Für das Internet fallen mir spontan Organisationen oder Vereine wie Netzpolitik, die Digitale Gesellschaft und der Chaos Computer Club ein. Die Rechte der Nutzervertreter müssten gut in der Geschäftsordnung verankert werden. Ein Antragsrecht sollten sie auf jeden Fall haben, ein Stimmrecht brauchen sie sogar nicht unbedingt. Die Patientenvertreter haben zum Beispiel nur eine beratende Funktion und kein Stimmrecht. Als ich anfing, dachte ich immer, wir müssten uns unbedingt für ein Stimmrecht einsetzen. Mittlerweile bin ich mir da gar nicht mehr so sicher, denn ich sehe, dass wir auch ohne Stimmrecht viel bewegen können und gleichzeitig unsere Unabhängigkeit bewahren (die wir mit einem Stimmrecht ein Stück weit verlieren würden). Auch bräuchten Nutzervertreter ähnliche Unterstützungsstrukturen wie die Patientenvertretung, zum Beispiel eine Stabsstelle und Weiterbildungsangebote, von Workshops zu Verhandlungsstrategien bis zu fachbezogenen Themen.

Die Patientenvertretung musste erst in ihre neue Rolle hineinfinden und ist in gewisser Weise nach zehn Jahren immer noch dabei. (Das ist ein bisschen wie mit den Hundejahren, nur extremer: Zehn Jahre in der Politik sind vielleicht wie ein Jahr im wirklichen Leben.) Aber wir haben schon viele Erfahrungen gemacht – und so ließe sich von unseren Erfolgen wie auch von unseren Misserfolgen viel lernen.

mein freund und helfer. nicht.

In letzter Zeit ist am Hausvogteiplatz ständig Polizei unterwegs, ob das an der Nähe zum Auswärtigen Amt liegt? Jedenfalls sitzen wir da an Johns Brunnen und es fährt eine Wanne vor, acht Polizisten steigen aus und bitten vier junge Leute auf dem Gehweg, sich auf den Boden zu setzen, um die Ausweise zu prüfen. Wir wissen nicht, ob die Polizei gerade aus irgendeinem Grund vier junge Leute sucht, aber beim reinen Beobachten von außen erscheint das Ganze willkürlich und durch die Maßnahme des Auf-den-Boden-Setzens unnötig erniedrigend.

Dann macht John laute Geräusche und zieht damit die Aufmerksamkeit der Polizisten auf sich. Einer kommt zu uns herüber und will wissen, was hier los sei. Wir erklären, dass John Autist ist. Davon hat der Polizist noch nicht gehört. Das Wort „behindert“ versteht er zum Glück, verlangt aber trotzdem, Johns Ausweis zu sehen. Wir sagen, dass wir keinen Ausweis dabei haben, aber da drüben parke unser Auto und darin sei der Behindertenparkausweis, mit Namen und Foto, ob wir den holen sollen? Der Polizist sagt in reichlich unfreundlichem Ton: „Nein, aber nächstes Mal denken Sie daran, den Ausweis des Kindes mitzunehmen. Sie müssen sich doch jederzeit ausweisen können, das ist doch wohl klar.“

Ich ärgere mich über die Polizisten, die ihre Macht ausnutzen, um Menschen einzuschüchtern, und das ausgerechnet an Johns Brunnen, das macht das Ganze für mich noch schlimmer. Natürlich wissen die Polizisten nicht, dass dies Johns Brunnen ist, unser Refugium, unser Ort. Hier fühlt John sich wohl, es ist ein bisschen unser Wohnzimmer und ich möchte keine unfreundliche Polizei in meinem Wohnzimmer. Das ist natürlich ungerecht von mir, denn der Hausvogteiplatz ist nicht unser Wohnzimmer, sondern ein öffentlicher Ort. Dennoch, seit wann tritt die Polizei in großer Gruppe auf und fragt Passanten ohne Anlass nach ihrem Ausweis, zudem behinderte Kinder?

Die Polizisten lassen die vier jungen Leute weitergehen. Zuhause lese ich nach, dass überhaupt erst ab 16 Jahren eine Ausweispflicht besteht und mitführen muss man seinen Ausweis anscheinend auch nicht zwingend jederzeit. So hatte ich das auch in Erinnerung, aber die Polizei hat mich in dieser Situation mit ihrem massiven Auftreten erfolgreich verunsichert.

John ist so groß, wahrscheinlich hat der Polizist ihn schon für 16 gehalten. Andererseits sieht man meiner Meinung nach an Johns Milchbubigesichtszügen, dass er noch keine 16 ist. Doch wer keinen Autismus kennt, der sieht das vielleicht auch nicht. Jetzt bin ich schon wieder ungerecht, denn warum sollte jeder Polizist Autismus kennen? Das vielleicht nicht, aber die Polizei sollte schon so gut geschult sein, dass sie Verhaltensauffälligkeiten einer Behinderung nicht als Bedrohung interpretiert, darum unfreundlich nach einem Ausweis fragt und dann auch noch falsche Belehrungen vornimmt. Dieses Verhalten ist schon stark verbesserungswürdig. Ich biete der Berliner Polizei gerne eine Weiterbildung im Umgang mit geistig behinderten Menschen an. (Ganz abgesehen davon, dass weniger Drohgebärden und mehr Freundlichkeit im Auftreten auch gegenüber anderen Mitmenschen keine schlechte Idee wären.)

[Nachtrag: Gerade über die Gefahrenzonen nachgelesen, in denen die Polizei verdachtsunabhängig kontrollieren darf: „Laut Polizeipräsident Kandt geht es meist um Raub, Drogenhandel und gefährliche Körperverletzung. Die Polizei darf dort Menschen ohne einen konkreten Verdacht kontrollieren und Identitäten feststellen. Kandt betonte, kontrolliert würden nicht alle Menschen an einem dieser Orte, sondern nur Personen, die auch in das Bild der Gefahrenlage passen würden. ‚Ich kann dort niemanden kontrollieren, der nicht optisch in die Tätergruppe passt.'“Aha. Ein 13-jähriges schwerbehindertes Kind sieht also nach Raub, Drogenhandel und gefährlicher Körperverletzung aus.]