tddl 2014 [die vorbereitung].

Dieses Jahr ist die Ausbeute in der Bibliothek groß, 13 Bücher. Die Vorbereitung kann beginnen.

tddl2014

Die Autorinnen und Autoren im Internet:

Michael Fehr [#]

Olga Flor [#]

Romana Ganzoni [#]

Anne-Kathrin Heier [#]

Gertraud Klemm [#]

Karen Köhler [#]

Georg Petz [#]

Tex Rubinowitz [#]

Tobias Sommer [#]

Senthuran Varatharajah [#]

tddl 2014 [die videoporträts].

Michael Fehr

Das Wunder der Fähigkeit zur Artikulation. Und daraus Motivation, Motivierung, Motiv. Und daraus Repetition, Variation. Und daraus eine existenzielle Geschichte mit einer gewissen Musikalität.

Olga Flor

Mag seltsame Räume, Durchgangsorte, Speicherorte – Räume, die man eigentlich nicht betritt, um sich darin aufzuhalten. Schreiben: Ins Leere hineingreifen und was rausholen. Ort der Aufnahme ist das Depot der zoologischen Sammlung: Vorstellung der Welterfassung in Form von Konservierung toter Körper. Schild: Quetschgefahr durch Fahrregale. Man begibt sich auf die Schliche von psychischen Phänomenen.

Romana Ganzoni

Die Autorin kauft im Coop ein.

Katharina Gericke

Ort: Berlin-Moabit. JVA und Kriminalgericht als trostlose Institutionen. Was mal an Kultur da war – ein Kino – existiert nicht mehr. Eine glamourfreie Zone. Moabit als das Neukölln des Zentrums, zwischen Wedding und Charlottenburg. (Die Autorin möchte dort im Herbst ein Kulturzentrum eröffnen.)
Der Mauerfall als großer Theatervorgang. Kurzgeschichten als Urlaub von der Dramatik.

Anne-Kathrin Heier

Fahrt in einem alten Auto durch die Nacht, Wunderbaum am Rückspiegel. Es werden leuchtende Platten eingesammelt, unterlegt mit schöner Musik. Bücher, ein Buchumschlag (John Cage), Notizhefte, Stifte, ein gerahmtes Foto. Das Licht der Platten erlischt.

Gertraud Klemm

Das Politische im Privaten: „Ich glaube, wenn ich mit allem zufrieden wäre, wenn ich dieses große Einverständnis mit der Welt hätte, würde ich wahrscheinlich nicht schreiben.“ Schreiben als eine der wenigen Aktionen, die man der Unzufriedenheit entgegensetzen kann.

Karen Köhler

Wir sind in die Welt und in ein Leben hineingeboren, ohne unser Einverständnis. Die Welt ist kein guter Ort, weil wir sie so schlecht verwalten. Irgendwann sterben wir dann wieder aus dieser Welt hinaus. Leben als vierdimensionale Wurst, an deren Anfang die Geburt und an deren Ende der Tod steht. Wir können uns als diese Lebenswurst nicht begreifen, wir sehen immer nur einzelne Scheiben. Die Anker, die uns schwerelos machen können: Liebe, Empathie, Humor, Intelligenz, Gestaltungswille. [Vorschlag für die automatische Literaturkritik: Minuspunkt „Anker, die schwerelos machen.“ Banalität, die sich in schiefe Bilder verrennt.] (Kann natürlich auch alles ironisch gemeint sein, müsste dann aber auch mit dem Minuspunkt leben können.)

Roman Marchel

Spiegeleffekthaschereien zu Beginn. Der Autor ist der Meinung, dass der Mensch ans Meer gehört, aber vor seinem Haus gibt es einen kleinen Bach und einen Wald dahinter, das ist auch okay. Zum Schreiben braucht man dreierlei: Feuer, Geduld und Vertrauen. Notizheft, Nahaufnahme Stiftspitze. Literatur verbessert die Welt durch Anspruch, unabhängig vom Gelingen.

Georg Petz

Der Autor läuft über Treppen, jede Menge Aufnahmen „aus einem interessanten Winkel.“ Zurückgespultes Treppengehen, ich ahne ein Fest für die Punktevergabe in der Kategorie Videoporträt bei der automatischen Literaturkritik. Autor: Der Mensch als narrative mammal. Wahrnehmung ist die Schlüsselstelle unserer Erkenntnis von der Welt. Literatur kann genau an dieser Schlüsselstelle sitzen. Was wir für gesichert halten, geht doch nur durch den schmalen Verschlussvorhang, den die Wahrnehmung ihr lässt. Autor möchte in seinen Büchern dieses celare artem aufzeigen. Holzhammersymbolik: Autor blickt durch Bücherregale in die Kamera, dazu der Text: „Blicksteuerung ist die Regie in der Literatur.“ [Ich vermute, hier handelt es sich um den Klassiker, dass der Autor dem Redaktionsteam beim Videoporträt nichtsahnend viel zu viele Freiheiten gelassen hat.]

Birgit Pölzl

Schreibt gegen die Gier, sich selbst zu vervollkommnen. Betrachtet sich als politische Autorin mit leiser Botschaft (nicht offensiv). Blick auf Parkplatz, Zeitraffer, Zeitlupe, Personenschatten auf regennassem Boden gespiegelt. Wieder jede Menge Punkte für die automatische Literaturkritik. Die Autorin stellt sich ihre Leser als sensible Männer und Frauen vor, die auch spüren, dass gesellschaftlich etwas nicht in Ordnung ist. Holzhammersymbolik I: Zurückgespultes Büroklammerentwirren, während die Autorin über Struktur einerseits und Offenheit andererseits spricht. Holzhammersymbolik II: Die Autorin öffnet ein verdunkeltes Fenster, dazu der Text: „Jedes Schreiben ist ein Erkenntnisprozess.“ Möchte etwas schreiben, das der Schönheit eines Baumes oder Blattes gerecht werden kann (nicht mimetisch, eher strukturelle Äquivalenz). Kunst als Intensivierungsform, die widerständig macht.

Kerstin Preiwuß

Es wird Holz gehackt und eine Liste geschrieben: Schoten auspulen, Johannisbeeren pflücken, teils unleserlich wegen Weichzeichnerspielerei, Holz hacken, unleserlich. „Dieser verdammte Jähzorn, der in der Familie liegt. Das Haus beschreiben. Wer dort verdroschen wurde. Wer dort gestorben ist. Die Familie kann ein unheimlicher Ort sein. Das reicht nicht. Nochmal von vorn.“ Die Asche der angezündeten Holzscheite verglüht. Der Text heißt Restwärme.

Tobias Sommer

Einige Seiten werden ausgedruckt, beginnend mit Fokusspielereien. Anzoomen an einen Koffer, Detailaufnahmen hingeworfener Hotelschlüssel und einer Serviceklingel. Großaufnahme sich im Luftzug bewegender Buchseiten. Wieder ein Fest für die automatische Literaturkritik. „Zum Erhalt seiner Finanzen verwaltet Tobias Sommer von Amts wegen die Finanzen anderer.“ Der Finanzbeamte/Autor sitzt an seinem Schreibtisch im Büro, Fokus auf die Tastatur, tippende Finger. Büropflanze. Der Text: Ein Hotel in der Nähe der polnischen Grenze. Wieder viele Zoom- und Fokusspielereien. Holzhammersymbolik: Ein Bürostuhl steht im Unkraut am Eingang eines verfallenen Hauses, dazu sagt der Redakteur, er finde im Text des Autors keinen Finanzbeamten. Ende: „Oder habe ich was übersehen?“

[Dieses Jahr wieder so einige Videoporträts, bei denen man vermutet, dass der Autor/die Autorin dem Redaktionsteam zu viele Freiheiten gelassen hat.]

erinnerung.

„Ich dachte wie ein Kind: Die Vergangenheit brauchte ich nicht.
Mir fiel nie ein, dass die Vergangenheit mich brauchen könnte.“

Jonathan Safran Foer, Extrem laut und unglaublich nah

km 00

KM 00, Normandie.

„Erinnern bedarf der Darstellung“, heißt es am Ende von Aleida Assmanns Buch Das neue Unbehagen an der Erinnerungskultur. Die Küste der Alliiertenlandung in der Normandie ist eine riesige Gedenkstätte. Übermorgen am 6. Juni jährt sich der D-Day zum 70. Mal und gerade jetzt summt die Gegend geradezu vor Erinnerung. Ich war mit Alumni der Cornell University und der Penn State University dort. Wir besuchten viele Orte: die Batterie Longues-sur-Mer, den Mulberry-Hafen in Arromanches, die Steilküste Pointe du Hoc, natürlich Omaha Beach, Utah Beach, den amerikanischen Friedhof in Colleville-sur-Mer und den deutschen Friedhof von La Cambe.

Utah Beach mit Gruppe

Kranzniederlegung

Amerikanischer Friedhof

Ein Absolvent der Penn State University ist auf dem amerikanischen Friedhof begraben. Ich habe auf Wunsch der Universität in Honfleur einen Kranz gekauft und beim Friedhof eine spezielle Zeremonie bestellt: Ein Mitarbeiter bringt einen kleinen Eimer Sand vom Omaha Beach ans Grab, reibt den Sand über das Kreuz, bürstet es ab und nur in den Buchstaben verbleibt dann Sand, so dass der Name deutlich lesbar wird. Die Repräsentantin der Universität sprach ein paar Worte und die Gruppe sang ihre Alma Mater. (Eine sehr amerikanische Erinnerungskultur, mit über siebzig Jahren fühlen sie sich ihrer Universität noch sehr verbunden.)

Die Kranzniederlegungszeremonie war sehr bewegend. In Emotionalisierung macht man den Amerikanern so schnell nichts vor. Ich hatte in Vorbereitung der Reise Aleida Assmann gelesen und zum Auftakt der Reise in Paris noch Katja Petrowskajas Vielleicht Esther. Mit diesen beiden Stimmen im Kopf bewegte ich mich durch diese Woche des Erinnerns an der Landungsküste.

Ich musste daran denken, was Aleida Assmann bezüglich der deutschen Erinnerungskultur über das Unbehagen an Ritualen schrieb: „Kritisiert werden vor allem drei Komponenten der Erinnerung: Emotionalität (Pathos der Betroffenheit), Inszenierung (leere rituelle Wiederholungen) und Institutionalisierung (Festschreibung der Erinnerung für die Zukunft). […] Ein dumpfes Unbehagen an der deutschen Erinnerungskultur hat es im rechten Spektrum immer schon gegeben. Jetzt aber steht es zunehmend auch auf der Agenda von Wissenschaftlern und Intellektuellen, die den demokratischen Wertekonsens keineswegs in Frage stellen wollen.“ Assmann identifiziert diese Kritik als Abrechnung mit der 68er Generation, als Generationenkonflikt. Sie verteidigt die Erinnerungskultur überzeugend, auch mit dem aktuellen Bezug zum NSU-Skandal, der wieder leidvoll gezeigt hat: „Eine Zivilgesellschaft ist eine prekäre Institution und kein stabiler Besitz; sie ist nie ein für allemal gegeben, sondern muss sich als solche immer wieder bewähren, bestätigen und argumentativ durchsetzen. […] Auf dem Weg zu einer empathischen Gesellschaft gehören Erinnerungskultur und politische Bildung, Vergangenheit und Zukunft eng zusammen.“

„Sind die Deutschen also Weltmeister im Erinnern? Wenn ihnen dieser absurde Titel zukommt, dann nur, weil sie zuvor Weltmeister im Morden waren.“ Überall stößt man in der Normandie natürlich auf diese Erkenntnis. Ganz am Anfang hatte ich ein bisschen Bedenken gehabt, dass die amerikanische Gruppe es vielleicht nicht gut findet, ausgerechnet mit einer Deutschen diese Woche zu verbringen. Beim Welcome Meeting hatte ich diese Bedenken in einen Witz verpackt und gesagt: „Not that you wonder how you got stuck with a German, of all people, visiting the D-Day sites. I’m only here for the organizational part. A very knowledgeable British historian will guide us through the week.“ Sie lachten alle, zum Glück fand niemand es blöd, dass ich dort war. (Und unser britischer Guide war wirklich hervorragend.)

[Im Laufe der Woche sprachen mich mehrere Leute darauf an, warum wir nachfolgenden Generationen noch so zögerlich seien. Ich glaube, dass es auch daran liegt, dass die Geschichte nicht irgendwann auserzählt vor uns liegen wird, wie Aleida Assmann schreibt: „Jede Offenbarung verbirgt zugleich etwas anderes, was dann auf weitere Enthüllung wartet. Immer bleibt ein Rest des Schweigens, etwas, das man nicht wissen will, das man umgeht, dem man sich (noch) nicht stellen möchte oder das man übersieht und ignoriert.“ Und: „Im Gegensatz zum amerikanischen Traum, der Vergangenheit und Herkunftsgeschichten annulliert und das Versprechen einer neuen, glücklichen Zukunft macht, sind beim europäischen Traum Vergangenheit und Zukunft eng miteinander verknüpft.“]

Die Amerikaner reisen in die Normandie an einen Ort, an dem sie viele Verluste erlitten, aber auch einen großen Sieg errungen haben. Die Trauer mischt sich mit der Pathosformel der „Befreiung Europas.“ Ich habe dieses Mal in der Normandie das erste Mal gesehen, dass die Erinnerungskultur vor Ort durch „mediales Erinnern“ zurückbeeinflusst wird. Es gibt eine neue Statue von Richard Winters, der durch die HBO-Serie Band of Brothers bekannt geworden ist. Eine künstlerische Aufarbeitung der Erinnerung ist also so populär geworden, dass für einen der Protagonisten nun vor Ort eine Statue errichtet wurde. Erst die Serie löste dies anscheinend aus, wie ein Mann erzählte, der den Entstehungprozess und das Spendensammeln für die Statue in den USA mitverfolgt hat. „Erinnern bedarf der Darstellung“, wie wahr das ist, zeigt sich wohl auch an solchen Erinnerungsschleifen.

Richard Winters Statue

Bei BBC Travel gab es einen interessanten Beitrag zum Erinnern an den Ersten Weltkrieg: Where to commemorate WWI. (Wir waren in den letzten Herbstferien in Ypern und es war sehr beeindruckend.) Es ist eine Gratwanderung zwischen dem Erinnern und dessen kommerziellem Ausverkauf. Dass der sogenannte Dark Tourism oft zu weit geht, zeigt dieser Artikel über Polen: Touring History’s Dark Side. Neben der berechtigten Kritik an ausbeuterischen Auswüchsen des Erinnerungstourismus finde ich es dennoch wichtig, Orte selbst zu sehen und zu erleben. Wenn man dies respektvoll tut, gibt es der abstrakten Erfahrung eine neue Dimension.

Als wir auf dem deutschen Friedhof ankamen, war gerade eine Schulklasse dort gewesen.

Gedenken einer Schulklasse

In Vielleicht Esther ist das Reisen an verschiedene Orte auch ein wiederkehrender Teil der Erinnerungssuche. Das Buch ist geprägt von Wehmut (oder ist es Sehnsucht?) und gleichzeitig von einer großen Kraft, die daraus erwächst.

„Bei welcher Zahl verschwindet der Mensch? 10.000 Erschossene wurden unter der Marbacher Linde begraben, drüben auf dem Berg, wenn ich mich nicht irre, wie soll ich mir das vorstellen, in meiner Schule waren wir nur 600, und in einem Stadion war ich noch nie. Wenn ich noch eine Null anhänge, muss ich anfangen, strategisch zu denken, ich stelle mir die großen Schlafbezirke vor, in den Hochhäusern auf der Insel gegenüber von meinem Kiewer Haus leben genau hunderttausend Menschen, ich bringe sie heimlich in die Todesstatistik ein, ohne sie in ihrem Schlaf zu stören, nicht für immer, nur um diese Zahl zu verstehen, und dann lasse ich sie wieder ins Leben zurück.

Wir sind mit 20 Millionen Kriegstoten aufgewachsen, dann stellte sich heraus, es waren viel mehr. Durch Zahlen sind wir verwöhnt und verdorben, von der Vorstellung der Gewalt vergewaltigt, wenn man diese Zahlen versteht, akzeptiert man auch die Gewalt. Mich ergreift eine Schwermut, ich weiß nicht, warum das alles so gewöhnlich klingt, fast langweilig.

Ich wollte eine Lösung finden, für mich und für diejenigen, die heute hier wohnen und arbeiten, ich wollte mich erinnern und darüber schreiben, es war aber eine Tätigkeit ohne absehbares Ende. Sisyphos wollte den Tod betrügen, und Thanatos bestrafte ihn mit nie endender Arbeit, er holte ihn aus dem Schattenreich ins Leben zurück und verurteilte ihn zu ewiger Beschäftigung, ewiger Mühe, ewiger Erinnerung. Sisyphos rollte seinen Stein nach oben, im Schweiße seines Angesichts, und wie das ausging, wissen wir.“

Wir sind alle 70

Im Friedensmuseum in Caen hat mich dann am Ende der Reise enttäuscht, dass es zu allen Opfergruppen Informationen gab, nur zu den Euthanasieopfern konnte ich nichts finden. Zu den Homosexuellen gab es nur eine ganz kleine Passage. Ich musste wieder an Vielleicht Esther denken: „Als die Ukraine vor zwanzig Jahren unabhängig wurde, bekamen mit der Zeit alle Opfergruppen ihr Monument: ein Holzkreuz für die ukrainischen Nationalisten, ein Denkmal für die Ostarbeiter, eines für zwei Mitglieder des geistlichen Widerstands, eine Tafel für die Zigeuner. Zehn Denkmäler, aber keine gemeinsame Erinnerung, sogar im Gedenken setzt die Selektion sich fort.“

Auch Aleida Assmann hat über das Problem geschrieben, das so merkwürdig Opferkonkurrenz heißt: Eine gänzlich inklusive Opferkategorie bietet keinen Raum für die besondere Identität der einzelnen Gruppen, eine gänzlich getrennte Opferkategorie dagegen perpetuiert die Selektion. Zur Überwindung der Opferkonkurrenz macht Assmann den Vorschlag eines dialogischen Erinnerns: „Ich verstehe dialogisches Erinnern ganz pragmatisch als wechselseitige Anerkennung von Opfer- und Täterkonstellationen in Bezug auf eine gemeinsame Gewaltgeschichte. […] Während die monologische Erinnerung die eigenen Leiden ins Zentrum stellt, nimmt die dialogische Erinnerung das den Nachbarn zugefügte Leid ins eigene Gedächtnis mit auf.“

[Das bleibt dann der Wunsch für die Zukunft: Dass auch die ermordeten Menschen mit Behinderungen und psychischen Erkrankungen mehr in dieses dialogische Erinnern aufgenommen werden. Es ist kein Zufall, dass sie auch die letzten sind, die in Berlin ihre Gedenkstätte erst noch bekommen – und wir schreiben das Jahr 2014.]

ihr lieben, ich habe das kind nicht geschrumpft.

Wir gehen einkaufen, John ist ungeduldig. Ich erkläre, dass wir etwas einkaufen müssen, wenn er essen möchte und Hunger hat er doch, also müssen wir einkaufen. Er jammert und schlägt sich irgendwann mit der Faust ziemlich heftig auf den Kopf. Ich reagiere nicht, er macht es noch einmal, so geht es weiter. Ich ernte kritische Blicke anderer Einkaufender. Das verstehe ich, denn es ist eine ungewöhnliche Situation, aber nun ist es so: Ich weiß genau, wenn ich jetzt auf John reagiere, dann wird er sich merken, dass das Schlagen auf den Kopf eine Wirkung erzielt, und er wird dieses Wissen auf lange Zeit einsetzen.

Eine Mutter aus meiner Elterngruppe hat einen erwachsenen autistischen Sohn, der einmal damit anfing, sich die Nase so lange zu rubbeln, bis sie blutete. Sie war schockiert, reagierte entsprechend darauf und es resultierte darin, dass ihr Sohn in Zukunft dieses Naserubbeln immer wieder einsetzte, wenn er sie ärgern oder seinen Willen durchsetzen wollte. Das massive Naserubbeln und Nasenbluten wurde – über Monate und Jahre – zu einem Riesenproblem.

Kinder suchen Reaktionen, und immer wieder wollen und müssen Grenzen ausgetestet werden. Das geht allen Eltern so. Gerade letzte Woche beobachtete ich in unserem Lidl einen Vater mit seiner etwa dreijährigen Tochter. Anfangs schoben sie friedlich an uns vorbei, dann fing sie an, ihren Vater zu sticheln und wollte dies und das haben, was er nicht einkaufen wollte. Er sah aus, als käme er gerade von der Arbeit. Das Mädchen schien voll fokussiert, der Vater eher müde.

Sie ahnte ihre Chance, drängelte immer weiter, aber er hielt erfolgreich dagegen. Gerade dachte ich, dass das ja beeindruckend gut für ihn funktioniere, als das Mädchen den Vater bat, sie aus dem Wagen zu heben, sie wolle selber laufen. Er hob sie heraus und prompt legte sie einiges an Drängeln und Jammern nach. Sie rannte wild herum und hatte nun wesentlich mehr Möglichkeiten, Druck auf den Vater auszuüben. Als ich sie kurze Zeit später wieder sah, schimpfte der Vater mit der Tochter: „Es reicht jetzt wirklich!“ Er versuchte, sie gegen ihren Willen zurück in den Einkaufswagen zu setzen. Sie weinte und schrie, zog ihre Beine erst an den Körper, strampelte dann mit ihnen, keine Chance für den Sitz im Einkaufswagen. Dem Vater war das Ganze sichtlich unangenehm und es blieb ihm nur noch, die Tochter auf dem einen Arm zu tragen, mit der anderen Hand den Wagen zu schieben und seinen Einkauf möglichst schnell zu beenden. Er wirkte nun richtig müde.

Wenn Scott in so eine Situation zwischen John und mir von außen hereinkommt, sagt er manchmal: „He plays you like a fiddle.“ Das Mädchen im Lidl war auch eine wahre Geigenvirtuosin. Kinder scheinen fast einen siebten Sinn zu haben, wie – und vor allem auch wann – sie bei ihren Eltern welche Knöpfe drücken müssen. Mit einem schwer autistischen und geistig behinderten Kind, Teenager oder auch Erwachsenem ist das alles „nur“ in einer extremen Weise ausgeprägt. Uns geht es doch so ähnlich. Mein Problem ist nur nicht, dass ich mein Kind nicht mehr in den Einkaufswagen zurückbekomme, sondern dass John sich vielleicht ernsthaft verletzen kann, wenn er sich mit Wucht auf den Kopf schlägt. Aber es geht einfach nicht, dass ich jedem Druck immer nachgebe, denn so kann man erstens die einfachsten Dinge im Leben nicht mehr bewältigen und zweitens hilft es John nicht weiter, weil es gefährliche Verhaltensweisen „belohnt“ und damit verstärkt. Wenn ich darauf reagiere, dass John sich mit der Faust auf den Kopf schlägt, wird er das immer wieder tun, vielleicht sogar bald den Kopf gegen die Wand schlagen (wie man es manchmal von schwer betroffenen Autisten hört). Es hilft nur – auch und vor allem John selbst und seiner Gesundheit – das Ganze möglichst unaufgeregt zu ignorieren, solange es nicht zu gefährlich ist. Also gehe ich betont unbeeindruckt neben ihm her und sage höchstens mal: „Nee, das bringt nichts. Wir müssen einkaufen, und das kannst Du.“

Das fällt mir natürlich ganz schön schwer. (Ich hätte gerne diese Nerven aus Stahl. Wenn jemand erfährt, wo man die bekommt, bitte unbedingt Bescheid geben.) Die kritischen Blicke helfen leider nicht. John ist mittlerweile 1,80 m groß, aber in gewisser Weise ist er ja wie diese kleine Geigenvirtuosin im Lidl. Manchmal wünschte ich, ich könnte mich erklären, aber gerade in kritischen Situationen ist daran natürlich nicht zu denken. Vielleicht sollte ich einen Flyer entwerfen, den ich Menschen einfach in die Hand drücken kann. („Hallo, dieses Kind ist wie Ihres, nur ein bisschen extremer, also verhalte ich mich wie Sie, auch nur ein bisschen extremer.“)

[Oder ich muss mich an Wayne Szalinski wenden, um John auf die gesellschaftlich anerkannte Größe für solche Problematiken zu schrumpfen. Immerhin hatte dessen Schrumpfgerät ihm am Ende auch die Toleranz der Nachbarn eingebracht.]