holding tight.

John, 15.

15 Jahre, mein lieber John. Gestern Abend sind wir zu Deinem Ehrentag essen gegangen, vorgestern hast Du ein neues Dreirad bekommen und Dich wahnsinnig darüber gefreut. Wir wohnen hier bald in einem Erwachsenenhaushalt. Ich habe mich daran gewöhnt, die kleinste in der Familie zu sein. Ich habe mich daran gewöhnt, dass meine Hand in Deiner verschwindet. Manchmal vermisse ich meinen kleinen John. Aus Johnchen wurde zuerst Johnchenmann, weil ich mich nicht so recht verabschieden konnte, aber nun sagen wir beides nur noch selten und immer öfter Johnny.

An einem Tag ist der Spielplatz ein Hit und Du schaukelst begeistert. Am nächsten Tag bist Du empört darüber, dass wir Dich großen Jungen auf einen Spielplatz mitnehmen. Also gehen wir eine Zeitlang nicht, und als wir dann beim Spazierengehen an einem Spielplatz vorbeikommen, stürzt Du Dich auf die Schaukel, als hätten wir sie Dir ewig vorenthalten. Das ist die Pubertät, da können wir vieles falsch machen, es ist keine leichte Zeit jetzt, vor allem für Dich selbst nicht. Wir merken, wie Du nach Unabhängigkeit strebst, aber dabei natürlich in allen Dingen Hilfe benötigst. Diesen Widerspruch können wir für Dich leider nicht auflösen, nur zu helfen versuchen, dass Du dabei einen Weg findest, der gut für Dich ist.

Richtig gefreut hat es mich, dass Du zwei Tage vor Deinem Geburtstag einen Joghurt gegessen hast. Du hast ihn Dir im Supermarkt selbst ausgesucht und Zuhause sofort herausgeholt. Du warst fest entschlossen. Seit 12 Jahren hast Du ein Joghurt-Trauma, weil wir damals, als Du noch ganz klein warst und Tag und Nacht Krampfanfälle hattest, die Antikonvulsiva darunter gemischt haben. Vorher hattest Du Joghurt geliebt, aber mit dem bitteren Beigeschmack der Medikamente schnell verweigert. Danach wolltest Du nie wieder Joghurt anrühren, auch wenn ich noch so beteuert habe, dass nichts hineingemischt ist. Vor drei Tagen aber hast Du also plötzlich einen Entschluss gefasst, einen Joghurt ausgesucht und ihn Zuhause mit großer Freude ganz aufgegessen. Die Aufarbeitung der diversen Traumata dauert lange, aber ich bin froh, dass sie möglich ist und stattfindet.

Mein lieber John, Du machst das super und wir sind sehr stolz auf Dich. Ein großer Kerl bist Du geworden, ein bisschen halbstark, aber richtig so! Clearly, you’re a rebel with a cause.

(Ich lese: Surviving Your Child’s Adolescence. How to Understand, and Even Enjoy, the Rocky Road to Independence von Carl Pickhardt.)