sechswochenamt.

Das Sechswochenamt markiert in der katholischen Kirche das Ende der ersten Trauerphase. Wir haben vorgestern zwar kein Sechswochenamt für John gefeiert, aber ich musste daran denken, was es bedeutet.

Zuerst haben wir John noch überall wahrgenommen. In den ersten Tagen nach seinem Tod war dies besonders stark. Zwei Tage lang hatte ich sogar das Gefühl, dass seine Seele wirklich noch bei uns ist.

Weil John unser Lebensmittelpunkt war, gab es im akuten Vermissen keine Pause. Überall leere Stellen. Jeden Wochentag gegen vier hatten wir zum Beispiel das Gefühl, nach Hause zu müssen, weil John um kurz vor fünf aus der Schule kommt. Als wir abends Scotts Familie aus den USA trafen, hatten wir nachher im Auto das Gefühl, schnell nach Hause zu müssen, um den Babysitter abzulösen. In der Küche meinte ich immer, dass John jeden Moment reinkommt und mir auf den Füßen steht, weil er endlich essen möchte. Um dann immer jeweils zu denken: „Nein, nicht mehr.“

So ging das den ganzen Tag, in so vielen Kleinigkeiten, schließlich hatten wir uns vollkommen auf John eingestellt. Nach sechs Wochen denke ich zwar immer noch die ganze Zeit an John, aber ich glaube, ich habe mittlerweile doch tiefer verstanden, dass er nicht mehr da ist. Von Tag zu Tag wurde es mir bewusster (dieser Verständnisprozess durchläuft erstaunlich viele Ebenen).

Ein solch tieferes Verstehen wird vielleicht durch das Sechswochenamt symbolisiert. Es lindert allerdings die Traurigkeit nicht, fast im Gegenteil, weil es ein Erkennen bedeutet, welches auf dem Weg zum Anerkennen liegt und daher eng mit dem Loslassen verknüpft ist, welches wiederum so schmerzhaft ist.

Neben der Trauer der Seele ist dies auch eine körperliche Erfahrung. Einerseits ist da der Aspekt der Pflege. Wir haben John bis zum Schluss die Haare gewaschen, die Zähne geputzt, ihn angezogen, gewickelt etc. Außerdem war John, weil er keine Sprache hatte, umso mehr ein besonders körperlicher Mensch. Seine ganze Kommunikation ging über den Körper. Und weil John zum Schluss schon 1,94 m groß war, hatte das natürlich auch eine enorme Kraft in sich.

Weil er nicht verkehrssicher war, haben wir John draußen immer an der Hand gehalten. Beim Gehen hat er sich gerne an meine Schulter gehängt. John hat noch immer gerne auf meinem Schoß gesessen. Jetzt ist er nicht mehr da und wir gehen im Wortsinn unbeschwert durch den Tag. Keiner hängt an meinem Arm, keiner steht auf meinen Füßen, keiner muss gewaschen, angezogen und gewickelt werden. Diese Diskrepanz ist auch schwierig: Im Wortsinn unbeschwert, die Tage stehen offen, keine Verantwortung mehr, aber dennoch nie wieder unbeschwert, weil John für immer fehlt, seine Persönlichkeit, seine ungestüme Energie, sein Humor, seine unverwechselbare Sicht auf die Welt.

Ich weiß nicht, ob es etwas damit zu tun hat, dass John sich so sehr über den Körper mitgeteilt und ausgedrückt hat, aber zu seinem Grab zu fahren kann uns im Moment am ehesten etwas beruhigen. Ich weiß, dass Johns Körper nur noch eine Hülle war. Als wir seinen Leichnam angezogen haben, spürten wir das auch ganz deutlich, das Anziehen ist ja etwas ganz anderes ohne jegliche Körperspannung. Dennoch fühle ich eine Verbundenheit zu diesem Ort, an dem John begraben liegt. Mit dem Fahrrad sind wir in einer Viertelstunde dort und wir besuchen ihn im Moment noch jeden Tag zwei Mal. Bei schönem Wetter sitzen wir dort auch gerne länger auf der Bank.

Am Eingang zum Friedhof blüht gerade ein großer Magnolienbaum. Ich glaube, den hätte John gemocht. Und ich denke, was unter anderem auch bleibt: John ist jetzt in allen schönen Dingen, die ich sehe.

Magnolienbaum am Friedhof

Magnolienbaum am Friedhof