sechs monate.

Auf dem Friedhof haben wir weiterhin unsere beiden Klappstühle im Gebüsch versteckt, sitzen damit oft an Johns Grab und laufen ansonsten viel auf dem Friedhofsgelände spazieren. Mit den anderen Trauernden, die auch jeden Tag da sind, grüßen wir uns oder sprechen auch mal ein bisschen. Unsere neue Community.

Der nette Gärtner hat uns vom Großmarkt einen Aufsatz für die Gießkanne mitgebracht. Die Gießkanne leihen wir uns von ihm am Eingang, den Aufsatz haben wir nun in unserer Fahrradtasche, zusammen mit Gärtnerhandschuhen, einer kleinen Schaufel und einer kleinen Harke.

Gekauft: Chrysanthemen Rock’n Roll. Die hießen wirklich so.

Blumentransport

Manchmal kommen Malgruppen auf den Friedhof, stellen Staffeleien auf, bleiben stundenlang und sprechen erstaunlich viel beim Malen. Jugendliche laufen auf dem Hauptweg mit einem Rollkoffer vorbei und verschwinden irgendwo im verlassenen hinteren Teil des Friedhofs. Da in dem Rollkoffer Flaschen klirren, nehmen wir an, dass die Jugendlichen dort irgendwo einen Partyplatz haben. Einmal hat sich am Mausoleum eine Frau bis auf die Unterwäsche ausgezogen, es stellte sich als ein Fotoshooting heraus.

Je nach Windrichtung hören wir manchmal von Norden den Verkehr von der Gneisenaustraße oder von Süden den Verkehr vom Columbiadamm. Und vom Tempelhofer Feld schallen ab und an Rufe vom Softball-Feld zu uns herüber, was doch passt zu unserem deutsch-amerikanischen Jungen.

Im Mai hörten wir leise, aber gerade noch vernehmbar die Ansagen der Fahrgeschäfte auf den Neuköllner Maientagen im angrenzenden Volkspark Hasenheide.

Im Juni sehr laut den Karneval der Kulturen, der am Südstern direkt vor dem Friedhof vorbeizog.

Im Sommer kamen hier und da Durchsagen aus dem Sommerbad Neukölln bei uns an: „Wir haben hier Amadeo, acht Jahre, blaue Badehose. Mama oder Papa bitte zum Bademeister!“ Als ein Gewitter aufzog: „Alle sofort raus aus dem Wasser. Ich wiederhole: Alle raus!“ Dann stürmte es durch die Bäume rund um uns herum, es wurde ganz dunkel und nur hier und da flackerte das Licht von den Kerzen in den Laternen.

Das war eine tolle Stimmung, auf dem Naturfriedhof im Gewitter. Überhaupt wenn es stürmt und der Wind überall anders klingt: in den Tannen, in den Birken, in der Buche, im Engelsbaum, im kleinen Kirschbaum rechts neben John und im noch kleineren Gingko links von uns.

Jeden Tag sehen wir Eichhörnchen. Und Bienen, denen bei John bis vor kurzem der mittlerweile verblühte Lavendel besonders geschmeckt hat. Fast jeden Tag sehen wir auch die Feldmaus, die hinter uns im Gebüsch der verwilderten „Ruhestätte der Familie Wehlitz“ wohnt.

Wir kennen mittlerweile viele Gräber, haben eine ganze Reihe von Menschen über Google gefunden. Lebensläufe und Nachrufe. Nicht weit von John entfernt ist zum Beispiel das Grab des Musikers Wauz, und da stieß ich als Erstes auf eine Widmung des von mir ja sehr gemochten Olli Schulz, Du hattest Recht mit dem Ende von Lost.

Manchmal besuchen wir Gert Mattenklott am anderen Ende des Geländes auf dem Friedhof Dreifaltigkeit II. Einmal lag dort eine berührende, mit einer koreanischen Münze beschwerte Notiz eines Studenten.

Manchmal laufen wir zum Bienenstock hinten auf dem Friedhof. Dort gibt es sogar ein Ansichtsfenster der Bienen bei der Arbeit. Den Honig müssen wir uns natürlich besorgen.

Friedhofsbienen

Friedhof

Unsere Welt auf dem Alten Luisenstädtischen Friedhof. Es wird uns bisher nie langweilig dort, bei John. Und es ist weiterhin unbeschreiblich, wie sehr wir John vermissen.