schöne neue rösler-welt.

“Wenn es ein gutes Vertrauensverhältnis zwischen Arzt und Patienten gebe, dann brauche man auch keine Qualitätssicherungsbögen.”

So sagte es unser neuer Gesundheitsminister in einem seiner ersten Interviews. Hm. Moment mal. Wenn es ein gutes Vertrauensverhältnis zwischen Atomkraftwerksbetreibern und Bevölkerung gibt, dann braucht man wohl auch keine Kontrollen der Atomkraftwerke? Wenn es ein gutes Vertrauensverhältnis zwischen Staat und Bürgern gibt, braucht man vielleicht auch keinen Datenschutzbeauftragten, Behindertenbeauftragten etc.? Wenn es ein gutes Vertrauensverhältnis zwischen Staat und Bürgern gibt, dann braucht man vielleicht noch nicht einmal die Versammlungsfreiheit, eigentlich sogar keine Wahlen, denn wenn es ein gutes Vertrauensverhältnis zwischen Staat und Bürgern gibt, dann braucht man die Kontrollfunktion des Parlaments ja gar nicht. Aber wo ist eigentlich die Opposition, schon im Winterschlaf? Ach, ich vergaß: wenn es ein gutes Vertrauensverhältnis zwischen den Parteien gibt, dann braucht man keine Opposition.

Das ist übrigens 2009, nicht 1909. Nur falls sich jemand wundert. Man sollte Herrn Rösler mal von dieser “Parallel-Welt Internet” (quote) erzählen, in der Patienten sich über Ärzte und Therapiemethoden und all sowas in aller Öffentlichkeit austauschen, in der sogar Krankenkassen interaktive Gesundheitsportale eröffnen. Denkbar, dass dies ein schlimmerer Angriff auf die Souveränität der Ärzte ist als die Qualitätssicherungsbögen. Aber wenn es ein gutes Vertrauensverhältnis zwischen allen Menschen gibt, dann braucht man wahrscheinlich auch gar kein Internet.

3 Kommentare to “schöne neue rösler-welt.”

  1. 1
    Jens:

    er hats sicher anders gemeint, aber ich verstehe den Satz ja so:
    Hätten sich die Ärzte nicht das Vertrauen der Patienten verspielt, dann bräuchte man auch keine Qualitätssicherheitsbögen.

    Oder: Wenn man dem Bürger Jahre lang beibringt, daß ihm nicht vertraut wird akzeptiert er das irgendwann mal als normalen Zustand und vertraut seinerseits auch niemandem mehr.

  2. 2
    Lazlo Mitsch:

    Er hat evtl. einen Aufhänger gesucht, um zu sagen, Qualitätsmanagement ist bürokratischer Mist, der nix bringt, der ein gestörtes Vertrauensverhältnis nicht ersetzen kann, ich meine Arzt Patient ist was anderes wie Staat Bürger. Die Ärzte haben es sich mit ihrer Gier verspielt, ein Berufsstand der sich mal Altruismus auf die Fahnen geschrieben hat, sich heute aus Rentensystem und Sozialsystem jedoch sicherheithalber verabschiedet hat …

  3. 3
    Moni:

    Im Kontext des Satzes denke ich auch, dass er die Bürokratie der Qualitätssicherung monieren wollte. Aber da sollte man schon ein bisschen vorsichtig sein. Durch die Evaluation dieser Bögen können, um nur einen Grund zu nennen, Rückschlüsse auf die Erfolge bestimmter Behandlungsmethoden gezogen werden. Was einem im Moment lästig ist, kann für die Zuknuft vielen Menschen helfen.

    Im Übrigen war die Übertragung auf Staat und Bürger natürlich Polemik. Nicht zuletzt ist die Überwachung und Kontrolle der Bürger dank Vorratsdatenspeicherung etc. ein großes, komplementäres Thema.

Kommentieren