berlin im november.

I
John balanciert auf einem Holzbalken. Ein Mann, eine Frau und ein Mädchen (vielleicht drei bis vier Jahre alt) kommen in unsere Richtung. „Ich will auch machen, was der Junge da macht!“, ruft das kleine Mädchen. Sie springt fröhlich in Richtung des Holzbalkens, steht gerade darauf, als John anfängt, ein Medley seiner komischen Geräusche (irgendwo zwischen Löwe und Affe, durchsetzt mit diversen Zischlauten) zum Besten zu geben. Das Mädchen ist zwar leicht irritiert, scheint aber weiter auf demselben Balken balancieren zu wollen. Vater und Mutter sehen sich allerdings völlig schockiert an, und der Vater ruft dringend und drängend: „Milena, komm sofort her, wir gehen weiter!“ Das Mädchen ist vom scharfen Ton des Vaters erschrockener als von Johns Geräuschen, hüpft sofort von dem Balken und läuft zu den Eltern, die sich ohne uns eines weiteren Blickes zu würdigen umdrehen und mit dem Kind davoneilen. Wir: die Aussätzigen. Und die snobistischen Akademiker-Eltern in Prenzlauer Berg.

II
Ich kaufe mit John bei Lidl ein. Er streift durch die Gänge und bewundert die Verpackungen, die er sich so gerne ansieht. Weil ihm das so gut gefällt, macht er dabei seine glucksenden Mir-geht-es-gut-Geräusche. Zwei etwa sechsjährige Mädchen beobachten, wie er mit den Fingern gegen die Verpackungen schnipst (ein Zeichen seiner Anerkennung der Formen und Farben, seine Kommunikation mit den Dingen). Die beiden Mädchen tuscheln und als wir ganz bei ihnen in der Nähe stehen, sagt das eine Mädchen laut und bestimmt, direkt in Johns Gesicht: „Du bist echt ekelhaft.“ Ich bin schockiert, und sehe mich nach den Eltern um, die aber nicht zu sehen sind. Also gehe ich auf das Mädchen zu, sie sagt nach einem Blick in mein wütendes Gesicht gleich präventiv: „Ich habe nichts gesagt!“ Das zweite Mädchen verdrückt sich in den Nebengang, aber die kleine Idiotin habe ich eingekesselt. Ich erwidere: „Ich habe genau gehört, was Du gesagt hast. Komm mir nicht so.“ Sie: „Aber meine Freundin hat auch über ihn gelacht!“ Ich: „Das habe ich gesehen, aber das ist keine Entschuldigung für Dich. Du hast meinem Sohn etwas gesagt, das nicht in Ordnung war. Eins musst Du Dir merken: Es gibt ganz viele unterschiedliche Menschen auf der Welt, und die haben alle genauso ein Recht hier zu sein, wie Du. Das kannst Du Dir am besten für Dein ganzes Leben merken.“ Sie hört mir natürlich kaum zu, und ich lasse sie gehen. John hat nämlich in der Zwischenzeit angefangen, herzerweichend zu weinen. Ob er das Mädchen nun verstanden hatte, und darum weinte, oder ob er einfach intuitiv auf die Spannung zwischen mir und dem Mädchen reagierte, das weiß ich nicht. Wir, die Aussätzigen. Und die verwöhnten, hochnäsigen Blagen der snobistischen Akademiker-Eltern in Prenzlauer Berg.

Warum die schlechten Erfahrungen immer hier, an der Grenze zwischen Mitte und Prenzlauer Berg? Kann das noch Zufall sein? Selbst wenn John das größte Theater an der Supermarktkasse macht, hat uns in hier noch nie jemand vorgelassen, ganz im Gegensatz zu Friesoythe, meinem kleinen Heimatort, in dem uns schon häufiger Leute vorgelassen haben, obwohl ich dort viel seltener einkaufen gehe. In Berlin, jedenfalls in diesem Teil der Stadt, hat man keine Zeit für Wärme, Rücksicht, Mitgefühl und ähnlichen Quatsch. Hier sind wir hart und unnachgiebig, Leid passt nicht in unser Leben, Menschen, die anders sind, möchten wir in unserem Viertel am liebsten gar nicht haben, wir sind erfolgreich, schick gekleidet und unsere Kinder lernen schon mit fünf Jahren Chinesisch, da haben wir keine Zeit, irgendwelche behinderten Kinder an der Kasse vorzulassen, die sollen doch woanders hingehen, zum Beispiel in den Wedding, da müssen wir dann gar nichts davon wissen, dass es sie gibt; aber wenn sie wirklich darauf bestehen, hier zu wohnen, dann müssen sie sich eben damit abfinden, dass wir ihnen bestenfalls die kalte Schulter zeigen, wenn wir uns und unsere Kinder nicht gerade demonstrativ von ihnen wegzerren.

III
Im Park Sanssouci muss ich Johns Windel wechseln. Wir gehen auf die Schloss-Toilette, auf der nichts los ist. Die Toilettenfrau zeigt uns sofort die größte Kabine, in der ich ihn am besten wickeln kann. Als wir wieder herauskommen, schenkt sie John ein gebasteltes Papierschiffchen und redet freundlich mit ihm. Dass er nicht antwortet, stört sie nicht. Ich sage: „Er kann nicht sprechen“, woraufhin sie sagt: „Ich weiß. Aber er versteht bestimmt, wenn man ihm etwas schenkt.“ Die nette Toilettenfrau in Potsdam.

IV
Wir fahren im ICE und John wird die Reise lang. Mehrmals schon sind wir durch den ganzen langen Zug gelaufen, ich muss aber noch irgendwie eine Stunde bis Berlin rumbringen. Also nehme ich ihn mit ins Bord-Restaurant und kaufe ihm überteuerte Nudeln. Die verspeist er denn auch mit viel Freude. Eine halbe Stunde erkauft. Als ich bezahlen möchte, fragt die Kellnerin, ob er ein Eis essen darf. Ich, etwas irritiert: „Ja, schon.“ Sie zückt ein Eis hinter ihrem Rücken hervor und strahlt: „Das möchte ich ihm so gerne schenken!“ John freut sich, eine weitere Viertelstunde ist gesichert, wir sind schon kurz vor Spandau. Ich bedanke mich bei der Kellnerin, sie lächelt auf eine Weise, die ganz unaufdringlich und angenehm sagt: „Ich weiß Bescheid“. Vielleicht hat sie ein autistisches Kind in der Familie. Oder vielleicht ist sie einfach nur ein netter Mensch. Die patente Kellnerin im Bord-Restaurant des ICE Hannover-Berlin. Wenn die Toilettenfrauen und Kellnerinnen nicht wären, Menschen, die mir immer wieder zeigen, dass es auch anders geht, dass wir eben doch keine Aussätzigen sind, wenn es nicht auch solche Erfahrungen gäbe, dann würde ich vielleicht bald verzweifeln.

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