schweres herz [1].

  1. Die erste Begegnung

Und ich weiß schon:
Solange meine Seele in mir wohnt,
werd ich das Dunkel dieses Augenblicks
schöpfen und trinken und bluten

(David Grossman: Aus der Zeit fallen)

Im Leichnam ist der Mensch gleichzeitig da und nicht mehr da. Im ersten Augenblick nehme ich nur diese verstörende Gleichzeitigkeit wahr, als ich meinen Sohn zum ersten Mal tot sehe. Da liegt John, 15 Jahre alt, ganz er. Ich sehe sein Haar, seinen Mund, seine Hände. Ich denke ein bisschen erstaunt zunächst nur das: Er ist so ganz und gar er. Ebenso eindeutig ist aber alles Leben aus seinem Körper entwichen. Ich sehe die Totenflecken, die Hautverfärbungen, sehe, dass dies eindeutig ein toter Körper ist. John ist da und nicht mehr da.

Ich bin vergleichsweise ruhig, denn ich hatte vier Tage lang Zeit, mich auf diesen Augenblick vorzubereiten. Ich habe das Zusammentreffen in diesen Tagen sogar mit Wehmut herbeigesehnt. John ist nachts Zuhause in seinem Bett gestorben, plötzlich und unerwartet, als ich beruflich unterwegs war. Sein Leichnam wurde von der Polizei mitgenommen und in eine Gerichtsmedizin gebracht, um ein Fremdverschulden auszuschließen, wie es hieß. Weil der Tod sich am Wochenende ereignete, mussten mein Mann Scott und ich vier Tage auf die Freigabe durch die Staatsanwaltschaft warten. Wir wussten nur, dass der Körper unseres Kindes irgendwo in Berlin in einem Kühlfach liegt. Wir sehnten uns so sehr danach, bei ihm zu sein.

Wir begegnen Johns Leichnam in einem Abschiedsraum am Richardplatz in Berlin-Neukölln. Unsere Bestatter arbeiten mit dem hier ansässigen Fuhrunternehmen Gustav Schöne zusammen. Sie haben Johns Leichnam aus der Gerichtsmedizin abgeholt und hierher gebracht. Ich kenne den Richardplatz seit Mitte der 1990er Jahre. Ich erinnere mich, wie wir es zu Studienzeiten verwunderlich fanden, dass es mitten in Berlin so einen klassischen Dorfanger gibt, wie er selbst aus vielen kleineren Gemeinden im Laufe der Zeit bereits verschwunden ist. Und ausgerechnet mitten in Berlin dann diese alt-dörfliche Atmosphäre, Böhmisch-Rixdorf, das klang außerdem angenehm exotisch nach Osteuropa. Rund um den Richardplatz konnte man abends ausgehen, daher kannten wir den Platz. In den letzten Jahren hingegen hatten wir vor Weihnachten oft mit John den Weihnachtsmarkt auf dem Richardplatz besucht und die Umgebung so ganz anders erlebt als früher.

Nun erfahre ich die für mich dritte Bedeutungsebene des Richardplatzes. Das Fuhrunternehmen Gustav Schöne, das seit 120 Jahren ein Hochzeits- und Bestattungsfuhrwesen betreibt, und damit Leben wie Tod der Menschen organisiert, liegt mitten am Platz: ein rustikaler Hof, sauber und großzügig, mehrere Gebäudeflügel, eine Remise mit historischen Kutschen, Tore mit schweren Scharnieren, roter Klinker. Wir könnten auf dem Land in meiner norddeutschen Heimat sein. Johns Leichnam wird bis zur Beerdigung hier aufbewahrt.

Und so sehe ich John zum ersten Mal tot. Sehe, wie er im Leichnam gleichzeitig anwesend und abwesend ist. Genau so, wie er für den Rest meines Lebens nun nie wieder da ist, und doch für immer bei mir, in mir. Im Anblick seines Leichnams wird der Verlust real, doch die erste Begegnung bringt auch eine befreiende Erkenntnis mit sich. Sobald ich ihn sehe, wird mir klar: Die Liebe hört mit dem Tod nicht auf. Seit Johns Geburt gibt es kein Ich ohne ihn, und daran ändert sein Tod nichts.

Nichts an ihm stößt mich ab, alles zieht mich zu ihm hin. Ich trete näher an John heran. Ihm läuft Flüssigkeit aus dem Mund, die wir vorsichtig abtupfen. Entweder ist es noch Schaum von der Wiederbelebungstablette, die der Notarzt verabreicht hatte, oder es ist schon die Autolyse. In den letzten Tagen habe ich viel über den Tod gelernt. Unsere Bestatterin Lea hat uns von der Autolyse erzählt, der Selbstverdauung des Körpers, seiner Auflösung von innen, die sofort nach dem Tod beginnt. Bakterien fangen an, den Magen-Darm-Trakt zu zersetzen, sie spülen dabei auch Flüssigkeit nach oben. Ich denke: Noch bewohne ich meinen zukünftigen Leichnam. Eines Tages wird auch aus meinem Mund Flüssigkeit laufen. Es kommt mir nicht schlimm vor, sondern ganz normal. Das neue Normal.

Auf Johns Brustkorb kleben noch die Pflaster von den erfolglosen Wiederbelebungsversuchen, sonst sieht er ganz friedlich aus. Vorsichtig entfernen wir die Pflaster, waschen John ein bisschen, irgendwie hat man das so im Kopf, dass ein Leichnam gewaschen werden muss, aber nicht zum ersten Mal in den letzten Tagen fällt mir wieder auf, wie wenig ich über den Tod weiß. Muss überhaupt etwas unbedingt mit dem Leichnam gemacht werden? Wenn ja, was? Lea erklärt uns, dass nichts muss. Es ist uns überlassen. Wir ziehen John die Kleidung an, die wir Zuhause sorgfältig für ihn ausgesucht haben. Am Ende hatten noch drei Pullover auf seinem Bett gelegen, die in die engere Auswahl kamen, drei Lieblingspullis. Das letzte Mal haben wir gewissenhaft das getan, was zuvor fünfzehneinhalb Jahre lang morgens nebenbei und auf die Schnelle passierte: einen Pullover ausgesucht.

Wir haben John bis zu seinem Tod jeden Tag an- und meistens mehrfach umgezogen. John war schwerstbehindert, Autist und chronisch an einer therapieresistenten Epilepsie erkrankt. Er konnte nicht sprechen und sich nicht alleine anziehen. Wir sind es gewohnt, das zu tun. Nun aber lassen sich die Arme und Beine nur schwer bewegen. Lea und ihr Vater geben uns Tipps, wie man einen toten Körper anzieht. Um den Pullover anzuziehen, müssen wir die Ärmel erst durch unsere eigenen Arme ziehen. Mehrfach müssen wir Johns Körper auf die Seite bewegen. Lea und ihr Vater helfen uns. Beim Anziehen spüre ich körperlich, was ich beim ersten Anblick gesehen habe: Jegliche Energie ist aus Johns Körper gewichen. Ich sehe es, ich spüre es in meinen Handlungen, mein Kind ist tot, da gibt es kein Vertun. Und keine Hoffnung, dass das alles nicht wahr ist. Die Bewusstwerdung steigt mit jedem Handgriff. Die Totenfürsorge ist ein schwerer Schritt, und dennoch sehr wichtig für mich. Ich weiß nicht, wie ich diese Realität sonst verstehen können sollte, gegen die sich alles in mir wehrt. Dies sind die letzten Handlungen, die wir für John tun können, ich möchte mir so wenige der kostbaren letzten Momente aus der Hand nehmen lassen wie möglich. Es tut bei allem Schmerz so gut, John zu sehen und ihn berühren zu können. Mir ist sehr bewusst, dass es ganz bald nie wieder möglich sein wird.

Wir haben Schuhe mitgebracht. Lea weist uns taktvoll darauf hin, dass es durchaus möglich sei, John mit Schuhen zu beerdigen, aber dass es ohne Schuhe umweltfreundlicher sei. Wenn John sehr an seinen Schuhen gehangen habe, wenn sie eine besondere Bedeutung haben, könnte man es selbstverständlich trotzdem machen. Nein, nein, sagen wir schnell. Wir hatten nur gar nicht daran gedacht. Wir hatten einfach alles mitgebracht, was wir ihm normalerweise anziehen. Wir sind solche Anfänger, es ist unglaublich, wie wenig wir wissen. Warum ist das so? Geht das nur uns so? Haben alle anderen das Memo über den Tod bekommen, mit allem, was man über die Beisetzung wissen muss, nur wir nicht? Natürlich ohne Schuhe.

Zu viert heben wir John in einen schlichten und unbehandelten Kiefernsarg. Es ist ein Sarg mit Überlänge. Wie groß John genau war, wissen wir nicht, weil er beim Messen nie still stand. Manchmal sah es nach 1,93 m aus, manchmal nach 1,94 m. Jedenfalls sehr groß. Leas Satz ist einer der Momente, die immer wieder klar vor mir stehen: »Da brauchen wir einen Sarg mit Überlänge.« Gefolgt von meinem Gedanken: Wie bin ich hierher gekommen, zu einem Sarg mit Überlänge, für mein Kind? Alles erscheint unwirklich.

Scott und ich haben Johns Kissen, seine Decke, eins seiner geliebten Wimmelbücher und ein Holzpuzzle dabei, mit dem er in der letzten Zeit viel gespielt hat. Wir betten Johns Kopf auf das Kissen, legen ihm die Decke über die Beine und verteilen die Spielsachen um seinen Körper. In der folgenden Nacht schlafe ich das erste Mal seit seinem Tod sechs Stunden durch. Und wache erschrocken auf: Wie kann ich nur sechs Stunden schlafen, wenn mein Kind tot ist? Aber dass ich überhaupt endlich schlafen konnte, zeigt, wie gut es mir getan hat, John zu sehen.

2 thoughts on “schweres herz [1].

  1. Antworten
    Katja - 24. Februar 2018

    „Wir sind solche Anfänger, es ist unglaublich, wie wenig wir wissen. Warum ist das so? Geht das nur uns so? Haben alle anderen das Memo über den Tod bekommen, mit allem, was man über die Beisetzung wissen muss, nur wir nicht? Natürlich ohne Schuhe.“

    Es tut mir leid, dass ich an der Stelle lachen musste. Aber auch wenn ich den Gedanken an die Schuhe nicht teile, so kenne ich dieses Anfängergefühl. „Wissen daß alle, nur ich nicht?“

    Der Tod unserer Kinder ist jetzt 12 Jahre her. Zwillinge, Tochter und Sohn. Während unsere Tochter nur geboren wurde, um den langsamen Prozess des Sterbens durch Sauerstoffmangel zu durchleben und wir sie dabei stundenlang im Arm hielten, lebte unser Sohn etwa 9 Monate, um dann unerwartet zu sterben. Es waren die Folgen der extremen Frühgeburt. Es sah eigentlich endlich alles gut aus und wir durften ihn nach 8 1/2 Monaten Klinikaufenthalt nach Hause nehmen. Bis es dann nicht mehr gut aussah.

    In der Klinik nahm ich seinen toten Körper aus dem Bettchen und drückte ihn an mich. Dabei entwichen Gase aus seinem Mund – die Autolyse – und ich musste lachen, weil mein toter Sohn mich buchstäblich angerülpst hatte.

    Bei der Beerdigung sahen mich alle erwartungsvoll an, als alle Reden gehalten worden waren. Auch ich hatte anscheinend das Memo verpasst. Ich sollte offensichtlich zum Grab gehen und als Mutter als erste eine Handvoll Erde auf den Sarg werfen.

    Die Beerdigung unserer Tochter war weniger formell. Sie wog knapp unter 500gr, womit es keine Beerdigungspflicht gab. Ich weiß nicht mehr, ob wir auch dort Erde geworfen haben, oder ob ich es einfach vergessen habe. Ich erinnerte mich auf jeden Fall nicht mehr daran. Auch ich fühlte mich wie ein Anfänger.

    Nun habe ich den Teil des Memos bis ans Ende meiner Tage auf jeden Fall verinnerlicht.

    Liebe und mitfühlende Grüße

    Katja aus Ahrensburg

  2. Antworten
    Monika - 24. Februar 2018

    Lieben Dank, Katja. Was ja auch erstaunlich ist: wie viele Menschen letztlich doch auch diese Erfahrungen teilen. Ich wünschte mir, dass das in der Gesellschaft mehr Sichtbarkeit hätte. Was für eine Erfahrung, mit Zwillingen. Mitfühlende Grüße zurück!

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