schweres herz [2].

  1. Die Nachricht vom Tod

Zurück zum Anfang. Am 4. März 2016 arbeite ich für die Öffentlichkeitsarbeit des Deutschen Bundestages bei der Thüringen-Ausstellung in Erfurt. Scott und John sind Zuhause in Berlin. Abends telefoniere ich mit den beiden, beziehungsweise eher mit Scott, da John ja nicht sprechen kann. Aber Scott hat das Telefon auf Raumklang gestellt und ich höre John im Hintergrund fröhlich lautieren. John ist wie immer am Freitag gegen halb drei von der Schule gekommen, die beiden haben mittlerweile zu Abend gegessen, sitzen im Wohnzimmer und sehen sich auf Youtube die Tiny desk concerts von NPR an. Ich höre an ihren Stimmen, dass es den beiden Männern gut geht. Scott hält John den Hörer hin und ich sage: »Die Arbeit ist fast fertig. Noch zwei Tage, mein Schatz, dann komm ich nach Hause.«

Um sicher zu gehen, dass John es verstanden hat, denn wir wissen nicht genau, wie viel er versteht, formuliere ich es noch einmal anders: »In zwei Tagen kommt Mama nach Hause.« John gluckst fröhlich. Ich bin müde, Scott und ich legen bald danach auf. Alltag. Alles wie immer.

Mitten in der Nacht klingelt in meinem Traum ein Handy. Der Traum will weiter, aber das Handy hört nicht auf zu klingeln. Ich wache langsam auf und merke, dass es mein Handy ist, das da in der Wirklichkeit klingelt. Verschlafen erkenne ich, dass es nach Mitternacht ist. Warum ruft Scott mich so spät noch an? Ich bin verärgert, er weiß doch, dass ich früh aufstehen muss. Ich nehme ab, und höre eine heisere, verzweifelte Stimme: »Es tut mir leid, Monika. Es tut mir so leid!«

»Was ist los?«, frage ich ungeduldig. Was soll das, so ein Anruf mitten in der Nacht, denke ich immer noch verärgert.

»John ist tot«, kommt es tonlos vom anderen Ende zurück.

Ich bin sofort wach und denke gleichzeitig dennoch, dass ich träume. Was? Wie? Es muss ein Albtraum sein, jetzt aber besser schnell in der Wirklichkeit aufwachen, in der sowas unmöglich ist. Aber Scott sagt: »Ich bin in sein Zimmer gegangen, um ihn noch einmal auf die Toilette zu setzen. Und da lag er tot im Bett. Der Notarzt ist hier, wir haben versucht, John wieder zu beleben, aber es geht nicht. Er ist tot.«

Wie Scott es mir so ruhig beschreibt, sickert in mir die Erkenntnis ein, dass es wahr sein muss. Trotzdem denke ich gleichzeitig immer noch, es sei ein Traum. »Der Arzt ist hier. Soll ich ihn dir geben? Ich gebe ihn dir mal«, sagt Scott.

Der Arzt erklärt es mir noch einmal. John ist tot. Er sagt, es müsse noch ein weiterer Arzt kommen, um den Totenschein auszustellen. Man wisse nicht genau, was passiert sei. Vielleicht ein epileptischer Anfall. Er hat von Scott schon Johns Krankheitsgeschichte erfahren. Ich verstehe nicht, warum jetzt noch ein anderer Arzt kommen muss. Es ist alles verwirrend, aber mir fällt noch nicht einmal ein, nachzufragen. Allein die Tatsache, dass offensichtlich mitten in der Nacht ein fremder Mann in unserer Wohnung ist, macht aber die Vorstellung zugänglicher, dass John wirklich gestorben ist.

Scott kommt zurück ans Telefon. Ich erkläre ihm, wo er für den Arzt die neuesten Arztbriefe aus dem Epilepsiezentrum findet. »Ich komme sofort«, sage ich. »Ich packe meine Sachen und melde mich von unterwegs.«

Mir ist bewusst, dass ich eigentlich überhaupt nichts mehr tun kann und es deshalb auch nicht auf die Minute ankommt, aber ich möchte so schnell wie möglich zu John. Ich war mit dem Zug nach Erfurt gefahren, damit Scott und John Zuhause mit dem Auto beweglich sind. Wie soll ich nun nach Berlin kommen? Ich bin gute 300 km weit weg. Erst einmal raus, denke ich und werfe meine Kleidung in den Koffer. Meine Sachen sind überall in der Wohnung verstreut, ich bin kopflos und weiß nicht, ob ich sie alle einsammle. Es ist eine Airbnb-Wohnung, in der ich mich für zehn Tage eingemietet habe. Sie gehört einer Studentin, die gerade Zuhause bei ihren Eltern in Hamburg ist. Ihre Kleidung liegt im Schrank, ihre Schuhe stehen an der Eingangstür, überall hängen Fotos von ihrer Familie und ihren Freunden. Mit meinen Kollegen hatte ich mich noch darüber unterhalten, wie merkwürdig es ist, sozusagen in das Leben eines anderen Menschen einzuziehen. Ich denke noch, dass ich den Müll mitnehmen sollte. Ist das Geschirr abgewaschen? Was denke ich da? Das spielt doch überhaupt keine Rolle. Mein Kind ist tot. Das erste Mal denke ich diesen Gedanken: Mein Kind ist tot. Der Gedanke macht schwindelig.

Draußen werfe ich den Wohnungsschlüssel in den Briefkasten, laufe zum Geldautomaten und hebe 500 Euro ab. Geld werde ich bestimmt brauchen. Ich verhalte mich merkwürdig strukturiert, wie auf Autopilot. Ich ziehe meinen Koffer bis zur nächsten großen Straßenecke. Nachts fährt hier kein öffentlicher Nahverkehr, aber an einer Straßenbahnhaltestelle finde ich die Telefonnummer eines Taxi-Unternehmens und lasse mich zum Bahnhof bringen. Dort finde ich heraus, dass der erste Zug nach Berlin allerdings erst am Morgen fährt. Ich stehe vor der Anzeigentafel und weiß nicht weiter. Kein Zug, das liegt so gar nicht in meinem inneren Plan. Bei der ersten Hürde beginnt sich meine schöne Strukturiertheit aufzulösen. Ich fühle mich hilflos wie ein Kleinkind und in etwa auf diese Stufe hat sich auch mein Denken zurückgezogen: Wenn Du nicht weiter weißt, bitte jemanden um Hilfe. Ich laufe zu einem Hotel, das sich neben dem Bahnhof befindet, und frage den Nachtportier, was ich nun machen soll. »Ich habe gerade die Nachricht bekommen, dass mein Sohn gestorben ist. Ich muss so schnell wie möglich nach Berlin. Ich weiß nicht, wie ich das machen soll. Es fährt kein Zug. Können Sie mir helfen? Kann man hier vielleicht irgendwo ein Carsharing-Auto mieten?«

Der Portier guckt mich erschrocken an, ist aber sofort hilfsbereit. Er spricht mir seine Anteilnahme aus und sagt: »Ein Auto mieten, das geht hier in Erfurt nachts nicht. Aber wissen Sie was, Sie können in diesem Zustand sowieso nicht selbst fahren. Zu dieser Zeit bleibt Ihnen nur ein Taxi. Ich guck mal im Internet nach, was das kosten darf. Nicht, dass man Sie da übers Ohr haut.«

Seine Worte hallen in mir nach: »Sie können in diesem Zustand sowieso nicht selbst fahren.« In was für einem Zustand ich wohl bin, frage ich mich, als ob es bei der Frage um jemand anderes geht. Ich stehe merkwürdig neben mir. Das ist bestimmt der Schock, denkt der Teil von mir, der noch Zugang zur Vernunft hat, und der wie von Außen auf den anderen Teil blickt, der immer tiefer in ein mir bisher unbekanntes Nichts fällt. Eine Taxifahrt von Erfurt nach Berlin kostet laut Internetauskunft 700 Euro, also mehr als ich abgehoben habe. Der erste Fahrer, den ich draußen vor dem Bahnhof anspreche, möchte sowieso nicht nach Berlin. Der zweite willigt etwas unzufrieden ein, nennt mir den korrekten Preis von 700 Euro und hat auch ein Lesegerät für Kreditkarten. Während der dreistündigen Fahrt telefoniere ich nahezu die ganze Zeit mit Scott, mit dem Arzt, dann mit einem anderen Arzt, der für die Ausstellung des Totenscheins gekommen ist, dann mit einem Kriminalpolizisten. In unserer Wohnung sammeln sich immer mehr Menschen.

»Wann kommen Sie denn in Berlin an?«, fragt der Polizist.

»Das Navi sagt, noch eine Stunde und 15 Minuten«, erwidere ich.

»Also, so eine Wartezeit kann ich leider nicht rechtfertigen«, sagt der Polizist. »Wir dürfen den Leichnam nicht alleine lassen. Wenn Sie ihn jetzt noch sehen wollten, dann müssten wir die ganze Zeit hier in Ihrer Wohnung bleiben. Das dauert zu lange. Es ist mitten in der Nacht. Das kann ich auch gegenüber meinen Kollegen nicht rechtfertigen. Tut mir leid, aber wir müssen gehen und wir müssen den Leichnam mitnehmen. Das ist die normale Routine, wenn jemand Zuhause verstirbt.«

Ich sage dem Polizisten, wie wichtig es mir ist, John zu sehen. Meine Versuche, ihn umzustimmen, bleiben aber erfolglos. Johns Leichnam wird beschlagnahmt und abtransportiert. In mir löst sich nun alles auf. Die ganze Zeit habe ich darauf hin gehandelt, möglichst schnell bei John zu sein. Nun wird er noch nicht einmal mehr da sein, wenn ich ankomme.

Gegen drei Uhr nachts fahren wir auf der Autobahn am Messegelände vorbei und der Taxifahrer sagt, dass er das hier wiedererkennt, da hinten sei doch dieser Funkturm, er war ja schon mal in Berlin, und überhaupt, er kennt ja sogar jemanden, der in Berlin wohnt. Vielleicht könnte er den sogar besuchen, wenn er noch ein paar Stunden wartet und nicht direkt wieder zurückfährt nach Erfurt.

Ich denke daran, wie es John einmal sehr schlecht gegangen war, etwa im Alter von drei Jahren. Wir hatten Wochen im Krankenhaus verbracht und John hatte Tag und Nacht epileptische Anfälle gehabt, die nicht auf Medikamente reagierten. Um sein Gehirn näher zu untersuchen, mussten wir in ein anderes Krankenhaus gefahren werden und weil gerade kein Krankentransport zur Verfügung stand, hatte man uns ein Taxi gerufen. John trug einen Schutzhelm, um sich den Kopf nicht während eines Krampfanfalls zu verletzen. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass man uns beiden die tiefe Erschöpfung und die Not nicht ansehen konnte. Im Radio lief »Another day in paradise« von Phil Collins, während der Taxifahrer die ganze Fahrt über von Dieter Bohlen sprach, der gerade ein Buch mit delikatem Tratsch herausgebracht hatte.

Ein vorbeihuschender Gedanke: Taxifahren mit John und verrückten Taxifahrern, das wird es jetzt auch nie mehr geben. Realität, die immer nur für ganz kleine Augenblicke einsickert. Schon in der nächsten Sekunde fühlt sich wieder alles unwirklich an.

So auch unsere Wohnung, als ich endlich Zuhause ankomme. Hier scheint alles anders als vorher. Ich kann nicht sagen, was genau. Auf dem Weg ins Wohnzimmer sehe ich aus dem  Augenwinkel das Chaos in Johns Zimmer und einen Fleck auf dem Boden, aber das ist es nicht. Die ganze Wohnung macht einen kalten, leeren und vor allem fremden Eindruck. Das ist nicht unsere Wohnung. Ha, jetzt hat sich der Albtraum verkalkuliert, jetzt wache ich gleich auf, denke ich für einen kleinen Moment. Doch mit Scott im Wohnzimmer sitzen ein unbekannter Mann und eine unbekannte Frau. Ich hatte schon am Telefon gehört, dass zwei Notfallseelsorger gekommen waren. Ich begrüße sie und setze mich neben Scott aufs Sofa. Es kommt mir komisch vor, wie wir so steif nebeneinander sitzen, wie auf einer Hühnerstange. Ich schaffe es wieder und wieder nicht, meine Wahrnehmung damit in Einklang zu bringen, dass dies hier alles gerade tatsächlich passiert.

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