siri hustvedt: der sommer ohne männer.

Wenn ich mir Bücher kaufe, was sehr selten ist, aber auch, wenn ich welche geschenkt bekomme, lese ich sie oft erst viel später, weil es mich zunächst einfach mal beruhigt, sie zu haben, lesen kann man sie jederzeit, man besitzt sie schließlich, sie werden auch morgen und übermorgen noch da sein. Das Beste am Ausleihen aus Bibliotheken dagegen ist, dass man die Bücher nach vier Wochen zurückgeben muss und damit ein kleiner, aber feiner Druck entsteht, die Bücher zu lesen; zumal man ein so neues Buch wie Hustvedts “Sommer ohne Männer” wegen Vormerkungen bestimmt nicht wird verlängern können. Also habe ich den “Sommer ohne Männer” ausgelesen (fällig: gestern) und Franzens “Freedom” liegt halb gelesen auf meinem Nachttisch (fällig: in drei Wochen).

Der “Sommer ohne Männer” war okay, die Übersetzung auf jeden Fall viel besser als die der “Leiden eines Amerikaners” (über ein paar Sätze und Wörter bin ich dennoch gestolpert und werde mir bei Gelegenheit mal ansehen, was da im Original stand), aber richtig gepackt hat mich der neue Roman von Siri Hustvedt nicht. Jörg Magenau rezensierte im Deutschlandradio Kultur:

Diese Anordnung von Figuren – und mehr ist es nicht – erlaubt Hustvedt, über verschiedene Formen von Weiblichkeit und deren gesellschaftliche Herausbildung nachzudenken. Die Schwierigkeiten des Jungseins stehen in hartem Kontrast zu denen des Alters und zum ganz normalen weiblichen Alltag in der Provinz.

Und doch ist ihre Sprache erzählerisch, entspannt, souverän – ganz im Gegensatz zum vorigen, ebenfalls als Roman angepriesenen Buch “Die zitternde Frau”, das nichts als ein Zettelkasten voller Exzerpte neurophysiologischer Lektüren gewesen ist.

Ich teile seinen ersteren Eindruck, dass es eine Anordnung von Figuren ist, die recht offensichtlich konstruiert wurde, um Ausführungen über bestimmte Themen (Weiblichkeit, Geschlechterdiskurs, Ehe, Elternschaft, Pubertät, Alter) zu ermöglichen, aber ich teile nicht vollständig die Bewertung, dass dies erzählerisch gelungen ist. Für mich hatte der Roman viel von dem Lektüre-Zettelkasten der “Zitternden Frau”, was mich bei der “Zitternden Frau” gar nicht gestört hat, da ich das Buch überhaupt nicht als Roman gelesen habe, sondern als Sachbuch (ich las es auf Englisch und kann mich nicht erinnern, dass es da als Roman kategorisiert wurde). Im Sachbuch fand ich die intellektuellen Ausflüge gelungen, aber in einem Roman müsste deren Inhalt, die Essenz ihrer Schlussfolgerungen, über die Erzählung selbst transportiert werden. Im “Sommer ohne Männer” schalten sich die Betrachtungen aber auch wieder durch einen intellektuellen Überbau ein, das funktioniert manchmal, aber nicht immer. Gute Literatur wäre, wenn die separat dazugelieferten Erkenntnisse stattdessen in die Geschichte und Charaktere hineingewoben worden wären, Geschichte und Charaktere für sich hätten stehen und aussagen können.

Beim NDR heißt es: Die Perlen des Buches finden sich außerhalb der eigentlichen Geschichte; immer dann, wenn Hustvedt abschweift, Mia über das Leben nachdenken lässt, und persönliche Beobachtungen mit ihrem schier unerschöpflichen Wissen aus Philosophie und Psychologie würzt. “Der Sommer ohne Männer” beweist: Man kann auch ein hervorragendes Buch schreiben, wenn Story und Titel nicht überzeugen.

Literaturkritik mal ganz neu: die ganze ‘eigentliche Geschichte’ samt Titel überzeugt nicht, dafür aber die intellektuellen Ausschweifungen, macht unterm Strich ein ‘hervorragendes Buch,’ wtf? Gutes Beispiel auch dafür, wie Rezensionen über Hustvedt-Bücher manchmal zu unangenehmer Anbiederung neigen (“schier unerschöpfliches Wissen aus Philosophie und Psychologie”).

Eine nicht ganz so huldigend formulierte Einschätzung der Zeit auf dem Buchrücken: “Die intellektuelle Demut und die Wissbegier sind Siri Hustvedts Schwestern.” Ich empfinde im Gegenteil zur Demut zunehmend eher eine gewisse Überheblichkeit (Arroganz?) und ein gewisses Maß an Zurschaustellung, es fing bei den “Leiden eines Amerikaners” an, wurde bei der “Zitternden Frau” stärker und nun noch einmal deutlicher beim “Sommer ohne Männer.” Mehr und mehr lese ich im Subtext dieses: “Seht mal her, was ich alles gelesen habe.” Das geht in manchen Fällen einfach nicht auf, weil das präsentierte Wissen [sic!] eben oft kein sonderlich Exklusives ist, sondern eher Mainstream, wenn sie etwa das Milgram-Experiment erwähnt (ohne es als solches zu benennen), ein Experiment, das immer und überall zitiert wird, und an dem höchstens die neue Interpretation durch die Burger-Studie interessant gewesen wäre, aber die kommt bei Hustvedt nicht vor. Ein anderes Beispiel wäre der allerorten zitierte Fall des Phineas Gage, der in der “Zitternden Frau” vorkommt, ach, egal.

Der “Sommer ohne Männer” ist ein ganz okayes Buch, aber nicht das stärkste von Frau Hustvedt (oder ich habe mich langsam einfach an ihr überlesen, Problem: siehe Diskussion über Bands bei NPR).

a tribute to the children who make it all possible.

Our Mission: Commiseration, Comic Relief, and Birth Control: Sh*t my kids ruined.

rhabarbercrumble.

Habe heute zum Kaffee natürlich sofort Isas Rezept probiert. “Ist! das! besonders bei Sonnenschein auf der Terrasse lecker!”

helplessness blues.

Ah, sehr gute Bewertungskategorie: wieviele Stationen in den Öffis man zu weit fährt:

“The new Fleet Foxes album is just great! Pitchfork gives it 8.8. I give it three bus stops up. That’s how many bus stops I went past mine, giving it a first listen.” [#]

the moment it all went wrong.

Eine neue Folge von ‘All Songs Considered’ über die Trennung von ehemaligen Lieblingen: “Four basic categories: bands you swore off entirely and never looked back; bands you simply grew away from with age; bands you no longer follow, but you still remember the good times; and bands you’ll stick by no matter what. Prepare for pride-swallowing tales of joy and pain, smooth jazz and second-wave emo, outrage and, ultimately, redemption.”

Splitsville: Breaking Up With Your Favorite Bands.

[Ich lese gerade parallel Jonathan Franzens ‘Freedom’ (auf Englisch) und Siri Hustvedts ‘Sommer ohne Männer’ (auf Deutsch, da es in der Bibliothek keine englische Ausgabe gab) und befürchte, dass bei beiden Autoren eine Trennung bevorstehen könnte. Argh. Hoffentlich kommt da noch was.]

after the writing part.

“As every author knows, writing a book is the easy part these days. It’s when the publication date looms that we have to roll up our sleeves and tackle the real literary labor: rabid self-promotion. For weeks beforehand, we are compelled to bombard every friend, relative and vague acquaintance with creative e-mails and Facebook alerts, polish up our Web sites with suspiciously youthful author photos, and, in an orgy of blogs, tweets and YouTube trailers, attempt to inform an already inundated world of our every reading, signing, review, interview and (well, one can dream!) TV ­appearance.” [#]

But writers have always been hustlers. “In ‘Lost Illusions,’ Balzac observes that it was standard practice in Paris to bribe editors and critics with cash and lavish dinners to secure review space, while the city was plastered with loud posters advertising new releases. In 1887, Guy de Maupassant sent up a hot-air balloon over the Seine with the name of his latest short story, ‘Le Horla,’ painted on its side.” [#]

what people say about writing.

“Volume is key: this means that it’s important to work a lot.  But editing is also critical: this means that it’s just as important to realize that most of what we create (whether photographs or paragraphs) are going to be seriously deficient and will need tremendous revision (or a complete restart). It’s all a big process, and the hardest part is getting used to plugging away, regardless of the bad paragraphs, false starts, out of focus images, poorly conceived ideas, or weak arguments.  Brett Weston, one of my absolute favorite photographers, once said that photography is 10 percent inspiration and 90 percent sheer, brutal drudgery.  I think the same applies to writing.  Part of the difficulty is learning how to weather the bad streaks and lame attempts while finding ways to grab hold of the key ideas, discoveries, and moments of inspiration long enough to pin them down.” [#]

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“I went off to Africa for a year and a half to begin to get my field work started, which I have been doing ever since for twenty-five years and it was fairly isolated site, where a lot of the time I was by myself. I would go 8 to 10 hours a day without speaking to anyone, I would get a mail drop about once every two weeks or so, there was no electricity, there was no radio, there was no anything, and I suddenly got unbelievably, frantically dependent on mail. So as a result you wind up sending letters to every human that you have known in your life in hopes that they would write back to you. So what would happen is, all I could afford at the time were like these one-page aerogram things that you could sort of get in these big stacks, and something vaguely interesting would happen every couple of days or so. So you would write to somebody about it, and then you would write to the next person about it, and you would realize that before the end of the day, you had just written 25 versions of it, each of which was a page and a half long. And I think somehow the process that year, sort of the writing just got very intertwined with sort of all of the more emotional issues, and there was definitely a shift there.” [#]

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“Writers sit at their desks for hours, wrestling with ideas. They ask questions, talk with other smart people over drinks or dinner, go on long walks. And then write a whole bunch more. Don’t worry that what you write is not very good and isn’t immediately usable. You get ideas when you write; you don’t just write down ideas.” [#]

nordsee.

Osterferien in Ostfriesland, mit Wetterglück. [#]

aca saxony.

Schon wieder habe ich leider die re:publica verpasst. Als kleine Entschädigung waren die beiden Reisegruppen, mit denen ich in der Zeit arbeitete, im Ritz-Carlton untergebracht, so dass ich in den Genuss kam, feudal am Potsdamer Platz zu wohnen.

Im Hotel war immer etwas los: zuerst NATO-Außenministertreffen, das Hotel voll von Polizei, in Uniform und in Zivil, dann Verleihung des Deutschen Musikautorenpreises mit lauter Prominenten im Hotel, dann eine pompöse arabische Hochzeit im Ballsaal, am Wochenende sogar recht viele Familien mit Kindern, für die es in der Lobby tatsächlich ein Kids Check-In und goldene Kindermöbel an einem großen Mensch-ärger-Dich-nicht-Spiel gibt. So wachsen einige Kinder also auf.

Je nach Reiserichtung ist Berlin nur Auftakt bzw. Abschluss der Reise, deren Hauptteil auf einem Flusskreuzfahrtschiff stattfindet, die Elbe rauf und runter von und nach Prag. Dieses Mal gab es zum Glück kein Hochwasser wie letzten Herbst, als das Schiff nicht mehr unter den Brücken durchpasste und alle Pläne umgeworfen und spontan ersetzt werden mussten, dieses Mal lief alles verhältnismäßig glatt.

Meinen Vortrag über die Geschichte der Berliner Mauer musste ich dieses Mal einmal während der Fahrt zwischen dem Berliner Anleger in Tegel und Potsdam halten, während das Schiff also an der Pfaueninsel vorbeifuhr und passenderweise unter der Glienicker Brücke hindurch. Danach hatte ich bei bestem Wetter noch ein bisschen Zeit auf dem Sonnendeck, bevor wir Potsdam erreichten und ich zurück nach Berlin fuhr.

Schön wars wieder.

wie ideen entstehen.

“People often credit their ideas to individual ‘Eureka!’ moments. But Steven Johnson shows how history tells a different story. His fascinating tour takes us from the ‘liquid networks’ of London’s coffee houses to Charles Darwin’s long, slow hunch to today’s high-velocity web.” [#]

Was mich daran erinnert, dass ich auch schon lange auf das Buch meiner früheren Bürokollegin Kristina Vaillant hinweisen wollte: Ideen, täglich.

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