l’ailleurs nous attend [2011].

John an Silvester 2011

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Wir haben unseren Weihnachtsbann durchbrochen: nachdem 2008 an Heiligabend mein Fahrrad geklaut wurde, wir 2009 die Schweinegrippe im Haus hatten und Weihnachten auf der unter den Baum gelegten Matratze verbrachten und sich John 2010 am zweiten Weihnachtstag den Fuß brach und wir den ganzen Tag in der Notaufnahme waren (unvergesslich die sehr kranke Oma dort, deren einzige Sorge es dennoch war, sie könnte am Abend das Traumschiff im Fernsehen verpassen), waren wir gespannt, was Weihnachten 2011 uns so bringt, aber: nichts, nur Ruhe.

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2010 war ein Übergangsjahr, vor allem durch Umzug und Schulwechsel, alles mit viel Aufwand und Bürokratie verbunden (neben dem üblichen Umzugsstress brauchten wir Genehmigungen von zwei Schulräten, für den Fahrdienst nach Fürstenwalde Gutachten von zwei Kinderpsychiatern, eine Neuordnung der Einzelfallhilfe bedingt durch den Umzug in einen neuen Bezirk etc.). 2011 sollte dann, so die Hoffnung, das Jahr werden, in dem sich alles stabilisiert und normalisiert. Das hat sich ansatzweise erfüllt: Johns neue Schule, die nun ja gar nicht mehr so neu ist, ist super, ich habe im letzten Jahr wieder mehr arbeiten können, Scotts Deutsch ist viel besser geworden. Dennoch war es immer noch ein bisschen ein Jahr der weiteren Suche: wohin soll es beruflich langfristig gehen, erste Gedanken, was für John nach der Schule kommen soll, anhaltende Verhaltensprobleme bei beachtlichem Wachstum lassen uns bangen, wie lange John noch zu Hause bei uns wird wohnen können, dabei hat Scotts dreimonatiges Sprachschulpraktikum, das er aus diesem Grund in einem Wohnheim für erwachsene Autisten verbracht hat, mehr Fragen aufgeworfen, als es beantwortete (nachdem er bei einem Bewohner in der Psychiatrie war, kam Scott nach Hause und sagte: „Da werde ich eher eingewiesen, als dass mein Sohn da einen Schritt reinsetzt“), aber überhaupt: was, wenn wir nicht mehr da sind, wie können wir John am besten auf ein Leben ohne uns vorbereiten, denn selbstbestimmt leben können wird John nicht, er wird immer auf viel Hilfe, Geduld und Unterstützung angewiesen sein, viele Fragen weiter immer im Hinterkopf.

[Das weiße Rauschen im Leben mit einem schwerstbehinderten Kind.]

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Der schöne Silvesterspaziergang durch das Wildgehege Glauer Tal.

Als Scott an Silvester um elf den Sekt öffnen wollte, protestierte ich noch, dass wir bis Mitternacht warten sollten, dann schlief ich natürlich noch vor zwölf auf dem Sofa ein und wachte erst um kurz nach eins wieder auf, im Radio lief NPR, ich fragte Scott: „Warum hast Du mich denn nicht geweckt?“ und er antwortete: „Du hast so schön geschlafen.“ Zart.

Auch ein verschlafener Jahresanfang ist ein guter Jahresanfang, zumal wenn man einen fürsorglichen Mann im Haus hat, der einen so gut kennt, dass er schon um elf den Sekt öffnet. (Natürlich nicht ohne einen dezenten Hinweis auf all die vorherig verschlafenen Jahreswenden, inklusive Millenium.)

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Selbstbildnis als Mutter eines Teenagers.

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Entdeckung: Les Talents Acoustic. John steht total auf zwei Lieder, die wir mit ihm ewig oft auf Youtube angesehen haben: Cyrille Aimée und Sirius Plan.

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Zürich, Interlaken, Meiringen, Bern, Spiez, Thun, Grindelwald, Luzern, München, Passau, Melk, Wien, Bratislava, Budapest, Kalocsa, Solt, Belgrad, Turnu Severin, Widin, Belogradtschik, Sofia, Thessaloniki, Pella, Vergina und natürlich Berlin.

[Arbeit].

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Thomas Pletzinger, Inka Parei, Kolja Mensing.

[2011 nur drei Lesungen besucht].

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Joshua Bell am 17.10.2011 in der Berliner Philharmonie.

[Konzert].

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10. Portugal, The Man: In the Mountain, In the Clouds
9. Wilco: The Whole Love
8. Fleet Foxes: Helplessness Blues
7. PJ Harvey: Let England shake
6. Death Cab for Cutie: Codes and Keys
5. Feist: Metals
4. Stephen Malkmus & The Jicks: Mirror Traffic [allgemein unterschätzt]

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3. Iron & Wine: Kiss Each Other Clean
2. The Decemberists: The King is Dead
1. Bon Iver: Bon Iver

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Wiedersehen: Bruder mit Familie das erste Mal seit anderthalb Jahren aus Kolumbien da, das dritte Kind, in Bogotá geboren, das erste Mal gesehen und herumgetragen. Babys herumtragen gehört ja sowieso mit zu den schönsten Dingen, überhaupt.

[2011 wohnten Familienmitglieder in: Deutschland, USA, Kolumbien, Schweiz, Israel und Mexiko.]

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Selbstbildnis als Patentante.

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Geert Mak – In Europa

[Tolles Buch, 2011 entdeckt.]

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Carnage – Gott des Gemetzels

[Film]

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Serie mit Potential: Boss mit Kelsey Grammer. Die letzte Folge der ersten Staffel fand ich zwar erstaunlich uninspiriert, aber dafür war die zweitletzte ziemlich wow. Ist das West Wing in The Wire frittiert? Noch kann man es nicht wirklich sagen, ich bin gespannt auf die zweite Staffel.

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Ich habe 2011 zwei sehr gute Bücher über Autismus gelesen: Mark Osteen – One of Us und Karl Taro Greenfeld – Boy Alone. Osteen ist Vater eines schwer autistischen Kindes und Greenfeld hat einen schwer autistischen Bruder. Beide haben es hinbekommen, von ihren Erfahrungen auf eine unkitschige Art zu erzählen, die zwar nichts beschönigt, aber eben auch nicht einfach nur rumjammert oder in Hysterie ausartet.

[Zwei Bücher, die mir ein bisschen Hoffnung für mein eigenes, stagnierendes Autismusbuchprojekt gemacht haben.]

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Greenfelds Buch war mein erstes eBook. Im Sommer 2011 hat es mich erwischt: das Tablet, die Apps, die Wucht einer neuen Welt, wie schön, so ein Anfang. Die üblichen Gewöhnungen und Technikfrustrationen warten schon um die Ecke, ich weiß, aber im Moment bin ich immer noch begeistert.

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2011 war mein erstes Jahr ohne Großeltern.

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Schönstes Kompliment: ein ganzseitiger Brief einer Mitreisenden der Balkantour. An den möchte ich mich erinnern, wenn alles düster aussieht.

[„We would like to thank you so very much for an excellent holiday. Your detail to every little matter has shone like a star. In the past we have always made our own plans, hotel, flights, meals, sightseeing, but being with you has been pleasant, relaxing, and a careful time. Thank you so very much for all of your time – away from your home and family, and for your expertise. I think if we could, we would travel to the far corners of the world with you and feel quite safe, comfortable and secure. You are the very best and hire only the very best guides, drivers, hotels, and everything. It has been a pleasure meeting you and having fun because of you, and with you.“]

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Herkulesakt des Jahres: endlich Erfolg bei Johns Toilettentraining. Mit vielen Waschmaschinenladungen erkauft, ein andauerndes Projekt, aber der erste Durchbruch ist geschafft, und es gab eine Zeit, da hätten wir es nicht für möglich gehalten, die Windeln jemals loszuwerden.

[Außenstehenden wohl kaum vermittelbar, was für ein unglaublicher Erfolg das ist. Stolz darauf, was John alles doch schafft, besonders wenn ich mich etwa an die pessimistischen Prognosen aus den Jahren 2001 und 2002 erinnere. Richtig so, zeig’s ihnen, Buddy.]

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Am meisten bedauert: 2010 war John medikamentenfrei geworden, was uns wahnsinnig gefreut hatte. 2011 saß es nicht mehr drin, zurück zum Pipamperon, immerhin nur auf halber Dosierung.

[Unser Leben im Krebsgang.]

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Pflegestufenbegutachtung: John behält die Pflegestufe III.

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Erste Mail 2012: „Just to let everyone know we are returning to the old procedure of Green tags for ticketed pax and Red for land only.“

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John und ich 2011

the future is a muscle you don’t have.

Als ich dieses gute Video über das richtige Verhalten bei einem epileptischen Anfall sah, musste ich daran denken, wie wir einmal auf einer Demo auf dem Alexanderplatz neben einem erwachsenen Mann standen, der einen epileptischen Anfall bekam, und wie ich mich genauso verhalten habe, wie es in dem Video gezeigt wird, immerhin habe ich es mit John viel zu oft mitgemacht, und wie ich dann aber mit den Menschen um mich herum kämpfen musste, die dem Mann ein Taschentuch in den Mund stopfen wollten, „damit er sich nicht auf die Zunge beißt“,  und ihn absurd festhalten wollten, und wie sie mir zuerst nicht glauben wollten, dass diese Verhaltensweisen falsch sind, und wie ich mich dann doch durchgesetzt habe, und wie unnötig dieser Ärger ist, denn wenn endlich mal die ganzen Vorurteile aus der Welt geräumt würden und Menschen darüber informiert wären, was richtige Verhaltenweisen sind und was falsche, dann könnte man sich in so einer Situation auf die Hilfe konzentrieren anstatt mit ahnungslosen Mitmenschen diskutieren zu müssen, die es vielleicht gut meinen, aber den Betroffenen in richtig große Gefahr zu bringen drohen. (Taschentuch in den Mund stopfen? Ersticken? Hallo?)

Könnte so ein Video bitte mal einen Monat lang jeden Abend direkt vor Heute und der Tagesschau laufen, anstatt dieser Jack Wolfskin-Werbung, zum Beispiel? Diese Melodie dazu, the future is a muscle you don’t have, bekomme ich eh nicht mehr aus dem Kopf.

amanda baggs.

„I remember a boy in a mental institution with me who was there because he’d taken a gun and shot his television and a bunch of other objects. Someone sent him in a bunch of balloons that said ‚Get Well Soon‘ on them. Every last one of us in the dayroom at the time found that bizarre and laughable.“ [#]

die legende der dritten generation.

In „Die Legenden der Väter“ schreibt Kolja Mensing über die Suche nach seinem polnischen Großvater, den er nur aus Erzählungen seines Vaters kennt. Während eines Stipendiumsaufenthalts in Krakau besucht Kolja Mensing die Schwester des Großvaters und beginnt damit, seine Geschichte genauer zu recherchieren. Die Erzählungen über dessen Leben müssen im Zuge der Recherche immer wieder revidiert werden, der Großvater hatte sich seine vom zweiten Weltkrieg geprägte Biographie offensichtlich zu großen Teilen erdichtet, hatte geschönt, weggelassen und in einigen Fällen schlichtweg gelogen. Die Suche gerät unweigerlich zu einer Entzauberung, wenn nicht gar zu einer Demontage. Doch der Autor bricht die Suche nicht ab, er schont weder sich noch seinen Vater vor dem Ergebnis.

Im Laufe der Familienforschung wird Kolja Mensing bewusst, wie auch sein Vater ihm von der Kindheit in der Nachkriegszeit im norddeutschen Fürstenau zunächst ebenfalls sehr selektiv erzählt hatte. Die abenteuerlichen Geschichten des Vaters über Streiche und Stromern, die an Tom Sawyer erinnern, und die er dem kleinen Sohn als Gutenachtgeschichten erzählte, erwähnten die Gewalttätigkeit der alleinerziehenden Mutter nicht, wie auch nicht das ganze, große Geflecht schwieriger Familienbeziehungen in einer Zeit, in der nach dem Krieg viele Menschen auf engem Raum unter einem Dach zu leben gezwungen waren. In den Erzählungen kamen die Schwierigkeiten eines unehelichen Kindes nicht vor, das als Polenkind groß wurde in einer Gesellschaft, die Beziehungen zwischen polnischen Besatzungssoldaten und deutschen Frauen verachtete. Die Tom Sawyer-Geschichten werden erst im Laufe des Aufwachsens angereichert durch diese Dimensionen. Dies ist wohl insofern eine übliche Entwicklung, als die meisten Kinder im Laufe ihres Aufwachsens langsam immer mehr über die Familie erfahren. Dass die Legenden des Vaters mit den Legenden des Großvaters verknüpft sind, macht aber das Besondere auch dieses Erzählstrangs aus.

Für Enkel wird die Beziehung zur Generation der Großeltern wohl meistens teilweise mittelbar über die Eltern geprägt, aber im Falle eines abwesenden Großelternteils ist die Beziehung des Enkels zum Großelternteil jeglicher unmittelbaren und vom Elternteil unabhängigen Dimension beraubt. Der Vater hatte es in den schwierigen Umständen seiner Kindheit vielleicht gebraucht, den eigenen Vater zu idealisieren, der längst zurück nach Polen gegangen war. Ihm war das Phantom nützlich, dem Enkel nicht. Der musste erst hinter die Erzählungen des Vaters gelangen, um zum Großvater vorzustoßen, und dann wiederum hinter die Erzählungen des Großvaters gelangen, um die Familiengeschichte zu verstehen. Eine enorme Aufarbeitungsaufgabe, an der Kolja Mensing fast zehn Jahre gearbeitet hat, und die ein faszinierendes Bild dreier Generationen ergibt. Aus der Aufarbeitung der Legenden der beiden vorigen Generationen entsteht in diesem Buch, fast nebenbei und zuerst fast unbemerkt, die Legende der dritten Generation.

Kolja Mensings Buch ist eine Mischung aus Sachbuch und Fiktion. Der Autor hat all die neuen Informationen, die er in Gesprächen mit Verwandten und aus Archiven in Großbritannien, Polen und Deutschland über Jahre hinweg zusammengepuzzelt hat, nicht einfach nur nüchtern wiedergegeben, das wäre immerhin auch eine Möglichkeit gewesen. Er hat sich dazu entschlossen, die neuen Informationen in eine Erzählung zu gießen, die am Ende ebenso fiktiv und subjektiv ist, wie es die Erzählungen des Vaters und Großvaters waren. Die atmosphärische und erzählerische Tiefe, mit der er die neue Geschichte des Großvaters erschafft, ergibt eine neue Legende. Wie sich der polnische Großvater Jozef und die deutsche Großmutter Marianne in Fürstenau kennenlernen, beschreibt er zum Beispiel mit vielen Details, das Laub knistert unter den Füßen, Jozef kramt in der Jackentasche nach einer Zigarette. Kolja Mensing kann nicht wissen, wie es früher genau war, aber aus den Informationen, die er recherchiert hat, erschafft er ein neues Bild davon, wie es gewesen sein könnte, und in der erzählerischen Dichte, mit der er dies tut, erweist er sich als Sohn seines Vaters und Enkel seines Großvaters. Auch er hat in gewisser Weise ein Denkmal erbaut, ganz besonders in den Passagen des Kennenlernens von Jozef und Marianne bis hin zur Zeugung des Kindes: diese Passagen sind so literarisch erzählt, dass sie zur Legende des eigenen Ursprungs werden. Hier erschafft ein Autor die grundlegende Erzählung: die, woher er kommt, und hier erzählt wiederum ein Vater, so wie seinerzeit sein eigener Vater und noch davor sein Großvater erzählt haben. Die Legenden dreier Väter: am Ende ein Buch von vier Generationen.

Nächste Lesung: diesen Freitag, 28. Oktober ab 20 Uhr im Literarischen Colloquium Berlin.
Mehr Termine hier.

the balkan travelogue [10.-24. september].

Wir haben am zehnten Jahrestag von 9/11 in München 134 US-Amerikaner und Kanadier am Flughafen eingesammelt.
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Wir sind in Passau so gerade noch rechtzeitig auf das Schiff gekommen, bevor es ablegte.
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Die Donau: der einzige Fluss Europas, der nach Osten fließt.
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Unser Schiff: 110 Meter lang. Unsere Reiseroute: Deutschland, Österreich, Slowakei, Ungarn, Serbien, Rumänien, Bulgarien, Griechenland.
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Ich nenne es Arbeit.
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Ich habe nach der ersten Nacht an Bord morgens um halb sechs auf dem Sonnendeck das erste Mal erlebt, wie das Schiff langsam durch den Fluss in den Sonnenaufgang hineingleitet. Wie schön das ist.
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Wir haben eine Führung durch den Stift Melk gemacht.
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Ich habe eine junge Frau gesehen, die den Blick von Dürnstein auf die Donau malte.
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Ich habe einen unseren Reisenden in Österreich tagträumend in den Weinbergen wiedergefunden.
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Wir sind durch die Wachau gefahren.
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Ich bin durch Wien gelaufen, aber am meisten habe ich in Wien in Telefonzellen gestanden und mit Deutschland telefoniert.
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Wir haben in Bratislava einen Vortrag über den slowakischen Übergang in die Marktwirtschaft gehört, im Vergleich erschien mir die deutsche Treuhand plötzlich vergleichsweise gelungen.
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Nach einem vollen Tag in Budapest hat unser netter Kapitän abends noch eine Extratour „Budapest bei Nacht“ ins Programm genommen.
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Wir haben in Kalocsa in Ungarn das Paprika-Museum besucht und in Solt auf einem Gestüt gesehen, wie ein Reiter stehend ein Gespann von fünf Pferden reitet.
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Ich habe Aprikosenschnaps getrunken.
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In Mohács wurde das ganze Schiff einem absurden, halbherzigen Face-Check unterzogen, danach störten die ungarischen Zollbeamten absichtlich unseren Vortrag „The Politics of Race and Religion in Europe,“ nur weil sie es eben konnten, weil sie die Macht dazu hatten. Ohne ihr Okay würde das Schiff nicht weiterfahren können, also setzten sie sich in die Lounge, ließen sich bewirten und redeten so laut, dass es den Vortrag störte, und als Reisende sie baten, leiser zu sein, wurden sie stattdessen noch lauter. Es ging im Vortrag gerade um Machtmechanismen im Nationalsozialismus, ein Reisender dazu: „You couldn’t escape to notice the irony of the situation.“ Ungarn 2011.
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Wir sind bei bestem Wetter mit der aufgehenden Sonne nach Belgrad eingefahren, und die Stadt hatte schon gewonnen.
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Immer wieder die Sonnenaufgänge. Auf der Donau sollte man immer nach Osten fahren.
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Ich habe im Belgrader „Café Fragezeichen“ einen traditionellen Kaffee getrunken, eines der Überbleibsel der osmanischen Herrschaft.
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Der serbische Historiker, der immer wieder die „gleichwertige Schuld“ aller ex-jugoslawischen Länder betonte und kein Wort über Srebrenica verlor.
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Das Ablegen in Belgrad um elf Uhr abends unter Beats entlang lebhafter Clubs am Flussufer ähnlich magisch wie die Ankunft bei Sonnenaufgang.
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Wie sind durch das Eiserne Tor gefahren.
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Wir haben ein rumänisches Wasserkraftwerk besichtigt.
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Rumänien, tatsächlich ein kleiner Kulturschock, wohl für alle Beteiligten, denn bei unserem Andocken in Drobeta Turnu Severin kam gefühlt das halbe Dorf zum Hafen. Wir waren anscheinend genauso interessant für sie wie umgekehrt.
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Ich habe halbfertige Parkanlagen gesehen, anscheinend EU-Förderprojekte, wie wir hörten, die unfertig abgebrochen würden, sobald das Geld gezahlt wurde. Ich hörte auch, dass die Blumen und Bäume binnen vier Wochen ausgegraben werden und ihren Weg in Privatgärten finden. Ich kann nicht abschätzen, was wahr ist von dem, was ich höre, aber was ich sah: wie trostlos es noch ist.
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Ich habe die Stadtführerin in Turnu Severin gefragt, was aus den Mitarbeitern der Securitate geworden ist, sie wurde bleich und fragte erschrocken: „Do I have to talk to people about that?“ In keinem der Länder erlebte ich einen Umgang so offen, wie ich es aus Deutschland zur Stasi gewohnt bin.
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Wir haben die Festung Baba Wida besichtigt.
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Wir haben im bulgarischen Widin nach acht Nächten auf dem Schiff die Donau verlassen und sind mit dem Bus weitergefahren, zunächst nach Sofia, Mittagessen in Belogradtschik.
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Die Suppe für 137 Personen wurde mit Ankunft des ersten Busses für alle serviert, auch wenn die anderen drei Busse noch gar nicht da waren. Mit vier Reisebussen voller Nordamerikaner durch Rumänien und Bulgarien zu fahren, das ist schon noch „off the beaten track.“
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Sofia war toll, nicht zuletzt das Internet im Sheraton, endlich wieder Internet.
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In Bulgarien heißen die Raststätten „Happy.“
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Ich habe mich mit einem jüdischen Arzt über die deutsche Seele unterhalten. Er hatte mich nach meinem Vortrag in Sofia gefragt: „Do you think Germany’s soul can recover after what happened to it during the 20th century?“ Er verglich Deutschland mit einem Patienten, der dem Tod gerade noch entgangen sei. Wie kann die Seele des Patienten das verarbeiten?
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Do you think Germany’s soul can recover after what happened to it during the 20th century? (Die Frage geht mir seither nicht mehr aus dem Kopf.)
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Ich habe einen Vortrag über die Geschichte Bulgariens gehört und gemerkt, wie beschämend wenig ich über die Geschichte Bulgariens wusste, eines Landes immerhin, das gar nicht weit weg von Deutschland, und zudem Teil Europas ist.
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An Christoph Ransmayrs Buch aus dem Anfang der Neunziger gedacht, zumindest für mich anscheinend immer noch treffend betitelt: „Im blinden Winkel.“ Nachrichten aus Mitteleuropa.
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Wir sind mit dem Bus von Sofia nach Thessaloniki gefahren, mit Zwischenstopp im Kloster von Rila.
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Das Rila-Kloster wieder so ein Ort, der trotz Regen wunderbar war (erst der zweite Regen der Reise, der erste: Bratislava).
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Ich habe mich darüber gewundert, dass Ikonen aus dem 15. Jahrhundert im Klostermuseum vollster herkömmlicher Halogenbeleuchtung ausgesetzt werden. Keinerlei konservatorische Maßnahmen zu erkennen.
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Ich habe in Thessaloniki drei Demonstrationen gesehen, und abends auf der Straße tanzende Menschen.
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Ich habe in Tavernen gesessen und Mezes gegessen.
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Ich habe in der Altstadt von Thessaloniki einen Mann gesehen, der einen Sarg auf dem Rücken über die Straße trug.
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Ich war beeindruckt vom neuen archäologischen Museum in Pella.
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Ich habe das Philipp-Grab gesehen und im Innern des Großen Tumulus ist mir schwindelig geworden.
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Ich habe von einem Biobauern in Vergina eine Tüte leckerster Nektarinen geschenkt bekommen.
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Beim Farewell Dinner haben wir stehende Ovationen bekommen, was wirklich selten ist (und ziemlich rührend, wenn über 100 Leute aufstehen und begeistert klatschen).
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Der jüdische Arzt schenkte mir zum Abschied das Buch „Einstein’s German World“ von Fritz Stern, mit einer schönen Widmung. (Chapter seven is my talk, apparently. Looking forward to reading it.)
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Ich habe noch nie so viel über Deutschland nachgedacht wie auf dem Balkan.
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Ich habe in zwei Wochen nur ein einziges behindertes Kind gesehen (Fußgängerzone in Belgrad).
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Zuhause hat das Kind in der Zwischenzeit die 1,60 m-Marke geknackt.
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Eine schöne, aber auch sehr arbeitsreiche und anstrengende Reise.
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Fotos [#]

fünf dinge.

Sehr gefallen hat mir die neue Website Fünf Dinge, auf die ich über Okka Rohds Weblog Slomo gestoßen bin. Okka Rohd selbst, Dorothea Sundergeld und Karolina Stasiak haben diese Website ins Leben gerufen. Menschen stellen fünf Dinge vor, die sie mögen, und erzählen dazu die Geschichte, die mit dem jeweiligen Gegenstand verbunden ist. Ich fand die Idee sehr schön, habe sofort die fünf Dinge aller Leute gelesen, die schon auf der Website waren und dann dachte ich mir irgendwann, dass so ein Projekt aber davon lebt, dass da auch Leute mitmachen und nicht immer nur lesen, und darum habe ich Okka eine E-Mail geschrieben und meine fünf Dinge angeboten, die sie dann netterweise tatsächlich mit aufgenommen hat, hier also meine fünf Dinge.

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