nachrichten aus den usa & kollektive lethargie in deutschland.

M. und L. sind gerade beide entlassen worden, weil die Firma, bei der beide arbeiteten und sich auch kennengelernt hatten, von Chicago nach Belfast verlegt wird. Man hat ihnen angeboten, mit nach Nordirland zu ziehen, zu guten Konditionen. Aber M. hat aus erster Ehe einen zehnjährigen Sohn, und teilt sich das Sorgerecht mit seiner Exfrau. Da kann er nicht einfach alles einpacken, nach Belfast gehen und seinen ältesten Sohn alleine lassen. So sind M. und L. nun beide arbeitslos. Sie haben ein Haus mit mortgage payments, zwei Autos, einen einjährigen Sohn, das volle Programm.

S. arbeitet für ein Computerunternehmen, zu großen Teilen leider am Account von General Motors. Ob sie noch lange einen Job hat, ist unklar. Wenigstens hat sie das Haus schon abbezahlt, in dem sie wohnt.

C. hat eine eigene Firma und steht kurz vor der Insolvenz. Gerade vor der Krise hat er seine Exfrau im Zuge der Scheidung ausbezahlt, um die Firma alleine behalten zu können. Es war noch keine Krise in Sicht, darum hat er es seinerzeit getan, aber sitzt nun auf Krediten und Hypotheken, kann seine Objekte nicht loswerden und steht kurz vor der Aufgabe.

G., M. und J. betreiben gemeinsam seit vielen Jahren eine Firma, der es nie so richtig superblendend ging, aber die beiden Familien kamen mit dem Verdienst immer über die Runden. Auch hier das gleiche Spiel: Aufträge werden storniert, schon geleistete Arbeit wird nicht bezahlt. Um sich aus den ersten Schwierigkeiten zu retten, haben sie zunächst eine Hypothek aufgenommen, aber die Lage bessert sich nicht. Als Ergebnis stehen sie nun nicht nur kurz vor der Insolvenz, sondern verlieren dabei wegen der Hypothek vielleicht sogar noch das Haus, in dem sie wohnen.

Kollegin H. schreibt, dass die Firma, für die ich in Chicago gearbeitet habe, am Freitag auf einen Schlag 14 Leute entlassen hat. Die Stimmung sei wie nach dem 11. September 2001 – ich erinnere mich noch zu genau, wie wir damals jeden Tag zur Arbeit gekrochen sind, nachdem 25 Leute auf einmal entlassen worden waren.

(Mails aus den USA würde ich am liebsten bald gar nicht mehr öffnen.)

[Hier kommt es allerdings auch schon an. F. erzählte mir, dass die Firma, für die sie arbeitet, Insolvenz angemeldet hat, hier in Berlin. Bei mir wird für das nächste Frühjahr im Moment nur noch storniert, am Verreisen sparen die Menschen nunmal zuerst. Die Aussichten werden bei mir von Woche zu Woche schlimmer, immer mehr durchgestrichene Termine im Planer. 2009: in meinem Kalender schon jetzt das durchgestrichene Jahr. Ich werde mir ein neues Arbeitsfeld erschließen müssen.

Es scheint überhaupt, als seien alle in Lethargie verfallen. Letzten Freitag wollte ich bei meiner Hausärztin ein Rezept holen und musste feststellen, dass die Praxis geschlossen hat: vom 15. Dezember bis 5. Januar. Eine Arztpraxis, die einfach drei Wochen schließt. Hat sicher auch mit dem Quartalsende zu tun, es gibt schließlich immer mehr Praxen, die zum Ende des Quartals zwei Wochen schließen, weil sie ihr Kontingent schon ausgegeben haben, und quasi umsonst arbeiten müssten, da würde ich auch lieber Urlaub machen. Von der Praxis aus ging ich zur Reinigung, da hing auch ein Schild, dass bis 5. Januar geschlossen sei. Dann also ohne Medikamente und mit dreckigen Sachen ins Fest. In Berlin klappt man die Bürgersteige hoch und tut erstmal nichts mehr. Das hat natürlich mit Weihnachten zu tun, aber es ist so extrem dieses Jahr, dass ich es schon auch für einen Ausdruck einer um sich greifenden Motivationslosigkeit halte.

Mein Cousin arbeitet am Potsdamer Platz und erzählte am Samstag vom Baugewerbe. Früher hätten die Leute alle Aufträge angenommen, die sie bekommen konnten, aber jetzt hat er schon mehrfach mitbekommen, dass neue Aufträge abgelehnt wurden: "Nee, im Moment machen wir erstmal nicht mehr groß was. Wer weiß, was mit der Krise auf uns zukommt, und ob wir dann überhaupt noch bezahlt werden können, nachher haben wir gearbeitet und bekommen kein Geld, weil die auftraggebende Firma pleite geht."

Jetzt sitzen alle auf ihren Sofas, wollen nicht mehr verreisen, wollen nicht mehr arbeiten, wollen nur warten, warten, warten. Wenigstens kommt Weihnachten a.k.a. das Fest des Wartens da gerade passend.]

daily routines.

How writers, artists, and other interesting people organize their days [#]

the beautiful mind.

The beauty within neuroscience [#]

doodle.

Eine wirklich gute Sache, z.B. wenn man mit einem Dutzend Leute ein Treffen ausmachen will, ohne tagelang hin- und hertreibende E-Mail-Flut: Doodle.

es ist sand.

this is sand [#]

biopolitik.

Neu entdecktes Weblog zu bioethischen Fragen: “Biopolitik” von Oliver Tolmein. [#] Interessanter Artikel über die Ratifizierung des Menschenrechtsübereinkommen für Behinderte (Vereinte Nationen). Die Einschätzung, dass sich nun viele Menschen mit Behinderungen und deren Angehörige auf dieses Übereinkommen berufen werden, wenn sie Rechte einfordern: diese Einschätzung kann ich nur teilen. Das Elternzentrum Berlin wird dies tun, um endlich eine adäquate Beschulung autistischer Kinder in Berlin zu erreichen, und hier bei “Kontraste” sieht man, dass dies auch andere Eltern unternehmen werden.

denis johnson.

“Übersetzer packen aus”: Bettina Abarbanell und Robin Detje sprachen gestern in der Literaturwerkstatt über Denis Johnsons “Ein gerader Rauch” und lasen verschiedene Szenen aus dem Buch vor. Tobias Rapp moderierte den Abend, und es ist ja schon alleine schön, einmal den Menschen zu erleben, dessen Texte man immer in der taz liest. Ganz abgesehen davon war es aber auch ein sehr schöner und inspirierender Abend. Aus den vorgelesenen Passagen entnahm man schnell, dass die Übersetzung hervorragend ist, sogar und besonders die Dialoge, bei denen so viele Übersetzungen abfallen und wirklich schlecht sind. Hier aber ein pures Vergnügen, dem zuzuhören, ausnahmslos alles schien treffend, mitreißend, genau richtig. Auch die anschließende Diskussion war spannend, und so stellten wir nachher fest, dass Übersetzerlesungen eigentlich viel besser sind als normale Autorenlesungen, weil man durch die Übersetzer so viele verschiedene Perspektiven auf den Text bekommt. Eine begeisternd tolle Übersetzung von Denis Johnson.

wassermann.

Was fragen sich Frau Wortschnittchen und Frau Martini und ich jedes Jahr wieder: schon wieder kein gutes Jahr für den Wassermann? Nun, endlich scheint es sich zu drehen, und die Erklärung dafür: “Once Jupiter, planet of happiness and good fortune, moves to Aquarius on January 5, 2009, for the first time since 1997, it will launch you into your very best year in over a decade.” [#] Wenn das mal bitte wahr ist.

joan didion über obama.

“For the first time in the memory of most of us a major political party was moving in the direction of nominating a demonstrably superior candidate—a genuinely literate man in a culture that does not prize literacy, an actually cosmopolitan man in an arena that deems tolerance of the world suspect by definition. A civil man. A politically adroit man. Enthusiasm was high. Participation was up. Yet something troubled. What troubled had nothing to do with the candidate himself. It had to do instead with the reaction he evoked. [...] Irony was now out. Naiveté, translated into ‘hope,’ was now in. Innocence, even when it looked like ignorance, was now prized. Partisanship could now be appropriately expressed by consumerism. I couldn’t count the number of snapshots I got e-mailed showing people’s babies dressed in Obama gear.” [#]

dawdlr.

Wofür das Internet unter anderem erfunden wurde: für schöne Mischungen von online und offline.

“In case you missed it, dawdlr has creaked into action. This is Russell‘s version of slow Twitter. “What are you doing, you know more generally?” updated twice a year. It’s one of the things the internet was invented for – a lovely mix of online and offline.” [#]

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