schriftspeicherung.

Das Buch [#]

in praise of slowness.

„Maybe it’s the prospect of a few years of stillness, but I’ve recently been thinking more about time. And what’s obvious is that the city is slow, and we write too fast.“ [#]

baader-meinhof-komplex.

„Wer den Untergang gesehen hat, braucht diesen Film nicht zu sehen. Wer den Untergang nicht gesehen hat, kann diesen Film ansehen, dann hat er im Prinzip auch den Untergang gesehen, aber eigentlich braucht, wer den Untergang nicht gesehen hat, auch diesen Film nicht zu sehen. Wer den Untergang nicht gesehen hat und den Baader-Meinhof-Komplex nicht gesehen hat, der wird schon bald zu einer kleinen, hochqualifizierten Minderheit gehören, die Auskunft geben kann, wie das eigentlich war, 1945 oder 1977.“ [#] (Was für ein herrlicher Text. Danke, Bov.)

sinn und unsinn.

Im Dezember 2008 hat die Bundesregierung die UN-Konvention zu den Rechten von Menschen mit Behinderungen ratifiziert. Seither berichten Zeitungen und Zeitschriften in sehr unterschiedlicher Qualität darüber, was dies für das deutsche Bildungssystem bedeuten könnte. Die Betonung liegt auf dem Konjunktiv, der dafür sorgt, dass sich Berichterstattung und Spekulationen auf einem sehr ideologischen Feld bewegen, und sich nicht oder nur wenig an der Realität orientieren.

Der Spiegel titelt in der Ausgabe 2/2009 in einem Artikel: „Die unverdünnte Hölle.“ In ihm finden sich einige wichtige und richtige Passagen, wie zum Beispiel: „Es gibt einen wachsenden Druck zur Optimierung der menschlichen Natur, zur Steigerung körperlicher und geistiger Fähigkeiten. […] Seit der Radikaleugenik der NS-Zeit spricht zwar in Deutschland so gut wie niemand mehr von ‚lebensunwertem Leben‘. Aber die Ansicht, dass Menschen mit Behinderungen die Gesellschaft belasten, ist weit verbreitet. Mit der ‚Art der Geräusche‘ begründete ein Richter sein Urteil, das einer Wohngruppe von sieben geistig behinderten Menschen vorschrieb, sich nur noch zu festgelegten Zeiten im Garten aufzuhalten. Ein Flensburger Gericht sprach Hotelgästen eine finanzielle Entschädigung zu, weil sie im Urlaub gemeinsam mit behinderten Menschen hatten speisen müssen. Und im Stuttgarter Stadtteil Muckensturm klagten Anlieger gegen ein Heim, weil sie Lärmbelästigung, tätliche Übergriffe und den Wertverlust ihrer Häuser fürchteten.“

Leider ist der Artikel in seiner Schlussfolgerung aus den richtig beschriebenen Problemen sehr wenig differenziert. Behindertenvertreter plädierten für die Abschaffung des Sonder-Förderschulsystems, heißt es. Eine Frau aus der Behindertenbewegung wird zitiert, die Sonderschulen seien „nichts als Abfalleimer.“ Die Kinder lernten dort nur kochen und übten Tischmanieren. Ein weiteres Zitat: „In Sonderschulen herrscht eine regelrechte Friedhofsruhe.“ Ich weiß ja nicht, wie man darauf kommt; in der Schule meines Sohnes habe ich Friedhofsruhe jedenfalls noch nie erlebt. Auch ist es bei weitem nicht so, als ob alle Behindertenvertreter für die Abschaffung der Sonderschulen plädieren, und vor allem ist es nicht so, als ob dort nur kochen und Tischmanieren eingeübt würden. Sonderpädagogen setzen sich teils mit sehr großem Engagement für die Kinder ein, eine solche Schilderung tut der Schulform ebenso wie engagierten Pädagogen großes Unrecht an.

Es gibt sicher viele Kinder mit Behinderungen, die von einer Integration in eine Regelschule profitieren würden, vielleicht und vor allem Kinder mit körperlichen Behinderungen. Genauso gibt es aber Kinder, die eine solche Integration überhaupt nicht verkraften könnten. Diese Erkenntnis mag nicht in die Integrations-Ideologie passen und das Ganze kompliziert machen, sie ist aber dennoch wahr und muss Beachtung finden. Kinder mit tiefgreifenden Entwicklungs- und Wahrnehmungsstörungen, wie etwa Kinder mit schwerem frühkindlichen Autismus, könnten den Lärm, die Größe und die Dynamiken einer großen Regelschule niemals aushalten. Am Unterricht einer Sonderschule in kleinen Klassen teilnehmen zu können, ist für diese Kinder schon Integration; selbst dafür brauchen sie schon spezielle Integrationshelfer. Wenn es keine Sonderschulen mehr gäbe, sondern nur noch Regelschulen, würden diese Kinder wie früher als unbeschulbar gelten und sogenannten Hausunterricht bekommen, um der Schulpflicht Genüge zu tun. Das hieße wiederum, dass für sechs Stunden in der Woche ein Lehrer Nachhause kommt – und dass ein Elternteil seine Berufstätigkeit aufgeben muss. Integration ohne Alternativen bedeutet Ausgrenzung, nämlich Ausgrenzung der schwerstbetroffenen Kinder aus der Schule und gleichzeitig noch ihrer Eltern aus dem Arbeitsleben. Sonderschulen und Integration gegeneinander auszuspielen, wie es der Spiegel-Artikel tut, mag einigen Behinderten dienen, geht aber zu Lasten von anderen Behinderten und ihren Angehörigen. Eine viel differenzierte Betrachtung ist angebracht und notwendig, leider haben Journalisten, Lobbyisten und Politiker dafür wenig Zeit, wenn sie versuchen, die UN-Konvention dafür zu missbrauchen, ihre Ideologie durchzusetzen.

Die Zeit titelt: „Am Ende des Sonderwegs.“ Nun weiß man von der Zeit schon, dass sie über Behinderung nicht in guter Qualität berichten kann, man denke nur an den katastrophalen Artikel von Frau von Thadden, in dem sie die Frage stellte: „Wer könnte heute noch sagen, dass auch ein behindertes Kind ein Geschenk ist, wenn man das Geschenk doch zu Beginn der Schwangerschaft faktisch ablehnen konnte und das Kind also einer Entscheidung entspringt?“ Bei der Zeit hat man kein Gespür für dieses Thema, das ist auch in diesem Artikel zur Sonderschule wieder zu sehen, so heißt es zum Beispiel: „Geistig oder körperlich Behinderte, aufmerksamkeitsgestörte Problemkinder, schwer Erziehbare mit Migrationshintergrund – wer, der dafür nicht bezahlt wird, will schon mit ihnen zu tun haben? Und wer, außer ihren Eltern, nähme Anteil am Schicksal dieser geborenen Verlierer?“ Der Autor dieses Satzes offenbart mit seinen Fragen wahrscheinlich mehr über seinen eigenen Zugang zu Menschen mit Behinderungen, als ihm lieb sein würde, wenn er denn verstünde, was er da schreibt, bzw. was dies über ihn selbst aussagt. Ich frage mich angesichts solcher Sätze immer, in was für einer Welt Zeit-Redakteure eigentlich leben. Es muss eine sehr abgeschirmte und realitätsfremde sein. Dabei meinen diese Redakteure es, auch wenn sie so beleidigen, eigentlich auch immer noch gerade besonders gut, sie haben bloß keine Ahnung und kein Gespür – eine unglückliche Kombination. Der Artikel zielt nämlich durchaus darauf ab, dass Kinder mit Behinderungen integriert werden sollen. Allerdings endet er auch mit der pauschalen Diagnose über Sonderschulen: „Es ist Zeit, sie abzuschaffen.“ Die Sonderschulen werden als „Apparate“ beschrieben, die ihre Existenz verteidigen. Dieses Argument ist blanker Unsinn, denn die sonderpädagogische Förderung wäre ja auch in einer neuen Schulform weiter notwendig, und Lehrer wie Schulleiter würden ihre Stellen nicht verlieren, sondern nur in einer anderen Schulform weiterarbeiten. Der Artikel ist derart von Ahnungslosigkeit geprägt, dass man schon fast Mitleid haben muss.

Der Verweis darauf, dass im Ausland schon mehr Sonderschulen aufgelöst wurden, und dass Deutschland somit hinterherhinke – auch diese Behauptung ist unter Integrationsideologen sehr beliebt. Leider enthält uns der Artikel vor, welches Land/ welche Länder im Ausland genau gemeint ist/sind, und was dort konkret besser läuft. In Frankreich und Italien jedenfalls läuft diese Auflösung so ab, dass schwer beeinträchtigte Kinder zu viel größeren Anteilen als in Deutschland keine Schulen besuchen können und Zuhause bleiben. Auch in den USA ziehen Menschen von einem Staat in den nächsten auf der Suche nach einer Schule, die ihrem schwer beeinträchtigten Kind genügend Schutzraum bieten kann. Die Frage, ob Deutschland vielleicht nicht komplett hinterherhinkt, sondern sich in Teilen etwas Bewahrenswertes bewahrt hat, ist aber hierzulande geradezu undenkbar und öffentlich tabu. Das Problem liegt in der Differenzierung: in Ländern wie den USA bedeutet die Integration für manche Kinder mit Behinderungen viel Gutes, und hier hat Deutschland tatsächlich Nachholbedarf, auch großen Nachholbedarf. Es ist nicht einzusehen, warum ein Kind im Rollstuhl eine Sonderschule besuchen muss, wenn es genausogut in einer Regelschule lernen könnte. Den Fehler anderer Länder, dabei aber das Kind mit dem Bade auszuschütten, könnte und sollte man in Deutschland vermeiden. Integration muss unbedingt vorangetrieben werden, wo möglich. Auf der anderen Seite müssen aber Schutzräume bleiben für die Kinder, die diese benötigen.

Für die schwer beeinträchtigten Kinder wäre Integration nur dann denkbar, wenn sehr, sehr viele Voraussetzungen dafür geschaffen würden, dass sie es an einer Regelschule aushalten können: sie bräuchten kleine Klassen wie in der Sonderschule, also sechs Kinder pro Klasse, selbst in diesem Rahmen bräuchten manche noch einen Integrationshelfer, sie bräuchten einen Trakt, in dem sie nicht zu vielen Reizen und Kindern ausgesetzt sind, da ihr Wahrnehmungsapparat sonst überfordert wird, worauf sie mit massiven Aggressionen reagieren, sie bräuchten Räume mit Lärmschutz, damit ihr übersteigertes Hörvermögen nicht überlastet wird, damit sie nicht in Aggressionen ausbrechen usw. usw. Die baulichen und personellen Anforderungen wären enorm.

Viele Politiker plädieren – hinter vorgehaltener Hand – vor allem deshalb für Integration, weil die Sonderschulen sehr teuer sind. Sie meinen, durch Integration der Kinder mit Behinderungen und Abschaffung der Sonderschulen Geld sparen zu können. In den USA spielt nicht zuletzt dieses Argument eine Rolle: Kinder mit Behinderungen werden nicht ausschließlich aus lauter Behindertenfreundlichkeit integrativ beschult, sondern weil man nicht willens ist, ein großes Maß an Sonderförderung staatlich zu finanzieren. Für Kinder mit Behinderungen, die mit einer mangelhaft ausgestatteten Integration nicht zurechtkommen, gibt es teure Privatschulen, die schwer beeinträchtigten Kindern für viel Geld den benötigten Schutzraum bieten – wenn es sich die Eltern denn leisten können. Um Integration erfolgreich, staatlich und für alle zugänglich anzubieten, müsste man sogar mehr Geld ausgeben als für das System der Sonderschulen. Sollte man dazu bereit sein, spricht auch nichts gegen die Integration. Nur leider läuft es genau so nicht ab: die Integration wird vorangetrieben (auch durch Druck der Presse), ohne alle Voraussetzungen dafür zu eruieren und umzusetzen. Man macht den ersten Schritt vor dem zweiten.

Was die tatsächliche Umsetzung einer theoretisch guten Idee, und was die Zukunfts- und Erfolgsaussichten einer solchen Politik betrifft, so lohnt sich ein Blick in die Berliner Schulpolitik, wo das Schulgesetz seit 2004 der Integration absoluten Vorrang einräumt. Anfangs gab es für die integrative Beschulung noch viele Förderstunden und die Klassenstärke war begrenzt. Doch in den letzten Jahren haben sich die Bedingungen für die Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf immer mehr verschlechtert. Die Begrenzung der Klassenstärke wurde aufgehoben und die Förderstunden auf durchschnittlich 2,5 in der Woche reduziert. Kommt es zu Erkrankungen im Lehrerkollegium, fallen auch diese Förderstunden weg. Eine verantwortungsvolle Integration behinderter Kinder kann nicht mehr durchgeführt werden. Die Sonderpädagogen fahren von einer Schule zur nächsten, drei Schulen oder mehr am Tag, geben hier und da eine Stunde Sonderförderung – das reicht alles überhaupt nicht mehr aus, die Klassen sind zu groß und die Integrationskinder kommen nicht mehr zurecht. In unserer Elterngruppe melden sich zunehmend Eltern, die ihre Kinder krankschreiben lassen, weil die Beschulung nicht funktioniert. Und dabei muss man noch sagen, dass in dieser Integration momentan vor allem Kinder mit Verhaltensauffälligkeiten und emotional-sozialem Förderschwerpunkt beschult werden: die schwer beeinträchtigten Kinder sind noch gar nicht dabei.

Wahr ist: unter dem Deckmantel erstrebenswerter, humanitärer Argumente der Integration und Inklusion wird in Wirklichkeit ein Sparmodell vorangetrieben, das letztlich genau zu Lasten derjenigen gehen wird, denen es eigentlich helfen wollte. Verbände und Behindertenvertreter sollten sich genau überlegen, ob sie auf diesen Zug aufspringen wollen.

Der differenzierteste Artikel kommt denn auch aus Berlin, der Stadt, in der wir diese Erfahrungen seit Jahren leidvoll sammeln: „Wann ist die Sonderschule die richtige Wahl?“ 

whitehouse.gov

„President Obama and Vice President Biden are committed to supporting Americans with Autism Spectrum Disorders, their families, and their communities.“ [#]

(Auf der neuen Website des Weißen Hauses bekommen Disabilities eine eigene Seite, werden nicht einfach unter Health Care subsumiert, und Autismus wird als einzige Behinderung sogar extra auf- und ausgeführt. Zumindest ein erstes Anzeichen, dass die Wahlversprechen in dieser Sache nicht vergessen wurden.)

john calder.

„Good literature is one way to spend your entire life working for nothing.“ [#]

inauguration.

Nollendorfplatz in der Kälte

Angeblich sind allerlei Prominente bei der Feier der Democrats Abroad im Goya anwesend, also musste alles noch einmal sicherheitstechnisch überprüft werden, kein Einlass ab 16 Uhr, wie geplant, sondern erst um 16:45 Uhr werden die ersten eingelassen. Die Schlange geht den ganzen Block hinunter und um die Ecke Richtung Winterfeldtplatz. Es werden jeweils 2-3 Menschen hineingelassen, und dann dauert es fünf Minuten, bis die nächsten hineindürfen. Die Schlange bewegt sich also meist gar nicht, und wenn, dann einen Schritt vorwärts. Schlechteste Organisation ever. Alle frieren, und sind nervös, ob sie überhaupt bis 18 Uhr reinkommen. Irgendwann geht ein Amerikaner nach vorne und macht Druck, jemand vom Sicherheits- oder Organisationsteam geht daraufhin die Schlange ab und redet wild in sein Walkie-Talkie, und danach geht es etwas schneller vorwärts. Wir sind irgendwo in der Mitte der Schlange und betreten das Goya um 17:45 Uhr. Sicher sind nicht alle rechtzeitig hineingekommen, denn hinter uns war die Schlange noch lang.

Im Goya

Wir sind gerade pünktlich im Saal zu Obamas Ankunft auf CNN. Im Saal überall Kameras und Reporter, man kommt vor lauter Filmerei nicht zu den Getränken durch. Vor uns diskutieren einige Besucher darüber, wer wo stehen darf, und schubsen sich durch die Gegend um einen guten Sichtplatz. Auf dem Klo spricht eine Frau am Handy und blockiert mir den Weg zurück in den Saal, weil sie die Tür versperrt. Völlig absurd, denn der Raum mit den Waschbecken ist groß und leer, warum blockiert sie ausgerechnet die Tür? Ich sage: „Entschuldigung, darf ich mal vorbei?“ Sie reagiert nicht, ich wiederhole meine Frage etwas lauter, sie dreht sich zwar zu mir um, macht aber immer noch nicht Platz, ich also noch mal lauter, da tritt sie endlich zur Seite, geht zurück zu den Waschbecken und redet weiter ins Telefon. Gerade fünf Minuten drin im Laden, und schon habe ich den Eindruck, dass vielen hier leider der Spirit fehlt.

Diane Feinstein

Die Zeremonie beginnt. Hinter uns steht ein junges, deutsches Pärchen, das die ganze Zeit laut redet. Wir können kaum hören, was Diane Feinstein sagt, hinter uns wundert sich Blondinchen: „Wer ist die denn überhaupt?“ Das Paar interessiert sich anscheinend nur sehr am Rande für den Inhalt der Veranstaltung und redet und redet. Leider ist es wie bei Konzerten: es ist doch ziemlich wichtig, in wessen Nähe man zufällig steht. Ich frage mich wieder, was hier eigentlich los ist, man musste doch weit vorher reservieren, das lief alles über die Democrats Abroad, was machen all die Leute hier, die so offensichtlich keine Affinität zu dem Ganzen haben?

Das Gebet

Der evangelikale Ultrapastor Rick Warren nervt im Goya alle, die ihn kennen (so muss man das angesichts des Pärchens hinter uns ja formulieren). Als er fertig ist, ruft einer laut in den Saal: „Go to hell!“ und viele applaudieren.

Aretha Franklin

Blondinchen hinter mir fragt schon wieder: „Wer ist die eigentlich?“ Und: „Was hat die denn für einen Hut auf?“ Die zweite Frage entbehrt wenigstens nicht einiger Berechtigung.

Joe Bidens Vereidigung

Aus unerfindlichen Gründen müssen sich viele Menschen im Goya auch während der Zeremonie ständig bewegen, sich zwischen den dichtgepackten Besuchern hin- und herquetschen. Was grundsätzlich nicht so toll ist, wird uns nun zum Segen: durch allerlei Schiebereien in unserer Ecke wird das Pärchen außer Hörweite geschoben und dafür stehen wir nun neben zwei schwarzen Amerikanerinnen, die das Geschehen angenehm aufmerksam mitverfolgen. Prima.

Obamas Vereidigung und Rede

Die Rede hört sich, ehrlich gesagt, so ähnlich an wie viele Reden vorher, ähnlich die zyklischen Sätze, allerdings mit etwas weniger Pathos, was ganz angenehm ist. Er spricht wie immer gut, souverän, aber nicht arrogant. Diese Balance kann er sehr gut halten. Man stelle sich mal vor, McCain hätte da jetzt gestanden. Wie ein Leitfaden zieht sich die Botschaft des Ärmel-Aufkrempelns durch den Text: dass die Rhetorik so dezidiert auf Arbeit einschwört, verwundert vielleicht am meisten. Als ich mich einmal umdrehe, sehe ich Blondinchen wieder mit ihrem Freund quatschen, aber zum Glück ist sie weit genug weg. Am Ende der Rede großer Applaus im Saal, Blondinchen kann man nun im ganzen Saal johlen hören, was umso erstaunlicher ist, als sie die Rede anscheinend doch kaum verfolgt hatte. Auch solche Obama-Fans gibt es, vielleicht ist es ganz gut, das nicht zu vergessen.

Die Hymne

Die Amerikaner um uns herum singen mit, allerdings nicht laut und aufdringlich, wie es mich in den Stadien manchmal beim Baseball/ Football/ Basketball stört, sondern leise, besinnlich, fast nachdenklich. Die beiden schwarzen Amerikanerinnen neben uns singen unglaublich schön und – man kann es vielleicht am besten so umschreiben – voller Genuss. Sweet victory.

Das Gedicht

Schwierige Aufgabe, und herausgekommen ist ein ziemlich schwaches Gedicht, finde ich. Nicht katastrophal, das nicht, aber eben auch nicht toll. Einige finden es zu prosaisch, aber das stört mich gar nicht. Eigentlich mag ich diese Snapshots von Alltagssituationen, und finde das vor dem Hintergrund des Nicht-Alltags der Vereidigungssituation auch interessant, es erinnert mich ein kleines bisschen an Frank O’Hara, aber eben nur ein kleines bisschen, so gut wie O’Hara ist es bei weitem nicht.

Das Ende

Die Medienmeute lässt dem Publikum im Goya kaum Zeit, das Ende der Zeremonie zu erleben: schon schieben sich die Kameras durch die Menge, Reporter halten jedem ein Mikro vor die Nase: „Wie hat Ihnen Obamas Rede gefallen?“, „Was empfinden Sie nach dieser Vereidigung?“, „Was bedeutet Ihnen der heutige Tag?“ Schnell weg.

Das Fazit

Vielleicht ist es wie beim Fußball: man hätte genausogut (oder vielleicht sogar besser?) Zuhause bleiben und das Ganze im Fernsehen verfolgen können.

krisen im autismus.

„Es ist mir wichtig, dass die Arbeit mit Menschen mit autistischen Verhaltensweisen mehr ist als nur eine empathische Annäherung. Insofern brauchen wir mehr Verstehen, als nur Empathie. Empathie ist notwendig, Intuition ist notwendig. Es reicht aber für wirkliches Verstehen von Fremdheit nicht aus. Für wirkliche Fremdheit muss ich aus mir selbst und über mich hinauswachsen. Das kann ich nur mit Begriffen, mit Theorien, die von mir distanziert sind, die mich reflektieren.“ [#]

(Ich kann kaum beschreiben, wie sehr mir dieser Aufsatz dabei geholfen hat, zu verstehen, einzuordnen, meinem Kind durch die Krise zu helfen. Was haben die Menschen bloß vor dem Internet getan? Wie kamen sie an so wichtige Anregungen und Erkenntnisse? Danke Internet, und danke Prof. Rödler.)

ponder this.

Thoughts from within [#]

der arbeitgeber.

Gestern kleiner Stand-off in der Badewanne, die der Kandidat auch nach einer halben Stunde baden immer noch nicht verlassen wollte. Ich erklärte ihm, dass das Baden nun beendet sei und ließ das Wasser aus. Der Kandidat machte allerdings keinerlei Anstalten, aus der Wanne zu klettern. Ich versuchte, ihm zu assistieren, konnte den nassen Aal allerdings nicht bewegen. So blieb er also in der leeren Wanne liegen. Um ihn herauszuheben, ist er schon zu schwer; ohne seine Kooperation geht nichts mehr, und wenn man die nicht bekommt, heißt die Devise: Warten. So hielt ich den Hebel des Wasserhahns verschlossen, und John versuchte, das Wasser wieder anzustellen, es gelang ihm aber nicht, mich zu überlisten. Ich erklärte wiederholt, dass eine halbe Stunde in der Wanne genug sei, dass seine Haut schon ganz schrumpelig und rot sei und dass er nun wirklich herauskommen müsste.

Letztlich eine wunderbar normale Situation, wie mit einem trotzenden Zweijährigen. Wir haben eine weitere halbe Stunde so verbracht: ich hielt den Hebel zu, und er versuchte, ihn zu öffnen. Ich war entschlossen, diese Grenze geduldig, aber bestimmt zu setzen, und tatsächlich stand er nach einer halben Stunde plötzlich auf, als sei nichts gewesen, kam über den Rand geklettert und griff nach seiner Zahnbürste, mit erwartungsvollem Blick Richtung Zahnpasta, als wolle er sagen: „Nach dem Baden Zähneputzen, right? Dann gib mir aber gefälligst auch die Zahnpasta und hilf mir schon endlich dabei.“ Er war bestens gelaunt, und was mich am allermeisten gefreut hat: dass er diese Situation überwunden hat, ohne auch nur ansatzweise aggressiv zu werden. Noch vor zwei Wochen hätte er bedingungslos gebissen, gekratzt und geschlagen, um seinen Willen durchzusetzen. Vielleicht ist er mit seinen acht Jahren nun wirklich in der Trotzphase angekommen, vielleicht ist das sein Entwicklungsstand, der bei einem kräftigen, nicht-sprechenden Achtjährigen einfach ungleich schwerer zu handhaben ist als bei einem neurotypischen Zweijährigen. Aber langsam kommt er aus der Krise heraus, jeden Tag geht es ein bisschen besser. Toi, toi, toi.

Er hätte es sicher leichter, wenn er sprechen könnte (wir nennen ihn übrigens „das nicht-sprechende zweisprachige Kind“, denn da wir Zuhause zu viel Englisch sprechen, versteht er das mittlerweile fast so gut wie Deutsch, außerdem war Englisch die ersten beiden Lebensjahre ja sowieso seine Muttersprache, das merkt man doch auch). Könnte er sprechen, müsste er Auseinandersetzungen nicht ausschließlich körperlich austragen. Manchmal fehlt einem die Sprache doch. Aber daran arbeiten die Therapeuten, und da fällt mir ein, was ich gestern gedacht habe: John ist ein hervorragender Arbeitgeber. Er beschäftigt seinen persönlichen Bodyguard im Schulbus, er beschäftigt einen Vollzeit-Helfer in der Schule, neben dem herkömmlichen Lehrpersonal, er beschäftigt zwei Einzelfallhelfer und mehrere Therapeuten (Ergo, Logo und unterstützte Kommunikation), und wo uns jetzt die „zusätzlichen Betreuungsleistungen“ der Pflegereform bewilligt wurden, wird er auch noch für 200 Euro im Monat eine zusätzliche Betreuungskraft beschäftigen. Welcher Achtjährige ist schon so ein umfangreicher Arbeitgeber? Der Kandidat als Arbeitgeber schnürt [wie man so sagt] sein eigenes Konjunkturpaket.

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