Gerade erst habe ich festgestellt, dass Twoday plötzlich Werbung auf die Weblogs setzt, wenn man über Google hierher kommt. Das finde ich völlig inakzeptabel und werde hier schnellstmöglich verschwinden. Entweder nun also doch ganz, oder zu WordPress. Mehr dazu baldmöglichst.

Gestern Abend saß ich um kurz nach zehn in der U-Bahn auf dem Weg zurück ins Hotel meiner Reisegruppe, da hörte ich, wie ein Mann im schicken Anzug einer Frau etwas über Schulen und Wohneinrichtungen für geistig Behinderte erzählte. Er sagte etwas davon, dass da nun alles umstrukturiert werde. Die Träger würden sich natürlich wehren (er schmunzelte süffisant), aber ganz im Ernst wäre doch jedem klar, wie einfach die Arbeit dort wäre. Diese Kinder lernten ja nur, wie man Kartoffeln kocht, und dann ginge es um Fragen wie: ob dieser oder jene Junge lernen kann, Kartoffeln zu kochen, und womöglich gar um die Frage, ob er es überhaupt will. Dabei schmunzelte er die ganze Zeit und machte sich offensichtlich lustig. Ich hatte seit morgens sieben Uhr gearbeitet und war völlig groggy, aber ich wusste, wenn ich nichts sage, kann ich vor Ärger die ganze Nacht nicht schlafen. Also bin ich bei derselben Haltestelle ausgestiegen wie er und die Frau, und habe ihn betont nett angesprochen. Da er ein paar Mal von der SPD gesprochen hatte, fragte ich ihn, ob er zufällig bei der SPD arbeite. Er sagte überrascht: „Nein, bei der Kostenstelle im Jugendamt. Warum?“ Ich habe dann angefangen zu erklären, dass er sich die Arbeit mit geistig Behinderten vielleicht einmal tatsächlich ansehen sollte, denn er habe offensichtlich ein völlig falsches Bild. Er hatte aber natürlich keine Lust, mit mir zu sprechen, und hat mich total abblitzen lassen. Er behandelte mich dann mit einer halb mitleidigen, halb spöttischen Herabgelassenheit, die richtig zum Kotzen war. Zurückgenommen hat er natürlich nichts, und abschließend meinte er, es wäre überhaupt nicht seine Aufgabe, sich diese Schulen und Einrichtungen selbst anzusehen, er arbeite schließlich in der Kostenstelle. Ein aalglatter Typ, und fest von sich überzeugt.

Der Senat hat seine Planungen wieder aufgenommen, die Schulhelfer über das Jugendamt statt über die Schulverwaltung abzuwickeln. Ich weiß nicht, was auf uns zukommt, wenn wir diesem Mann und seinen Kollegen zugeteilt werden. Mir schwant immer Böseres, und unser Protest muss weitergehen.

Seit langem war ich nicht mehr so begeistert von der Entdeckung eines neuen Weblogs: „Courthouse Confessions.“ Steven Hirsch sammelt Fotos und Statements von Menschen, die aus New Yorker Gerichtsgebäuden kommen.

(Vielleicht, vielleicht ist die Leidenschaft ja doch noch wieder zu erwecken.)

eight candles.

Es war 1:39 Uhr nachts Chicagoer Zeit, also 8:39 Uhr morgens in Deutschland. Es war das Jahr 2000, überall. Das Kind mit den zwei Pässen wird acht Jahre alt. Herzlichen Glückwunsch!

Elisabeth von Thadden fragte kürzlich in der ZEIT: „Wer könnte heute noch sagen, dass auch ein behindertes Kind ein Geschenk ist, wenn man das Geschenk doch zu Beginn der Schwangerschaft faktisch ablehnen konnte und das Kind also einer Entscheidung entspringt?“ Es gibt sehr, sehr viele Behinderungen, die sich pränatal überhaupt nicht diagnostizieren lassen. Insofern ist das Argument schon von Beginn an hinfällig. Aber nehmen wir ruhig einmal an, man könnte alle Behinderungen pränatal feststellen: dann wird die Argumentation sogar noch schmerzhafter. Niemand würde wohl Eltern absprechen wollen, dass sie ein gesundes Kind als Geschenk empfinden. Warum also sollte ein behindertes Kind nicht mehr als Geschenk wahrgenommen werden dürfen? Ist ein Geschenk nur ein Geschenk, wenn es bestimmte Bedingungen erfüllt? Und wer bestimmt diese Bedingungen? Oder aber: wie definiert sie Geschenk? Ist ein Geschenk nur ein Geschenk, wenn ich nicht die Möglichkeit hatte, es abzulehnen? Geschenke zeichnen sich doch unter anderem auch gerade dadurch aus, dass man sie annimmt – ihrem Wesen liegt doch eine bewusste Entscheidung zugrunde. Zurück zum konkreten Beispiel: sollte ein Kind kein Geschenk sein, nur weil man sich für das Kind bewusst entschieden hat, dann dürfte kein einziges Kind mehr als Geschenk empfunden werden. Argh. Natürlich ist John ein Geschenk, und jetzt bekommt er erstmal selber eines zum Geburtstag.

Fünf Jahre ist es schon her, John war zwei Jahre alt und wir gerade gemeinsam mitten in den Wirren der unkontrollierbaren Epilepsie gelandet, da las ich Laura Doermers Buch „Moritz mein Sohn“, den Bericht einer Mutter über ihr Leben mit einem therapieresistent epilepsiekranken Sohn. Ich las das Buch irgendwie mit der Idee, mich auf das vorzubereiten, was auf mich zukommt. Von der Lektüre ist mir vor allem der Anfang im Kopf geblieben, der Einstieg, der mir so hart vorkam: die Mutter sitzt in einer Klinik, während der schon ältere Sohn unter Vollnarkose einer Zahnbehandlung unterzogen wird, und ausgehend von dieser Situation, dass noch nicht einmal eine Zahnbehandlung „normal“ möglich ist, erinnert sich die Mutter rückblickend an den Lebensweg mit ihrem Sohn. Ich weiß noch, dass mich das beim Lesen damals sehr bewegt hat: die Erkenntnis, dass nicht einmal eine Zahnbehandlung ohne Vollnarkose möglich ist. Wow, dachte ich mir damals, wie umfassend anders das Leben sein wird. Ich fragte mich, wie man das mit einer Vollnarkose verbundene Bangen um das Kind wohl immer wieder aushalten können wird, und stellte mir vor, dass einen das schier wahnsinnig machen muss.

Nun sind also fünf Jahre ins Land gezogen, John hat trotz diverser Umstände, die die Anästhesie beeinflussen, schon einige Narkosen gut überstanden, und morgen steht wieder eine an, dieses Mal erstmals zu einer Zahnbehandlung, und darum muss ich an das Leseerlebnis von vor fünf Jahren zurückdenken. Einst mahnte mich diese Schilderung so eindringlich. In der Diskrepanz dazu, wie ich das heute wahrnehme, zeigt sich der Weg, den wir seither beschritten haben, und der von viel Gutem und Positivem zeugt, denn mich macht das alles keineswegs schier wahnsinnig. Natürlich wird es mir mulmig sein, je näher der Eingriff morgen kommt, aber ich weiß auch, dass wir das alles gut überstehen werden, und unnötige Alarmbereitschaft uns überhaupt nichts hilft. Und die Tatsache alleine, dass John für Röntgen, Zahnsteinentfernen und ein Kariesloch füllen eine Vollnarkose braucht, beschäftigt mich überhaupt nicht weiter: so ist das eben, und schlimm ist es nicht, da geht er eben mal einen Tag nicht in die Schule und ich nehme mir einen Tag frei.

Ich erinnere mich noch sehr genau an das Lesen der Eingangspassage in dem Buch, wie ich im Garten meiner Eltern auf der Liege unter der Birke lag, und nebenan plätscherte das Wasser im Teich, und ich war schockiert. Ich erinnere mich daran sehr genau, aber ich nehme das heute alles ganz anders wahr, nicht mehr so tragisch. Wie man auf Gefühle aus der Kindheit zurückblickt, fast so kommt es mir vor, aber es sind nur fünf Jahre.

[Das Buch fand ich damals übrigens schon nicht besonders gut, und kann das aus heutiger Sicht nur bestätigen.]

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