{"id":1051,"date":"2009-06-24T12:27:16","date_gmt":"2009-06-24T10:27:16","guid":{"rendered":"http:\/\/gedankentraeger.de\/?p=1051"},"modified":"2009-06-24T12:31:49","modified_gmt":"2009-06-24T10:31:49","slug":"tddl-2009-die-bucher-dritter-teil","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gedankentraeger.de\/?p=1051","title":{"rendered":"tddl 2009 [die b\u00fccher, dritter teil]."},"content":{"rendered":"<p>Samstag Morgen kam das P\u00e4ckchen mit neun anderen B\u00fcchern diesj\u00e4hriger Teilnehmer, juhu. Ich begann mit Christiane Neudeckers &#8222;In der Stille ein Klang&#8220;, einem Band von Erz\u00e4hlungen. Was sofort auff\u00e4llt: viel indirekte Rede, viel Konjunktiv, viele kurze S\u00e4tze, abgehackt: &#8222;Sie wollte anderes wissen. Wie geht es Dir. Was tust Du. Wie sind sie. Zu Dir.&#8220; Viele, viele Punkte \u00fcberall, das mag ich nicht so. Lauter abschlie\u00dfende S\u00e4tze, sich verschlie\u00dfende S\u00e4tze, da bleibt so wenig Luft und Raum f\u00fcr Perspektivenausweitung, Relativierungen. Der Text ist sich zu sicher, hat so was Autorit\u00e4res, Distanziertes. Mich als Leserin l\u00e4sst er dadurch gar nicht in seine Geschichte hineinfinden, aber das mag ja auch genau so von der Autorin beabsichtigt sein.<\/p>\n<p>Sie beginnt die S\u00e4tze oft mit Konjunktionen, Adjektiven etc., und meidet klassische Satzkonstruktionen: &#8222;Dass sie ihn testen w\u00fcrden, war ihm klar gewesen. [\u2026] Arbeitsunf\u00e4hig werde ihn das machen, hatte er geschrien.&#8220; Hier und da f\u00e4nde ich das nicht schlimm, aber es ist die Regel, nicht die Ausnahme. &#8222;In den Laden wird er hineingeschoben&#8220;, oder &#8222;An seine Eltern musste er denken.&#8220; Warum nicht auch einfach mal: &#8222;Er wird in den Laden hineingeschoben&#8220; oder &#8222;Er musste an seine Eltern denken&#8220;? Mir kommt dieses Satzteileumstellen auf Dauer etwas krampfhaft vor. Wenn zwischendurch mal ein paar normal zusammengesetzte S\u00e4tze kommen, erholt man sich kurz, findet fast in den Inhalt rein, aber dann geht es sofort wieder los mit diesem eigenwilligen Stil.<\/p>\n<p>Als formales Experiment vielleicht nicht uninteressant, ich hoffte allerdings, dass es darum nur eine Geschichte lang so sein w\u00fcrde. Leider ging es in der zweiten Geschichte gerade so weiter: &#8222;Da f\u00e4llt der Startschuss. Fort. Herum rei\u00dft sich das Ich. Rennt. Fl\u00fcchtet. Rast. Fort.&#8220; Zwischendurch mal eine Geschichte, &#8222;Sauerstoff&#8220;, in der dieser Stil nicht so dominant ist, sie gef\u00e4llt mir gleich besser. Dann aber in der n\u00e4chsten Geschichte &#8222;Unterwelt&#8220; schon wieder: &#8222;Stefan steht. Nickt. Und setzt sich.&#8220; Unterwelt, da muss ich an Don DeLillo denken, der ja sagt, in guter Literatur k\u00f6nne nie ein Satz mit &#8222;Und&#8220; beginnen. Nundenn, das Buch ist einfach nicht mein Geschmack, mal den Bachmanntext abwarten.<\/p>\n<p>Danach Lorenz Langeneggers &#8222;Hier im Regen.&#8220; Im Klappentext hei\u00dft es: &#8222;Unspektakul\u00e4rer kann das Setting eines Romans kaum sein, um nicht zu sagen \u2013 langweiliger. Aber von wegen: einl\u00e4sslicher, mitf\u00fchlender, um nicht zu sagen kurzweiliger ist sehr lang nicht mehr vom Leben eines Menschen erz\u00e4hlt worden. [\u2026] Lorenz Langenegger erweist sich in seinem ersten Roman als ein h\u00f6chst aufmerksamer Begleiter seines Alltags-Helden.&#8220; Den Beginn und das Ende dieser Einsch\u00e4tzung teile ich, den Mittelteil eher nicht. Ja, das Setting ist unspektakul\u00e4r, und ja, Langenegger ist ein minuti\u00f6ser Beobachter eines Menschen, der an der Belanglosigkeit seines Lebens leidet, einl\u00e4sslich und mitf\u00fchlend kann ich auch noch nachvollziehen, aber kurzweilig finde ich das Ganze nicht.<\/p>\n<p>Das Buch beginnt so: &#8222;Wenn Jakob Walter erwacht, ist um ihm herum erst einmal nichts. Die ersten Sekunden des Tages, in denen die einen den Schattengestalten ihrer Tr\u00e4ume begegnen, andere im Kopf bereits Unerledigtes auflisten und ihr Tagwerk vorbereiten, braucht Walter, um sich im Schlafzimmer seiner eigenen Wohnung zurechtzufinden. Es ist ihm, als ob er jeden Tag zum ersten Mal in diesem Doppelbett neben Edith erwachen w\u00fcrde. St\u00fcck f\u00fcr St\u00fcck setzt er die altbekannte Welt zusammen.&#8220; Mein erster Gedanke: oh je, muss ich nun 167 Seiten einem solchen Stoffel folgen?<\/p>\n<p>Die Beschreibung des Aufstehens dauert dann noch an, auf dem Stuhl erkennt er seinen Pullover zun\u00e4chst nicht, und verr\u00e4tselt das dann, \u00fcberhaupt wird jedes kleinste und banale Detail seziert und nicht selten verr\u00e4tselt. Offensichtlich leidet der Protagonist an seinem belanglosen Alltag, und begegnet dem Leiden durch k\u00fcnstliches Aufladen des Gew\u00f6hnlichen. So unsympathisch er einem auf den ersten Seiten war, so bleibt er: &#8222;Immer wenn er wegf\u00e4hrt, l\u00f6st er eine R\u00fcckfahrkarte. Er kann sich nicht vorstellen, wie sich das Wegfahren ohne R\u00fcckfahrkarte anf\u00fchlt.&#8220; Mann, Mann, so ein Dussel. Es ist ja immer sehr gewagt, einen so unsympathischen Protagonisten zu haben, man m\u00f6chte eigentlich nicht unbedingt weiterlesen.<\/p>\n<p>Die Figur des Jakob scheint mir auch ein kleines bisschen unausgegoren: einerseits soll der Mann ein Verwaltungsangestellter sein und langweilig, andererseits hat er coole Elemente, tr\u00e4gt beispielsweise eine Umh\u00e4ngetasche (wobei nicht dabei steht, ob von Freytag). Mir kommt es so vor, als ob Langenegger eine sehr gew\u00f6hnliche Figur erschaffen m\u00f6chte, aber sich manche \u00c4sthetisierungen dabei hier und da doch nicht verkneifen kann. Die Geschichte um den verschwundenen Rolf finde ich m\u00e4\u00dfig interessant, und sollte Rolf am selben Tag gestorben sein wie Jakobs Schildkr\u00f6te, je nun. Am Ende tut der Protagonist gegen\u00fcber seiner Frau so, als habe er das ganze Wochenende die Wohnung nicht verlassen: er hat also durch seine Reise nach Locarno und Rolfs Tod eigentlich nichts dazugelernt und bleibt der gleiche Stoffel, der er auf der ersten Seite war, auch deprimierend.<\/p>\n<p>Leider ist der Text vor allem sehr inkompatibel mit meiner Lebenswelt, in der das Kind um vier Uhr morgens aufgestanden war, wie wild durch die Wohnung rannte, Gegenst\u00e4nde herumschleuderte, schlie\u00dflich das Sofa als Trampolin missbrauchte und zerbrach. Um sechs Uhr hatte ich schon einen Auftrag f\u00fcr den Tag: zu Obi und Materialien zur Sofareparatur kaufen, dann Sofa reparieren. Wenn man um vier Uhr nachts schlagartig aufstehen muss, bleibt f\u00fcr sch\u00f6ngeistige Reflektionen \u00fcber das Erwachen zum Beispiel leider keine Zeit, und dar\u00fcber ein paar Stunden sp\u00e4ter von einem Mann zu lesen, der anscheinend keinerlei Verantwortung tr\u00e4gt in seinem Leben und am eigenen Nichtstun leidet, dazu habe ich auch keine Lust. Manchmal ist es ja sch\u00f6n, etwas zu lesen, das eine ganz andere Welt beschreibt als die eigene, aber in diesem Fall ist es leider nicht so. Dies ist eine zeitgen\u00f6ssische Ennui-Geschichte, und Anfang Zwanzig hat mich das mal interessiert, da habe ich auch Joris-Karl Huysmans gerne gelesen, aber das ist eine Lebenshaltung, die die meisten ja dann doch hinter sich lassen, wenn sie erstmal im Leben stehen anstatt es von au\u00dfen zu betrachten. Vielleicht ist der Autor einfach noch zu jung. Er kann n\u00e4mlich gut schreiben, das muss man wirklich sagen, aber vielleicht hat er noch nicht genug zu erz\u00e4hlen. (Andererseits ist er 29 Jahre alt, ist also auch nicht mehr allzu jung. Im Zweifelsfall kann man sich wahrscheinlich auch noch mit 50 in einem Kokon des \u00c4sthetizismus bewegen.) Vielleicht muss sich der Autor einfach noch ein paar Jahre am Leben reiben, und dann bekommt man ein sch\u00f6nes Buch von ihm zu lesen, das kann ich mir gut vorstellen. Ich bin gespannt, ob beim Bewerb vielleicht schon etwas anderes kommt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Samstag Morgen kam das P\u00e4ckchen mit neun anderen B\u00fcchern diesj\u00e4hriger Teilnehmer, juhu. Ich begann mit Christiane Neudeckers &#8222;In der Stille ein Klang&#8220;, einem Band von Erz\u00e4hlungen. Was sofort auff\u00e4llt: viel indirekte Rede, viel Konjunktiv, viele kurze S\u00e4tze, abgehackt: &#8222;Sie wollte anderes wissen. Wie geht es Dir. Was tust Du. Wie sind sie. 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