{"id":1071,"date":"2009-06-26T09:55:05","date_gmt":"2009-06-26T07:55:05","guid":{"rendered":"http:\/\/gedankentraeger.de\/?p=1071"},"modified":"2009-07-07T12:21:14","modified_gmt":"2009-07-07T10:21:14","slug":"tddl-2009-der-erste-nachmittag","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gedankentraeger.de\/?p=1071","title":{"rendered":"tddl 2009 [der erste nachmittag.]"},"content":{"rendered":"<p>Den Nachmittag musste ich wegen des Klassenfestes gestern Abend nachholen. Leider ist die Diskussion von Christiane Neudeckers Text nicht als Stream verf\u00fcgbar, die Online-Redaktion hat da f\u00e4lschlicherweise ein zweites Mal den Link zum Portr\u00e4t verkn\u00fcpft.<\/p>\n<p>Zuerst aber Bruno Preisend\u00f6rfer, der <a href=\"http:\/\/bachmannpreis.eu\/de\/texte\/1794\">&#8222;Fifty Blues&#8220;<\/a> liest. F\u00e4ngt mit einem Clown an, und dann gesellt sich &#8222;der liebe Gott&#8220; dazu. Schon auf der ersten Seite wird klar, dass es sich hier um einen sehr zynischen Text handelt, der vor lauter Zynismus ins Kindische driftet. Ein frustrierter, seine Patienten verachtender Psychotherapeut wird f\u00fcnfzig Jahre alt wird, sieht sich beim Rasieren im Spiegel und macht sich dazu seine welt- und menschenverachtenden Gedanken: so der Umriss des Textes, zeitlich spielt er nur zwischen der Rasur und dem Eintreten in seine Praxis. Bevor der erste Patient eintritt, legt er noch ein Kissen zurecht und &#8222;verpasst ihm einen Handkantenschlag&#8220; (wer macht denn heute noch so was?), dann ist der Text auch schon zu Ende.<\/p>\n<p>Ich sehe durchaus, dass der Text gut gearbeitet ist, so wird anfangs das Theodizeeproblem genannt, das dann immer wieder im Text vorkommt, ohne das es noch einmal spezifisch benannt wird, es zieht sich aber angenehm subtil durch den Text. Es gibt interessant gearbeitete Beziehungen zwischen Gott und Mensch: Gott ist 50 Milliarden Jahre alt, eine Allegorie darauf, dass der Protagonist 50 wird; Gott sieht auf die Welt, dann Perspektivwechsel zu einem Astronauten, der auf die Welt sieht \u2013 auch so was webt sich durch den Text, Beziehungen Gott-Mensch, nah-fern etc. Abgesehen davon, dass es f\u00fcr meinen Geschmack stellenweise zu viele extreme Adjektive gibt (&#8222;Die Phantasien waren keine kristallklare Quellen oder silbrige B\u00e4chlein oder begradigte Fl\u00fcsse, es waren tr\u00fcbe Str\u00f6me&#8220; \u2013 das ist mir zu plakativ), also abgesehen von so Kleinigkeiten finde ich den Text auch gut geschrieben. Aber, und jetzt kommt mein gro\u00dfes Aber: mir gef\u00e4llt der Erz\u00e4hlton des Textes \u00fcberhaupt nicht. Der Therapeut hasst seine Patienten (wie es an einer Stelle auch explizit hei\u00dft), er w\u00fcrde dem einen am liebsten &#8222;ins schmallippige Gesicht lachen&#8220; (auch so eine Formulierung, die ich nicht gerade gl\u00fccklich finde). Nat\u00fcrlich hat er nur Patienten, die geradewegs den g\u00e4ngigen Klischees entsprechen.<\/p>\n<p>Die misanthropischen Gedanken, die sich ein miesepetriger alternder Mann beim Rasieren macht, interessieren mich \u00fcberhaupt nicht. Dazu kommt, dass der Erz\u00e4hler dabei auch noch einen so besserwisserischen Ton anschl\u00e4gt, als w\u00fcrde er mit einem Kind reden. Das Theodizeeproblem wird anfangs beispielsweise erkl\u00e4rt: &#8222;So nennen Theologen die Frage: Wie l\u00e4sst sich bei all dem B\u00f6sen ein guter Sch\u00f6pfer rechtfertigen?&#8220; Der Erz\u00e4hler erkl\u00e4rt uns sogar, dass z.Zt. die Abk\u00fcrzung f\u00fcr &#8222;&gt;zur Zeit&lt;&#8220; ist. Man hat die ganze Zeit das Gef\u00fchl, der Erz\u00e4hler spricht mit einem Achtj\u00e4hrigen. Ich dachte, der Autor versteckt gern Tr\u00fcffeln in seinem Text, wie er im Videoportr\u00e4t sagte: nun, hier wird alles erkl\u00e4rt, da werden noch die sieben Tods\u00fcnden aufgez\u00e4hlt. (Und ja, ich wei\u00df, dass genau das Methode ist.)<\/p>\n<p>&#8222;\u00dcber die chinesische Mauer hatte er als Junge B\u00fccher gelesen. Deshalb wusste er, dass man sie vom Weltraum aus sehen konnte. Das hatte ihn sofort \u00fcberzeugt.&#8220; Das mag ihn als Jungen ja \u00fcberzeugt haben, aber als Erwachsener kann er ja mal goggeln, dass das eine Legende ist. Diese Legende zieht sich ausgerechnet, ungefragt und unkorrigiert, als Leitmotiv durch den Text, und erh\u00e4lt dadurch stetig diese Kindperspektive. Warum sagt die Jury dazu nichts?<\/p>\n<p>Auch wenn er bewusst eingesetzt ist: dieser bevormundende Erz\u00e4hlton, die herablassende Haltung des Erz\u00e4hlers (ich vermute, sie soll den Zynismus verst\u00e4rken), gef\u00e4llt mir gar nicht. Dazu kommen ja noch so Sachen, wie die Erde als blaue Kartoffel zu bezeichnen, Gott, der sich als Couch Potatoe bezeichnet und mit der Fernbedienung durch die Zeiten zappen kann \u2013 ach nee, das ist mir alles wirklich zu albern.<\/p>\n<p>Bei diesem Text geht es mir wie Mangold es vorher einmal sagte: ich f\u00fchle mich benutzt. Ich m\u00f6chte beim Lesen nicht als M\u00fcllhalde f\u00fcr den Zynismus eines alternden Mannes herhalten. Seine Patienten laden ihre Last bei ihm ab, und er l\u00e4dt seine Last beim Leser ab, g\u00e4hn. Dass dieser Protagonist so an sich und dem Leben leidet, ist eine Sache. Man darf auch sehr unsympathische Protagonisten erschaffen, alles keine Frage. Aber, wenn es Literatur sein soll, bitte einen neutralen Erz\u00e4hler, statt einen, der diesen Zynismus noch verst\u00e4rkt. Der Autor missbraucht den Erz\u00e4hler daf\u00fcr, die Figur des Protagonisten deutlicher herauszuarbeiten, das finde ich literarisch fragw\u00fcrdig. Warum kann er den gew\u00fcnschten Effekt nicht an der Figur selbst herausarbeiten, warum braucht er einen dummen Protagonisten \/und\/ einen dummen Erz\u00e4hler?<\/p>\n<p>In einer Passage hei\u00dft es: &#8222;Vor dem Tod sind alle gleich, sagten sie. Sie dr\u00fcckten sich ungenau aus. Was sie meinten war: Nach dem Tod sind alle gleich.&#8220; Das ist doch Quatsch: das Vor ist in dieser Redewendung nicht zeitlich benutzt, sondern r\u00e4umlich, und es hei\u00dft genau das, was es sagt: Vor dem Tod sind alle gleich, und eben nicht \/nach\/ dem Tod. Versteht das nur der Protagonist nicht, oder auch der Erz\u00e4hler nicht: das wei\u00df man ja nun nicht, wenn es keine Distanz zwischen ihnen gibt. Mir gef\u00e4llt das nicht.<\/p>\n<p>Christiane Neudecker las dann den Text <a href=\"http:\/\/bachmannpreis.eu\/de\/texte\/1796\">&#8222;Wo viel Licht ist.&#8220;<\/a> Ich war vorher skeptisch, weil mir der Erz\u00e4hlungsband &#8222;In der Stille ein Klang&#8220; ja nicht so gefallen hatte. Umso sch\u00f6ner, im Bewerb dann so angenehm \u00fcberrascht zu werden. Wie bei Preisend\u00f6rfer ist es ein sch\u00f6n gearbeiteter Text, mit dem Leitmotiv des Lichtes, das sich in vielen guten Variationen virtuell, architektonisch, metaphorisch durch den Text zieht. Die in Hongkong spielende Geschichte und die Thematik des Schattens haben eine Doppelb\u00f6digkeit, weil alles zu einer Frau in Deutschland in Beziehung steht, von der sich der m\u00e4nnliche Protagonist vor seiner Abreise nicht mehr verabschieden konnte. Die ganze Erz\u00e4hlung ist sehr sch\u00f6n angelegt, etwa bei der H\u00e4lfte erfolgt der erste gro\u00dfe Einbruch: der Schatten der Hand verselbst\u00e4ndigt sich zum ersten Mal. Nun ahnt man, wohin die Reise geht, aber trotzdem schafft es die Autorin, den Schwebezustand vor dem antizipierten Zusammenbruch noch seitenlang zu halten und zu entwickeln, bevor das erwartete &#8222;Blackout&#8220; am Ende kommt. Das ist einfach wirklich gut erz\u00e4hlt, spannend, aber dennoch auch formal ansprechend und gut gearbeitet. Mir gef\u00e4llt auch diese Mischung aus &#8222;Tim Thaler&#8220; und dem &#8222;Lost in translation&#8220;-artigen Topos der asiatischen Gro\u00dfstadt. Meiner Meinung nach der beste Text des ersten Tages.<\/p>\n<p><strong>Mein Ranking des ersten Tages:<\/strong><\/p>\n<p>Christiane Neudecker<br \/>\nKarsten Krampitz<br \/>\nBruno Preisend\u00f6rfer<br \/>\nLorenz Langenegger<br \/>\nPhilipp Weiss<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Den Nachmittag musste ich wegen des Klassenfestes gestern Abend nachholen. Leider ist die Diskussion von Christiane Neudeckers Text nicht als Stream verf\u00fcgbar, die Online-Redaktion hat da f\u00e4lschlicherweise ein zweites Mal den Link zum Portr\u00e4t verkn\u00fcpft. Zuerst aber Bruno Preisend\u00f6rfer, der &#8222;Fifty Blues&#8220; liest. 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