{"id":1090,"date":"2009-07-08T14:03:10","date_gmt":"2009-07-08T12:03:10","guid":{"rendered":"http:\/\/gedankentraeger.de\/?p=1090"},"modified":"2012-06-16T10:42:17","modified_gmt":"2012-06-16T08:42:17","slug":"biopolitik-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gedankentraeger.de\/?p=1090","title":{"rendered":"biopolitik."},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/www.npr.org\/news\/specials\/2009\/hearing-pano\/\">NPR versucht anhand eines Fotos die Lobbyisten zu identifizieren,<\/a> die in Washington f\u00fcr Obamas Reform des Gesundheitssystems um die Durchsetzung ihrer Interessen buhlen. Laut NPR ist ein Sechstel der Wirtschaft von der Reform betroffen.<\/p>\n<p>Derweil kann man bei USA Today die finanziellen Verbindungen von medizinischen Experten zur Pharmaindustrie nachlesen: <a href=\"http:\/\/www.usatoday.com\/news\/health\/2009-06-02-psychiatry-drugs-conflicts_N.htm\">&#8222;Conflicts of interest bedevil psychiatric drug research.&#8220;<\/a> Es geht um die Neuauflage des &#8222;Diagnostischen und Statistischen Handbuchs Psychischer St\u00f6rungen&#8220; (DSM-5), die 2012 erscheinen soll [verschoben auf Mai 2013]. Daran arbeiten 160 Experten, von denen 68% wirtschaftliche Verbindungen zu Medikamentenherstellern einger\u00e4umt haben. Die Kardinalsfrage ist, ob jemand unabh\u00e4ngig Krankheitsbilder neu definieren kann, wenn er viel Geld von der Pharmaindustrie einnimmt.<\/p>\n<p>Die Debatte hat eine enorme Brisanz, und zwar auch f\u00fcr Deutschland. Mir ist unbegreiflich, dass man sich hier in der \u00d6ffentlichkeit so wenig daf\u00fcr interessiert. Auch hier gelten die Diagnosestandards des DSM (oder des komplement\u00e4ren ICD der Weltgesundheitsorganisation), also werden die Ver\u00e4nderungen des DSM auch f\u00fcr unser Gesundheitssystem potentiell enorme Folgen haben. Was gilt als Krankheit? Immer mehr Erscheinungbilder werden aufgenommen, was nicht zuletzt der Pharmaindustrie zutr\u00e4glich ist, denn mit zunehmender Pathologisierung k\u00f6nnen sie immer mehr Psychopharmaka verkaufen. Letztes Jahr betrug der Umsatz von antipsychotischen Medikamenten in den USA $14,6 Milliarden, sie f\u00fchrten damit die Liste der verkauften Medikamente an. Antidepressiva brachten es auf immerhin $9,6 Milliarden. Auch in Deutschland ist dies ein Riesengesch\u00e4ft, und auch in Deutschland gibt es immer mehr Therapeuten und Gesundheitsexperten.<\/p>\n<p>Seitdem die Mitarbeiter an der Neuauflage des DSM ihre Verbindungen zur Industrie transparent machen m\u00fcssen, lassen sich so einige &#8222;medizinische&#8220; Entwicklungen von einer ganz neuen Warte aus betrachten, n\u00e4mlich als finanziell motiviert und als anschlie\u00dfend kulturell ausgeformt. Dazu sp\u00e4ter mehr, zun\u00e4chst zur\u00fcck zur Neuauflage des DSM.<\/p>\n<p>Schon letztes Jahr hat es erste Debatten gegeben, ich hatte darauf auch <a href=\"http:\/\/gedankentraeger.de\/?p=378\">schon einmal<\/a> hingewiesen. In den USA ist nun ein noch heftigerer Streit entbrannt: <a href=\"http:\/\/www.psychiatrictimes.com\/display\/article\/10168\/1425378\">&#8222;A Warning Sign on the Road to DSM-V: Beware of Its Unintended Consequences.&#8220;<\/a> Dr. Allen Frances f\u00e4llt darin ein vernichtendes Urteil: &#8222;I believe that the work on DSM-V has displayed the most unhappy combination of soaring ambition and weak methodology.&#8220; Die <a href=\"http:\/\/www.scribd.com\/doc\/16953085\/PsychTimesFrancesResponse-062909-FINAL\">Verteidigung der &#8222;American Psychiatric Association&#8220;<\/a> erfolgte sofort. Sie wirft den Kritikern wiederum selbst finanzielle Interessen vor, da diese als Mitverfasser des DSM-IV noch Tantiemen verdienen, die mit der Neuauflage auslaufen. Danach eilte Dr. Spitzer zur Verteidigung von Dr. Frances: <a href=\"http:\/\/www.psychiatrictimes.com\/display\/article\/10168\/1425844\">&#8222;APA and DSM-V: Empty Promises.&#8220;<\/a><\/p>\n<p>Finanzielle Interessen allerorten also, aber was hei\u00dft das nun konkret f\u00fcr den Patienten? Betrifft uns das alles \u00fcberhaupt? Ja, denn die Ver\u00e4nderungen in den Diagnosekriterien haben unumg\u00e4ngliche kulturanthropologische Folgen. Im Fall von Autismus zum Beispiel kann man leicht nachweisen, wie sehr die Ver\u00e4nderungen der Diagnosekriterien bei den jeweiligen Neuauflagen des DSM die Diagnosezahlen, und damit auch Behandlungen von und Sichtweisen \u00fcber Autismus, beeinflusst haben.<\/p>\n<p>Zwischen der Ausgabe DSM-III im Jahr 1980 und DSM-III-R im Jahr 1987 wurden die Bewertungskriterien derart unkonkreter, dass bei einer Testgruppe von 194 Kindern 51% nach DSM-III dem autistischen Spektrum zugeordnet wurden, nach DSM-III-R beurteilt stieg die Zahl bei denselben Kindern von 51% auf 91% an. Dabei muss man noch im Auge behalten, dass in der Ausgabe DSM-III-R aus dem Jahr 1987 das Asperger-Syndrom noch gar nicht zum Spektrum geh\u00f6rte, es wurde erst 1994 im DSM-IV hinzugef\u00fcgt.<\/p>\n<p>\u00c4hnliche Zahlen wie in den Testgruppen der USA stellten Kusch und Petermann 1991 auch f\u00fcr die Bundesrepublik Deutschland fest: nach DSM-III gab es demnach 2.200 Autisten unter 18 Jahren, nach DSM-III-R 20.000. Im Jahr 2000 verglichen drei Forscher in Finnland die Diagnosekriterien von Kanner aus dem Jahr 1943 mit den Diagnosekriterien des ICD-10 (dem Handbuch der Weltgesundheitsorganisation, das dem DSM-IV gleichwertig ist). Bei der Kanner-Statistik kamen sie auf 5,6 Autismusdiagnosen pro 10.000 Menschen, bei der ICD-10-Statistik auf 12,2 pro 10.000.\u00a0 An allen Tests ist unschwer zu erkennen, wie stark die Pr\u00e4valenz von der Definition abh\u00e4ngt.<\/p>\n<p>Mit Einf\u00fchrung des DSM-IV im Jahr 1994 hatte man angeblich das Spektrum der tiefgreifenden Entwicklungsst\u00f6rungen wieder n\u00e4her eingrenzen wollen. Die Kriterien f\u00fcr die Autismusdiagnose wurden 1994 also spezifischer als im DSM-III-R von 1987, allerdings waren sie nach wie vor weniger spezifisch als im DSM-III von 1980. Zudem f\u00fcgte man das Asperger-Syndrom hinzu, sowie auch den atypischen Autismus, dessen Definition so offen ist, dass er einer Vielzahl von Grenzdiagnosen T\u00fcr und Tor \u00f6ffnete. Zu guter Letzt unterlief den Autoren dann noch ein Fehler in der Korrektur der Manuskriptfahnen: aus &#8222;Beeintr\u00e4chtigung der sozialen Interaktion <em>und<\/em> der verbalen\/ nonverbalen Kommunikation&#8220; wurde &#8222;Beeintr\u00e4chtigung der sozialen Interaktion <em>oder<\/em> der verbalen\/ nonverbalen Kommunikation oder stereotypische Verhaltensweisen, Interessen und Aktivit\u00e4ten.&#8220; Die angebliche Absicht der Autoren war es gewesen, dass Autismus nur dann vorliegt, wenn eine Beeintr\u00e4chtigung in <em>mehr als einem<\/em> Bereich vorliegt, stattdessen reichte nach der gedruckten Ausgabe nun eine Beeintr\u00e4chtigung in einem einzigen Bereich f\u00fcr eine Autismusdiagnose aus. Das gesetzte Ziel einer n\u00e4heren Eingrenzung wurde durch die verschiedenen, gerade beschriebenen Faktoren torpediert und das Gegenteil trat ein. Ich bin schon so paranoid, dass ich mich frage, ob der Fehler in den Manuskriptfahnen wirklich ein Fehler war, oder am Ende nicht doch beabsichtigt. Aber alleine mit der Aufnahme des atypischen Autismus hatte man wahrscheinlich schon genug getan, um Diagnosen auszuweiten.<\/p>\n<p>Tatsache ist, dass die Autismus-Diagnosezahlen enorm ansteigen, obwohl es keine wissenschaftliche Erkl\u00e4rung f\u00fcr eine solche Zunahme gibt. Mit ansteigenden Zahlen \u00f6ffnet sich nat\u00fcrlich auch ein Markt, der Bedarf nach Therapeuten und Experten steigt, es werden den Diagnostizierten immer mehr Medikamente verabreicht und immer neue Therapie-Ideen offeriert. Auch wenn mein eigenes Kind ein ganz klassischer Fall ist, der noch unter den strengsten Kriterien diagnostiziert werden w\u00fcrde, f\u00fchle ich mich diesem Sog ausgeliefert. Manchmal m\u00f6chte ich nichts mehr h\u00f6ren \u00fcber Therapien und immer neue Experten. Ich m\u00f6chte einfach nur in Ruhe gelassen werden mit meinem Kind, aber durch die Diagnose entstehen nat\u00fcrlich foucault&#8217;sche biopolitische Mechanismen, denen man kaum entkommen kann.<\/p>\n<p>Zun\u00e4chst werden Strukturen geschaffen (DSM), die einen Markt er\u00f6ffnen (f\u00fcr \u00c4rzte, Therapeuten, die Pharmaindustrie), die dann im gemeinsamen Wechselspiel den Markt immer mehr ausweiten: DSM-Neuauflagen treiben die Pathologisierung voran, begleitend dazu wird mit Epidemisierungsdebatten ein dringlicher Handlungsbedarf suggeriert, woraufhin die Experten schon ihre neuesten Behandlungsideen aus der Tasche z\u00fccken k\u00f6nnen usw. Im Verlauf der kulturellen Einpr\u00e4gung dieser Biopolitik wird der entstehende Sog f\u00fcr jeden einzelnen immer st\u00e4rker.<\/p>\n<p>Als einzig hilfreich habe ich es bisher empfunden, diesen Mechnismen wenigstens auf den Grund zu gehen und nachzuvollziehen, wie sie entstehen. Auch aus seiner nicht selbst verschuldeten Unm\u00fcndigkeit muss man sich herauszusch\u00e4len versuchen. Dank Internet und zunehmenden Transparenzvorgaben kann man das heute wenigstens ansatzweise tun. Die Diskussionen um die Neuauflage des DSM werfen den Schatten dessen voraus, was in biopolitischer Hinsicht auf uns zukommen wird.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>NPR versucht anhand eines Fotos die Lobbyisten zu identifizieren, die in Washington f\u00fcr Obamas Reform des Gesundheitssystems um die Durchsetzung ihrer Interessen buhlen. Laut NPR ist ein Sechstel der Wirtschaft von der Reform betroffen. 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