{"id":1153,"date":"2009-07-20T14:00:36","date_gmt":"2009-07-20T12:00:36","guid":{"rendered":"http:\/\/gedankentraeger.de\/?p=1153"},"modified":"2009-08-04T22:50:14","modified_gmt":"2009-08-04T20:50:14","slug":"uber-die-notwendigkeit-von-schulhelfern","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gedankentraeger.de\/?p=1153","title":{"rendered":"\u00fcber die notwendigkeit von schulhelfern."},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/gedankentraeger.de\/wp-content\/uploads\/2009\/07\/dscn1796.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-medium wp-image-1155\" title=\"Johnchen\" src=\"http:\/\/gedankentraeger.de\/wp-content\/uploads\/2009\/07\/dscn1796-300x225.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"225\" \/><\/a><\/p>\n<p>Am 31. August 2007 wurde mein Sohn an der Helene-Haeusler-Schule, einem F\u00f6rderzentrum mit dem F\u00f6rderschwerpunkt &#8222;Geistige Entwicklung&#8220;, eingeschult. Die Einschulungsfeier fand in der Aula im ersten Stock des Schulgeb\u00e4udes statt. Im Laufe der Feier \u00f6ffnete ein Elternteil unbedarft ein Fenster, um frische Luft hineinzulassen. John rannte sofort los und wurde durch Gl\u00fcck und Geistesgegenwart gerade noch rechtzeitig von der Fensterbank gezogen, bevor er aus dem Fenster springen konnte. John ist motorisch sehr aktiv und fit \u2013 bei fehlendem Gefahrenbewusstsein. Man kann ihn keine einzige Sekunde aus den Augen lassen, ohne seine Gesundheit und sein Leben zu gef\u00e4hrden. John hat einen schweren fr\u00fchkindlichen Autismus, in einer ausgepr\u00e4gten Form, die in Fachkreisen als eine der schwersten Behinderungen \u00fcberhaupt bekannt ist. Das Umfeld, in dem er sich bewegt, muss extrem an seine Bed\u00fcrfnisse angepasst werden. Geschieht dies nicht, so kommt es neben dem stetigen Gefahrenpotential vor allem zu ausgepr\u00e4gten Auto-, Fremd- und Sachaggressionen.<\/p>\n<p>Eigentlich war John schon ein Jahr fr\u00fcher schulpflichtig gewesen, aber da wir keinen Schulplatz f\u00fcr ihn gefunden hatten, lie\u00df ich mich auf den Vorschlag der f\u00fcr ihn zust\u00e4ndigen Ambulanzlehrerin ein, ihn ein Jahr von der Schulpflicht zur\u00fcckzustellen. Weil mein Sohn die Pflegestufe III hat, zu 100% schwerbehindert ist, inklusive Vermerk &#8222;B&#8220; (&#8222;Die Notwendigkeit st\u00e4ndiger Begleitung ist nachgewiesen&#8220;), und eine 1:1-Betreuung ben\u00f6tigt, gestaltete sich die Schulsuche als sehr schwierig. Er h\u00e4tte eigentlich in die Schulgruppe des Vereins &#8222;Autismus Deutschland&#8220; geh\u00f6rt, die urspr\u00fcnglich f\u00fcr die am schwersten beeintr\u00e4chtigten Kinder gegr\u00fcndet wurde, eben jene Kinder, die an anderen Schulen nicht beschulbar sind. Tats\u00e4chlich hat der Verein aber schon seit Jahren eine andere Politik betrieben und beschult mitnichten die am schwersten beeintr\u00e4chtigten F\u00e4lle, sondern Kinder, die sprechen k\u00f6nnen und in Leistungstests gut abschneiden. Im Verein ist man der Meinung, diese Kinder seien f\u00f6rderungsw\u00fcrdiger. &#8222;Die fr\u00fchkindlichen Autisten kann man genauso gut in Schulen f\u00fcr geistig Behinderte geben&#8220;, sagte mir die 2. Vorsitzende des Vereins einst am Telefon. Nun ist es aber leider so, dass die Schulen f\u00fcr geistig Behinderte eben nicht daf\u00fcr ausgestattet sind, schwere fr\u00fchkindliche Autisten zu betreuen, wie man alleine an dem Beispiel der Einschulungsfeier schon sehen kann.<\/p>\n<p>Dass John an einer normalen Sonderschule nur mit einem Schulhelfer beschulbar ist, war den Fachleuten von Anfang an klar, sie schrieben sofort dementsprechende Gutachten, der Antrag wurde gestellt, den Bewilligungsbescheid erhielt ich aber erst mitten in den Sommerferien. Ob mein Sohn tats\u00e4chlich zur Schule gehen wird, erfuhr ich drei Wochen vor der Einschulung. Ich hatte mich schon darauf vorbereitet, meine Berufst\u00e4tigkeit aufgeben zu m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Der Vertrag des Schulhelfers lief nur \u00fcber ein halbes Jahr, bis zum 31. Januar 2008. Anfang Januar 2008 hie\u00df es dann zun\u00e4chst, dass die Stunden f\u00fcr das zweite Halbjahr gek\u00fcrzt werden. Die Senatsschulverwaltung hatte allerdings die im unabh\u00e4ngigen fachlichen Gutachten beantragte Stundenzahl von 35 Stunden sowieso schon erheblich unterschritten, indem sie nur 25 Stunden bewilligt hatte. Das bedeutete f\u00fcr mich im ersten Schulhalbjahr meines Sohnes, dass die Schulzeit nicht komplett abgedeckt war und ich donnerstags verk\u00fcrzt arbeiten musste. Ich h\u00e4tte dagegen gerichtlich vorgehen k\u00f6nnen, arrangierte mich aber lieber mit der Situation, denn die Schule gab sich wirklich viel M\u00fche, John in das Schulleben zu integrieren. Eine Klage h\u00e4tte der Schule Schwierigkeiten bereitet, auch wenn der Senat Schuld daran hatte, dass eine volle Beschulung unm\u00f6glich war. Eine weitere K\u00fcrzung der Stunden durch die Senatsverwaltung aber w\u00fcrde meine Berufst\u00e4tigkeit endg\u00fcltig gef\u00e4hrden. Ich konnte mich erfolgreich wehren, und der Vertrag wurde f\u00fcr das zweite Halbjahr ohne \u00c4nderungen verl\u00e4ngert.<\/p>\n<p>In die ersten Sommerferien gingen wir erneut mit Ungewissheit, denn wieder wurde der Vertrag nicht rechtzeitig verl\u00e4ngert. In der ersten Schulwoche dann wurde der Vertrag des Schulhelfers ausgestellt, dieses Mal allerdings noch nicht einmal mehr f\u00fcr ein Halbjahr, sondern befristet auf das Ende des Kalenderjahres, also bis zum 31.12.2008. Eine Woche vor den Weihnachtsferien machten wir Eltern wieder Druck und die Vertr\u00e4ge wurden bis zum 31. Juli 2009 verl\u00e4ngert. F\u00fcr das anstehende dritte Schuljahr meines Sohnes sieht die Lage nun schlimmer aus denn je: die 25 Schulhelferstunden, die sich schon am absoluten Limit des Machbaren bewegen, sollen erneut gek\u00fcrzt werden. F\u00fcr die ganze Schule wurden nur 50 Stunden pro Woche bewilligt, dabei gibt es 11 Kinder, die einen Schulhelfer brauchen, davon 4 schwer beeintr\u00e4chtigte Autisten, die einen hohen Stundenbedarf haben. Der Senat weigert sich, die K\u00fcrzungen zur\u00fcckzunehmen und behauptet, die Schulen seien ausreichend versorgt. Wie viel tats\u00e4chlich in allen Bezirken gek\u00fcrzt wurde, tragen wir Eltern gerade wieder zusammen, in Kontakt mit den Behindertenbeauftragten, den bildungspolitischen Sprechern, den Gremien wie Landeselternausschuss und Landesschulbeirat. Andere Menschen haben Ferien, aber wir nicht, denn mehr denn je sieht es so aus, als ob mein Sohn im neuen Schuljahr nicht voll beschult werden kann. Ich bin Freiberuflerin und kann darum keine neuen Auftr\u00e4ge annehmen, die Situation ist wieder einmal katastrophal.<\/p>\n<p>Dabei ist unklar, ob dem Senat in dieser wiederkehrenden Angelegenheit einfach auf eine naive Weise das Verst\u00e4ndnis f\u00fcr die Bed\u00fcrfnisse fehlt, oder ob es sich hier um die bewusste Exekution eines politischen Willens handelt. (An Geld kann es jedenfalls nicht mangeln, denn f\u00fcr die ausreichende Schulhelferversorgung fehlen ca. 1,5 Mio. Euro und solange man sich ein Stadtschloss f\u00fcr \u00fcber 550 Mio. leisten kann, ist man f\u00fcr die Beschulung schwerstbehinderter Kinder nicht zu arm.)<\/p>\n<p>Sollte es dem Senat am Verst\u00e4ndnis f\u00fcr die Bed\u00fcrfnisse mangeln, so sollten die Entscheidungstr\u00e4ger einmal die Schulen besuchen und sich ein Bild der Kinder und ihrer Bed\u00fcrfnisse machen. Dies haben Herr Laube (SenBWF) und Herr Teichert (SenFin) bereits getan, und laut Aussage von Herrn Laube haben sie bei dieser Hospitation durchaus erkannt, dass es auch an Sonderschulen in bestimmten F\u00e4llen Bedarf f\u00fcr Schulhelfer gibt. Die gerade verfasste neue Verfahrensverordnung f\u00fcr Schulhelfer enth\u00e4lt aus diesem Grund explizit und korrekterweise den Passus, dass es auch an Sonderschulen Schulhelfer geben darf. Verhandlungsf\u00fchrer mit der Finanzverwaltung \u00fcber das Budget war aber nicht Herr Laube, sondern Frau Zinke, und letztlich verantwortlich sind Herr Z\u00f6llner und Herr Nussbaum, und diese Verantwortlichen haben ein gedeckeltes Budget beschlossen, das viel zu niedrig ist, und an dem nun besonders die Sonderschulen leiden, da laut Schulgesetz die Integration Vorrang hat.<\/p>\n<p>Wie ist das also mit der Integration und dem politischen Willen zur integrativen (oder besser: inklusiven) Beschulung? Die Sonderschulen sind ein Auslaufmodell, so viel ist klar. Sp\u00e4testens seit der deutschen Ratifizierung der UN-Konvention \u00fcber die Rechte von Menschen mit Behinderungen stehen alle Zeichen auf Inklusion. Nun haben wir also einen stetig steigenden Bedarf an Schulhelferstunden f\u00fcr die Integration an Regelschulen, aber ein gedeckeltes Budget. Die Frage ist, ob man die bei der zunehmenden Inklusion entstehenden Mehrkosten in der momentanen \u00dcbergangsphase ausgerechnet durch K\u00fcrzungen bei den am schwersten beeintr\u00e4chtigten Kindern in den Sonderschulen kompensieren kann und soll. Dies geschieht bei dem momentan gedeckelten Budget unweigerlich, und dies nehmen die regierenden Parteien SPD und Linke bewusst, wenn auch m\u00f6glichst stillschweigend, in Kauf.<\/p>\n<p>Ganz abgesehen davon reicht das Budget nicht einmal mehr f\u00fcr die Regelschulen, so dass Integrationskinder auch dort von K\u00fcrzungen und Streichungen betroffen sind. Diesen Kindern droht ohne Schulhelfer ein Abrutschen in die Sonderschule. Auch die Eltern von weniger schwer beeintr\u00e4chtigten Kindern machen sich darum verst\u00e4ndlicherweise gro\u00dfe Sorgen. Die Kinder aber, die an den Sonderschulen einen Schulhelfer brauchen, sind ohne Schulhelfer gar nicht beschulbar. Auch f\u00fcr sie ist der Schulhelfer integrativ oder inklusiv t\u00e4tig, denn ohne 1:1-Betreuung m\u00fcssen Kinder wie John Zuhause bleiben und ihre Schulpflicht wird mittels Hausunterricht abgedeckt. Das w\u00fcrde bedeuten, dass John nicht mehr in die sozialen Strukturen einer Schule integriert w\u00e4re (und ich k\u00f6nnte nicht mehr arbeiten und w\u00fcrde ebenfalls isoliert).<\/p>\n<p>F\u00fcr ein schwer beeintr\u00e4chtigtes autistisches Kind wie John ist es so, dass er in jeder Schulform einen Schulhelfer braucht. Ohne 1:1-Betreuung besteht gro\u00dfes Gefahrenpotential.\u00a0 In einer Schule mit 140 Sch\u00fclern und viel Personal steht leicht eine T\u00fcr offen, auch wenn gro\u00df darauf steht: &#8222;Diese T\u00fcr bitte immer geschlossen halten.&#8220; Ich habe selbst erlebt, wie ein Zivildienstleistender zum Rauchen nach drau\u00dfen ging, die T\u00fcr nicht schloss und John fast entkommen w\u00e4re. Die Schule liegt direkt neben der sechsspurigen Mollstra\u00dfe, binnen einer Minute h\u00e4tte John tot sein k\u00f6nnen. Die Schule gibt sich die gr\u00f6\u00dfte M\u00fche, alles so zu gestalten, dass es f\u00fcr und mit John funktioniert, aber es gibt nun einmal Kinder, die jederzeit eine 1:1-Betreuung brauchen, und daf\u00fcr reicht auch der zugegeben gute Personalschl\u00fcssel an den Sonderschulen nicht aus. Mit den jetzigen K\u00fcrzungen und Streichungen der Schulhelferstunden setzt der Senat die Gesundheit und das Leben von Kindern aufs Spiel. Wenn das erste Kind ernsthaft verletzt ist, vermisst wird oder unter ein Auto l\u00e4uft und stirbt, dann wird der Aufschrei gro\u00df sein. Nur m\u00fcssen wir uns dann nicht fragen, wie so etwas passieren konnte, denn die Antwort auf diese Frage kennen wir. Wenn John etwas geschieht, werde ich Herrn Laube, Herrn Z\u00f6llner und Herrn Nussbaum pers\u00f6nlich daf\u00fcr haftbar machen.<\/p>\n<p>Neben dem Gefahrenpotential brechen ohne 1:1- Betreuung aber vor allem auch starke Aggressionen aus, die aus der Frustration entstehen, sich in einer Struktur zu bewegen, die nicht den eigenen Bed\u00fcrfnissen entspricht. Der Autist findet sich ohne einen &#8222;\u00dcbersetzer&#8220; nicht in sozialen Strukturen zurecht, und der Schulhelfer ist dieser &#8222;\u00dcbersetzer.&#8220; Dabei spielt es keine Rolle, welche Schulform das Kind besucht: ein Schulhelfer als &#8222;\u00dcbersetzer&#8220; dient der Inklusion, die f\u00fcr ein schwer autistisches Kind in eine neurotypische Umwelt immer schwer zu erreichen ist. Der Schulhelfer ist also f\u00fcr ein autistisches Kind immer eine integrativ oder inklusiv t\u00e4tige Person, das ist grunds\u00e4tzlich wichtig zu verstehen.<\/p>\n<p>Der Schulhelfer sorgt daf\u00fcr, dass sich John m\u00f6glichst viel in die Klasse integriert. Wenn John \u00fcberfordert ist und aggressiv wird, verl\u00e4sst er mit ihm den Raum, und kehrt zur\u00fcck, wenn sich John beruhigt hat. Der Schulhelfer arbeitet mit Lernmethoden speziell f\u00fcr Autisten, die sich von denen der Heilp\u00e4dagogik f\u00fcr geistig Behinderte unterscheiden, die sonst an seiner Schule verwendet werden. W\u00e4hrend der Rest der Klasse etwa Smileys sammelt und durch solche Smileys tats\u00e4chlich motiviert wird, ist es einem Autisten herzlich egal, ob jemand hinter seinen Namen ein lachendes Gesicht klebt. Derartige p\u00e4dagogische Ans\u00e4tze gehen an einem Autisten v\u00f6llig vorbei. John muss anders motiviert werden, und dazu gibt es spezielle verhaltenstherapeutische und vor allem kommunikations-unterst\u00fctzende Ans\u00e4tze, die nur in 1:1-Arbeit angewendet werden k\u00f6nnen \u2013 dazu kann der Schulhelfer von der Lehrerin eingesetzt werden, denn sie muss sich schlie\u00dflich um eine ganze Klasse k\u00fcmmern.<\/p>\n<p>Kinder wie John brauchen einen sicheren und qualifizierten Umgang, Vertrauenspersonen. Der Schulhelfer muss ihn oft aus dem Unterricht herausnehmen, in leere Schulr\u00e4ume, in denen sich das Kind beruhigen kann. Bei einem nicht-sprechenden Kind geh\u00f6rt also das allergr\u00f6\u00dfte Ma\u00df an Vertrauen zur Wahl des Schulhelfers, der auch viel Zeit alleine mit dem Kind verbringt und sehr geduldig sein muss. Aber nicht nur die Eltern m\u00fcssen dem Schulhelfer vertrauen, sondern es muss auch ein Vertrauensverh\u00e4ltnis zwischen dem Schulhelfer und dem Kind bestehen. Ein solches aufzubauen dauert \u2013 wie in jeder Beziehung \u2013 eine lange Zeit.<\/p>\n<p>Offensichtlich haben die Verantwortlichen keine Ahnung, wie schwer es ist, \u00fcberhaupt geeignetes Betreuungspersonal zu finden. Ich habe bisher nur einmal versucht, meinen Sohn in den Ferien f\u00fcr vier Tage in eine Kurzzeitpflege zu geben. Ich sagte in den Vorgespr\u00e4chen immer wieder, dass er eine 1:1-Betreuung braucht, und man versicherte mir, das sei kein Problem. Als ich John nach vier Tagen abholte, teilte man mir mit, man k\u00f6nne ihn nicht wieder aufnehmen, weil er ja wirklich und tats\u00e4chlich die ganze Zeit eine 1:1-Betreuung braucht. Das k\u00f6nne man nicht leisten. Diese Einrichtung war die einzige, die in Berlin \u00fcberhaupt in Frage kommt. Das Thema Abstandgewinnen durch Kurzzeitpflege ist seither ad acta gelegt. Eine Mutter-Kind-Kur, die mir bereits genehmigt worden war, wurde mir vorletzten Sommer sehr kurzfristig wieder abgesagt, da sich die Einrichtung auf der Insel Pellworm \u2013 die angeblich auf Autismus spezialisiert ist \u2013 nach Durchsicht aller eingereichten Gutachten und Unterlagen am Ende doch nicht in der Lage sah, uns in den Ferien aufzunehmen. Dabei w\u00e4re ich sogar selbst dabei gewesen.<\/p>\n<p>Letztes Jahr hatte ich mir den Oberarm gebrochen. Die Krankenkasse bewilligte Leistungen eines h\u00e4uslichen Pflegedienstes. Ich telefonierte viele Pflegedienste ab, aber keiner konnte f\u00fcr Johns Pflege einen Mann schicken. F\u00fcr die meisten Frauen ist John allerdings schon nicht mehr zu bew\u00e4ltigen. Ich erl\u00e4uterte genauestens seine Situation, aber man schickte mir eine zarte Frau, die sich schon nach dem ersten Tag krank meldete. Als Ersatz kam eine hochschwangere Frau, die Angst davor hatte, dass mein Sohn ihr in den Bauch tritt, und die ihn darum nicht wickeln wollte. Ich wechselte daraufhin den Pflegedienst, hatte mit dem zweiten aber nicht mehr Gl\u00fcck. Am Ende organisierte ich die Pflege \u00fcber die eingearbeiteten Einzelfallhelfer und lernte, mein Kind einarmig zu wickeln.<\/p>\n<p>Sch\u00f6n w\u00e4re es, wenn einem die Politik nicht noch zus\u00e4tzlich Kn\u00fcppel zwischen die Beine werfen w\u00fcrde: dass John einen Schulhelfer braucht, haben unabh\u00e4ngige Experten-Gutachten best\u00e4tigt, darum sollte ihm diese dringend n\u00f6tige Hilfe auch gew\u00e4hrt werden, und man sollte nicht alle halbe Jahre wieder daf\u00fcr k\u00e4mpfen m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Im Berliner Schulgesetz wird das Recht auf eine angemessene und &#8222;zukunftsf\u00e4hige&#8220; Ausbildung in \u00a72 festgeschrieben. Im selben Paragraphen findet sich der ausdr\u00fcckliche Hinweis, dass dieses Recht auch f\u00fcr Menschen mit Behinderung gilt. Dar\u00fcber hinaus legt die &#8222;Verordnung \u00fcber die sonderp\u00e4dagogische F\u00f6rderung (Sop\u00e4dVO)&#8220; als geltende Rechtsvorschrift fest, dass &#8222;Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler mit sonderp\u00e4dagogischem F\u00f6rderbedarf das Recht auf eine ihrer pers\u00f6nlichen Begabung und ihrem pers\u00f6nlichen Leistungsverm\u00f6gen entsprechende schulische Bildung und Erziehung haben&#8220; (\u00a72, Abs. 1). In \u00a75 wird ausdr\u00fccklich der Einsatz von Schulhelfern an Sonderschulen erlaubt und geregelt. Und in der frisch in Kraft getretenen neuen Verfahrensordnung steht: &#8222;Schulhelferstunden k\u00f6nnen bewilligt werden, wenn aufgrund der Art, der Schwere und des Umfangs der Behinderung die Ma\u00dfnahmen der erg\u00e4nzenden Pflege und Hilfe nicht im Rahmen der personellen Grundausstattung der Schule zu leisten sind. Priorit\u00e4t hat die Bereitstellung der Leistungen f\u00fcr erg\u00e4nzende Pflege und Hilfe im gemeinsamen Unterricht. In Ausnahmef\u00e4llen ist der besonders zu begr\u00fcndende Schulhelfereinsatz auch an Sonderp\u00e4dagogischen F\u00f6rderzentren im Rahmen der verf\u00fcgbaren Mittel m\u00f6glich.&#8220; Johns Gutachten belegen eindeutig, dass er ein solcher Ausnahmefall ist. Die jetzt vom Senat durchgef\u00fchrten K\u00fcrzungen widersprechen all den genannten Vorgaben.<\/p>\n<p>Muss man \u00fcberhaupt sagen, dass au\u00dferdem mit jedem Grad an Selbst\u00e4ndigkeit auf lange Sicht auch die Betreuungskosten f\u00fcr den Staat sinken? Man k\u00f6nnte sogar \u00f6konomisch argumentieren. Ein Autist, der als Kind nicht gelernt hat, in dieser Welt zurechtzukommen, ist als Erwachsener umso pflegeintensiver. Wenn John erst einmal 1,90 m gro\u00df ist und \u00fcber 80 kg wiegt, dann sind alle Betreuer mehr denn je auf seine Kooperation angewiesen, und die muss jetzt angebahnt werden. In Johns Zeugnis steht dieses Jahr: &#8222;Zunehmend besser gelingt es John, an gemeinsamen Unterrichtsaktivit\u00e4ten teilzunehmen. So sitzt er im Morgenkreis jetzt auf einem eigenen Stuhl und f\u00fchrt bereitwilliger entsprechende Arbeitsauftr\u00e4ge aus. Dabei w\u00e4hlt er sein Bild, seinen Vor- und Nachnamen meist richtig aus und macht auch die Lautgeb\u00e4rden seines Vornamens bewusst mit. Fast sicher ordnet er dem t\u00e4glichen Stundenplan die Ganzw\u00f6rter zu.&#8220;<\/p>\n<p>Diese Form von Inklusion in den Klassenverband und Mitarbeit w\u00e4ren vor einem Jahr noch undenkbar gewesen, und wir danken dies der intensiven Arbeit des Schulhelfers. Ich werde nicht zulassen, dass John durch die Senatsverwaltung f\u00fcr Bildung, Wissenschaft und Forschung in seiner positiven Entwicklung behindert wird.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 31. 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