{"id":1398,"date":"2009-12-04T17:45:38","date_gmt":"2009-12-04T15:45:38","guid":{"rendered":"http:\/\/gedankentraeger.de\/?p=1398"},"modified":"2009-12-04T17:52:26","modified_gmt":"2009-12-04T15:52:26","slug":"wo-fahren-wir-hin-papa","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gedankentraeger.de\/?p=1398","title":{"rendered":"wo fahren wir hin, papa?"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/gedankentraeger.de\/wp-content\/uploads\/2009\/12\/4082375433_54e54b4dba_b.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-medium wp-image-1399\" title=\"4082375433_54e54b4dba_b\" src=\"http:\/\/gedankentraeger.de\/wp-content\/uploads\/2009\/12\/4082375433_54e54b4dba_b-300x225.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"225\" \/><\/a><\/p>\n<p>&#8222;Eltern von Kindern mit unbefristetem Schwerbehindertenausweis hatten lange Zeit Anspruch auf eine Steuerplakette f\u00fcrs Auto. 1991 wurde sie jedoch abgeschafft, sodass es seitdem keinen Anreiz mehr gibt, behinderte Kinder zu bekommen.&#8220;<\/p>\n<p>Bei so einer Fu\u00dfnote auf den ersten Seiten eines Buches muss man nat\u00fcrlich schmunzeln. Jean-Louis Fournier, Vater zweier behinderter Kinder, hat ein Buch geschrieben, um sich alles Ungesagte von der Seele zu schreiben, vielleicht auch seine Schuldgef\u00fchle, wie er im Vorwort erkl\u00e4rt. Er schreibt f\u00fcr seine S\u00f6hne: &#8222;Damit ich euch sagen kann, wie sehr ich bedaure, dass wir nicht gemeinsam gl\u00fccklich waren, und vielleicht auch, damit ihr mir verzeiht, dass ihr mir so missraten seid.&#8220; Das Interessante an dem Buch ist, um das schon einmal vorneweg zu sagen, dass am Ende alles exakt auf diese Einleitung zur\u00fcckf\u00e4llt, ob beabsichtigt oder unfreiwillig.<\/p>\n<p>Fournier versucht ganz offensichtlich, einen anderen Zugang zum Schreiben \u00fcber seine behinderten Kinder zu bekommen, als \u00fcblicherweise erwartet. Seine S\u00e4tze m\u00f6chten kein Mitleid, zynisch analysieren sie etwa den Umgang der Gesellschaft mit behinderten Kindern und deren Angeh\u00f6rigen: &#8222;Wer im Leben Pech gehabt hat, muss den Umst\u00e4nden entsprechend aussehen und ein betretenes Gesicht machen, das ist eine Frage des Anstands&#8220;, hei\u00dft es da etwa, oder: &#8222;Wer behinderte Kinder hat, muss sich obendrein noch allerhand dummes Zeug anh\u00f6ren.&#8220;<\/p>\n<p>Lakonisch erz\u00e4hlt Fournier, aber fast ist es schon kein Erz\u00e4hlen, sondern ein Aufz\u00e4hlen, die kurzen Paragraphen fangen kleine Episoden ein, die f\u00fcr das Erleben des Vaters Fournier ebenso fl\u00fcchtig wie unvergesslich sind. Zur Geburt bekam Sohn Thomas sch\u00f6ne Geschenke seines Patenonkels. &#8222;Als Thomas \u00e4lter wurde und seine Behinderung zutage trat, bekam er nie wieder ein Geschenk von seinem Patenonkel.&#8220; Fournier kann es dem Patenonkel nicht ver\u00fcbeln, schreibt er. &#8222;Er wird sich gedacht haben: &#8218;Die Natur hat ihm nichts geschenkt, warum sollte ich es also tun?'&#8220; Kaum ein Satz in dem Buch, aus dem nicht dieser Zynismus tropft.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich kann das humorvoll sein, etwa wenn Fournier schreibt: &#8222;Mathieu sieht nie fern, ist auch nicht n\u00f6tig, er hat&#8217;s auch so zum geistig Behinderten gebracht.&#8220; Oder es kann, in typisch knapp formulierter Beobachtung, auch auf vieles mehr dahinter deuten: &#8222;Wenn ein Kind sich beim Essen mit Schokopudding beschmiert, lachen alle; wenn das Kind behindert ist, lacht keiner.&#8220;<\/p>\n<p>Mich macht das das Buch aber auch ein bisschen traurig, n\u00e4mlich an den Stellen, an denen die Kinder doch sehr herabgesetzt werden. Immer wieder hei\u00dft es zum Beispiel, sie h\u00e4tten nur Stroh im Kopf. &#8222;Zwei verbeulte, sabbernde Knirpse, von denen der begabtere st\u00e4ndig wiederholt: &#8218;Wo fahren wir hin, Papa?'&#8220; Das schie\u00dft teils \u00fcber eine liebevolle Form des Zynismus hinaus. In vielen Schilderungen spiegelt sich wohl doch noch ein Rest dessen, was Fournier schon in der Einleitung schrieb: &#8222;Euch zu lieben war nicht leicht.&#8220;<\/p>\n<p>Er schreibt: &#8222;Unser Familienalbum ist d\u00fcnn wie eine Briefmarke. Wir haben nicht viele Fotos von den Kindern, weil es keinen Spa\u00df macht, sie zu zeigen. Ein normales Kind fotografiert man bei jeder Gelegenheit, in jeder Haltung, aus jedem Winkel; man sieht, wie es seine erste Kerze ausbl\u00e4st, die ersten Schritte macht, das erste Bad nimmt. Man betrachtet es voller R\u00fchrung. Verfolgt Schritt f\u00fcr Schritt seine Entwicklung. Den Verfall eines behinderten Kindes verfolgt man weniger gern.&#8220;<\/p>\n<p>Das ist Fourniers bezeichnende Wahrnehmung: das Leben der Kinder als Verfall. Aus eben diesem Blickwinkel schreibt er in schon bald endlos erscheinenden Variationen all das auf, was er alles nicht mit seinen Kindern tun konnte (auf Berge steigen, Volleyball spielen, in Museen oder ins Kino gehen, Hochzeit feiern, Enkelkinder bekommen etc.) Immer wieder und wieder schleichen sich in den Zynismus diese larmoyanten Aufz\u00e4hlungen ein, was die Kinder alles nie konnten, welche Entwicklungen sie nie durchgemacht haben, was er nicht mit ihnen teilen konnte, und sei es auch als Positiv, als Aufz\u00e4hlung all dessen, was sie ihm erspart haben: er musste sich nie um Schulleistungen sorgen, um die berufliche Zukunft oder darum, dass sie eine bl\u00f6de Schnepfe heiraten.<\/p>\n<p>Irgendwann merkt man: Fournier denkt eigentlich nur an sich, und seine eigenen Erwartungshaltungen be\u00e4ugt er nicht besonders selbstkritisch, erkennt sie letztlich nicht als falsch. Zynismus gegen\u00fcber dem eigenen Schicksal, Zynismus gegen\u00fcber der Gesellschaft und dem Leben in ihr mit behinderten Kindern, ja, aber darunter ist sein Schreiben leider \u00fcberhaupt nicht so fundamental anders, im tieferen Grund ist es kaum mehr als die \u00fcbliche, selbstmitleidige Jammerei eines Elternteils, das sich von seinen Kindern alles m\u00f6gliche erhofft und nie bekommen hat. G\u00e4hn.<\/p>\n<p>K\u00fcrzlich hat Jenny McCarthy in den USA einen Bestseller geschrieben: &#8222;Louder than words&#8220;, in dem sie von ihrem Leben mit ihrem autistischen Sohn berichtet. Das Buch kann man kaum lesen, so sehr trieft es vom Egoismus der Mutter, die partout ihre Erwartungen an ihr Kind erf\u00fcllt sehen m\u00f6chte, und den Jungen darum von einer dubiosen Therapie zur n\u00e4chsten zerrt. In dem Buch gibt es nur Jenny McCarthy, Jenny McCarthy und Jenny McCarthy. Von ihrem Sohn Evan hat man am Ende kein Bild, von seiner Pers\u00f6nlichkeit ahnt man nichts. So ist Fourniers Buch nicht, offensichtlich ist er viel kl\u00fcger. Er beschreibt seine Kinder durchaus so, dass man das Gef\u00fchl hat, sie kennenzulernen. Er versucht sie auch nicht zu ver\u00e4ndern. Aber er hat Schwierigkeiten, sie anzunehmen und so zu lieben, wie sie sind, das schreibt er und das merkt man auch. Mit ihnen zu leben kann er sich nicht vorstellen, sie lebten bald im Heim. Trotz allen sch\u00f6nen und auch lustigen Beobachtungen bleibt am Ende des Buches vor allem dieser Eindruck, der schon in der Einleitung vorkam: Fournier konnte mit seinen Kindern nicht gl\u00fccklich sein.<\/p>\n<p>M\u00fcssen die Kinder ihm, wie er in der Einleitung fragt, verzeihen, dass sie ihm so missraten sind? Vielleicht m\u00fcssen sie ihm eher daf\u00fcr verzeihen, dass er nicht sehen kann, dass sie nicht missraten sind. Auf Seite 6 hei\u00dft es: &#8222;Schon gut, ich h\u00f6re auf zu jammern.&#8220; Leider wird dieses Versprechen erst auf S. 156 eingel\u00f6st, mit dem Ende des Buches.<\/p>\n<p>Ich frage mich, warum es Jenny McCarthy oder Jean-Louis Fournier so schwer f\u00e4llt, \u00fcber ihren eigenen Schatten zu springen. Auch wenn ich bei Fournier manches Mal gelacht habe, und gedacht: &#8222;Genau!&#8220;, und auch wenn ich manches \u00e4hnlich erlebt und empfunden habe wie Fournier, so kann ich mich mit seinem Buch grunds\u00e4tzlich dann doch nicht identifizieren, ist doch etwas fundamental anders: ich hatte nie ein Problem damit, mein Kind so zu lieben, wie es ist. Diese Liebe ist mir nicht schwer gefallen, sondern sie war immer schon da, und wir sind gemeinsam gl\u00fccklich. Der Ausgangspunkt ist zu anders, als dass ich dieses Buch r\u00fcckhaltlos gut finden k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Darum bei uns auch wahrlich kein Familienalbum d\u00fcnn wie eine Briefmarke, und darum zu diesem Text mein aktuelles Lieblingsfoto, das so typisch ist f\u00fcr den Kandidaten, den wir hier am Start haben: wenn er nicht mehr laufen will, dann legt er sich halt auf die Stra\u00dfe, und horcht am Asphalt wie ein Indianer.<\/p>\n<p>&#8222;Wir brauchten uns nicht den Kopf zu zerbrechen, was einmal aus euch werden w\u00fcrde, denn daran gab es schon bald keinen Zweifel mehr: nichts.&#8220; So Fournier. Oder aber eben: alles. Das kann man so oder so sehen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Eltern von Kindern mit unbefristetem Schwerbehindertenausweis hatten lange Zeit Anspruch auf eine Steuerplakette f\u00fcrs Auto. 1991 wurde sie jedoch abgeschafft, sodass es seitdem keinen Anreiz mehr gibt, behinderte Kinder zu bekommen.&#8220; Bei so einer Fu\u00dfnote auf den ersten Seiten eines Buches muss man nat\u00fcrlich schmunzeln. 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