{"id":1512,"date":"2010-06-14T10:32:39","date_gmt":"2010-06-14T08:32:39","guid":{"rendered":"http:\/\/gedankentraeger.de\/?p=1512"},"modified":"2010-06-15T10:46:42","modified_gmt":"2010-06-15T08:46:42","slug":"tddl-2010-iris-schmidt-die-ruckkehr-zum-zauberberg-erzahlungen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gedankentraeger.de\/?p=1512","title":{"rendered":"tddl 2010 [iris schmidt: die r\u00fcckkehr zum zauberberg. erz\u00e4hlungen]."},"content":{"rendered":"<p>Wir haben: einen kurzen Stalking-Fall (Lutz verfolgt Monika), noch einen kurzen Stalking-Fall (Frau Hoffmann und der fremde Mann), Impressionen aus einem Zug (&#8222;Und der Zug f\u00e4hrt schnell, viel zu schnell, er f\u00e4hrt hinein in die Nacht und rei\u00dft die Fahrg\u00e4ste in seinem Innersten mit sich fort&#8220;), Herrn Meier, der ein Preisausschreiben gewinnt, Herrn Robinson, der an einer L\u00e4hmung ungekl\u00e4rter Ursache stirbt, Hannah, die die Scheidung von Martin mit Hilfe von Freundin Claudia verkraftet, die Schwestern Marie und Silvie, die gemeinsam zur Kur fahren (&#8222;Maries Augen funkelten freudig&#8220;) und in der ersten Geschichte den l\u00e4ngsten der Stalking-F\u00e4lle, eine alternde Jungfer, die einem Kind nachstellt und das verborgene Talent dieses \u2013 wie sich herausstellt \u2013 zutiefst einsamen Kindes entdeckt, dessen Mutter den ganzen Tag arbeitet.<\/p>\n<p>&#8218;Unf\u00e4hige, weil arbeitende M\u00fctter&#8216; sind nun wirklich ein Topos, den die Welt nicht braucht. Das ist so reaktion\u00e4r: die b\u00f6se Mutter geht arbeiten, das Kind vereinsamt und st\u00fcrzt am Ende aus dem Fenster. Wenn Frauen so \u00fcber Frauen schreiben, dann brauchen sie keine anderen Feinde mehr.<\/p>\n<p>Diese Erz\u00e4hlung deutet allerdings auf ein Problem hin: die h\u00e4ufig mangelnde Qualit\u00e4t der Texte von Frauen im Bewerb (Ausnahme: Kathrin Passig), ein Problem nicht nur im deutschsprachigen Raum, ich \u00fcbersetze mal kurz, was Jessa Crispin mit Blick auf den <a href=\"http:\/\/www.orangeprize.co.uk\/home\">Orange Prize<\/a> in ihrer neuesten Smart-Set-Kolumne <a href=\"http:\/\/www.thesmartset.com\/article\/article06031001.aspx\">Plotting Along<\/a> schrieb:<\/p>\n<p>&#8222;Es hat bisher nur zwei Generationen von Frauen gegeben, die mit eingeschr\u00e4nkten Barrieren aufgewachsen sind, und ich sage bewusst &#8218;mit eingeschr\u00e4nkten Barrieren&#8216; und nicht &#8218;ohne Barrieren&#8216;. Zwei Generationen von Frauen, die ihre Fruchtbarkeit kontrollieren konnten, arbeiten, ein hohes Bildungsniveau erreichen, tats\u00e4chlich ihr Leben planen und gestalten. Nat\u00fcrlich gab es immer schon Ausnahmen, aber finanzielle Abh\u00e4ngigkeit, Angst vor Vergeltung und sozialer Ausgrenzung sowie ein fehlendes Unterst\u00fctzungssystem erlaubten nur den ganz mutigen und konfrontativen Frauen ein unabh\u00e4ngiges Leben, oder man musste eben einfach nur Gl\u00fcck gehabt haben. Darum gibt es Romane von Edith Wharton, damit wir das verstehen.&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Weil Frauen also wenige Vorfahren haben, an denen sich sie orientieren k\u00f6nnten, sind sie immer noch dabei herauszufinden, wie sie ihr Leben gestalten sollen, was sie am gl\u00fccklichsten macht, ob sie sich am traditionellen Weg der M\u00e4nner orientieren sollen oder ob es andere Wege des Lebens f\u00fcr sie gibt. Schriftstellerinnen sind auf der Suche nach dem Platz, den eine Frau in der Welt einnehmen kann, und Leserinnen kaufen aus genau diesem Grund ihre B\u00fccher. [\u2026] Es gibt in der Fiktion immer noch gro\u00dfe L\u00fccken weiblicher Erfahrung zu f\u00fcllen. Das kann Schriftstellerinnen eine Inspiration sein, wie man zum Beispiel an &#8218;The Room and the Chair&#8216; von Lorraine Adams sieht. Der Roman ist voll von aggressiven, verr\u00fcckten, nuttigen, heldenhaften, unterdr\u00fcckten weiblichen Jagdfliegerinnen, Reporterinnen, Ehefrauen und minderj\u00e4hrigen Prostituierten.&#8220;<\/p>\n<p>Lorraine Adams mit ihren tollen weiblichen Charakteren ist heute immer noch eher eine Ausnahme, in den Romanen und Texten von Frauen finden sich zu gro\u00dfen Teilen traditionelle Rollenbilder, oder noch schlimmer, wie in diesem Erz\u00e4hlband von Iris Schmidt in der ersten Erz\u00e4hlung &#8222;Der Junge mit den schwarzen Augen&#8220;: wenn die Tradition gebrochen wird, indem die Mutter arbeiten geht, wird sie prompt daf\u00fcr bestraft und das Kind stirbt.<\/p>\n<p>Die Texte in dem Erz\u00e4hlband haben alle etwas sehr Didaktisches, da liegt man beim Lesen pl\u00f6tzlich wieder in den Achtzigern im Garten der Eltern und muss Peter Bichsel f\u00fcr den Deutschunterricht lesen, nur dass es schlechter als Peter Bichsel ist, phlegmatisch und trist wie Bichsel, aber dabei noch so gewollt, bedeutungsschwanger und moralisierend. Zugute halten kann man den Erz\u00e4hlungen nur, dass sie ein wahrer Jungbrunnen sind, indem sie einen so intensiv zur\u00fccktragen in eine verlorene Zeit. (Aber will man das \u00fcberhaupt?)<\/p>\n<p>Wenn man von den letzten zwanzig Jahren spricht, dann gew\u00f6hnlich von der Ver\u00e4nderung des Ostens, das liegt nat\u00fcrlich auch nahe, aber wenn man diesen Erz\u00e4hlband liest, wird einem bewusst, dass sich auch der Westen sehr ver\u00e4ndert hat: diese Bundesrepublik, in der wir in den Siebzigern und Achtzigern im Westen gro\u00df geworden sind, die gibt es auch nicht mehr. Das Verst\u00f6rende an dem Erz\u00e4hlband ist nur, dass er 1997 erschienen ist und nicht 1987 oder 1977. Erstaunlich, wie sehr die Erz\u00e4hlungen sieben Jahre nach der Wiedervereinigung noch &#8222;alte Bundesrepublik Westdeutschland&#8220; atmen. Dreizehn Jahre sp\u00e4ter darf man hoffentlich auf etwas anderes beim Bewerb hoffen (es war das einzige Buch, das die AGB von Iris Schmidt hatte).<\/p>\n<p>Verena Rossbacher und Iris Schmidt sind ein denkbar gr\u00f6\u00dfter Gegensatz. Mir war das eine zu albern und das andere zu altbacken, vielleicht auch ein Indiz f\u00fcr das, was Jessa schreibt: Frauen sind noch auf der Suche.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wir haben: einen kurzen Stalking-Fall (Lutz verfolgt Monika), noch einen kurzen Stalking-Fall (Frau Hoffmann und der fremde Mann), Impressionen aus einem Zug (&#8222;Und der Zug f\u00e4hrt schnell, viel zu schnell, er f\u00e4hrt hinein in die Nacht und rei\u00dft die Fahrg\u00e4ste in seinem Innersten mit sich fort&#8220;), Herrn Meier, der ein Preisausschreiben gewinnt, Herrn Robinson, der [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[12],"tags":[],"class_list":["post-1512","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-buecher"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/gedankentraeger.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1512"}],"collection":[{"href":"https:\/\/gedankentraeger.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/gedankentraeger.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/gedankentraeger.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/gedankentraeger.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1512"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/gedankentraeger.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1512\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/gedankentraeger.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1512"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/gedankentraeger.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1512"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/gedankentraeger.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1512"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}