{"id":1546,"date":"2010-06-24T21:53:41","date_gmt":"2010-06-24T19:53:41","guid":{"rendered":"http:\/\/gedankentraeger.de\/?p=1546"},"modified":"2017-04-13T10:52:37","modified_gmt":"2017-04-13T09:52:37","slug":"tddl-2010-der-erste-tag","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gedankentraeger.de\/?p=1546","title":{"rendered":"tddl 2010 [der erste tag]."},"content":{"rendered":"<p>Klagenfurt, Bachmannpreis 2010, es ist so weit.<\/p>\n<p><strong>Erster Text des Bewerbs: Sabrina Janesch, Katzenberge. <\/strong><\/p>\n<p>Wir befinden uns in Schlesien. M\u00e4nner sehen sich blinzelnd um, vom Staub verschmutzte Haare wirken grau, knochige Schultern, dampfende Erde, fremder Geruch von Beton, jemand meldet sich mit leiser Stimme, ein anderer streckt seine Nase in die Luft.<\/p>\n<p>Vom Wiesenschaumkraut \u00fcbers\u00e4te Felder. Konturen von Menschen in der Ferne verschmelzen fast mit dem Hintergrund. H\u00fcte sitzen auf den K\u00f6pfen wie h\u00e4ssliche Tierchen, Rufe f\u00fcllen jeden Winkel der Siedlung und der Felder, bis in den Wald, in die Flur und bis hinauf in den Himmel. Es wird an Toren ger\u00fcttelt, sich br\u00fcllend und schnaufend den Eing\u00e4ngen der H\u00e4user gen\u00e4hert.<\/p>\n<p>Einer h\u00f6rt sein Blut in den Ohren rauschen, sein Herz schl\u00e4gt gegen den Brustkasten, er umschlie\u00dft die Klinke mit seiner Hand, f\u00fchlt die K\u00fchle des Metalls. Hinter der Pforte lauert ein Brombeerstrauch. Ein Fenster ist sperrangelweit ge\u00f6ffnet, Schilf wiegt sich, Balken \u00e4chzen. Auch nachdem es ihm gelungen ist, das verzogene Holzfenster zu verriegeln, kann er kein Auge zumachen, mit fahrigen H\u00e4nden streicht er sich \u00fcber den Kopf.<\/p>\n<p>Unter seinen F\u00fc\u00dfen quieken die Dielen, als sei er auf ein lebendiges Tier getreten. Dann die Erkenntnis: Herr Dietrich hat sich mit Hut und Krawatte aufgeh\u00e4ngt. Mit einem dumpfen Laut f\u00e4llt die Leiche zu Boden.<\/p>\n<p>Pr\u00e4dikat: der neue Juror Hubert Winkels stellt die ebenso bittere wie treffendste Diagnose: Literatur aus dem Setzkasten.<\/p>\n<p>Streitbare Praxis, an die mich der Text erinnert: auf dem Oktoberfest in Chicago hing im Zelt neben den Flaggen von Niedersachen und anderen Bundesl\u00e4ndern auch die Flagge von Schlesien.<\/p>\n<p><strong>Zweiter Text: Volker H. Altwasser, Letzte Fischer.<\/strong><\/p>\n<p>Dass der Offizier die Seekarte &#8222;versonnen&#8220; betrachtet, okay. Zu viele Ausrufezeichen: geschenkt. Ein deplatziertes &#8222;rekapitulierte R\u00f6sch&#8220;, naja. Bin nach <em>Wie ich vom Ausschneiden loskam<\/em> milde gestimmt. Ein Schiff vor Somalia, Giftm\u00fcll der italienischen Mafia, Piraten, Kurznasenseeflederm\u00e4use, das ist doch interessant &#8211; weniger dagegen aber leider die Zuhause verbliebene Frau Mathilde.<\/p>\n<p>Und dann so Sachen wie: &#8222;\u2026und pl\u00f6tzlich erinnerte sich der alte Mann an seinen uralten Traum vom Meer! Das Meer war dabei, ihm seinen Traum zu erf\u00fcllen. Es wollte ihn reich machen, damit er seinen Enkel auf eine gro\u00dfe und wichtige Schule schicken konnte!&#8220; Ich mag es nicht, wenn ein Erz\u00e4hler sich den Figuren gegen\u00fcber so \u00fcberheblich zeigt (&#8222;der einfache Fischer&#8220;).<\/p>\n<p>In einem <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/kultur\/literatur\/2010-06\/klagenfurt-passig\">Kommentar auf zeit.de<\/a> wird alles m\u00f6gliche in den Text hinein interpretiert: die Kurznasenseefledermaus schaffe als Metapher eine &#8222;sphaerische Verbindung aus Unterbewusstem (Meer) und Bewusstem (Luft als Sphaere des Geistigen).&#8220; Psychoanalytische Literaturkritik, wer&#8217;s mag. Nat\u00fcrlich ist &#8222;die Bindung zu Mathilde (Ursprung) und Freiheit auf dem Meer (Ursprungslosigkeit) ein zentrales Motiv des Textes&#8220;, aber meines Erachtens eben nicht gut ausgearbeitet, weil das zweite Moment, die Ursprungslosigkeit, auf hohem Niveau dargestellt wird, das erste Moment Mathilde aber sehr banal daherkommt, bzw. recht unklar bleibt, weil man als Leser die Mathilde gar nicht kennenlernt. F\u00fcr eine aussagekr\u00e4ftige Gegen\u00fcberstellung m\u00fcsste der Autor beide Elemente mit derselben Tiefe ausarbeiten. Mir erscheint jedenfalls klar, dass das Herz des Autoren viel mehr am Meer h\u00e4ngt als an Mathilde, ersteres Thema ist liebevoll erschrieben und zweiteres eher aus Pflichtgef\u00fchl dazwischen gesetzt. Im Videoportr\u00e4t hat er versprochen, dass von ihm keine Liebesgeschichte zu erwarten sei \u2013 h\u00e4tte er sich doch dran gehalten.<\/p>\n<p>Harte Szenen des H\u00e4utens und dann wieder Kitsch, das geht alles nicht zusammen, ein etwas disparater und zwiesp\u00e4ltiger Text, kein Preiskandidat, muss ich wohl sagen, verliert sogar nach dem Vortrag beim nochmaligen Abendlesen. Eine potentiell und in Ans\u00e4tzen sch\u00f6ne Erz\u00e4hlung, aber nicht gut umgesetzt.<\/p>\n<p><strong>Dritter Text: Christopher Kloeble, Ambrosisch.<br \/>\n<\/strong><\/p>\n<p>Ulrich Ditzen erz\u00e4hlte letzte Woche bei einer Lesung, dass sein Vater Hans Fallada immer fr\u00fch ins Bett ging, gegen 22 Uhr, weil er schon um drei oder vier Uhr morgens wieder aufwachte, die Arbeit lie\u00df ihn nicht los, er kochte sich einen Kaffee und setzte sich an den Schreibtisch, arbeitete den ganzen Tag, bis er am n\u00e4chsten Abend um zehn wieder vor Ersch\u00f6pfung einschlief und in den sehr fr\u00fchen Morgenstunden wieder aufstand. Seine eigene Vorgabe war es, niemals weniger zu schreiben als am Tag davor, ich nehme an, so kann man sich bestens selbst zugrunde richten. Auf die Frage, ob es nicht schwierig gewesen sei, einen solch besessenen Vater gehabt zu haben, sagte Ditzen: &#8222;Everyone has their fate.&#8220;<\/p>\n<p>Mein Schicksal ist es nun, dass ich bei der <a href=\"http:\/\/lesemaschine.de\/\">Lesemaschine<\/a> zugesagt habe, etwas zum dritten Text des Bewerbs zu sagen, einem Auszug aus dem Roman &#8222;Ein versteckter Mensch&#8220; von Christopher Kloeble. Ein Sohn zieht zu seinem geistig behinderten Vater, der nur noch f\u00fcnf Monate zu leben hat. Zun\u00e4chst sind da die verungl\u00fcckten Dialoge, ich weiss ja nicht, mit welchen geistig behinderten Menschen Kloeble so zu tun hat, aber die, die ich kenne, sprechen nicht so. Dann weint der Vater nat\u00fcrlich Krokodilstr\u00e4nen, wie es sich f\u00fcr einen geistig Behinderten geh\u00f6rt, es k\u00f6nnen keine einfachen Tr\u00e4nen sein, nein, wie ein Kind weint er Krokodilstr\u00e4nen. Die den Text durchdringende \u00dcberheblichkeit ist in der Sprache angelegt, \u00e4rgerlich und bevormundend, am Ende m\u00fcssen wir dann auch noch das Selbstmitleid des Protagonisten ertragen, der mit seinem geistig behinderten Vater hadert. &#8222;Albert erwiderte seinen Blick und w\u00fcnschte sich einmal mehr, er h\u00e4tte Fred einfach eine Frage stellen und Fred sie ihm einfach beantworten k\u00f6nnen, ein stinknormales Gespr\u00e4ch, das w\u00fcnschte er sich, bei dem Fred seine Worte so verstand wie Albert sie meinte.&#8220; Das ist dann ein bisschen wie <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Jean-Louis_Fournier\">Jean-Louis Fournier<\/a> auf Valium.<\/p>\n<p>&#8222;Schweigen drang durch die T\u00fcr&#8220;, hei\u00dft es gegen Ende, und ich w\u00fcnschte mir, Schweigen w\u00e4re durch den Text gedrungen. Ich bin sicher, der Autor hat es gut gemeint, aber manchmal ist genau das bekanntlich das Gegenteil von gut.<\/p>\n<p>Bewusstseinserweiterndes Bild: &#8222;Im selben Moment gab der Hahn des Nachbarn sein gekr\u00e4chztes Kikeriki zum Besten.&#8220;<\/p>\n<p>Ratlose Frage: Warum war die Jury so gn\u00e4dig mit dem Text?<\/p>\n<p><strong>Vierter und f\u00fcnfter Text: Daniel Mezger und Dorothee Elmiger, zwei Kandidaten f\u00fcr einen Preis.<\/strong><\/p>\n<p>Leider jetzt keine Zeit mehr f\u00fcr eine ausf\u00fchrlichere Stellungnahme zu den beiden Texten des Nachmittags. Daniel Mezger las einen wirklich guten Text, den die Jury allerdings teilweise nicht verstanden hat (Karin Fleischanderl nicht und vor allem Meike Fe\u00dfmann gar nicht), auch Dorothee Elmiger las einen Text, der mir sehr gut gefallen hat. Am Ende also zwei von f\u00fcnf Texten gut, da hat man schon schlimmere erste Bewerbstage erlebt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Klagenfurt, Bachmannpreis 2010, es ist so weit. Erster Text des Bewerbs: Sabrina Janesch, Katzenberge. Wir befinden uns in Schlesien. M\u00e4nner sehen sich blinzelnd um, vom Staub verschmutzte Haare wirken grau, knochige Schultern, dampfende Erde, fremder Geruch von Beton, jemand meldet sich mit leiser Stimme, ein anderer streckt seine Nase in die Luft. 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