{"id":1590,"date":"2010-09-16T11:22:23","date_gmt":"2010-09-16T09:22:23","guid":{"rendered":"http:\/\/gedankentraeger.de\/?p=1590"},"modified":"2010-09-16T11:56:51","modified_gmt":"2010-09-16T09:56:51","slug":"durchlassigkeit-versus-echokammer-problemkind-internet","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gedankentraeger.de\/?p=1590","title":{"rendered":"durchl\u00e4ssigkeit versus echokammer [problemkind internet]."},"content":{"rendered":"<p>Wie das eben so geht, \u00fcber einen <a href=\"http:\/\/twitter.com\/sixtus\">Tweet von Mario Sixtus<\/a> kam ich auf eine vergleichende Analyse der <a href=\"http:\/\/medialdigital.de\/2010\/09\/15\/die-debattenkultur-bei-zeit-online-und-sueddeutsche-de-ein-vergleich\/\">Debattenkultur bei Zeit Online und Sueddeutsche.de<\/a>, von dort aus zum Artikel <a href=\"http:\/\/carta.info\/33123\/unbegruendet-norbert-bolz-angst-vor-der-gesellschaftlichen-fragmentierung\/\">Unbegr\u00fcndet: Norbert Bolz\u2019 Angst vor der gesellschaftlichen Fragmentierung<\/a> bei Carta und von dort an die Quelle, einen <a href=\"http:\/\/www.sueddeutsche.de\/digital\/2.220\/freiheit-im-internet-die-welt-der-klick-arbeiter-1.993210\">Essay von Norbert Bolz in der S\u00fcddeutschen<\/a>.<\/p>\n<p>An Bolz\u2019 Essay interessiert mich genau der Teil, den sich auch Marcel Wei\u00df bei Carta herausgepickt hat, n\u00e4mlich die Frage nach einer gesellschaftlichen Fragmentierung. Ich finde die Argumentation von Norbert Bolz nicht \u00fcberzeugend, glaube aber, dass er trotzdem mehr Recht haben k\u00f6nnte, als mir und vielen anderen Netzaffinen lieb ist. Um von den abstrakten und theoretischen \u00dcberlegungen zu &#8218;Konformit\u00e4t versus Diversit\u00e4t&#8216; und &#8218;Gemeinschaft versus Fragmentierung&#8216; zu einem ganz konkreten Beispiel zu kommen, nehme ich mal mein Minderheitenthema Behinderung. Das Positive liegt auf der Hand: im Internet k\u00f6nnen Menschen mit Behinderungen auf einfachere Weise denn je zuvor ihre Anliegen kommunizieren und potentiell weltweit Resonanz finden. Foren, Weblogs und Communities verschiedenster Behinderungen und chronischer Erkrankungen sind ein lebhaftes Zeugnis des Informationsaustausches, und auch der \u00dcberwindung von Einsamkeit und Isolation.<\/p>\n<p>Allerdings bewegt sich die Interessensgruppe tats\u00e4chlich in einem eigenen Raum, der kaum jemals von Menschen betreten wird, die nichts mit Behinderungen zu tun haben. Das Argument der Durchl\u00e4ssigkeit, das sicherlich auf ganz, ganz viele Themen zutrifft (gerade Technik, Musik und Wirtschaft, die Marcel Wei\u00df nennt) greift bei &#8218;wirklichen&#8216; Minderheiten leider kaum bis gar nicht. Menschen mit Behinderung sind in der virtuellen Welt mindestens genauso randst\u00e4ndig wie in der wirklichen, vielleicht sogar noch mehr. Die von Wei\u00df erw\u00e4hnte Vermischung von Interessen, Gruppen und Nischen findet eben nicht \u00fcberall statt. Der Vorteil der Verlinkung \u2013 dass Einzelpersonen selbst entscheiden, was sie f\u00fcr verbreitenswert halten \u2013 bedingt eben auch typische Ausschlussmechanismen von Minderheiten. Wei\u00df sieht keine Gefahr darin, dass Diskurse nicht mehr auf einer Ebene gef\u00fchrt werden, die zu einem gesellschaftlichen Konsens f\u00fchrt; die Gesellschaft zerfalle nicht davon, dass man die FAZ nicht mehr von vorne bis hinten lese. &#8222;Warum ist Fragmentierung \u00fcberhaupt negativ?&#8220;, fragt er.<\/p>\n<p>Die Antwort auf Marcel Wei\u00df&#8216; Frage liegt tats\u00e4chlich nicht beim Journalismus und der FAZ von vorne bis hinten. Die Gatekeeper der traditionellen Medien lassen das Thema Behinderung \u00e4hnlich wenig durch wie das Internet, da nehmen sich die beiden Opponenten nichts. Die eigentliche Gefahr liegt bei der Politik und Gesellschaft allgemein: bisher waren Minderheiten wie Menschen mit Behinderungen zwar randst\u00e4ndig, aber ihre Interessen wurden vertreten und ber\u00fccksichtigt, eben durch etablierte gesellschaftliche Mechanismen, die bei Bolz vielleicht ungl\u00fccklicherweise &#8218;b\u00fcrgerlich&#8216; hei\u00dfen. Es gibt Verb\u00e4nde und Gremien, wichtige Vertreter der Interessen auf allen politischen und gesellschaftlichen Ebenen (Behindertenbeauftragte, Wohlfahrtsverb\u00e4nde, Landesbeir\u00e4te f\u00fcr Behinderte, Patientenvertreter in Bundesgremien etc.). Den Gremien und Verb\u00e4nden aber geht der Nachwuchs aus. Da sitzen meist M\u00e4nner und Frauen im Rentenalter, die n\u00e4chste Generation kommt nicht mehr nach, unter anderem auch, weil sie ins Internet abgewandert ist. Im Internet aber werden keine Entscheidungen getroffen und das Internet hat keine Mechanismen, die daf\u00fcr sorgen w\u00fcrden, dass diese Gruppe von Menschen zumindest prozentual gem\u00e4\u00df ihres Vorkommens (2009 waren laut <a href=\"http:\/\/www.kobinet-nachrichten.org\/cipp\/kobinet\/custom\/pub\/content,lang,1\/oid,24822\/ticket,g_a_s_t\">neuesten Zahlen des Statistischen Bundesamts<\/a> in Deutschland 8,7% der Bev\u00f6lkerung schwerbehindert) ber\u00fccksichtigt und inkludiert wird. Die tats\u00e4chliche Interessensvertretung wird immer geringer. Es stimmt, was Marcel Wei\u00df schreibt: &#8222;Die Verteilung der Diskurse n\u00e4hert sich den tats\u00e4chlichen Interessen der B\u00fcrger an.&#8220; Aber genau das ist das Problem: das Thema Behinderung interessiert den B\u00fcrger gr\u00f6\u00dftenteils \u00fcberhaupt nicht, und solange man nicht selbst betroffen ist, verdr\u00e4ngt man das Thema am liebsten sowieso.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend sie fr\u00fcher ein vielleicht abgeschobener, aber immerhin noch durch Institutionen notgedrungen wahrgenommener Randteil der Gesellschaft waren, verschwinden die Menschen mit Behinderungen und ihre Angeh\u00f6rigen nach der Abwanderung ins Internet endg\u00fcltig von der Bildfl\u00e4che einer breiteren Wahrnehmung. Die Angst vor der gesellschaftlichen Fragmentierung ist nicht v\u00f6llig unbegr\u00fcndet. Das Internet ist am Ende vielleicht leider doch mehr \u201aKonformit\u00e4tspumpe\u2019 als \u201aDiversit\u00e4tsmaschine\u2019, um <a href=\"http:\/\/www.struppig.de\/vigilien\/?p=2572\">Ronnie Vuine<\/a> zu zitieren.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wie das eben so geht, \u00fcber einen Tweet von Mario Sixtus kam ich auf eine vergleichende Analyse der Debattenkultur bei Zeit Online und Sueddeutsche.de, von dort aus zum Artikel Unbegr\u00fcndet: Norbert Bolz\u2019 Angst vor der gesellschaftlichen Fragmentierung bei Carta und von dort an die Quelle, einen Essay von Norbert Bolz in der S\u00fcddeutschen. 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