{"id":1598,"date":"2010-09-16T14:28:05","date_gmt":"2010-09-16T12:28:05","guid":{"rendered":"http:\/\/gedankentraeger.de\/?p=1598"},"modified":"2010-09-16T15:14:07","modified_gmt":"2010-09-16T13:14:07","slug":"wir-brauchen-qualitat","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gedankentraeger.de\/?p=1598","title":{"rendered":"wir brauchen qualit\u00e4t."},"content":{"rendered":"<p>Genauso, wie ich lieber weniger kritisch gegen\u00fcber dem Internet w\u00e4re, h\u00e4tte ich auch gerne eine weniger kritische Meinung zur Abschaffung der Sonderschulen, aber immer kommt einem diese bl\u00f6de Wirklichkeit zwischen die sch\u00f6nen Meinungen. John geht nun seit fast vier Wochen auf eine Privatschule in F\u00fcrstenwalde. Die Burgdorf-Schule ist ein F\u00f6rderzentrum Geistige Entwicklung (a.k.a. Sonderschule f\u00fcr geistig Behinderte), spezialisiert auf Autismus.<\/p>\n<p>Die erste Woche war eine Eingew\u00f6hnungswoche, ab der zweiten Woche fuhr John dann schon alleine jeden Tag hin und her mit dem Schulbus. Ihn in einen Schulbus zu bekommen, der eine Begleitperson hat (alles andere ist f\u00fcr alle Beteiligten viel zu gef\u00e4hrlich), erforderte in der ersten Woche noch Gutachten des behandelnden Kinderpsychiaters und des Kinder- und Jugendpsychiatrischen Dienstes KJPD, also einiges an Lauferei und b\u00fcrokratischem Aufwand, aber ging letztlich auch ohne Sozialgericht vonstatten (meine Messlatte mittlerweile: alles, was ohne Gericht l\u00e4uft, bekommt die Wertung \u201egut gelaufen\u201c).<\/p>\n<p>Da ich eine Woche lang viel an der Schule war, habe ich erlebt, wie die Kinder ankommen, wie das Personal mit ihnen umgeht, wie der Unterricht l\u00e4uft. Was soll ich sagen, es ist ein Traum und Lichtjahre besser als die r\u00fcckblickend noch furchtbarer scheinenden drei ersten Schuljahre, die in Berlin hinter uns liegen. Der Unterschied ist einfach und klar zu benennen: die Menschen an der Burgdorf-Schule kennen sich alle mit Autismus aus und wissen alle Bescheid, wie man damit umgeht.<\/p>\n<p>John f\u00fchlte sich auf Anhieb wohl dort und ist nach nicht einmal vier Wochen schon vollstens eingew\u00f6hnt, steigt morgens begeistert in den Bus (wir m\u00fcssen aus Vorfreude sogar schon immer zehn Minuten vorher nach drau\u00dfen gehen, w\u00e4hrend er sich bei der alten Schule jeden Morgen geweigert hat, aus dem Auto zu steigen) und er kommt nachmittags entspannt und gut gelaunt nach Hause. Das Ganze nun auch noch: ganz ohne Schulhelfer. Ja, in F\u00fcrstenwalde kann er tats\u00e4chlich ohne Schulhelfer beschult werden \u2013 das w\u00e4re in Berlin undenkbar gewesen.<\/p>\n<p>Aus Johns Sonderschule in Berlin hatte man nach und nach qualifiziertes Personal abgezogen und durch unqualifizierte Betreuer ersetzt, das Ergebnis war eine Katastrophe. Aber so wird das von der Berliner Bildungsverwaltung praktiziert: die Signale stehen auf Integration und Inklusion, und weil kein Geld da ist, werden dazu die Sonderschulen ausgehungert. Zus\u00e4tzlich traurig nur, dass dann in der Integration noch nicht einmal genug ankommt, aber das ist ein anderes Thema.<\/p>\n<p>Letzte Woche war ich wieder einmal zum Thema Schulhelfer und auch Inklusion beim Landesbeirat f\u00fcr Behinderte und erlebte einen weiteren, mehr als frustrierenden Auftritt der zust\u00e4ndigen Mitarbeiterinnen aus der Senatsbildungsverwaltung. Man verwies wieder darauf, dass man in den letzten Jahren doch so viel Personal an die Sonderschulen geschickt habe und ignorierte die Aussage, dass es uns nicht um die Quantit\u00e4t, sondern um die Qualit\u00e4t geht.<\/p>\n<p>Selbst wenn es f\u00fcnf Erwachsene g\u00e4be, die sich nur um John k\u00fcmmern sollten, w\u00fcrde das schiefgehen, wenn sie sich nicht auskennen. Stattdessen braucht er noch nicht einmal mehr 1:1-Betreuung, wenn das Personal gut und der Schulrahmen an die Bed\u00fcrfnisse von Autisten angepasst ist. Wenn man die Schulen mit 55-j\u00e4hrigen ehemaligen Reinigungskr\u00e4ften bev\u00f6lkert, die noch nie mit Autismus oder geistig Behinderten oder schwerstmehrfachbehinderten Kindern zu tun hatten und keine p\u00e4dagogische Bildung haben, dann wird man eben immer mehr Schulhelfer brauchen, die das Kind f\u00fcr Kind kompensieren. Und selbst das funktioniert nicht, das habe ich daran erlebt, wie ungl\u00fccklich John dennoch war. Ein Schulhelfer kann kein ganzheitliches Konzept ersetzen, er ist immer nur Flickwerk.<\/p>\n<p>Unbegreiflich ist mir, warum die Senatsbildungsverwaltung anscheinend kein Interesse daran hat, die immer wiederkehrenden Probleme wirklich in den Griff zu bekommen. Der Berliner Senat arbeitet an einem Konzept zur Umsetzung der Inklusion nach Ma\u00dfgabe der UN-Konvention f\u00fcr die Rechte von Menschen mit Behinderungen. So oft haben wir vom Elternzentrum Berlin schon unsere Bereitschaft gezeigt, an diesem Konzept mitzuarbeiten (die UN-Konvention sieht die Beteiligung der Betroffenen im \u00dcbrigen auch ausdr\u00fccklich vor), aber unser Angebot wird immer wieder ausgeschlagen.<\/p>\n<p>Es gibt mittlerweile \u00fcber 20 autistische Kinder aus Berlin, die jeden Tag circa 60 Kilometer weit nach F\u00fcrstenwalde und nachmittags wieder zur\u00fcckgefahren werden. Warum sieht man sich nicht einmal an, warum diese Kinder dort so gut beschult werden k\u00f6nnen und etabliert auch in Berlin ein solches Schulmodell? Warum sieht man nicht endlich ein, dass es soziale und p\u00e4dagogische Berufe nicht ohne Grund gibt? Wann wird man verstehen, dass Integration und Inklusion nicht zum Nulltarif zu haben sind? Ach, es ist m\u00fc\u00dfig, aber unsere Arbeit des Elternzentrums geht weiter, wir haben keine andere Wahl. Ich bin erstmal froh, dass es meinem Kind endlich wieder gut geht und wir als ganze Familie uns nun vielleicht, hoffentlich auch von den extrem anstrengenden letzten drei Jahren erholen k\u00f6nnen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Genauso, wie ich lieber weniger kritisch gegen\u00fcber dem Internet w\u00e4re, h\u00e4tte ich auch gerne eine weniger kritische Meinung zur Abschaffung der Sonderschulen, aber immer kommt einem diese bl\u00f6de Wirklichkeit zwischen die sch\u00f6nen Meinungen. 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