{"id":1615,"date":"2014-12-01T12:36:50","date_gmt":"2014-12-01T11:36:50","guid":{"rendered":"http:\/\/gedankentraeger.de\/?p=1615"},"modified":"2017-04-13T10:59:37","modified_gmt":"2017-04-13T09:59:37","slug":"oma","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gedankentraeger.de\/?p=1615","title":{"rendered":"tausend tode schreiben [89.]"},"content":{"rendered":"<p>Christiane Frohmann hat heute den ersten Teil des Buchs <a href=\"https:\/\/minimore.de\/shop\/christiane-frohmann-hg-tausend-tode-schreiben-version-14\/\">Tausend Tode schreiben<\/a> herausgegeben. &#8222;Die Idee ist, dass tausend Autoren tausend kurze Texte \u00fcber den Tod schreiben: Pers\u00f6nliche Begegnungen, wissenschaftliche Betrachtungen, Fiktion. Diese vielf\u00e4ltigen Texte sollen zusammenwirken als ein transpersonaler Text, der \u2013 so die Annahme \u2013 einiges \u00fcber das aktuelle Bild des Todes in unserer Gesellschaft verraten wird.&#8220;<\/p>\n<p>Ich habe mich mit einem Text beteiligt, den ich in l\u00e4ngerer Form schon einmal geschrieben hatte, der sich seither aber ver\u00e4ndert hat. Die Herausgeber- und Autorenanteile an den Erl\u00f6sen werden dem Kindersterbehospiz Sonnenhof in Berlin-Pankow gespendet.<\/p>\n<p>~<\/p>\n<p>Im Berliner Wagen erreichte ich den kleinen Ort in Norddeutschland, in dem meine Gro\u00dfmutter am folgenden Tag beerdigt werden sollte. Kurz vor uns war das Auto aus Siegen angekommen, davor der Wagen aus Heidelberg. Die Ravensburger riefen an, sie waren schon in Dortmund und w\u00fcrden bald da sein. Das Haus war voll von Verwandten, denn meine Oma hatte neun Kinder, zwanzig Enkel und neunzehn Urenkel, die mittlerweile \u00fcber ganz Deutschland verteilt wohnten, und die sich nun samt Familienanhang im Haus meiner Oma trafen. Es gab H\u00fchnersuppe.<\/p>\n<p>Am n\u00e4chsten Morgen sollte der Sarg geschlossen werden. Viele wollten die Mutter, Gro\u00dfmutter und Urgro\u00dfmutter lieber lebendig in Erinnerung behalten und so waren wir eine recht kleine Gruppe, die sie noch ein letztes Mal sehen wollte. Auf den ersten Blick sah meine Oma aus wie eine andere Person, doch je genauer ich hinsah, desto besser konnte ich sie doch erkennen. Meine Tante zupfte an den Haaren herum, die noch nicht so aussahen wie sonst. Um den Hals trug Oma eine Perlenkette, an den gefalteten H\u00e4nden einen sch\u00f6nen roten Rosenkranz, den meine Eltern ihr vor nicht allzu langer Zeit aus Mexiko mitgebracht hatten.<\/p>\n<p>Die H\u00e4nde sahen noch genauso aus wie immer, das waren Omas H\u00e4nde, und ich fand es sch\u00f6n, dass man ihr nicht die Fingern\u00e4gel manik\u00fcrt hatte, obenauf lag der Daumen mit dem etwas schief geschnittenen Nagel, genauso, wie er immer gewesen war. Ich dr\u00fcckte ihr zum Abschied die H\u00e4nde, sie waren nat\u00fcrlich eiskalt und steif, und ich sp\u00fcrte, dass darin gar kein Leben mehr war. Komisch, wie viel Leben in einer Hand steckt, oder wie gro\u00df der Unterschied ist, wenn in dieser Hand kein Leben mehr ist. Diese Ber\u00fchrung war das letzte Wissen, dass meine Oma nicht mehr in diesem K\u00f6rper steckte. Dennoch konnten wir uns kaum \u00fcberwinden zu gehen.<\/p>\n<p>Sp\u00e4ter dann das Rosenkranzbeten in der Leichenhalle, das Monotone daran, dessen Effekt mich immer wieder erstaunt. Wenn der &#8217;schmerzhafte&#8216;, der schlimmste unter den Rosenkr\u00e4nzen beginnt, &#8222;der f\u00fcr uns Blut geschwitzt hat&#8220;, erschrickt man kurz, aber dann entzieht das Aufsagen und Wiederholen den W\u00f6rtern langsam immer mehr von deren Bedeutung. Es bleibt nur das Ritual, lang und schwer, und dennoch auch ein Singsang, der einen fast wie ein Gutenachtlied einlullt.<\/p>\n<p>Drau\u00dfen gro\u00dfartig klare und kalte Luft bei Sonnenschein. Etwas entfernt vom Grab spielte, als wir von der Leichenhalle aus hinter dem Sarg herliefen, eine Blaskapelle in kleiner Choralbesetzung und mit Tenorh\u00f6rnern, und gerade als wir in den Gang unseres Familiengrabes einbogen, zog ein Schwarm von V\u00f6geln durch den blauen Himmel, in einem Film h\u00e4tte man das wahrscheinlich f\u00fcr eine zu perfekte Choreographie gehalten. Bei fr\u00fcheren Beerdigungen hatte ich den Anblick des Sarges in der Erde immer schlimm gefunden, nat\u00fcrlich auch dieses Mal, aber nicht auf die gleiche Weise, vielleicht, weil ich kurz vorher noch Omas leblose H\u00e4nde gehalten hatte und damit ihren K\u00f6rper besser gehen lassen konnte.<\/p>\n<p>\u00dcber 200 Menschen beim anschlie\u00dfenden Kaffeetrinken. Eine traurige und zugleich sch\u00f6ne Feier zum Abschied von meiner Oma, die 92 Jahre alt geworden war.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Christiane Frohmann hat heute den ersten Teil des Buchs Tausend Tode schreiben herausgegeben. &#8222;Die Idee ist, dass tausend Autoren tausend kurze Texte \u00fcber den Tod schreiben: Pers\u00f6nliche Begegnungen, wissenschaftliche Betrachtungen, Fiktion. 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