{"id":1753,"date":"2011-02-18T12:28:43","date_gmt":"2011-02-18T10:28:43","guid":{"rendered":"http:\/\/gedankentraeger.de\/?p=1753"},"modified":"2011-02-18T12:31:03","modified_gmt":"2011-02-18T10:31:03","slug":"cultivation-of-the-inner-eye","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gedankentraeger.de\/?p=1753","title":{"rendered":"cultivation of the inner eye."},"content":{"rendered":"<p>Gelesen: <a href=\"http:\/\/www.transcript-verlag.de\/ts1361\/ts1361.php\">Disability history. Konstruktionen von Behinderung in der Geschichte.<\/a> Wieder einmal dieses Gef\u00fchl, wie schade es ist, dass ein wirklich interessantes Thema so schwer zu lesen ist und der nagende Gedanke, es m\u00fcsse doch anders gehen, nur wie? Bei meinem Autismus-Buchprojekt sto\u00dfe ich auch immer wieder gegen diese Wand, es muss anders gehen, nur wie.<\/p>\n<p>#<\/p>\n<p>Zw\u00f6lf Leute im Warteraum der Ausl\u00e4nderbeh\u00f6rde, drei iPads.<\/p>\n<p>#<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.bandofhorses.com\/de\/home\">Band of Horses<\/a> Konzert im Astra. Das Krasse ist der \u00dcbergang zwischen der Pflegesituation, einem gro\u00dfen neurologischen Sturm, der einige neue Kratzwunden an den H\u00e4nden mit sich brachte, und eine Stunde sp\u00e4ter mit einem Bier in der Hand zwischen lauter Menschen, die so weit von der Situation Zuhause entfernt sind, dass man diesen Unterschied emotional fast nicht verarbeiten kann. Aber wenn die Musik anf\u00e4ngt, ist das Problem behoben, fast ist man wieder das Paar, das sich so viele N\u00e4chte auf dem Balkon des <a href=\"http:\/\/www.metrochicago.com\/\">Metro<\/a> Clubs um die Ohren schlug.<\/p>\n<p>#<\/p>\n<p>Was ist Pflege? Aus irgendeinem Grund besch\u00e4ftigt mich diese Frage in letzter Zeit, vielleicht, weil man im Anflug der Pflege-Reform so viel dar\u00fcber h\u00f6rt und liest, selten wird aber dar\u00fcber gesprochen, was genau Pflege f\u00fcr die Pflegenden bedeutet, welche Erfahrungen sie durch das t\u00e4glich gelebte Handeln machen, wie die Pflege sie pr\u00e4gt, ihre Perspektive auf das Leben, oder auch ihre Beziehung zur Gesellschaft.<\/p>\n<p>Pflege als Dienstleistung, &#8222;Hilfen zur Erhaltung, Anpassung oder Wiederherstellung der physischen, psychischen und sozialen Funktionen und Aktivit\u00e4ten des Lebens&#8220;, wie es beim Deutschen Berufsverband f\u00fcr Pflegeberufe <a href=\"http:\/\/www.dbfk.de\/\">DBfK<\/a> beschrieben wird, das ist f\u00fcr Zuhause Pflegende, f\u00fcr Angeh\u00f6rige nur ein Teil des Ganzen. Von ganz grunds\u00e4tzlichen Dingen wie f\u00fcttern, wickeln, baden, anziehen oder auch Diagnostik und Therapien, \u00fcber das unabl\u00e4ssige Beobachten des k\u00f6rperlichen und seelischen Zustandes und ad\u00e4quates Reagieren darauf, bis hin zu zahlreichen Verwaltungsaufgaben l\u00e4sst sich vieles recht einfach zusammentragen, aber damit hat man noch keine Erkenntnisse \u00fcber Sinnfindung und Sinnstiftung gewonnen, die doch so wichtig sind in der Pflege.<\/p>\n<p>Was ist Pflege also? Grunds\u00e4tzlich ist ziemlich klar, dass Pflege f\u00fcr Angeh\u00f6rige ein Akt moralischer Solidarit\u00e4t, ein Akt der Liebe ist. Pflege hei\u00dft, dass man sich einer Verantwortung bewusst ist, diese annimmt und ausf\u00fcllt: ein abstraktes Wertebewusstsein wird in die Tat umgesetzt und gelebt. (Vorsicht Pathos:) Dies kann zum Kern der Erfahrung dessen f\u00fchren, was es bedeutet, Mensch zu sein. Ausgehend von der Idee, dass wir nicht als volle Menschen geboren werden, sondern erst zu solchen werden durch das Kultivieren unseres Selbst und unserer Beziehungen zu anderen Menschen, kann man sich denken, dass in der Pflege gro\u00dfe M\u00f6glichkeiten eines solchen menschlichen Wachstums liegen.<\/p>\n<p>Klingt sehr moralin, sentimental und utopisch, erst recht, wenn man nur zu genau wei\u00df, wie schwer die Dauerhaftigkeit der Pflege ist, Tag f\u00fcr Tag und Nacht f\u00fcr Nacht, Jahr f\u00fcr Jahr. Die ganze vereinnahmte Zeit und Energie, das Zur\u00fcckstellen eigener Interessen, das Kr\u00e4ftezehrende, der finanzielle Abstieg, die R\u00fcckschl\u00e4ge, die Hilflosigkeit, die Verzweiflung, die unumg\u00e4ngliche Strapazierung der Beziehung der Pflegenden untereinander, die permanente Unsicherheit und Unberechenbarkeit, das ver\u00e4nderte Zeitempfinden, weil man nur noch von einem Tag zum n\u00e4chsten leben kann, der Druck der Verantwortung, die man niemals wirklich abgibt, nur tempor\u00e4r an andere Hilfskr\u00e4fte \u00fcbertr\u00e4gt, aber dennoch auch in dieser Zeit die ganze Zeit sp\u00fcrt, die Ohnmacht.<\/p>\n<p>Dennoch pflegt man, und pflegt gerne, und erf\u00e4hrt in all der Schwere einen Sinn, sogar eine Bereicherung. Die Erfahrung der Empathie, die kleinen Erfolge und das Gl\u00fcck der sch\u00f6nen Momente, Dankbarkeit, Gemeinsamkeit, auch diese Aspekte geh\u00f6ren dazu, und vielleicht am Erstaunlichsten: obwohl man so sehr eingebunden und daher eigentlich sehr fremdbestimmt ist, ausgerechnet auch ein gro\u00dfes Gef\u00fchl der Freiheit.<\/p>\n<p>Ohne sich dessen notwendigerweise bewusst zu sein, leben die meisten Menschen mit der Einstellung, ihr Leben unter Kontrolle zu haben, Sicherheit und Selbstbestimmung sind wichtig. Nicht wenige gesellschaftliche und politische Initiativen haben ihre Ursache im Streben danach, diese Selbstbestimmung, Sicherheit und Kontrolle zu stabilisieren und auszubauen. Je mehr die Gesellschaft nach diesen Idealen strebt, umso mehr Verlust\u00e4ngste entwickelt sie, es folgen umso mehr Besitzstandwahrung und Kontrollwahn.<\/p>\n<p>Die Perspektive der Pflege ist diametral entgegengesetzt. Wir haben vor langem den Punkt \u00fcberschritten, uns in Kontrolle des Lebens zu w\u00e4gen. Wir haben keine Kontrolle. Mit zunehmender Pflege-Erfahrung wird mir immer deutlicher, dass Kontrolle und Sicherheit im menschlichen Leben nie mehr als eine Illusion sein k\u00f6nnen, und die Gesellschaft, die dieser Illusion immer mehr hinterher hetzt, kommt mir immer unfreier vor. Dagegen haben wir in den letzten zehn Jahren gelernt, dass wir ohne Kontrolle und Sicherheit und mit eingeschr\u00e4nkter Selbstbestimmung leben k\u00f6nnen, und sogar gut leben k\u00f6nnen, und dieses Gef\u00fchl ist tats\u00e4chlich befreiend.<\/p>\n<p>#<\/p>\n<p>Ein sehr gutes Interview: <a href=\"http:\/\/www.thersa.org\/events\/vision\/vision-videos\/martha-nussbaum \">Martha Nussbaum on 21st Century Enlightenment<\/a><br \/>\n[<a href=\"http:\/\/philoblog.de\/2011\/02\/16\/nussbaum-interview-aufklarung-im-21-jahrhundert\/\">via<\/a>]<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gelesen: Disability history. Konstruktionen von Behinderung in der Geschichte. Wieder einmal dieses Gef\u00fchl, wie schade es ist, dass ein wirklich interessantes Thema so schwer zu lesen ist und der nagende Gedanke, es m\u00fcsse doch anders gehen, nur wie? Bei meinem Autismus-Buchprojekt sto\u00dfe ich auch immer wieder gegen diese Wand, es muss anders gehen, nur wie. 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