{"id":1827,"date":"2011-03-11T15:28:40","date_gmt":"2011-03-11T13:28:40","guid":{"rendered":"http:\/\/gedankentraeger.de\/?p=1827"},"modified":"2011-03-14T12:57:23","modified_gmt":"2011-03-14T10:57:23","slug":"die-kunst-stillzusitzen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gedankentraeger.de\/?p=1827","title":{"rendered":""},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/gedankentraeger.de\/wp-content\/uploads\/2011\/03\/parks1.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-medium wp-image-1842\" title=\"parks1\" src=\"http:\/\/gedankentraeger.de\/wp-content\/uploads\/2011\/03\/parks1.jpg\" alt=\"\" width=\"185\" height=\"289\" \/><\/a><\/p>\n<p>Tim Parks hat ein Buch \u00fcber Prostataprobleme geschrieben, aber das stimmt eigentlich nicht, denn es ist auch ein Buch \u00fcbers Kajakfahren (<a href=\"http:\/\/sopranisse.de\/\">Frau Sopran!<\/a>), \u00fcber Meditation, \u00fcber Samuel Beckett und vieles mehr.<\/p>\n<p>Was mich an dem manchmal etwas lang geratenen Buch am meisten interessiert hat, waren die Beschreibungen \u00fcber Meditation als geistige Disziplin jenseits der Sprache. In der Auseinandersetzung mit seinen Prostataschmerzen, f\u00fcr die die Schulmedizin keine Erkl\u00e4rung finden konnte, wurde Parks in der Meditation bewusst, dass jede seiner gezielten geistigen Aktivit\u00e4ten seit Jahrzehnten eine linguistische gewesen war, alle Handlungen waren mit Worten unterlegt, ja: wurden erst durch Worte erfahrbar: &#8222;Wenn ich ein Gem\u00e4lde oder einen Film sah, versuchte ich sofort, seine Vorz\u00fcge und M\u00e4ngel in Worte zu fassen. Mein Gehirn spuckte eine Rezension aus, einen kritischen Aufsatz. Mein Hauptvergn\u00fcgen an Filmen und Gem\u00e4lden bestand genau in dieser verbalen Umsetzung danach. Sogar <em>w\u00e4hrenddessen<\/em>. [\u2026] Alles musste durch die Sprache gelebt werden, sonst wurde es nicht richtig gelebt; das ging so weit, dass ich ein Bild oder einen Film (oder auch ein Fu\u00dfballspiel) gar nicht wirklich gesehen hatte, ehe ich nicht in Worten dar\u00fcber nachgedacht oder besser noch gesprochen oder am allerbesten geschrieben hatte. [\u2026] Dann <em>besa\u00df<\/em> ich das Geschehene. [\u2026] Eine Folge dieses ganzen Geschw\u00e4tzes war, dass ich mir nie vorstellen konnte, dass es harte geistige Arbeit gab, die ohne Worte auskam, Arbeit sogar, bei der Worte ein Hindernis darstellen k\u00f6nnen.&#8220; (191f.)<\/p>\n<p>Sp\u00e4ter f\u00fchrt er das Problem, das ihm dadurch entstanden ist, n\u00e4her aus: &#8222;Die Sprache baut Dome, und dann weitere Dome obendrauf, w\u00e4hrend die ersten verfallen. Weil Worte nie still sind. Der Anfang eines Satzes weist nach vorne, das Ende verlangt, dass man sich des Anfangs gewahr ist. Ein Absatz f\u00fchrt zum anderen und eine Seite zur n\u00e4chsten. [\u2026] Beim Tippen eilen meine Gedanken meinen Fingern voraus. Werden vorangetrieben. Sind nie im Jetzt. Nie im Moment verankert. [\u2026] Man verliert den Zugriff auf die Dinge, wie sie sind. Aber dieses zweite Leben ist zwanghaft. Man kann es nicht lassen. Eine wirbelnde Wortmaschine erhebt sich von der schweren Oberfl\u00e4che aus Erde, Zement oder Haut. Geist und K\u00f6rper trennen sich. Man ist pl\u00f6tzlich auf dem Blatt heimischer als auf dem Pflaster, im Netz heimischer als auf der Stra\u00dfe. Der Geist wird zum Ich. Der K\u00f6rper ist nur Vehikel.&#8220; (232f.)<\/p>\n<p>Kein Wunder, dass ihn diese \u00dcberlegungen von Aristoteles (&#8222;Es kommt nicht darauf an zu lernen, sondern ein Gef\u00fchl zu erleben und sich in einen bestimmten Zustand zu begeben&#8220;, 268) bis zu Becketts Trilogie <em>Molloy<\/em>, <em>Malone stirbt<\/em> und <em>Der Namenlose<\/em> f\u00fchren (&#8222;Alles Schreiben ist eine S\u00fcnde wider die Sprachlosigkeit, hat Beckett gesagt&#8220;, 305).<\/p>\n<p>In der Meditation gelingt es Parks schlie\u00dflich, die Trennung von Geist und K\u00f6rper &#8211; und auch seine Schmerzen &#8211; zu \u00fcberwinden, sch\u00f6n geschildert in einer Szene am Fr\u00fchst\u00fcckstisch nach einigen Tagen im Retreat: &#8222;Alles war ganz es selbst, gab Anlass sowohl zum Staunen als auch zur Gleichg\u00fcltigkeit. Verstreute Kr\u00fcmel, versch\u00fcttete Milch. Ich starrte alles an. Wie bei einem C\u00e9zanne war jeder Gegenstand befreit vom Geflecht menschlicher Interpretation. Eine Tasse neben einer Melonenspalte. Ganz sie selbst. Ich benutze jetzt die Worte \u2013 Tasse, Melone \u2013 aber damals war mein Geist wortlos. Die Tasse, die Melone waren Dinge ohne Worte, standen nicht in einem Zusammenhang, waren nicht Teil eines Satzes oder einer Geschichte. Und es gab keine Distanz zwischen uns. Ich war in der Tasse, ich war klebrig von der Melone.&#8220; (324)<\/p>\n<p>Am meisten hat mich daran verbl\u00fcfft, dass die Erfahrungen geradewegs in Beschreibungen f\u00fchren, wie man sie auch von Autisten liest: die Aufhebung der Trennung zwischen sich und der Welt, die unmittelbare Erfahrung der Dinge, die permanente &#8211; dabei aber wortlose &#8211; Kommunikation der Sinne mit allem, was ist: Ger\u00e4usche, Licht, Farben, Ger\u00fcche, Texturen, Gegenst\u00e4nde, Menschen; die Menschen aber immer nur ein Teil des Ganzen. Die schwierige oder unm\u00f6gliche Verortung des Selbst in diesem Get\u00fcmmel der Wahrnehmung, beim Autisten als Problem angesprochen, wird bei Parks zur L\u00f6sung eines Problems. Erstaunlich, ganz erstaunlich.<\/p>\n<p>&#8222;Aber w\u00e4hrend die Worte und die Gedanken sich aus dem Kopf verfl\u00fcchtigen, wird das Ich schw\u00e4cher. Es gibt keine Geschichte, die es n\u00e4hrt. Wenn die W\u00f6rter verschwinden, ist es gleichg\u00fcltig, ob man in Verona oder in Varanasi ist. Ob es Abend oder Morgen ist, ob man jung oder alt, Mann oder Frau, arm oder reich ist, in der Stille, im Dunkeln, in der Ruhe, nicht so wichtig. Ebenso wie Geister, Engel oder G\u00f6tter ist das \u201aIch\u2019, so stellt sich heraus, eine Einbildung, eine Geschichte, die wir uns selbst erz\u00e4hlen. Es braucht die Sprache, um zu \u00fcberleben. Die W\u00f6rter erzeugen Bedeutung, die Bedeutung Absicht, die Absicht Geschichte. Aber hier gibt es f\u00fcr eine kurze Weile keine Geschichte, keine Erz\u00e4hlung, keine T\u00e4uschung. Hier gibt es Stille und Hinnahme; die Wonne eines Raums, der nicht mit Bedeutung gef\u00fcllt werden muss. Wenn das Bewusstsein achtsam ist, den Leib, den Atem, das Blut ganz wahrnimmt, erlaubt es dem \u201aIch\u2019, sich davonzuschleichen.&#8220; (362f.)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Tim Parks hat ein Buch \u00fcber Prostataprobleme geschrieben, aber das stimmt eigentlich nicht, denn es ist auch ein Buch \u00fcbers Kajakfahren (Frau Sopran!), \u00fcber Meditation, \u00fcber Samuel Beckett und vieles mehr. Was mich an dem manchmal etwas lang geratenen Buch am meisten interessiert hat, waren die Beschreibungen \u00fcber Meditation als geistige Disziplin jenseits der Sprache. 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