{"id":2031,"date":"2011-05-10T12:27:29","date_gmt":"2011-05-10T10:27:29","guid":{"rendered":"http:\/\/gedankentraeger.de\/?p=2031"},"modified":"2011-05-10T12:29:28","modified_gmt":"2011-05-10T10:29:28","slug":"siri-hustvedt-der-sommer-ohne-manner","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gedankentraeger.de\/?p=2031","title":{"rendered":"siri hustvedt: der sommer ohne m\u00e4nner."},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/gedankentraeger.de\/wp-content\/uploads\/2011\/05\/hustvedt.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-medium wp-image-2033\" title=\"Sommer ohne M\u00e4nner\" src=\"http:\/\/gedankentraeger.de\/wp-content\/uploads\/2011\/05\/hustvedt-181x300.jpg\" alt=\"\" width=\"181\" height=\"300\" \/><\/a><\/p>\n<p>Wenn ich mir B\u00fccher kaufe, was sehr selten ist, aber auch, wenn ich welche geschenkt bekomme, lese ich sie oft erst viel sp\u00e4ter, weil es mich zun\u00e4chst einfach mal beruhigt, sie zu haben, lesen kann man sie jederzeit, man besitzt sie schlie\u00dflich, sie werden auch morgen und \u00fcbermorgen noch da sein. Das Beste am Ausleihen aus Bibliotheken dagegen ist, dass man die B\u00fccher nach vier Wochen zur\u00fcckgeben muss und damit ein kleiner, aber feiner Druck entsteht, die B\u00fccher zu lesen; zumal man ein so neues Buch wie Hustvedts &#8222;Sommer ohne M\u00e4nner&#8220; wegen Vormerkungen bestimmt nicht wird verl\u00e4ngern k\u00f6nnen. Also habe ich den &#8222;Sommer ohne M\u00e4nner&#8220; ausgelesen (f\u00e4llig: gestern) und Franzens &#8222;Freedom&#8220; liegt halb gelesen auf meinem Nachttisch (f\u00e4llig: in drei Wochen).<\/p>\n<p>Der &#8222;Sommer ohne M\u00e4nner&#8220; war okay, die \u00dcbersetzung auf jeden Fall viel besser als die der &#8222;Leiden eines Amerikaners&#8220; (\u00fcber ein paar S\u00e4tze und W\u00f6rter bin ich dennoch gestolpert und werde mir bei Gelegenheit mal ansehen, was da im Original stand), aber richtig gepackt hat mich der neue Roman von Siri Hustvedt nicht. J\u00f6rg Magenau rezensierte im <em>Deutschlandradio Kultur<\/em>:<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.dradio.de\/dkultur\/sendungen\/kritik\/1414864\/\">Diese Anordnung von Figuren &#8211; und mehr ist es nicht &#8211; erlaubt Hustvedt, \u00fcber verschiedene Formen von Weiblichkeit und deren gesellschaftliche Herausbildung nachzudenken. Die Schwierigkeiten des Jungseins stehen in hartem Kontrast zu denen des Alters und zum ganz normalen weiblichen Alltag in der Provinz.<\/a><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.dradio.de\/dkultur\/sendungen\/kritik\/1414864\/\">Und doch ist ihre Sprache erz\u00e4hlerisch, entspannt, souver\u00e4n &#8211; ganz im Gegensatz zum vorigen, ebenfalls als Roman angepriesenen Buch &#8222;Die zitternde Frau&#8220;, das nichts als ein Zettelkasten voller Exzerpte neurophysiologischer Lekt\u00fcren gewesen ist.<\/a><\/p>\n<p>Ich teile seinen ersteren Eindruck, dass es eine Anordnung von Figuren ist, die recht offensichtlich konstruiert wurde, um Ausf\u00fchrungen \u00fcber bestimmte Themen (Weiblichkeit, Geschlechterdiskurs, Ehe, Elternschaft, Pubert\u00e4t, Alter) zu erm\u00f6glichen, aber ich teile nicht vollst\u00e4ndig die Bewertung, dass dies erz\u00e4hlerisch gelungen ist. F\u00fcr mich hatte der Roman viel von dem Lekt\u00fcre-Zettelkasten der &#8222;Zitternden Frau&#8220;, was mich bei der &#8222;Zitternden Frau&#8220; gar nicht gest\u00f6rt hat, da ich das Buch \u00fcberhaupt nicht als Roman gelesen habe, sondern als Sachbuch (ich las es auf Englisch und kann mich nicht erinnern, dass es da als Roman kategorisiert wurde). Im Sachbuch fand ich die intellektuellen Ausfl\u00fcge gelungen, aber in einem Roman m\u00fcsste deren Inhalt, die Essenz ihrer Schlussfolgerungen, \u00fcber die Erz\u00e4hlung selbst transportiert werden. Im &#8222;Sommer ohne M\u00e4nner&#8220; schalten sich die Betrachtungen aber auch wieder durch einen intellektuellen \u00dcberbau ein, das funktioniert manchmal, aber nicht immer. Gute Literatur w\u00e4re, wenn die separat dazugelieferten Erkenntnisse stattdessen in die Geschichte und Charaktere hineingewoben worden w\u00e4ren, Geschichte und Charaktere f\u00fcr sich h\u00e4tten stehen und aussagen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Beim <em>NDR<\/em> hei\u00dft es: <a href=\"http:\/\/www.ndr.de\/kultur\/literatur\/buchtipps\/hustvedt107.html\">Die Perlen des Buches finden sich au\u00dferhalb der eigentlichen Geschichte; immer dann, wenn Hustvedt abschweift, Mia \u00fcber das Leben nachdenken l\u00e4sst, und pers\u00f6nliche Beobachtungen mit ihrem schier unersch\u00f6pflichen Wissen aus Philosophie und Psychologie w\u00fcrzt. &#8222;Der Sommer ohne M\u00e4nner&#8220; beweist: Man kann auch ein hervorragendes Buch schreiben, wenn Story und Titel nicht \u00fcberzeugen.<\/a><\/p>\n<p>Literaturkritik mal ganz neu: die ganze &#8218;eigentliche Geschichte&#8216; samt Titel \u00fcberzeugt nicht, daf\u00fcr aber die intellektuellen Ausschweifungen, macht unterm Strich ein &#8218;hervorragendes Buch,&#8216; wtf? Gutes Beispiel auch daf\u00fcr, wie Rezensionen \u00fcber Hustvedt-B\u00fccher manchmal zu unangenehmer Anbiederung neigen (&#8222;schier unersch\u00f6pfliches Wissen aus Philosophie und Psychologie&#8220;).<\/p>\n<p>Eine nicht ganz so huldigend formulierte Einsch\u00e4tzung der <em>Zeit<\/em> auf dem Buchr\u00fccken: &#8222;Die intellektuelle Demut und die Wissbegier sind Siri Hustvedts Schwestern.&#8220; Ich empfinde im Gegenteil zur Demut zunehmend eher eine gewisse \u00dcberheblichkeit (Arroganz?) und ein gewisses Ma\u00df an Zurschaustellung, es fing bei den &#8222;Leiden eines Amerikaners&#8220; an, wurde bei der &#8222;Zitternden Frau&#8220; st\u00e4rker und nun noch einmal deutlicher beim &#8222;Sommer ohne M\u00e4nner.&#8220; Mehr und mehr lese ich im Subtext dieses: &#8222;Seht mal her, was ich alles gelesen habe.&#8220; Das geht in manchen F\u00e4llen einfach nicht auf, weil das <em>pr\u00e4sentierte Wissen<\/em> [sic!] eben oft kein sonderlich Exklusives ist, sondern eher Mainstream, wenn sie etwa das Milgram-Experiment erw\u00e4hnt (ohne es als solches zu benennen), ein Experiment, das immer und \u00fcberall zitiert wird, und an dem h\u00f6chstens <a href=\"http:\/\/bps-research-digest.blogspot.com\/2011\/02\/milgrams-obedience-studies-not-about.html\">die neue Interpretation durch die Burger-Studie<\/a> interessant gewesen w\u00e4re, aber die kommt bei Hustvedt nicht vor. Ein anderes Beispiel w\u00e4re der allerorten zitierte Fall des <a href=\"http:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Phineas_Gage\">Phineas Gage<\/a>, der in der &#8222;Zitternden Frau&#8220; vorkommt, ach, egal.<\/p>\n<p>Der &#8222;Sommer ohne M\u00e4nner&#8220; ist ein ganz okayes Buch, aber nicht das st\u00e4rkste von Frau Hustvedt (oder ich habe mich langsam einfach an ihr \u00fcberlesen, Problem: siehe <a href=\"http:\/\/www.npr.org\/2011\/05\/03\/135816315\/splitsville-breaking-up-with-your-favorite-bands\">Diskussion \u00fcber Bands bei <em>NPR<\/em><\/a>).<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wenn ich mir B\u00fccher kaufe, was sehr selten ist, aber auch, wenn ich welche geschenkt bekomme, lese ich sie oft erst viel sp\u00e4ter, weil es mich zun\u00e4chst einfach mal beruhigt, sie zu haben, lesen kann man sie jederzeit, man besitzt sie schlie\u00dflich, sie werden auch morgen und \u00fcbermorgen noch da sein. 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