{"id":2348,"date":"2011-10-07T20:54:48","date_gmt":"2011-10-07T18:54:48","guid":{"rendered":"http:\/\/gedankentraeger.de\/?p=2348"},"modified":"2012-05-23T07:40:24","modified_gmt":"2012-05-23T05:40:24","slug":"the-balkan-travelogue-10-24-september","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gedankentraeger.de\/?p=2348","title":{"rendered":"the balkan travelogue [10.-24. september]."},"content":{"rendered":"<p>Wir haben am zehnten Jahrestag von 9\/11 in M\u00fcnchen 134 US-Amerikaner und Kanadier am Flughafen eingesammelt. <br \/>#<br \/>Wir sind in Passau so gerade noch rechtzeitig auf das Schiff gekommen, bevor es ablegte.<br \/>#<br \/>Die Donau: der einzige Fluss Europas, der nach Osten flie\u00dft.<br \/>#<br \/>Unser Schiff: 110 Meter lang. Unsere Reiseroute: Deutschland, \u00d6sterreich, Slowakei, Ungarn, Serbien, Rum\u00e4nien, Bulgarien, Griechenland. <br \/>#<br \/>Ich nenne es Arbeit.<br \/>#<br \/>Ich habe nach der ersten Nacht an Bord morgens um halb sechs auf dem Sonnendeck das erste Mal erlebt, wie das Schiff langsam durch den Fluss in den Sonnenaufgang hineingleitet. Wie sch\u00f6n das ist.<br \/>#<br \/>Wir haben eine F\u00fchrung durch den Stift Melk gemacht.<br \/>#<br \/>Ich habe eine junge Frau gesehen, die den Blick von D\u00fcrnstein auf die Donau malte.<br \/>#<br \/>Ich habe einen unseren Reisenden in \u00d6sterreich tagtr\u00e4umend in den Weinbergen wiedergefunden. <br \/>#<br \/>Wir sind durch die Wachau gefahren.<br \/>#<br \/>Ich bin durch Wien gelaufen, aber am meisten habe ich in Wien in Telefonzellen gestanden und mit Deutschland telefoniert.<br \/>#<br \/>Wir haben in Bratislava einen Vortrag \u00fcber den slowakischen \u00dcbergang in die Marktwirtschaft geh\u00f6rt, im Vergleich erschien mir die deutsche Treuhand pl\u00f6tzlich vergleichsweise gelungen.<br \/>#<br \/>Nach einem vollen Tag in Budapest hat unser netter Kapit\u00e4n abends noch eine Extratour &#8222;Budapest bei Nacht&#8220; ins Programm genommen.<br \/>#<br \/>Wir haben in Kalocsa in Ungarn das Paprika-Museum besucht und in Solt auf einem Gest\u00fct gesehen, wie ein Reiter stehend ein Gespann von f\u00fcnf Pferden reitet.<br \/>#<br \/>Ich habe Aprikosenschnaps getrunken.<br \/>#<br \/>In Moh\u00e1cs wurde das ganze Schiff einem absurden, halbherzigen Face-Check unterzogen, danach st\u00f6rten die ungarischen Zollbeamten absichtlich unseren Vortrag &#8222;The Politics of Race and Religion in Europe,&#8220; nur weil sie es eben konnten, weil sie die Macht dazu hatten. Ohne ihr Okay w\u00fcrde das Schiff nicht weiterfahren k\u00f6nnen, also setzten sie sich in die Lounge, lie\u00dfen sich bewirten und redeten so laut, dass es den Vortrag st\u00f6rte, und als Reisende sie baten, leiser zu sein, wurden sie stattdessen noch lauter. Es ging im Vortrag gerade um Machtmechanismen im Nationalsozialismus, ein Reisender dazu: &#8222;You couldn\u2019t escape to notice the irony of the situation.&#8220; Ungarn 2011.<br \/>#<br \/>Wir sind bei bestem Wetter mit der aufgehenden Sonne nach Belgrad eingefahren, und die Stadt hatte schon gewonnen. <br \/>#<br \/>Immer wieder die Sonnenaufg\u00e4nge. Auf der Donau sollte man immer nach Osten fahren.<br \/>#<br \/>Ich habe im Belgrader &#8222;Caf\u00e9 Fragezeichen&#8220; einen traditionellen Kaffee getrunken, eines der \u00dcberbleibsel der osmanischen Herrschaft.<br \/>#<br \/>Der serbische Historiker, der immer wieder die &#8222;gleichwertige Schuld&#8220; aller ex-jugoslawischen L\u00e4nder betonte und kein Wort \u00fcber Srebrenica verlor.<br \/>#<br \/>Das Ablegen in Belgrad um elf Uhr abends unter Beats entlang lebhafter Clubs am Flussufer \u00e4hnlich magisch wie die Ankunft bei Sonnenaufgang. <br \/>#<br \/>Wie sind durch das Eiserne Tor gefahren.<br \/>#<br \/>Wir haben ein rum\u00e4nisches Wasserkraftwerk besichtigt.<br \/>#<br \/>Rum\u00e4nien, tats\u00e4chlich ein kleiner Kulturschock, wohl f\u00fcr alle Beteiligten, denn bei unserem Andocken in Drobeta Turnu Severin kam gef\u00fchlt das halbe Dorf zum Hafen. Wir waren anscheinend genauso interessant f\u00fcr sie wie umgekehrt.<br \/>#<br \/>Ich habe halbfertige Parkanlagen gesehen, anscheinend EU-F\u00f6rderprojekte, wie wir h\u00f6rten, die unfertig abgebrochen w\u00fcrden, sobald das Geld gezahlt wurde. Ich h\u00f6rte auch, dass die Blumen und B\u00e4ume binnen vier Wochen ausgegraben werden und ihren Weg in Privatg\u00e4rten finden. Ich kann nicht absch\u00e4tzen, was wahr ist von dem, was ich h\u00f6re, aber was ich sah: wie trostlos es noch ist.<br \/>#<br \/>Ich habe die Stadtf\u00fchrerin in Turnu Severin gefragt, was aus den Mitarbeitern der Securitate geworden ist, sie wurde bleich und fragte erschrocken: &#8222;Do I have to talk to people about that?&#8220; In keinem der L\u00e4nder erlebte ich einen Umgang so offen, wie ich es aus Deutschland zur Stasi gewohnt bin.<br \/>#<br \/>Wir haben die Festung Baba Wida besichtigt.<br \/>#<br \/>Wir haben im bulgarischen Widin nach acht N\u00e4chten auf dem Schiff die Donau verlassen und sind mit dem Bus weitergefahren, zun\u00e4chst nach Sofia, Mittagessen in Belogradtschik. <br \/>#<br \/>Die Suppe f\u00fcr 137 Personen wurde mit Ankunft des ersten Busses f\u00fcr alle serviert, auch wenn die anderen drei Busse noch gar nicht da waren. Mit vier Reisebussen voller Nordamerikaner durch Rum\u00e4nien und Bulgarien zu fahren, das ist schon noch &#8222;off the beaten track.&#8220;<br \/>#<br \/>Sofia war toll, nicht zuletzt das Internet im Sheraton, endlich wieder Internet.<br \/>#<br \/>In Bulgarien hei\u00dfen die Rastst\u00e4tten &#8222;Happy.&#8220;<br \/>#<br \/>Ich habe mich mit einem j\u00fcdischen Arzt \u00fcber die deutsche Seele unterhalten. Er hatte mich nach meinem Vortrag in Sofia gefragt: &#8222;Do you think Germany\u2019s soul can recover after what happened to it during the 20th century?&#8220; Er verglich Deutschland mit einem Patienten, der dem Tod gerade noch entgangen sei. Wie kann die Seele des Patienten das verarbeiten? <br \/>#<br \/>Do you think Germany\u2019s soul can recover after what happened to it during the 20th century? (Die Frage geht mir seither nicht mehr aus dem Kopf.)<br \/>#<br \/>Ich habe einen Vortrag \u00fcber die Geschichte Bulgariens geh\u00f6rt und gemerkt, wie besch\u00e4mend wenig ich \u00fcber die Geschichte Bulgariens wusste, eines Landes immerhin, das gar nicht weit weg von Deutschland, und zudem Teil Europas ist. <br \/>#<br \/>An Christoph Ransmayrs Buch aus dem Anfang der Neunziger gedacht, zumindest f\u00fcr mich anscheinend immer noch treffend betitelt: &#8222;Im blinden Winkel.&#8220; Nachrichten aus Mitteleuropa.<br \/>#<br \/>Wir sind mit dem Bus von Sofia nach Thessaloniki gefahren, mit Zwischenstopp im Kloster von Rila. <br \/>#<br \/>Das Rila-Kloster wieder so ein Ort, der trotz Regen wunderbar war (erst der zweite Regen der Reise, der erste: Bratislava). <br \/>#<br \/>Ich habe mich dar\u00fcber gewundert, dass Ikonen aus dem 15. Jahrhundert im Klostermuseum vollster herk\u00f6mmlicher Halogenbeleuchtung ausgesetzt werden. Keinerlei konservatorische Ma\u00dfnahmen zu erkennen.<br \/>#<br \/>Ich habe in Thessaloniki drei Demonstrationen gesehen, und abends auf der Stra\u00dfe tanzende Menschen.<br \/>#<br \/>Ich habe in Tavernen gesessen und Mezes gegessen.<br \/>#<br \/>Ich habe in der Altstadt von Thessaloniki einen Mann gesehen, der einen Sarg auf dem R\u00fccken \u00fcber die Stra\u00dfe trug.<br \/>#<br \/>Ich war beeindruckt vom neuen arch\u00e4ologischen Museum in Pella.<br \/>#<br \/>Ich habe das Philipp-Grab gesehen und im Innern des Gro\u00dfen Tumulus ist mir schwindelig geworden.<br \/>#<br \/>Ich habe von einem Biobauern in Vergina eine T\u00fcte leckerster Nektarinen geschenkt bekommen.<br \/>#<br \/>Beim Farewell Dinner haben wir stehende Ovationen bekommen, was wirklich selten ist (und ziemlich r\u00fchrend, wenn \u00fcber 100 Leute aufstehen und begeistert klatschen). <br \/>#<br \/>Der j\u00fcdische Arzt schenkte mir zum Abschied das Buch &#8222;Einstein\u2019s German World&#8220; von Fritz Stern, mit einer sch\u00f6nen Widmung. (Chapter seven is my talk, apparently. Looking forward to reading it.)<br \/>#<br \/>Ich habe noch nie so viel \u00fcber Deutschland nachgedacht wie auf dem Balkan.<br \/>#<br \/>Ich habe in zwei Wochen nur ein einziges behindertes Kind gesehen (Fu\u00dfg\u00e4ngerzone in Belgrad).<br \/>#<br \/>Zuhause hat das Kind in der Zwischenzeit die 1,60 m-Marke geknackt.<br \/>#<br \/>Eine sch\u00f6ne, aber auch sehr arbeitsreiche und anstrengende Reise.<br \/>#<br \/>Fotos [<a href=\"http:\/\/www.flickr.com\/photos\/gedankentraeger\/sets\/72157629857975282\/show\/\">#<\/a>]<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wir haben am zehnten Jahrestag von 9\/11 in M\u00fcnchen 134 US-Amerikaner und Kanadier am Flughafen eingesammelt. #Wir sind in Passau so gerade noch rechtzeitig auf das Schiff gekommen, bevor es ablegte.#Die Donau: der einzige Fluss Europas, der nach Osten flie\u00dft.#Unser Schiff: 110 Meter lang. 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