{"id":2407,"date":"2011-10-26T15:47:26","date_gmt":"2011-10-26T13:47:26","guid":{"rendered":"http:\/\/gedankentraeger.de\/?p=2407"},"modified":"2011-11-01T09:54:52","modified_gmt":"2011-11-01T07:54:52","slug":"die-legende-der-dritten-generation","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gedankentraeger.de\/?p=2407","title":{"rendered":"die legende der dritten generation."},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/gedankentraeger.de\/wp-content\/uploads\/2011\/10\/9783351027346.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-medium wp-image-2408\" title=\"Die Legenden der V\u00e4ter\" src=\"http:\/\/gedankentraeger.de\/wp-content\/uploads\/2011\/10\/9783351027346-174x300.jpg\" alt=\"\" width=\"174\" height=\"300\" \/><\/a><\/p>\n<p>In &#8222;Die Legenden der V\u00e4ter&#8220; schreibt Kolja Mensing \u00fcber die Suche nach seinem polnischen Gro\u00dfvater, den er nur aus Erz\u00e4hlungen seines Vaters kennt. W\u00e4hrend eines Stipendiumsaufenthalts in Krakau besucht Kolja Mensing die Schwester des Gro\u00dfvaters und beginnt damit, seine Geschichte genauer zu recherchieren. Die Erz\u00e4hlungen \u00fcber dessen Leben m\u00fcssen im Zuge der Recherche immer wieder revidiert werden, der Gro\u00dfvater hatte sich seine vom zweiten Weltkrieg gepr\u00e4gte Biographie offensichtlich zu gro\u00dfen Teilen erdichtet, hatte gesch\u00f6nt, weggelassen und in einigen F\u00e4llen schlichtweg gelogen. Die Suche ger\u00e4t unweigerlich zu einer Entzauberung, wenn nicht gar zu einer Demontage. Doch der Autor bricht die Suche nicht ab, er schont weder sich noch seinen Vater vor dem Ergebnis.<\/p>\n<p>Im Laufe der Familienforschung wird Kolja Mensing bewusst, wie auch sein Vater ihm von der Kindheit in der Nachkriegszeit im norddeutschen F\u00fcrstenau zun\u00e4chst ebenfalls sehr selektiv erz\u00e4hlt hatte. Die abenteuerlichen Geschichten des Vaters \u00fcber Streiche und Stromern, die an Tom Sawyer erinnern, und die er dem kleinen Sohn als Gutenachtgeschichten erz\u00e4hlte, erw\u00e4hnten die Gewaltt\u00e4tigkeit der alleinerziehenden Mutter nicht, wie auch nicht das ganze, gro\u00dfe Geflecht schwieriger Familienbeziehungen in einer Zeit, in der nach dem Krieg viele Menschen auf engem Raum unter einem Dach zu leben gezwungen waren. In den Erz\u00e4hlungen kamen die Schwierigkeiten eines unehelichen Kindes nicht vor, das als Polenkind gro\u00df wurde in einer Gesellschaft, die Beziehungen zwischen polnischen Besatzungssoldaten und deutschen Frauen verachtete. Die Tom Sawyer-Geschichten werden erst im Laufe des Aufwachsens angereichert durch diese Dimensionen. Dies ist wohl insofern eine \u00fcbliche Entwicklung, als die meisten Kinder im Laufe ihres Aufwachsens langsam immer mehr \u00fcber die Familie erfahren. Dass die Legenden des Vaters mit den Legenden des Gro\u00dfvaters verkn\u00fcpft sind, macht aber das Besondere auch dieses Erz\u00e4hlstrangs aus.<\/p>\n<p>F\u00fcr Enkel wird die Beziehung zur Generation der Gro\u00dfeltern wohl meistens teilweise mittelbar \u00fcber die Eltern gepr\u00e4gt, aber im Falle eines abwesenden Gro\u00dfelternteils ist die Beziehung des Enkels zum Gro\u00dfelternteil jeglicher unmittelbaren und vom Elternteil unabh\u00e4ngigen Dimension beraubt. Der Vater hatte es in den schwierigen Umst\u00e4nden seiner Kindheit vielleicht gebraucht, den eigenen Vater zu idealisieren, der l\u00e4ngst zur\u00fcck nach Polen gegangen war. Ihm war das Phantom n\u00fctzlich, dem Enkel nicht. Der musste erst hinter die Erz\u00e4hlungen des Vaters gelangen, um zum Gro\u00dfvater vorzusto\u00dfen, und dann wiederum hinter die Erz\u00e4hlungen des Gro\u00dfvaters gelangen, um die Familiengeschichte zu verstehen. Eine enorme Aufarbeitungsaufgabe, an der Kolja Mensing fast zehn Jahre gearbeitet hat, und die ein faszinierendes Bild dreier Generationen ergibt. Aus der Aufarbeitung der Legenden der beiden vorigen Generationen entsteht in diesem Buch, fast nebenbei und zuerst fast unbemerkt, die Legende der dritten Generation.<\/p>\n<p>Kolja Mensings Buch ist eine Mischung aus Sachbuch und Fiktion. Der Autor hat all die neuen Informationen, die er in Gespr\u00e4chen mit Verwandten und aus Archiven in Gro\u00dfbritannien, Polen und Deutschland \u00fcber Jahre hinweg zusammengepuzzelt hat, nicht einfach nur n\u00fcchtern wiedergegeben, das w\u00e4re immerhin auch eine M\u00f6glichkeit gewesen. Er hat sich dazu entschlossen, die neuen Informationen in eine Erz\u00e4hlung zu gie\u00dfen, die am Ende ebenso fiktiv und subjektiv ist, wie es die Erz\u00e4hlungen des Vaters und Gro\u00dfvaters waren. Die atmosph\u00e4rische und erz\u00e4hlerische Tiefe, mit der er die neue Geschichte des Gro\u00dfvaters erschafft, ergibt eine neue Legende. Wie sich der polnische Gro\u00dfvater Jozef und die deutsche Gro\u00dfmutter Marianne in F\u00fcrstenau kennenlernen, beschreibt er zum Beispiel mit vielen Details, das Laub knistert unter den F\u00fc\u00dfen, Jozef kramt in der Jackentasche nach einer Zigarette. Kolja Mensing kann nicht wissen, wie es fr\u00fcher genau war, aber aus den Informationen, die er recherchiert hat, erschafft er ein neues Bild davon, wie es gewesen sein k\u00f6nnte, und in der erz\u00e4hlerischen Dichte, mit der er dies tut, erweist er sich als Sohn seines Vaters und Enkel seines Gro\u00dfvaters. Auch er hat in gewisser Weise ein Denkmal erbaut, ganz besonders in den Passagen des Kennenlernens von Jozef und Marianne bis hin zur Zeugung des Kindes: diese Passagen sind so literarisch erz\u00e4hlt, dass sie zur Legende des eigenen Ursprungs werden. Hier erschafft ein Autor die grundlegende Erz\u00e4hlung: die, woher er kommt, und hier erz\u00e4hlt wiederum ein Vater, so wie seinerzeit sein eigener Vater und noch davor sein Gro\u00dfvater erz\u00e4hlt haben. Die Legenden dreier V\u00e4ter: am Ende ein Buch von vier Generationen.<\/p>\n<p>N\u00e4chste Lesung: diesen Freitag, 28. Oktober ab 20 Uhr im Literarischen Colloquium Berlin. <br \/>Mehr Termine <a href=\"http:\/\/deadletters.de\/\">hier<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In &#8222;Die Legenden der V\u00e4ter&#8220; schreibt Kolja Mensing \u00fcber die Suche nach seinem polnischen Gro\u00dfvater, den er nur aus Erz\u00e4hlungen seines Vaters kennt. W\u00e4hrend eines Stipendiumsaufenthalts in Krakau besucht Kolja Mensing die Schwester des Gro\u00dfvaters und beginnt damit, seine Geschichte genauer zu recherchieren. 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