{"id":2609,"date":"2012-02-14T20:04:44","date_gmt":"2012-02-14T18:04:44","guid":{"rendered":"http:\/\/gedankentraeger.de\/?p=2609"},"modified":"2013-11-20T11:03:44","modified_gmt":"2013-11-20T09:03:44","slug":"kommunikation","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gedankentraeger.de\/?p=2609","title":{"rendered":"kommunikation."},"content":{"rendered":"<p>Was mir zum <em>time warp<\/em> noch einfiel: weitgehende Nonverbalit\u00e4t ist nat\u00fcrlich nicht das gleiche wie Sprachlosigkeit. Ein Mantra f\u00fcr Kinder wie John, das ich in einem hilfreichen Artikel einmal gelesen habe, liegt eigentlich auf der Hand, aber ich muss es mir trotzdem immer wieder sagen, wenn eine Situation schwierig ist: Verhalten ist Sprache. Auch der K\u00f6rper ist nicht nur Vehikel, sondern Sprache. Ein Kind, das nicht spricht, kann sich nur mit seinem K\u00f6rper ausdr\u00fccken.<\/p>\n<p>Dazu kommt eine m\u00f6gliche sensorisch-motorische Verwirrung zwischen egozentrischem und allozentrischem Raum, wie der Wissenschaftler Shaun Gallagher beobachtet hat. Er hat bemerkt, dass autistische Kinder bei Imitationsversuchen den K\u00f6rper des Gegen\u00fcbers benutzen anstatt mit dem eigenen K\u00f6rper zu imitieren.<\/p>\n<p>Auf diesen Einsatz des K\u00f6rpers und des Verhaltens als Sprache sollte man also nicht emotional reagieren, sondern analytisch. Gerade in Momenten, in denen man angegriffen wird, kann das schwer sein. Die Therapeutin Kristin Kaifas-Tennyson schreibt: &#8222;Die meisten Menschen denken, sie werden ganz einfach in der Lage sein, eine Situation distanziert zu betrachten. Dies ist aber h\u00e4ufig nicht der Fall, denn es ist ganz nat\u00fcrlich, dass man seine Gef\u00fchle nicht wie einen Lichtschalter ausschalten kann, besonders, wenn diese Gef\u00fchle gerade verletzt wurden.&#8220; Deshalb muss man sich immer wieder sagen: Verhalten ist Sprache. Dann kann man versuchen, das Verhalten zu \u00fcbersetzen.<\/p>\n<p>Autismus als \u00dcbersetzungsaufgabe.<\/p>\n<p>Ganz abgesehen davon hat John einen gro\u00dfen Schritt getan, indem er in der Bildkartenkommunikation fast vollst\u00e4ndig von der Fotoebene (also reinen Abbildungen, etwa unseres Autos oder der Badewanne) auf die Symbolebene gekommen ist. Das hat den Vorteil, dass sich dann auch andere als rein gegenst\u00e4ndliche Dinge greifen lassen, wie zum Beispiel ein Symbol f\u00fcr das Rausgehen.<\/p>\n<p><a title=\"Rausgehen\" href=\"http:\/\/www.flickr.com\/photos\/44263469@N07\/10958288285\/\" rel=\"\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" title=\"Rausgehen\" src=\"http:\/\/farm6.staticflickr.com\/5477\/10958288285_a5875c8f86.jpg\" alt=\"Rausgehen\" width=\"300\" height=\"222\" \/><\/a><\/p>\n<p>Es hat auch den Vorteil, dass die Symbole viel \u00fcbergreifender einsetzbar sind: wenn der Schulbus wechselt, m\u00fcssen wir kein Foto vom neuen Bus mehr machen und laminieren, das Symbol Bus bleibt gleich. Mit anderen Worten ist die Symbolebene eine erheblich abstraktere Leistung, und John kommt damit zurecht. (Was nat\u00fcrlich nichts daran \u00e4ndert, dass es trotzdem st\u00e4ndig hakt, weil sich so vieles auch anhand von Symbolen statt Fotos nicht kommunizieren l\u00e4sst. Dazu kommt, dass John selbst noch immer kaum aktiv auf diese Kommunikation zur\u00fcckgreift, sie mit wenigen Ausnahmen eher passiv annimmt. Da ist der Nutzen begrenzt, weil er verbale Sprache, also die einfachere Variante, auch immer besser versteht. Der Schl\u00fcssel w\u00fcrde in der Aufhebung der Einbahnstra\u00dfe liegen. Solange er selbst, wie gesagt mit einigen Ausnahmen, weder verbale noch symbolhafte Kommunikation als Ausdruck seines W\u00fcnschens und F\u00fchlens benutzt, und er im <em>Verhalten als Sprache<\/em> verharrt, bleibt uns das <em>zu-zu-zu?-<\/em>Ratespiel erhalten.)<\/p>\n<p>Ganz interessant: Cassirer \u00fcber die taubstummen Helen Keller und Laura Bridgman: &#8222;Der spezifische Charakter der menschlichen Kultur und ihre intellektuellen und sittlichen Werte gehen nicht auf das Material zur\u00fcck, aus dem sie besteht, sondern auf ihre Form, ihre architektonische Struktur. Und diese Form kann sich in allem m\u00f6glichen Sinnesmaterial ausdr\u00fccken. Die Lautsprache ist der taktilen Sprache deutlich \u00fcberlegen; aber die technischen M\u00e4ngel dieser letzteren zerst\u00f6ren nicht ihre grunds\u00e4tzliche Brauchbarkeit. Die freie Entfaltung von symbolischem Denken wird durch die Verwendung taktiler anstelle von lautlichen Zeichen nicht unterbunden.&#8220;<\/p>\n<p><a title=\"Verkehrserziehung\" href=\"http:\/\/www.flickr.com\/photos\/44263469@N07\/10958518343\/\" rel=\"\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" title=\"Verkehrserziehung\" src=\"http:\/\/farm4.staticflickr.com\/3762\/10958518343_33d627a675.jpg\" alt=\"Verkehrserziehung\" width=\"300\" height=\"240\" \/><\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Was mir zum time warp noch einfiel: weitgehende Nonverbalit\u00e4t ist nat\u00fcrlich nicht das gleiche wie Sprachlosigkeit. 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