{"id":2659,"date":"2012-03-02T11:06:48","date_gmt":"2012-03-02T09:06:48","guid":{"rendered":"http:\/\/gedankentraeger.de\/?p=2659"},"modified":"2012-03-02T20:41:16","modified_gmt":"2012-03-02T18:41:16","slug":"unbehagen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gedankentraeger.de\/?p=2659","title":{"rendered":"unbehagen."},"content":{"rendered":"<p>Vorgestern in zibb ein <a href=\"http:\/\/www.rbb-online.de\/zibb\/archiv\/index.media.!etc!medialib!rbb!rbb!zibb!zibb_20120229_annika.html\">Portrait einer Familie mit zwei autistischen Kindern.<\/a><\/p>\n<p>Angek\u00fcndigt wird der Bericht mit den \u00fcblichen Klischees: f\u00fcr Eltern geh\u00f6re es zu den sch\u00f6nsten Momenten, ihr Kind in den Arm zu nehmen und zu kuscheln, aber die Eltern von Annika und Sebastian m\u00fcssten darauf weitgehend verzichten, denn ihre Kinder &#8222;sind Autisten, das hei\u00dft, sie leben oft in ihrer eigenen Welt, die N\u00e4he und Kommunikation kaum zul\u00e4sst. Die beiden Geschwister leiden an einer angeborenen und unheilbaren Entwicklungsst\u00f6rung des Gehirns.&#8220; Stolze 26 Sekunden Intro und wir haben schon die \u00fcblichen Schlagworte geh\u00f6rt: eigene Welt, keine N\u00e4he, und nat\u00fcrlich \/leiden\/ die Kinder an Autismus.<\/p>\n<p>Noch in der Intro allerdings die tr\u00f6stliche Nachricht an den Zuschauer: die Eltern &#8222;versuchen, das beste draus zu machen.&#8220; Was hei\u00dft das, dass die Eltern versuchen, das beste draus zu machen? Es impliziert vor allem eine Insuffizienz der Kinder, was sowohl ignorant als auch herablassend ist. Oder w\u00fcrde man bei zwei nicht-behinderten Kindern auch so berichten: die Eltern versuchen, das beste draus zu machen?<\/p>\n<p>Im Bericht selbst wird die Wendung der eigenen Welt dann erfolgreich totgeritten, insgesamt f\u00fcnf Mal in vier Minuten begegnen wir dem Klischee von der eigenen Welt, in der die autistischen Kinder angeblich leben. Wir erfahren, beim zweiten Kind seien die Eltern &#8222;nicht mehr so tief gefallen&#8220;, als die Diagnose kam. Die Aneinanderreihung von stereotypen Wendungen aus dem Wortsetzbaukasten Autismus geht also weiter, hier mit dem gerne zitierten Mythos des Schocks, den die Diagnose bedeutete. Dieser Mythos wird in Berichten \u00fcber Autismus gerne zitiert, ich kann nur sagen, dass es bei mir \u00fcberhaupt nicht so war, und ich kenne auch andere Eltern autistischer Kinder, die es nicht so empfunden haben. An den Ausf\u00fchrungen der Mutter im Bericht merkt man, dass sie mit der Frage nach dem &#8222;tiefen Fallen&#8220; auch nicht viel anfangen kann, sie antwortet: &#8222;Was n\u00fctzt es, sich da tief fallen zu lassen, es sind unsere Kinder.&#8220;<\/p>\n<p>Im weiteren Verlauf sehen wir dann pl\u00f6tzlich Kinder, die eigentlich ganz gl\u00fccklich aussehen, und eine Familie, die gl\u00fccklich wirkt. Annika sitzt auf dem Scho\u00df des Vaters und spielt mit ihm. Wie das? Nun, wir erfahren, dass sich Annika zum Beispiel bei Musik doch durchaus \u00f6ffne (diese Anspielung auf die eigene Welt habe ich oben noch nicht einmal mitgez\u00e4hlt), und wir sehen, dass auch Sebastian sowohl in seinem Rahmen kommuniziert als auch Spa\u00df hat am Bl\u00e4ttern in einem Traktorbuch. Das sind also die Kinder, von denen in der Intro gesagt wurde, aufgrund ihres Autismus m\u00fcssten die Eltern weitgehend darauf verzichten, sie in den Arm zu nehmen und mit ihnen zu kuscheln? Wir sehen, wie Annika in den Armen der Mutter mit ihr durch die K\u00fcche tanzt, eine fr\u00f6hliche und sehr nahe Szene. Je weiter wir in die vier Minuten und sechzehn Sekunden des Berichtes hineinkommen, umso gr\u00f6\u00dfer wird die Diskrepanz zwischen Bild und Text.<\/p>\n<p>Es l\u00e4sst sich vielleicht nur dadurch erkl\u00e4ren, dass der Bericht auf eine recht krude Weise die These zu transportieren versucht, Annika und Sebastian h\u00e4tten sich vor allem auch durch eine Verhaltenstherapie aus den USA \/ge\u00f6ffnet\/. Der Vater sagt bewusst vorsichtig, er denke, die Therapien h\u00e4tten dazu beigetragen. Die beiden Kinder haben Co-Therapeuten, die f\u00fcnf Tage die Woche an sechs Stunden pro Tag mit ihnen zusammen sind. Das ist auch ganz verst\u00e4ndlich, denn wir erfahren, dass beide Eltern berufst\u00e4tig sind, da brauchen sie nat\u00fcrlich jemanden, der sich nachmittags um die Kinder k\u00fcmmert.<\/p>\n<p>Wissenschaftlich ist es dabei allerdings v\u00f6llig unerwiesen, ob die Verhaltenstherapie einen Nutzen hat. Mein Eindruck ist, dass das Entscheidende der Kontakt an sich ist: wenn die Kinder jemanden haben, der mit ihnen intensiv in Kontakt tritt (das k\u00f6nnen Einzelfallhelfer, Pflegekr\u00e4fte, von mir aus auch Co-Therapeuten genannt, sein oder auch die eigenen Eltern, ich w\u00fcrde es aber nicht Therapie nennen, sondern Zusammensein), entwickeln sie sich ganz nat\u00fcrlich weiter. Wie bei jedem anderen Kind findet Entwicklung einfach statt, im Kontakt zu anderen, und das gilt auch f\u00fcr autistische Kinder. Letztlich scheint es mir ebenso einfach wie gro\u00df zu sein: solange man ihnen Zeit, Geduld und Liebe schenkt, und sich das Leben gemeinsam sch\u00f6n macht (was etwas ganz anderes ist, als &#8222;das beste draus zu machen&#8220;), k\u00f6nnen autistische Kinder gedeihen und auch gl\u00fccklich sein, gemeinsam mit uns in einer Welt.<\/p>\n<p>Interessanterweise sehen wir all das in den Bildern dieses Berichtes ganz wunderbar \u2013 wenn nur der Text nicht w\u00e4re, den man in seinen Stereotypien vielleicht als autistisch bezeichnen k\u00f6nnte, wenn man dazu geneigt w\u00e4re, solche Metaphern zu verwenden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vorgestern in zibb ein Portrait einer Familie mit zwei autistischen Kindern. 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