{"id":2858,"date":"2012-05-21T10:27:19","date_gmt":"2012-05-21T08:27:19","guid":{"rendered":"http:\/\/gedankentraeger.de\/?p=2858"},"modified":"2012-05-26T23:50:58","modified_gmt":"2012-05-26T21:50:58","slug":"the-magic-wheelchair","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gedankentraeger.de\/?p=2858","title":{"rendered":"the magic wheelchair."},"content":{"rendered":"<p>John geht es gerade nicht so gut, er flippt oft aus, laut und aggressiv, wir sind gemeinsam mit der Schule und allen Beteiligten auf Ursachensuche. Zweimal hat er auf dem Spielplatz verzweifelt geweint. Er sa\u00df jeweils auf der Schaukel und beobachtete Kinder beim Spielen, und pl\u00f6tzlich flossen die Tr\u00e4nen in Str\u00f6men, wir boten ihm an, nach Hause zu gehen, aber das wollte er nicht, er wollte auf der Schaukel sitzen bleiben und weiter den anderen Kindern zusehen. John nimmt seine Umwelt jetzt viel st\u00e4rker wahr, und ich glaube, dieser eigentlich positive Entwicklungsschritt bereitet ihm Schmerzen, denn dadurch merkt er nun auch, wie sehr er ein Au\u00dfenseiter ist, und er versteht nicht, was und wie die &#8222;normalen&#8220; Kinder spielen. Verstecken, Fangen, Fu\u00dfball, er versteht die Zusammenh\u00e4nge nicht, die Interaktion. Aber er will es beobachten. Ich glaube, er versucht zu verstehen, wie sie das machen, aber dann versteht er es doch wieder nicht, und dann kommen die Tr\u00e4nen. Aber John hat ja v\u00f6llig Recht: weglaufen n\u00fctzt nichts. Er muss sich dem stellen, auch wenn es schmerzt. Er wird immer anders sein und er wird einen Weg finden m\u00fcssen, mit sich, seinem Anderssein und seiner Umwelt zurechtzukommen. Wie mutig er wirklich ist. Wir versuchen so gut wie m\u00f6glich, ihn zu unterst\u00fctzen und zu ermutigen (statt mit ihm zu weinen, was man nat\u00fcrlich sofort tun m\u00f6chte, wenn man hilflos daneben steht).<\/p>\n<p>Wir k\u00f6nnen ihm diese Aufgabe und diesen Schmerz leider nicht nehmen, das ist vielleicht das Schwierigste. Wir k\u00f6nnen ihm nur zeigen, dass wir immer f\u00fcr ihn da sind, und ich glaube, das wei\u00df er auch und sp\u00fcrt er auch, aber leider ist es nicht mehr wirklich genug. Er wird bald 12 Jahre alt. Mama und Papa, sch\u00f6n und gut, aber seine Orientierung geht nun deutlich \u00fcber uns hinaus. In seiner Klasse kommt er mit den anderen Kindern sehr gut zurecht, sie m\u00f6gen ihn auch sehr, aber John interessiert sich jetzt f\u00fcr &#8222;normale&#8220; Kinder und wie sie miteinander spielen. Einmal habe ich auf dem Spielplatz in Neuk\u00f6lln zwei sehr nette t\u00fcrkische M\u00e4dchen getroffen und sie gefragt, ob sie mit John auf eine gro\u00dfe Schaukel gehen w\u00fcrden. Das haben sie gerne gemacht und John hat sich total gefreut. Vielleicht sollten wir noch einmal einen Anlauf nehmen f\u00fcr die gemischte Sportgruppe der behinderten und nicht-behinderten Kinder. Vor Jahren hatten wir es schonmal probiert, aber damals hat es John noch gar nicht interessiert. Vielleicht ist es nun an der Zeit daf\u00fcr.<\/p>\n<p>Jedenfalls denke ich, dieser Schmerz von John, der auch unserer ist, k\u00f6nnte vielleicht ein Grund sein, warum er immer wieder ausflippt. Es w\u00e4re so sch\u00f6n, wenn er bei der Kommunikation ein paar Fortschritte machen w\u00fcrde \u2013 nicht, weil es eine Erwartungshaltung von mir ist, sondern weil es ihm selbst so helfen w\u00fcrde. Aber leider kommen wir weder mit Bildern, noch mit Geb\u00e4rden, noch mit wiederholten Worten so richtig weiter im Moment, im Grunde sind wir in einer Warteschleife, und geben einfach von Tag zu Tag unser Bestes, <em>one day at a time<\/em>. Manchmal ist es eben schwer, f\u00fcr ihn, f\u00fcr uns, und dann hilft es aber eben auch gerade gar nicht, wenn man st\u00e4ndig abwertend angestarrt wird.<\/p>\n<p>Wenigstens Letzteres haben wir einmal \u00fcberwunden. Wir fuhren zu Ikea, John war schon im Auto genervt und wir bef\u00fcrchteten einen baldigen Ausbruch. Da sahen wir einen dieser Ikea-Rollst\u00fchle. John wird wahnsinnig gerne herumkutschiert, wir k\u00f6nnten ihn also in den Rollstuhl setzen und in Ruhe einkaufen, dachten wir, weil er wahrscheinlich gut gelaunt w\u00e4re, solange wir ihn herumfahren. Wir zeigten also seinen Behindertenausweis vor, hinterlegten einen Personalausweis und schoben los, und tats\u00e4chlich war John schlagartig gut gelaunt. Er machte seine glucksenden Ich-bin-gl\u00fccklich-Ger\u00e4usche, inklusive seinem <em>signature dance<\/em>, dem bereits seit 2006 praktizierten <a href=\"http:\/\/wasweissich.twoday.net\/stories\/2868541\/\">rudernden Sitztanz<\/a>. V\u00f6llig unerwartet begegnete uns eine ganz andere Welt, in der es lauter l\u00e4chelnde Leute gab. Wohin wir auch schoben, \u00fcberall freundliche Menschen, Leute traten vorausschauend zur Seite, lie\u00dfen uns im Restaurant sogar in der Schlange vor, es war einfach unfassbar. Wie oft schon habe ich mit John an Supermarktkassen angestanden und er flippte total aus, biss sich in die Hand, alle starrten uns an, aber keiner lie\u00df uns vor \u2013 und nun, da John gl\u00fccklich glucksend dasa\u00df, wir v\u00f6llig entspannt, wollte uns eine Frau unbedingt vorlassen.<\/p>\n<p>Noch nie ist mir so klar gewesen, wie viel Mitgef\u00fchl k\u00f6rperlichen Behinderungen im Gegensatz zu geistigen Behinderungen entgegengebracht wird. Wir sind es schon so gewohnt, ablehnend, sogar angewidert angestarrt zu werden, man stumpft ja auch ab mit der Zeit und h\u00e4lt das f\u00fcr normal. So richtig bewusst geworden ist mir die Tragweite des Ganzen deshalb erst, als wir mit John in der Rollstuhlwelt unterwegs waren. Wenn wir eine Horrorszene im Supermarkt haben, dann denken die Leute vielleicht, wir seien unf\u00e4hig, das Kind gescheit zu erziehen, ganz anders mit dem Rollstuhl, da vermittelt sich die Behinderung schon im ersten Anblick &#8211; und in dem Moment ist dann die geistige Behinderung pl\u00f6tzlich auch okay, anscheinend braucht sie nur einen deutlich sichtbaren Signifikanten. Es freut mich f\u00fcr die Menschen mit K\u00f6rperbehinderungen, dass sie schon so viel deutlicher ein Teil der Gesellschaft sind, aber meine G\u00fcte, was f\u00fcr ein weiter Weg im Gegensatz dazu noch vor uns liegt, was geistige Behinderungen betrifft. Inklusion, das ist leider viel mehr als abgesenkte Bordsteine.<\/p>\n<p>(Ansonsten hat sich John \u00fcbrigens in Claudia Kleinert verliebt: wenn sie in der ARD oder auf rbb das Wetter ansagt, geht John zum Fernseher und gibt ihrem Mund auf dem Bildschirm einen Kuss.)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>John geht es gerade nicht so gut, er flippt oft aus, laut und aggressiv, wir sind gemeinsam mit der Schule und allen Beteiligten auf Ursachensuche. Zweimal hat er auf dem Spielplatz verzweifelt geweint. 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