{"id":3037,"date":"2012-08-30T15:37:00","date_gmt":"2012-08-30T14:37:00","guid":{"rendered":"http:\/\/gedankentraeger.de\/?p=3037"},"modified":"2017-04-13T10:51:10","modified_gmt":"2017-04-13T09:51:10","slug":"keep-your-mind-set-keep-you-hair-long","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gedankentraeger.de\/?p=3037","title":{"rendered":"keep your mind set, keep you hair long."},"content":{"rendered":"<p>Ein Mann beschwerte sich in der Schweiz dar\u00fcber, dass die Bordsteine unterschiedlich hohe Kanten haben, das mache das Gehen so gef\u00e4hrlich, und ich dachte an die Frau, die auf der angeblich zu nassen Gangway in Antwerpen umgeknickt war und sich den Kn\u00f6chel gebrochen hatte, und an die Frau, die nach dem Lunch im Savoy in Berlin die Treppe zur Toilette hinuntergest\u00fcrzt war, weil das Gel\u00e4nder dort erst bei der dritten Stufe beginnt, und an all die Evaluationsb\u00f6gen, in denen die Leute das Kopfsteinpflaster \u00fcberall in Europa bem\u00e4ngeln, und fehlende Klimaanlagen (eine Zumutung, tats\u00e4chlich Hitze sp\u00fcren zu m\u00fcssen), und je mehr ich mit den amerikanischen Gruppen arbeite, umso mehr nehme ich wahr, wie fast all ihre Kritik darauf hinausl\u00e4uft, dass sie Standardisierungen der ein oder anderen Form vermissen. Ohne Standardisierung erleben sie sofort Kontrollverlust und Unsicherheit. Die Unebenheit des Kopfsteinpflasters ist auch und vielleicht vor allem ihr philosophischer Feind.<br \/>\n~<br \/>\nEin Mann sagte: &#8222;I\u2019m always happy to see a McDonald\u2019s. Whenever I see a McDonald\u2019s while traveling, I know that civilization has arrived to this place.&#8220;<br \/>\n~<br \/>\nDas h\u00f6rt sich jetzt viel schlimmer an, als es war, denn es war tats\u00e4chlich toll in der Schweiz, und die Reisegruppe war sehr, sehr nett. Zum Abschied haben sie mir sogar einen iPod Touch geschenkt, mit dem ich nun begeistert fotografiere, Videos aufnehme, Mails checke \u2013 und Musik h\u00f6re.<br \/>\n~<br \/>\nIch wei\u00df jetzt etwas, das ich als Flachlandkind vorher nicht wusste. Oben am Gornergrat habe ich zum ersten Mal den Ruf der Berge geh\u00f6rt, auch wenn man ihn gar nicht h\u00f6ren kann. Ein wortloses Wissen.<br \/>\n~<br \/>\nFast dachte ich, wir sollten in die Schweiz ziehen, aber dann fuhr ich zwei Stunden lang mit dem Fahrrad durch Berlin, eine gerade erst zusammengestellte Compilation im neuen iPod auf dem Ohr, kaufte in der Oranienstra\u00dfe Tickets f\u00fcr Mina Tindle im Festsaal Kreuzberg und dachte mir: &#8222;Who am I kidding?&#8220;<br \/>\n~<br \/>\nZuhause: John m\u00f6chte am liebsten den ganzen Tag auf dem Sofa rumlungern, entweder Chips oder Eis essen und dabei Musik h\u00f6ren beziehungsweise Youtube-Videos ansehen. A teenager is in da house, p\u00fcnktlich zum 12. Geburtstag n\u00e4chste Woche.<br \/>\n~<br \/>\nGestern Elternabend in der Schule, alleiniges Thema die K\u00fcrzungen. Logop\u00e4die und Ergotherapie gibt es jetzt nur noch auf Rezept, die Kosten sind also zum Gesundheitswesen verlagert worden und bald lesen wir dann, wieviel mehr Geld die Krankenkassen f\u00fcr Therapien ausgeben und wundern uns (nicht). Die Musiktherapie wurde gestrichen, die k\u00f6nnen die Eltern nun selbst bezahlen, wenn sie denn m\u00f6chten\/ k\u00f6nnen. 4,5 Lehrerstellen sind weg und auch hier wundern wir uns (nicht), wie das zu den Pressemitteilungen passt, das Land Brandenburg habe 800 neue Stellen geschaffen, denn bei dem, was dem B\u00fcrger als Einstellungen verkauft wird, handelt es sich in Wirklichkeit nur um Entfristungen, also darum, dass Lehrer, die sowieso schon da waren, feste Vertr\u00e4ge bekommen haben. Die \u00fcbliche Augenwischerei. Neue Lehrer gibt es nicht, und bei den freien Schulen hat man die Anzahl sogar gro\u00dfz\u00fcgig gek\u00fcrzt. Warum? Weil die Lehrer f\u00fcr die Inklusion gebraucht werden, die man kostenneutral umsetzen will. Aus dem gleichen Grund soll zum Jahr 2014 die Beschulungszeit um drei Jahre gek\u00fcrzt werden. Bisher gab es so genannte Werkstufen, die die jungen Erwachsenen zwischen achtzehn und einundzwanzig Jahren besuchen konnten, ab 2014 ist mit achtzehn Schluss. Dann verlassen statt normalerweise circa f\u00fcnfzehn auf einen Schlag 51 Sch\u00fcler die Schule. Werkstatt- und F\u00f6rderpl\u00e4tze gibt es f\u00fcr diesen Ansturm nicht, im Gegenteil: die Werkstattpl\u00e4tze sollen noch gedeckelt werden. Eltern, deren Kind rund um das Jahr 2014 achtzehn wird, k\u00f6nnen sich schon mal drauf einstellen, dass es f\u00fcr den jungen Mann oder die junge Frau keinen Platz gibt au\u00dfer im Hotel Mama, die dann wieder aufh\u00f6ren kann zu arbeiten. Aber so werden nat\u00fcrlich auch wieder Lehrerstellen in den Sonderschulen frei, die man f\u00fcr die kostenneutrale Inklusion braucht. Das ist alles politisch so gewollt. Es war von Anfang an klar, dass die Schw\u00e4chsten und am schwersten Beeintr\u00e4chtigten am meisten drunter leiden werden, aber das interessiert keinen. Mich interessiert es jetzt auch nicht mehr, ich gewinne am Wochenende einfach im Lotto und baue John irgendwo ganz weit drau\u00dfen ein Haus, das seinen Bed\u00fcrfnissen entspricht. Or what?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Mann beschwerte sich in der Schweiz dar\u00fcber, dass die Bordsteine unterschiedlich hohe Kanten haben, das mache das Gehen so gef\u00e4hrlich, und ich dachte an die Frau, die auf der angeblich zu nassen Gangway in Antwerpen umgeknickt war und sich den Kn\u00f6chel gebrochen hatte, und an die Frau, die nach dem Lunch im Savoy in [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[23,47],"tags":[],"class_list":["post-3037","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-autismus","category-reisen"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/gedankentraeger.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3037"}],"collection":[{"href":"https:\/\/gedankentraeger.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/gedankentraeger.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/gedankentraeger.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/gedankentraeger.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=3037"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/gedankentraeger.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3037\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":5220,"href":"https:\/\/gedankentraeger.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3037\/revisions\/5220"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/gedankentraeger.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=3037"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/gedankentraeger.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=3037"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/gedankentraeger.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=3037"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}