{"id":3184,"date":"2012-12-07T11:55:30","date_gmt":"2012-12-07T09:55:30","guid":{"rendered":"http:\/\/gedankentraeger.de\/?p=3184"},"modified":"2013-11-22T10:40:17","modified_gmt":"2013-11-22T08:40:17","slug":"far-from-the-tree","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gedankentraeger.de\/?p=3184","title":{"rendered":"far from the tree."},"content":{"rendered":"<p>Ich lese gerade <a href=\"http:\/\/www.amazon.de\/Far-Tree-Andrew-Solomon\/dp\/1476706956\/ref=sr_1_1?ie=UTF8&amp;qid=1354873572&amp;sr=8-1\">Far from the Tree<\/a> von Andrew Solomon. Auf 962 Seiten portr\u00e4tiert Solomon Familien mit Kindern, die auf die eine oder andere Weise anders sind als ihre Eltern. Die Pr\u00e4misse des Buches ist, dass Kinder und Eltern in vielerlei Hinsicht \u00e4hnliche Erfahrungsgrundlagen haben, vertikale Identit\u00e4ten, wie Solomon es nennt, und dass sich Ver\u00e4nderungen ergeben, wenn es entscheidende Bereiche gibt, in denen das Wesen sehr unterschiedlich ist, horizontale Identit\u00e4ten. Das sind im Buch zum Beispiel Geh\u00f6rlosigkeit, Kleinw\u00fcchsigkeit, Down-Syndrom, Autismus, Schizophrenie, Schwerstmehrfachbehinderung, Wunderkinder, Kind nach Vergewaltigung, Transsexualit\u00e4t.<\/p>\n<p>Was f\u00fcr ein Aufwand dahinter stecken muss, all diese Themen zu recherchieren und Familien kennen zu lernen. Solomon umgeht viele Fallen, zum Beispiel sprachlicher Art. Er versteht die Diskurse rund um die Behindertenrechtsbewegung, er hat sich wirklich da rein begeben. Es gibt viel Positives \u00fcber das Buch zu sagen, aber es gibt auch ein paar Probleme. <a href=\"http:\/\/www.bookslut.com\/blog\/archives\/2012_12.php#019709\">Jessa Crispin<\/a> hat geschrieben, dass sie \u00fcber die M\u00fctter nicht hinwegkommt. Sie seien ihr zu wenig ambivalent, und das geht mir genauso.<\/p>\n<p>Andererseits ist genau das auch ein Problem, das ich beim Schreiben meines eigenen Buches habe. Es ist wahnsinnig schwierig, Ambivalenz auszudr\u00fccken, ohne respektlos gegen\u00fcber dem Kind zu sein. Mein Agent sagte mir mal, dass die Schwierigkeiten mehr Platz bekommen sollten, weil ich doch im Expos\u00e9 ausdr\u00fccklich sage, ich wolle \u00fcber beide Seiten schreiben. Das stimmt, aber es ist heikel, weil ich das Schwierige nicht John anlasten m\u00f6chte. Ich glaube, ich habe in der Zwischenzeit einen Weg gefunden, aber das hat gedauert, und ob es wirklich gelungen ist, kann ich nat\u00fcrlich auch nicht beurteilen.<\/p>\n<p>Es gibt anscheinend, wenn man \u00fcber horizontale Identit\u00e4ten nachdenkt, so etwas wie typische Fallstricke, oder typische blinde Flecken. Nicht ohne Grund gibt es bestimmte Narrative, wie die verzweifelte Betroffenheitsliteratur oder umgekehrt die Heile-Welt-Erfolgsgeschichte. Ohne Ambivalenz ist es deutlich einfacher. \u00a0<\/p>\n<p>Einen weiteren Punkt, den Jessa nennt, habe ich auch so empfunden: dass Solomon in seiner eigenen Geschichte (seine horizontale Identit\u00e4t ist, dass er schwul ist) Details zu sehr aufbl\u00e4st, zum Beispiel, dass er als kleiner Junge einen pinkfarbenen Luftballon haben wollte, aber die Mutter ihn dazu \u00fcberredete, einen blauen zu nehmen. Als er es das erste Mal erz\u00e4hlte, fand ich das interessant. Das Problem ist, dass er das Beispiel immer wieder bringt. Irgendwann denkt man sich: \u201eGet over the balloon, already\u201c, aber das ist nat\u00fcrlich unfair. Offensichtlich ist es ihm so wichtig, dass er es wiederholt erz\u00e4hlt. Das Problem ist ein Hang zur \u00dcberbetonung, dem man, glaube ich, ganz leicht erliegt. Zumindest habe ich auch das bei mir selbst bemerkt. \u00dcberbetonung wird irgendwann eher kontraproduktiv. Wenn man st\u00e4ndig auf der Andersheit rumreitet, dann erschwert das eine Akzeptanz eher, als es sie erleichtert. Man vergr\u00f6\u00dfert damit ja auch einen imagin\u00e4ren Graben.<\/p>\n<p>Noch ein blinder Fleck, der mir bei mir aufgefallen ist, ist, dass John leicht zu blass bleibt. Weil er nicht spricht und ich nicht wei\u00df, was er denkt und f\u00fchlt, ist es schwierig. Ich kann und will ihm nichts in den Mund oder in den Kopf legen, ich kann nur von au\u00dfen betrachten, meine Beobachtung schildern, versuchen zu verstehen. Das ist manchmal etwas m\u00fchsam, glaube ich. Das Problem war am Anfang sehr gro\u00df, ich glaube, so langsam bekomme ich das besser in den Griff.<\/p>\n<p>Erstaunliche Dinge ergeben sich beim Schreiben, es gibt so viele unerwartete Aspekte, die tats\u00e4chlich auch zur\u00fcckreflektieren auf meine Wahrnehmung unseres Lebens. Das Buchprojekt hat sich \u00fcber die Zeit, f\u00fcnf Jahre arbeite ich nun schon daran, immer wieder ver\u00e4ndert. Zwei Jahre lang habe ich fast nur recherchiert und gelesen, und dann dachte ich, ich h\u00e4tte einen ziemlich guten \u00dcberblick \u00fcber den Autismusdiskurs und habe alles m\u00f6gliche dazu aufgeschrieben, aber dann funktionierte das irgendwie nicht. Es war erstens mal viel zu akademisch (wahrscheinlich, weil ich dem Schreiben an der Uni noch zu nah war) und au\u00dferdem war es mehr oder weniger eine Zusammenfassung des Diskurses. Das war so ein bisschen meh.<\/p>\n<p>Es fehlte auch deutlich das Pers\u00f6nliche, das wurde mir mit der Zeit immer klarer. Ich hatte das alles ja nicht grundlos recherchiert und gelesen und geschrieben, sondern weil es mich zutiefst betrifft. Ich dachte immer mehr, dass es eigentlich feige ist, sich hinter einer totalen Sachperspektive zu verstecken, als behandele man das jetzt mal eben alles ganz distanziert, wissenschaftlich oder journalistisch. Das war es ja nicht. Also schmiss ich alles \u00fcber den Haufen und nahm das Pers\u00f6nliche rein, und dann stie\u00df ich auf ganz viele Probleme. Wie schnell das nach Jammerei klingt, oder nach Eigenlobhudelei, wie \u00f6de viele Themen sind (ich sage nur: Schulsuche), wie schnell man Wertungen vornimmt, wo sie gar nicht gemeint sind. &#8222;Man Wertungen vornimmt&#8220;? Auch das: wie schwer es ist, im Text ein starkes Ich zu entwickeln, ohne zu viele Ironien oder zu viel Um-den-Brei-Schleichen, weil \/man\/ nicht sagen m\u00f6chte, was \/man\/ denkt. Andererseits nat\u00fcrlich, sobald das Ich im Text stark ist, die Gefahr, dass das in eine zu starke Betroffenheitsperspektive abrutscht.<\/p>\n<p>Jetzt bin ich bei der Halbzeit der englischen Version, doktere an den sieben angeblich fertigen Kapiteln aber st\u00e4ndig noch rum, sobald mir wieder auff\u00e4llt, wo noch ein Fallstrick liegt. Eigentlich sollte ich das mal in einer Lesegruppe vorstellen und Kritik erbitten, denn alle blinden Flecke kann ich nicht selbst finden, sonst w\u00e4ren sie ja keine blinden Flecke. Wenn jemand eine Idee hat, wo das mit einem englischen Text in Berlin m\u00f6glich w\u00e4re, bitte gerne melden.<\/p>\n<p>Im Gro\u00dfen und Ganzen ist das Buchprojekt mittlerweile, und gerade innerhalb der letzten vier Wochen, viel pers\u00f6nlicher geworden, als ich es gedacht hatte. Ich kann gl\u00fccklicherweise viel von meinem alten Text einbinden, und trotzdem wird es jetzt ganz anders. Manchmal ist das toll. Manchmal aber auch eher nicht, denn es bleibt nat\u00fcrlich immer die Frage: will ich dies oder das wirklich erz\u00e4hlen. (Da geht es mir <a href=\"http:\/\/misscaro.blogspot.de\/2012\/11\/aua.html\">wie Caro<\/a>.) Vielleicht ist es tats\u00e4chlich eine ganz gute Schicksalsf\u00fcgung, dass kein Verlag daran interessiert ist. So als Selbstpublikation und Print-on-Demand ist es auch in der eigenen Wahrnehmung niedriger aufgeh\u00e4ngt. (Immer, wenn ich zweifle, weil wir nur Absagen bekommen, sagt Scott: &#8222;Who cares, we\u2019re doing this for us.&#8220;)<\/p>\n<p>Halbherzig funktioniert es jedenfalls f\u00fcr mein Gef\u00fchl nicht. Ich habe k\u00fcrzlich das Buch <a href=\"http:\/\/www.amazon.de\/Familienstand-Alleinerziehend-Pl%C3%A4doyer-starke-Lebensform\/dp\/3579067516\/ref=sr_1_1?ie=UTF8&amp;qid=1354870181&amp;sr=8-1\">Familienstand: Alleinerziehend<\/a> gelesen. Es gibt kein Ich in dem Buch, und zudem ist alles pseudonymisiert und anonymisiert. Es gibt ein paar Fl\u00fcchtigkeitsfehler in diesem Prozedere, ein Sohn wird zur Tochter (S. 78), eine Kathrin V. zu Kathrin M. (S. 99), eine Mutter, die in Leipzig wohnt, wird auf Berlin bezogen (S. 105), das ist mir jeweils sofort ins Auge gefallen, weil ich innerlich so sehr damit gehadert habe, dass das so wenig echt oder aufrichtig schien. Au\u00dferdem fehlte mir sehr die pers\u00f6nliche Perspektive der Autorin. Nat\u00fcrlich verstehe ich, dass die M\u00fctter sich nicht so exponieren m\u00f6chten, ganz klar, aber was bleibt dann am Ende? Deshalb und umso mehr wei\u00df ich es zu sch\u00e4tzen, dass sich im Buch von Andrew Solomon die Familien diesem Projekt mit ganzem Herzen zugewendet haben. Das kann nicht einfach gewesen sein, und das respektiere ich sehr.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich lese gerade Far from the Tree von Andrew Solomon. 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