{"id":3373,"date":"2013-07-02T20:35:56","date_gmt":"2013-07-02T18:35:56","guid":{"rendered":"http:\/\/gedankentraeger.de\/?p=3373"},"modified":"2013-07-02T20:35:56","modified_gmt":"2013-07-02T18:35:56","slug":"tddl-2013-die-videoportrats","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gedankentraeger.de\/?p=3373","title":{"rendered":"tddl 2013 [die videoportr\u00e4ts]."},"content":{"rendered":"<p><strong>Larissa Boehning<\/strong><\/p>\n<p>Alltag. &#8222;Fahrr\u00e4der aus Hof rollen, p\u00fcnktlich in der Kita sein, Greta macht einen Ausflug, Geschenk f\u00fcr Jette kaufen, Paco fr\u00fcher abholen&#8220;, Uhlandstra\u00dfe, Bleibtreustra\u00dfe usw.<br \/>Suchen und Finden. (Bildsprache: Stoffe aussuchen.)<br \/>Alleinsein. (&#8222;Pl\u00f6tzlich guck ich mal hoch vom Computer, und da steht\u2019n Reh.&#8220;)<br \/>Schreiben. (Bildsprache: N\u00e4hen der Stoffe.)<br \/>Kritik. Mutter: &#8222;Magst mal kucken?&#8220; \u2013 Tochter: &#8222;Ja.&#8220; \u2013 Larissa Boehning h\u00e4ngt den gen\u00e4hten Stoff auf. \u2013 Tochter fragt: &#8222;Was hast Du denn da gemacht, Mama?&#8220; Mutter l\u00e4chelt.<\/p>\n<p><strong>Hannah D\u00fcbgen<\/strong><\/p>\n<p>Schwarzes Bild, T\u00fcr\u00f6ffnungsger\u00e4usche, dann Schritte, verschwommenes Bild, R\u00fccken einer blonden Frau. &#8222;Wie bewegt sich jemand durch die Stadt, der nicht sieht?&#8220; Diverse Mutma\u00dfungen. Die Autorin interessiert sich f\u00fcr ungewohnte Zug\u00e4nge zum Gewohnten. <br \/>Sie blickt von oben auf den Alexanderplatz und spricht \u00fcber wirkende Kr\u00e4fte beim Schlangestehen. <br \/>Ungew\u00f6hnliche Perspektiven sind &#8222;Spitzer der Aufmerksamkeit, mehr noch: sie sind ein Filter, der Neues zum Vorschein bringt.&#8220;<br \/>Sie versucht in ihren Geschichten, von Menschen und Schicksalen zu erz\u00e4hlen, die ihr fremd sind. <br \/>Bewegung hin zum Anderen &#8222;ist auch eine Bewegung hin zum Schreiben, in das Schreiben hinein.&#8220; (Bildsprache: Wegfahrender U-Bahn-Zug.)<\/p>\n<p><strong>Roman Ehrlich<\/strong><\/p>\n<p>&#8222;Ich glaube, wenn ich eine Sekte oder eine freikirchliche Gemeinde w\u00e4re, dann w\u00e4re ich bestimmt eine von denen, die schon ganz oft das Ende der Welt auf einen bestimmten Termin festgesetzt haben, den sie dann doch wieder verschieben mussten, weil ich mir einfach nie vorstellen konnte, dass die Verh\u00e4ltnisse, in denen ich lebe, einfach so weiter bestehen, und das verbl\u00fcfft mich auch immer wieder. Ich glaube, dass unser Leben, und wonach wir es ausrichten, und was wir uns davon erhoffen, in ganz gro\u00dfem Ma\u00df, also haupts\u00e4chlich eigentlich, von Erz\u00e4hlungen abh\u00e4ngt, und dass es ganz wichtig ist, dass man dabei eine aktive Rolle einnimmt. Also auf der einen Seite gibt\u2019s da diese gro\u00dfen Erz\u00e4hlungen, die so abstrakte Begriffe betreffen wie Freiheit und Erfolg und Selbstverwirklichung und Zugeh\u00f6rigkeit, und die sind dann meistens auch verkn\u00fcpft mit dem Umzug in eine gr\u00f6\u00dfere Stadt, oder der Anschaffung eines Autos, oder Fernsehger\u00e4tes, oder dem Rauchen, und das Komische dabei ist, dass diese Erz\u00e4hlungen eigentlich schon so wie vorgefertigt f\u00fcr einen bereit liegen und sich kaum dadurch ver\u00e4ndern, dass ganz viele Leute sie in sich aufnehmen und weitergeben. Vielleicht weil man sich nicht so oft Gedanken macht \u00fcber die Prozesse, die dem zugrunde liegen, also dass man sich selten die Frage stellt: welche Prozesse laufen da ab, damit am Ende so ein sehr klares Bild entstehen kann? Auf der anderen Seite gibt es diese Erz\u00e4hlungen, die sich Menschen untereinander erz\u00e4hlen, um ihre Wirklichkeit zu begreifen, und die diese Wirklichkeit dadurch immer auch ein St\u00fcck weit ver\u00e4ndern, also dadurch, wie sie Dinge wahrnehmen oder erfahren, oder woran sie sich erinnern, oder wie sie das einorten und bewerten, woran sich andere Leute f\u00fcr sie erinnert haben, und das w\u00e4re dann sowas wie eine kontinuierliche, kleine Revolution der Zust\u00e4nde.&#8220;<\/p>\n<p><strong>Verena G\u00fcntner<\/strong><\/p>\n<p>Badeanstalt, Vogelgezwitscher, WC, Snackpoint, tropfender Badeanzug, Rutsche, Wasser, Sprungturm. Frau springt (Autorin?). Pusteblume, Schwimmbecken, Wasserger\u00e4usch.<\/p>\n<p><strong>Heinz Helle<\/strong><\/p>\n<p>Der Autor f\u00e4hrt Zug. <br \/>Er sagt, er sei ein etwas langsamer Mensch und deshalb f\u00fchle er sich wohl in der Schweiz. &#8222;Langsamkeit ist etwas Gutes. Wenn man sich beeilt, \u00fcbersieht man zu viel.&#8220; (Bildsprache: Betrachtung einer Ente)<br \/>Spagat Philosophiestudium und Werbetexten, aber: beide Bereiche versuchen, mit Sprache Probleme zu l\u00f6sen.<br \/>Gang durch einen Supermarkt und durch die Stadt. Freude am Normalen; an dem, was man hat. (&#8222;Was bedeutet Gl\u00fcck und was hat das mit Normalit\u00e4t zu tun?&#8220;)<br \/>Aufnahme mit Frau und Baby an einem Brunnen. (&#8222;Seine Familie gibt ihm die n\u00f6tige Entspanntheit zum Schreiben.&#8220;)<br \/>Aufnahme in der Wohnung. In einer Ecke liegt ein Karton herum, im Zimmer gibt es Ikea-Kellerregale. <br \/>[Hinweis f\u00fcr <a href=\"https:\/\/docs.google.com\/document\/d\/1CvANIOEDGGTiMWfvI_rCcBTJPZZrl0c70-FH6Z5DpGM\/edit?pli=1\">die automatische Literaturkritik<\/a>: Karl-Gustav-Ruch-Pluspunkt <em>Uncoole Einrichtungsgegenst\u00e4nde<\/em>.]<br \/>Zum Ende erkl\u00e4rt eine Frauenstimme: &#8222;Weil wir noch ein Schlussbild brauchen und Heinz Helle nicht gut Nein sagen kann, f\u00e4hrt er f\u00fcr uns noch ein bisschen auf seinem Skateboard.&#8220;<\/p>\n<p><strong>Nadine Kegele<\/strong><\/p>\n<p>Lustige Zettel-Animation: die Autorin mag Karaoke, Fr\u00fchling, Herbst, Aperol Spritz und Milchb\u00e4rte. Sie mag kein Lakritz, keine Messer (Kill Bill) und auch nicht ihre Oberarme. Sie mag Katzen und Kinder. &#8222;Drei Minuten Eigenwerbung sind peinlich, aber schei\u00df drauf.&#8220;<br \/>[Gelungener Spa\u00df.]<\/p>\n<p><strong>Benjamin Maack<\/strong><\/p>\n<p>Spielplatz. Der Autor setzt sich mit einem Rieseneis auf eine Bank. Ironisches Quatschvideo: Parodie auf Casting-Shows. Am Ende bleibt vor allem h\u00e4ngen, dass der Autor die Menschen nicht ber\u00fchren will. <br \/>[Kein gelungener Spa\u00df]<\/p>\n<p><strong>Nikola Anne Mehlhorn<\/strong><\/p>\n<p>&#8222;Arbeiten im musikalischen Bereich, damit ich literarisch frei bin.&#8220; Tusch in Moll: &#8222;In Deutschland herrscht eine groteske Ungleichbehandlung der K\u00fcnste.&#8220; 24 Musik- bzw. 28 Kunsthochschulen gegen\u00fcber zwei Literaturinstituten: &#8222;Klarer Appell f\u00fcr eine Anti-Arme-Poetenkampagne.&#8220;<br \/>&#8222;Gestorben und wieder auferstanden von den literarisch Toten, nach einer intensiven Familienphase.&#8220;<br \/>Zeigt &#8222;geniale Schreibblockadendesinfektionsstra\u00dfe.&#8220;<br \/>Ein Text kann logisch, strukturiert, gut recherchiert und \u00fcberarbeitet sein und dennoch nicht leben; oder umgekehrt kann ein schlecht konstruierter Text vor Leben strotzen. <br \/>Pusteblumen-Fokusspielerei, dann Schriftstellerportr\u00e4ts im Gras.<br \/>&#8222;Literarische Fixsterne&#8220; \/ &#8222;Weitere Sterne am Literaturhimmel&#8220; (&#8222;G\u00fcnther Grass, eingeschr\u00e4nkt&#8220;). <br \/> [Jede Menge Minuspunkte f\u00fcr Nennung von Autorennamen und Doppelminuspunkt Ingeborg Bachmann].<\/p>\n<p><strong>Joachim Meyerhoff<\/strong><\/p>\n<p>30 verschiedene M\u00e4usebussarde = 30 verschiedene Arten, etwas auszudr\u00fccken. <br \/>Der Autor mag Orte, die ganz klar abgegrenzt sind (Psychiatrie, Museum, Theater). <br \/>Er hatte ein Gef\u00fchl der Biographielosigkeit, dem er begegnen wollte. Sein gro\u00dfes Anliegen ist, sich m\u00f6glichst genau an viele Dinge zu erinnern. [Knausg\u00e5rd, dachte ich schon beim Lesen von <em>Alle Toten fliegen hoch<\/em>.]<br \/>Lustiger Satz: &#8222;Ich kann mich schon im Stehen \u00e4rgern.&#8220;<\/p>\n<p><strong>Anousch M\u00fcller<\/strong><\/p>\n<p>&#8222;Mich gibt&#8217;s eigentlich bislang nur im Netz.&#8220;<br \/>Die Bloggerin und Twitterin geht durch die Natur, inklusive wehende Haare [Minuspunkt <em>Haare im Wind<\/em>].<br \/>&#8222;Inzwischen wird eigentlich jede Lebenssituation mit einem Tweet kommentiert, ob ich im Krei\u00dfsaal bin oder auf dem Standesamt.&#8220;<br \/>Der Tweet als kleine biographische Notiz, als Bekenntnis, als Erkenntnis: &#8222;Diese kleine Form hat etwas unglaublich Bezwingendes.&#8220;<br \/>Geburt des Sohnes unterbrach ihr Schreiben kurz, aber mittlerweile glaubt sie, dass das Schreiben eine recht familienfreundliche T\u00e4tigkeit sei. <br \/>Endeinstellung: Schwenk auf wolkenverhangenen Himmel.<\/p>\n<p><strong>Katja Petrowskaja<\/strong><\/p>\n<p>Autorin sagt lachend, dass sie &#8222;die Welt retten m\u00f6chte, mindestens.&#8220; [Pluspunkt <em>Gr\u00f6\u00dfenwahn<\/em>.]<br \/>\u00a0&#8222;Das Schreiben entwickelt sich aus der Unf\u00e4higkeit, etwas zu akzeptieren; aus einer Art Lebensschw\u00e4che. Schreiben ist ein sehr sch\u00f6nes Bed\u00fcrfnis, manchmal aber auch ein peinliches. Vielleicht ist es wie der Stoffwechsel.&#8220;<br \/>Spiegelung in Spielplatzm\u00f6bel, Sch\u00e4rfe-Unsch\u00e4rfe-Spielereien der Redaktionscrew. Autorin widersetzt sich am Ende dieser Art des Portr\u00e4ts, denn aus dem Off will ihr eine Stimme andienen zu sagen: &#8222;Ich bin\u2026&#8220; und sie antwortet: &#8222;Wieso soll ich sagen, wer ich bin? Das ist \u00fcberhaupt nicht interessant.&#8220;<\/p>\n<p><strong>Z\u00e9 do Rock<\/strong><\/p>\n<p>Die H\u00e4lfte des Portr\u00e4ts ist seine B\u00fchnenshow. So kommt man nat\u00fcrlich auch einigerma\u00dfen elegant um diese leidige Angelegenheit herum. Badezimmeraufnahmen am Ende: moderne Armaturen, blaue Accessoires, Handtuchheizung.<\/p>\n<p><strong>Philipp Sch\u00f6nthaler<\/strong><\/p>\n<p>Ein Einkaufszentrum wird vorgestellt; der Autor liest vermutlich eine Geschichte \u00fcber eine Shopping Mall: auch eine elegante L\u00f6sung, diese Angelegenheit des Videoportr\u00e4ts zu l\u00f6sen, nah am Thema des Texts, als Erg\u00e4nzung des Texts. In diesem Sinne auch sch\u00f6n doppeldeutiger Schluss: &#8222;Unser Garantieversprechen: kein Imageverlust, f\u00fcr niemand.&#8220;<\/p>\n<p><strong>Cordula Simon<\/strong><\/p>\n<p>Odessa, wieder Spiegel-Spielerei der Redaktion. Gro\u00dfe Milchkaffeetasse. <br \/>&#8222;Leichter als in Graz lebt es sich in Odessa nicht, g\u00fcnstiger aber in jedem Fall.&#8220;<br \/>Strom- und Wasserausfall als \u00dcbung f\u00fcr die Apokalypse. <br \/>Einkaufszentrum als &#8222;erreichbares Europa.&#8220;<br \/>Schein tr\u00fcgt, Fassaden verbergen: Motor des Schreibens. <br \/>W\u00fcnsche oder Erwartungen an die Leser? &#8222;Es w\u00e4re sch\u00f6n, wenn sie\u2019s danach nicht wegwerfen oder auf Ebay verscherbeln.&#8220;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Larissa Boehning Alltag. &#8222;Fahrr\u00e4der aus Hof rollen, p\u00fcnktlich in der Kita sein, Greta macht einen Ausflug, Geschenk f\u00fcr Jette kaufen, Paco fr\u00fcher abholen&#8220;, Uhlandstra\u00dfe, Bleibtreustra\u00dfe usw.Suchen und Finden. (Bildsprache: Stoffe aussuchen.)Alleinsein. (&#8222;Pl\u00f6tzlich guck ich mal hoch vom Computer, und da steht\u2019n Reh.&#8220;)Schreiben. (Bildsprache: N\u00e4hen der Stoffe.)Kritik. Mutter: &#8222;Magst mal kucken?&#8220; \u2013 Tochter: &#8222;Ja.&#8220; \u2013 Larissa [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[12],"tags":[32],"class_list":["post-3373","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-buecher","tag-tddl"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/gedankentraeger.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3373"}],"collection":[{"href":"https:\/\/gedankentraeger.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/gedankentraeger.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/gedankentraeger.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/gedankentraeger.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=3373"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/gedankentraeger.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3373\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3383,"href":"https:\/\/gedankentraeger.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3373\/revisions\/3383"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/gedankentraeger.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=3373"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/gedankentraeger.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=3373"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/gedankentraeger.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=3373"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}