{"id":3424,"date":"2013-08-06T16:13:53","date_gmt":"2013-08-06T14:13:53","guid":{"rendered":"http:\/\/gedankentraeger.de\/?p=3424"},"modified":"2016-01-11T08:33:28","modified_gmt":"2016-01-11T07:33:28","slug":"le-luc","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gedankentraeger.de\/?p=3424","title":{"rendered":"le luc."},"content":{"rendered":"<p>Morgen lasse ich meine beiden M\u00e4nner mal wieder alleine und fliege nach Z\u00fcrich, fahre von dort zweieinhalb Stunden in den Wattebausch Meiringen, regle ein paar letzte Dinge, nur um fr\u00fch am n\u00e4chsten Morgen wieder in den Zug nach Z\u00fcrich\/Flughafen zu steigen und meine Reisegruppe abzuholen.<\/p>\n<p>Wenn ich meine Unterlagen zugeschickt bekomme, ziehe ich als Erstes immer die Liste mit den Passinformationen raus und sehe mir die Geburtsdaten an. In der kommenden Gruppe sind vier Menschen \u00e4lter als 80 Jahre. Als N\u00e4chstes sehe ich mir die medizinischen Informationen an. Einer bringt ein Atemger\u00e4t mit, ein paar Sonderw\u00fcnsche f\u00fcrs Essen, nichts Dramatisches auf diesen Informationsb\u00f6gen, aber damit sie mitreisen k\u00f6nnen, schreiben die meisten erfahrungsgem\u00e4\u00df eh nichts rein, selbst wenn sie was haben. Das merkt man alles erst <em>on site<\/em>, wer Herzprobleme hat, und seine Medikamente in den USA vergessen usw. Mein schlimmstes Erlebnis war bisher eine Frau in Berlin, die einen Schlaganfall hatte (aber sie war binnen zwei Stunden im Krankenhaus an der Lyse und hat ihre Sprache zur\u00fcckgewonnen). Die Transitorische Isch\u00e4mische Attacke in Amsterdam, der gebrochene Kn\u00f6chel in Antwerpen, die Thrombose in Berlin, der blutende Tumor in Rum\u00e4nien mit anschlie\u00dfender OP in Budapest, das war nat\u00fcrlich auch alles nicht ohne. Es passiert viel mit diesen \u00e4lteren Menschen.<\/p>\n<p>In meiner Schweizgruppe ist eine Reisende 54 Jahre alt, alle anderen sind um die siebzig oder eben noch \u00e4lter. Es k\u00f6nnte schwierig werden, denn die Schweiz ist die k\u00f6rperlich anspruchsvollste Reise: viel wandern (wobei es dazu oft mit Gondeln, Bussen und Elektro-Vans Alternativen gibt, aber eben auch nicht immer), enge Zugverbindungen, also schnelles Umsteigen mehrmals am Tag erforderlich, aktuell Hitze im Tal und oben auf den Bergen nat\u00fcrlich immer d\u00fcnne Luft. Da klappt einem schon der eine oder andere mit Kreislaufproblemen um. Ich bin gespannt, wie es dieses Jahr wird. Die letzten beiden Jahre waren ja toll, und letztes Jahr hat mir die Gruppe zum Abschluss einen iPod Touch geschenkt, was so sch\u00f6n war, aber auch eine Ausnahme.<\/p>\n<p>Mein<a href=\"http:\/\/gedankentraeger.de\/wp-content\/uploads\/2013\/08\/Itinerary.pdf\"> Itinerary<\/a> habe ich auf den letzten Dr\u00fccker fertiggestellt.<\/p>\n<p>Erster Arbeitseinsatz also nach sechseinhalb Wochen Ferien. Nach dem Urlaub in der Bretagne sind wir in Berlin fast jeden Tag rausgefahren an einen perfekten Badesee, den wir f\u00fcr uns entdeckt haben und ausgiebig genossen: ein Behindertenparkplatz direkt vor der Badestelle, eine ger\u00e4umige Behindertentoilette, in der man John gut umziehen kann, ein sch\u00f6ner Spielplatz, alles sauber, also ohne Scherben im Sand und ohne \u00d6lfilm auf dem Wasser, da Motorboote dort nicht erlaubt sind, h\u00f6chste Wasserqualit\u00e4tsstufe (bei John auch wichtig, weil er beim Baden den halben See leer trinkt), nette Leute dort, viele Familien und viele \u00c4ltere, die mit dem Fahrrad und nur einem Handtuch im Fahrradkorb angeradelt kommen, einmal ans gegen\u00fcberliegende Ufer schwimmen und wieder zur\u00fcck, und wieder abfahren mit ihrem Rad.<\/p>\n<p><a title=\"Unser Badesee\" href=\"http:\/\/www.flickr.com\/photos\/44263469@N07\/9449264177\/\" rel=\"\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" title=\"Unser Badesee\" src=\"http:\/\/farm3.staticflickr.com\/2873\/9449264177_9f91a1567f_n.jpg\" alt=\"Unser Badesee\" width=\"320\" height=\"240\" \/><\/a><\/p>\n<p>Gelesen habe ich diesen Sommer viel, aber vieles ist auch schnell vorbeigezogen. Sehr gut gefallen hat mir Pia Ziefles <a href=\"http:\/\/www.ullsteinbuchverlage.de\/ullsteinhc\/buch.php?id=18431\">Suna<\/a>. Den zweiten Teil von Joachim Meyerhoffs &#8222;Alle Toten fliegen hoch&#8220;-Zyklus, <a href=\"http:\/\/www.kiwi-verlag.de\/das-programm\/einzeltitel\/?isbn=978-3-462-04516-1\">Wann wird es endlich wieder so wie es nie war<\/a>, fand ich nicht ganz so toll wie den ersten Teil <a href=\"http:\/\/www.kiwi-verlag.de\/das-programm\/einzeltitel\/?isbn=978-3-462-04292-4\">Amerika<\/a>, aber immer noch gut. Am Nachhaltigsten beeindruckt hat mich Joachim Bessings <a href=\"http:\/\/www.kiwi-verlag.de\/das-programm\/einzeltitel\/?isbn=978-3-462-04517-8\">Untitled<\/a>. Was hat mich dieses Buch gequ\u00e4lt, aber trotzdem hat es eine unglaubliche Kraft. Das &#8222;<a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/2013\/16\/joachim-bessing-untitled-rainald-goetz\">radikalste Icherforschungsbuch seit Strindberg<\/a>&#8220; fand ich es zwar nicht, denn in der Disziplin ist Karl Ove Knausg\u00e5rd f\u00fcr mich nicht zu toppen (sein dritter Teil <a href=\"http:\/\/www.randomhouse.de\/Buch\/Spielen-Roman\/Karl-Ove-Knausgard\/e432823.rhd\">Spielen<\/a> kommt im Herbst, juhu!), aber ansonsten stimme ich Rainald G\u00f6tz in Bezug auf Bessing zu.<\/p>\n<p>John ist in den Ferien sehr gewachsen und ist jetzt genauso gro\u00df wie ich. Ein komisches Gef\u00fchl, wenn er so gleich gro\u00df neben mir steht. Es kommt mir ein bisschen unwirklich vor, immerhin ist es nicht einmal dreizehn Jahre her, dass es ihn gar nicht gab, unvorstellbar alles, irgendwie. Jemand sollte mal einen Text dar\u00fcber schreiben, wie es ist, wenn das eigene Kind pl\u00f6tzlich genauso gro\u00df ist wie man selbst, das ist <em>so strange<\/em>, aber warum? [Komisch auch dieser Impuls, bei noch-unklaren Gef\u00fchlen immer gleich zu denken: &#8222;Dazu muss es doch etwas zu lesen geben&#8220;, als ob das Lesen immer alles l\u00f6sen\/erkl\u00e4ren k\u00f6nnte.] Auf jeden Fall einer dieser gro\u00dfen Momente, die einen hier und da unerwartet ereilen.<\/p>\n<p>Mit zw\u00f6lf Jahren also 1,78 m gro\u00df, und die Sandalen in Gr\u00f6\u00dfe 44 sind John in den Ferien auch zu klein geworden. Wir waren so beeindruckt, dass wir ihm in der Bretagne ein respektvolles &#8222;Le&#8220; in seinen Namen eingebaut haben und ihn jetzt gerne Jean-Le-Luc nennen (gesprochen mit der anerkennenden Intonation von Samuel L. Jackson in <em>Pulp Fiction<\/em>, wie er John Travoltas \u00dcbersetzung von Burgern in Frankreich wiederholt: &#8222;Royale With Cheese&#8220;).<\/p>\n<p>[Die neue Dankbarkeit, dass John in einem Alter, in dem andere Kinder wahrscheinlich schon ganz woanders sind in ihrem Denken und Sein, immer noch eine gro\u00dfe Innigkeit zu uns hat. Wie er sich gestern nach dem ersten Schultag, der ihn sichtlich angestrengt hatte, mit mir ins Bett kuschelte und mir seine Schn\u00fcffelk\u00fcsschen gab &#8211; eine Mischung aus schn\u00fcffeln und gleichzeitig k\u00fcssen, die er in den letzten Monaten erfunden hat &#8211; da dachte ich, wie sch\u00f6n das doch eigentlich auch ist: Er bleibt nah. Trotz Pubert\u00e4t, die ja dennoch auch eingesetzt hat; ein wilder Mix aus normaler und\u00a0anderer Entwicklung.]<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Morgen lasse ich meine beiden M\u00e4nner mal wieder alleine und fliege nach Z\u00fcrich, fahre von dort zweieinhalb Stunden in den Wattebausch Meiringen, regle ein paar letzte Dinge, nur um fr\u00fch am n\u00e4chsten Morgen wieder in den Zug nach Z\u00fcrich\/Flughafen zu steigen und meine Reisegruppe abzuholen. 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