{"id":3664,"date":"2013-11-22T09:08:43","date_gmt":"2013-11-22T08:08:43","guid":{"rendered":"http:\/\/gedankentraeger.de\/?p=3664"},"modified":"2013-11-30T09:21:14","modified_gmt":"2013-11-30T08:21:14","slug":"der-anti-proust","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gedankentraeger.de\/?p=3664","title":{"rendered":"der anti-proust."},"content":{"rendered":"<p><strong>Wie kein anderer beschreibt der norwegische Schriftsteller Karl Ove Knausg\u00e5rd das Leben als unabl\u00e4ssige Bewegung zwischen Ann\u00e4herung und Zur\u00fcckweisung<\/strong><\/p>\n<p>Manchmal bleibt die Frage nicht aus: M\u00fcssen wir wirklich alles erfahren, bis zum letzten Teebeutel, der in einen Becher geh\u00e4ngt wird? In insgesamt sechs B\u00e4nden mit \u00fcber 3.600 Seiten Text hat der norwegische Autor Karl Ove Knausg\u00e5rd detailliert sein Leben aufgeschrieben. Nach &#8222;Sterben&#8220; und &#8222;Lieben&#8220; ist bei Luchterhand nun der dritte Band seines autobiographischen Romanprojekts auf Deutsch erschienen: <a href=\"http:\/\/www.randomhouse.de\/Buch\/Spielen-Roman\/Karl-Ove-Knausgard\/e432823.rhd\">&#8222;Spielen.&#8220;<\/a> Im ersten Band ging es um den Tod des Vaters, im zweiten um die Liebe zu seiner Frau und die Geburt der drei Kinder, im dritten Teil nun geht es um seine eigene Kindheit.<\/p>\n<p>Wie in den ersten beiden B\u00fcchern werden Leser und Leserinnen auch hier wieder mit ausufernden Beschreibungen konfrontiert. Den Gegenst\u00e4nden, der Landschaft, allem unterliegt eine existenzielle Dringlichkeit: &#8222;Sinnvoll, sinnlos, sinnvoll, sinnlos, das ist die Welle, die durch unser Leben rollt und seine grundlegende Spannung bildet.&#8220; Manchmal ersteigt unerwartet eine gro\u00dfe Szene aus einer vorher eher dahinpl\u00e4tschernden Erz\u00e4hlung, manchmal baut Knausg\u00e5rd Spannung auf, die am Ende mehr oder weniger verpufft, weil dann doch nichts Aufregendes passiert. So gelingt es ihm, die Kindheit einzufangen, in der alles unberechenbar ist. Jederzeit kann sich eine unerwartete Intensit\u00e4t entfalten, oder eben nicht. Das Kind macht keine Prognosen, es erlebt.<\/p>\n<p>Einen gro\u00dfen Anteil an dieser Unberechenbarkeit hat neben der Kindheit an sich allerdings auch der Vater des Jungen. Im ersten Band war die Ungeduld des Vaters schon zu erahnen, im dritten Band verdichtet sich die Erkenntnis \u00fcber das Ausma\u00df seines J\u00e4hzorns. Der Junge soll dem Vater zum Beispiel beim Holzhacken Gesellschaft leisten. Karl Ove ist gerade eingeschult worden und sie unterhalten sich \u00fcber die Lehrer. Als der Junge die Holzkl\u00f6tze stapeln soll und dies in den Augen des Vaters falsch macht, beginnt die Stimmung zu kippen. Nach einer Weile friert der Junge und m\u00f6chte ins Haus gehen, aber der gereizte Vater l\u00e4sst ihn nicht. Stattdessen ahmt er den Sprachfehler des Jungen nach und Karl Ove sagt, das d\u00fcrfe er nicht. Dies fasst der Vater als Widerwort auf, packt den Jungen am Ohr und dreht es um. Der Junge ist ersch\u00fcttert und zieht sich in sein Zimmer zur\u00fcck. Er m\u00f6chte nicht mehr mit dem Vater und dem Bruder Fu\u00dfball sehen, wie sonst am Samstag, doch der Vater kommt in sein Zimmer, schleift ihn ins Wohnzimmer und zwingt ihn, sich mit vor den Fernseher zu setzen. Die Bonbons, die der Vater den Kindern beim Fu\u00dfballgucken zuwirft, m\u00f6chte der Junge nicht, daraufhin zwingt ihn der Vater, sie zu essen. Immer wieder begegnen wir einem Mann, der die Kontrolle \u00fcber sich verloren hat.<\/p>\n<p>Die Erz\u00e4hlung entfaltet einen Sog, der zwingend ist, fast hypnotisierend. Die Offenbarung macht sprachlos, erstaunt, h\u00e4lt in Atem. Die Erlebnisse des Jungen Karl Ove sind voller Verletzungen, vor allem durch den autorit\u00e4ren Vater, selten durch die Mutter, bei ihr sind es eher sporadische Entt\u00e4uschungen, wie zum Beispiel wenn sie ihm eine Damenbadem\u00fctze kauft, die ihn vor seinen Mitsch\u00fclern l\u00e4cherlich macht. Zur\u00fcckweisungen erf\u00e4hrt er aber auch manchmal durch den Bruder, durch Freunde, zum Beispiel wenn zwei an einem Abend nicht an seiner Haust\u00fcr klingeln, um ihn mitzunehmen, und er sie dann vergeblich sucht, sich anderen Kindern im Fu\u00dfballspiel zuwendet, in einer Mischung aus Trotz und Gleichg\u00fcltigkeit, hinter der aber noch immer die Traurigkeit \u00fcber die beiden Freunde lauert, die ohne ihn loszogen. Ihnen gilt sein letzter suchender Blick auf dem Weg nach Hause.<\/p>\n<p>Der Junge erlebt aber auch viel Begeisterung. Wie er mit seinem besten Freund Geir durch die Gegend streift, wie sie eine gro\u00dfartige M\u00fcllhalde entdecken, wie sehr ihn seine ersten Freundinnen faszinieren, das alles steht neben den Verletzungen, die im \u00dcbrigen ja nicht nur Karl Ove selbst erf\u00e4hrt, sondern die auch er anderen zuf\u00fcgt, auch das geh\u00f6rt dazu. So entfaltet sich das ganze gro\u00dfe Universum der Kindheit. Man m\u00f6chte jedem, der sechs- bis dreizehnj\u00e4hrige Kinder hat, &#8222;Spielen&#8220; empfehlen, so wie man den zweiten Band &#8222;Lieben&#8220; jedem empfehlen wollte, der oder die gerade Kinder bekommen hat. Knausg\u00e5rds gro\u00dfe St\u00e4rke ist es, zum Kern der manchmal diffusen Gef\u00fchle vorzudringen, die mit unseren Erfahrungen verbunden sind.<\/p>\n<p>Knausg\u00e5rd, der Proust verschlungen hat, bezeichnete sich selbst einmal als Anti-Proust. Proust sei elegant, sein eigener Text dagegen roh. Proust sei wunderbar strukturiert, sein eigener Text direkt. Er hatte lange versucht, \u00fcber seinen Vater zu schreiben, aber es war ihm nie gelungen, bis er die Frage nach der Qualit\u00e4t des Textes ausklammerte: Nicht clever komponieren wollen, einfach aufschreiben. Er habe Angst gehabt, dass es das langweiligste Buch werden k\u00f6nnte, das je geschrieben wurde. Doch es funktioniert. Tats\u00e4chlich entsteht durch das direkte Erz\u00e4hlen eine sehr intensive Leseerfahrung. Die \u00dcbersetzung von Paul Berf ist dabei ein gro\u00dfer Gl\u00fccksfall, denn sie nimmt genau dieses organische Erz\u00e4hlen auf. Jedes Komma und jeder Punkt sind genau richtig gesetzt, um den Erz\u00e4hlfluss zu tragen. Hat es einen einmal gepackt, muss man \u00fcberall mit durch, alles mitf\u00fchlen.<\/p>\n<p>Es ist keine Offenbarung, der man zusieht wie einem Autounfall, bei dem man nicht wegsehen kann. Diese Dynamik hier f\u00fchrt uns ohne Schaulust ins zutiefst Menschliche. So kann es erstaunlicherweise geschehen, dass das, was der Junge Karl Ove in Norwegen erlebt, mit der eigenen Erfahrung verschmilzt, obwohl die Erz\u00e4hlung mit fremd klingenden Namen, D\u00f6rfern, Produkten und Naturbeschreibungen gef\u00fcllt ist. Es ist alles so spezifisch anders, und dennoch findet sich darin vor allem das Gemeinsame. Es kann nicht verwundern, dass die B\u00fccher in Skandinavien f\u00fcr so viel Furore gesorgt haben, aber es verwundert ebensowenig, dass sie mittlerweile in 30 Sprachen \u00fcbersetzt wurden. Der Graben, den das Fremde erzeugt, ist am Ende erstaunlich klein.<\/p>\n<p>Knausg\u00e5rd geht der Unersch\u00f6pflichkeit des Lebens auf die Spur, die neben der Banalit\u00e4t des Allt\u00e4glichen besteht, oder ihr unterliegt, in ihr wohnt. Das Immergleiche, die Routinen des Alltags m\u00f6gen langweilen oder schwer zu ertragen sein, aber der Ausbruch aus ihnen ist keine L\u00f6sung. Er w\u00fcrde bedeuten, auch alles Wichtige und Sch\u00f6ne zur\u00fcckzulassen. All die gro\u00dfen Fragen, die gro\u00dfen Ereignisse \u2013 die Beziehung zu den Eltern, die Liebe zu seiner Frau, selbst Vater zu sein \u2013 all das findet statt im t\u00e4glichen Kleinklein. Knausg\u00e5rd dreht jeden Stein um und schreibt die Oberfl\u00e4che damit fast manisch weg, um die Frage zu beantworten: Wo sind wir in diesem Leben?<\/p>\n<p>Seine Erz\u00e4hlung ist schonungslos, aber sie ist nicht gnadenlos. Der Sog des Lesens ist trotz aller beschriebenen Zur\u00fcckweisungen kein negativer, denn immer ahnt man die Liebe darunter. Nur weil sie da ist, in allem und zu allen, kann es die Verletzungen in ihrer Intensit\u00e4t schlie\u00dflich \u00fcberhaupt geben. Man m\u00f6chte das beschriebene Universum nicht verlassen, ganz so wie man das eigene Leben (im Idealfall) nicht verlassen m\u00f6chte, trotz aller Einw\u00e4nde, die dagegen auszusprechen w\u00e4ren. Wir wussten es schon, aber wissen es mit jedem Knausg\u00e5rd-Band immer noch genauer: Ohne Sorgen ist die Liebe eben nicht zu haben. In all ihrer Radikalit\u00e4t und Banalit\u00e4t sind dies B\u00fccher, die unsentimental Hoffnung spenden: Die Ern\u00fcchterung mag im Laufe des Lebens wachsen, aber die Liebe darunter vielleicht doch nicht zerbrechen.<\/p>\n<p>In diesen B\u00fcchern verschwindet man, in aus der Zeit geworfenen Stunden. Wenn es doch nur gleich weiterginge, aber wie jedes Mal hei\u00dft es jetzt auch wieder: leidvoll warten, bis Paul Berf den n\u00e4chsten Band \u00fcbersetzt hat.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wie kein anderer beschreibt der norwegische Schriftsteller Karl Ove Knausg\u00e5rd das Leben als unabl\u00e4ssige Bewegung zwischen Ann\u00e4herung und Zur\u00fcckweisung Manchmal bleibt die Frage nicht aus: M\u00fcssen wir wirklich alles erfahren, bis zum letzten Teebeutel, der in einen Becher geh\u00e4ngt wird? 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