{"id":3818,"date":"2014-03-28T09:08:49","date_gmt":"2014-03-28T08:08:49","guid":{"rendered":"http:\/\/gedankentraeger.de\/?p=3818"},"modified":"2017-04-13T11:09:27","modified_gmt":"2017-04-13T10:09:27","slug":"new-york-hat-nichts-mit-afrika-zu-tun-nachricht-an-mich-selbst","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gedankentraeger.de\/?p=3818","title":{"rendered":"new york hat nichts mit afrika zu tun [nachricht an mich selbst]."},"content":{"rendered":"<p>Diese Leute, die mal eben \u00fcbers Wochenende nach New York fliegen, freitags nach der Arbeit hin und sonntags zur\u00fcck. Wie viele Stunden ist man dann eigentlich da, erst recht, wenn man die Transfers vom und zum Flughafen abrechnet? Jedenfalls, seitdem ich letzten Herbst in Afrika war, ertrage ich solche Exzesse nur noch so schwer. (Also Achtung: Jammertext.) Ich wei\u00df, es sollte mir egal sein, ob jemand \u00fcbers Wochenende mal eben nach New York fliegt und wer wei\u00df, vielleicht gibt es auch so eine Art fundamentaler Unzufriedenheit, die nur ein Schnelltrip nach New York ein bisschen heilen kann, was wei\u00df denn ich, ich bin vom Land, ich bin pragmatisch, also f\u00fcr mich pers\u00f6nlich als Grundstimmung einfach zufrieden mit dem, was ist. Ich <em>verstehe<\/em> das also nicht, das ist wahrscheinlich der Punkt.<\/p>\n<p>Seit Afrika ist es allerdings schlimmer geworden, weil zus\u00e4tzlich zu diesem grunds\u00e4tzlichen Nichtverstehen nun noch st\u00e4ndig das Totschlagargument der &#8222;Kinder in Afrika&#8220; in meinem Kopf rumwabert. Ich habe zum Beispiel vorher mal angedacht, dass wir vielleicht eine gr\u00f6\u00dfere Wohnung suchen k\u00f6nnten. Zu Dritt auf 75 qm, das ist nicht so wahnsinnig viel Platz, aber diesen Gedanken habe ich fast unmerklich ad acta gelegt. Wir brauchen nicht mehr Platz und ich brauche \u00fcberhaupt ganz wenig. Was machen wir hier eigentlich, frage ich mich (banalerweise) nun permanent.<\/p>\n<p>Ich komme ja nicht dazu, meine letzten drei Teile Afrika zu schreiben, daher hier nur in K\u00fcrze: In Lake Naivasha verletzte sich eine Frau aus meiner Reisegruppe schwer und wir mussten sp\u00e4t abends mit ihr in die Notaufnahme des lokalen Krankenhauses fahren. So etwas wie dort habe ich noch nie gesehen. Vorh\u00e4nge voll von Blutflecken, teils frischrot und teils schon ganz altbraun. Kein Fu\u00dfboden, nur Estrich. Eine kreischende Frau, deren drei Monate altes Baby gerade gestorben war, und es gab niemanden, der mit ihr sprach, denn \u00fcberhaupt arbeiteten dort nur zwei Frauen f\u00fcr eine wachsende Menge an Notf\u00e4llen. Transportliegen gab es nicht, die Menschen wurden in Rollst\u00fchlen von einem Ort an einen anderen gefahren, und die Rollst\u00fchle sahen aus, als ob sie in den F\u00fcnfzigern schon hier in Deutschland benutzt wurden. Wenn jemand liegend transportiert werden musste, wurde der Rollstuhl nach hinten gekippt und vorne lief jemand r\u00fcckw\u00e4rts mit, der die Beine des Verletzten gerade streckte. Eine sterile Umgebung gab es nirgendwo. Die Utensilien waren in alte Geschirrt\u00fccher eingeschlagen. Das ist nicht alles, aber es mag einen Eindruck geben.<\/p>\n<p>Meine Reisende war in der Badewanne hingefallen und hatte sich den Hinterkopf so aufgeschlagen, dass man einen Teil davon einfach aufklappen und hineinsehen konnte. Entsprechend die Blutmenge der Platzwunde. Zum Gl\u00fcck gab es in meiner Reisegruppe auch einen Mann, der Arzt war (Frauenarzt, aber immerhin Arzt). Den holte ich gleich und er fuhr mit uns ins Krankenhaus. Er konnte die Verletzte selbst versorgen, so dass wir nicht auf die beiden Frauen warten mussten, die dort arbeiteten. Auch wenn sie wenig begeistert davon schienen, dass da pl\u00f6tzlich Wei\u00dfe kamen, die einen eigenen Arzt mitbrachten, aber ihre Utensilien benutzen wollten, waren sie hilfsbereit. Dann stellte sich heraus, dass es im ganzen Krankenhaus keine Rasierklinge gab, die der Arzt brauchte, um die Haare rund um die Wunde abzurasieren. Wir waren den ganzen Tag im Busch gewesen und die Haare waren voller Staub und Bakterien.<\/p>\n<p>Die eine Frau, die im Krankenhaus arbeitete (\u00c4rztin? Schwester? Ich hatte aus der Lodge auch einen \u00dcbersetzer mitgenommen, aber in der Hektik der Situation klappte das mit dem \u00dcbersetzen zwischen Suaheli und Englisch nicht so gut), die eine Frau also gab unserem Arzt ein Skalpell als Rasierklingenersatz. Geduldig und vorsichtig kratzte er die Haare um die Wunde herum ab, was mit dem kleinen Skalpell eine gef\u00fchlte Ewigkeit dauerte. Dann desinfizierte er alles und n\u00e4hte die Wunde zu (noch mit dem Witz: &#8222;As an ob\/gyn, at least I&#8217;m really good at stitches!&#8220;). Zum Gl\u00fcck gab es in dem Krankenhaus tats\u00e4chlich ein R\u00f6ntgenger\u00e4t. Neben dem Ger\u00e4t hing eine Dankesplakette f\u00fcr die Stifter des Ger\u00e4ts, vier Namen. Daneben hing ein Kalender von vor drei Jahren. Ich stellte mir vor, dass irgendwann vor drei Jahren jemand hier gewesen war, der oder die diesen Ort etwas versch\u00f6nern wollte und dazu den Kalender aufh\u00e4ngte, der in der sonstigen Trostlosigkeit, Kaputtheit, Unfertigheit und Armut des Geb\u00e4udes allerdings v\u00f6llig absurd wirkte, und dann einfach dort h\u00e4ngengeblieben war, weil wahrscheinlich niemand hier Zeit hatte, ihn \u00fcberhaupt zu bemerken.<\/p>\n<p>Als wir gegen ein Uhr nachts in der tiefschwarzen afrikanischen Dunkelheit in die Lodge zur\u00fcckfuhren \u2013 wir hatten so ein komisches Gef\u00e4hrt, das wie ein Golfcart aussah \u2013 w\u00e4ren wir dann fast noch verungl\u00fcckt, denn pl\u00f6tzlich tauchte direkt vor uns im Scheinwerferlicht ein Nilpferd auf, ein Riesenkoloss. Der Fahrer machte eine Vollbremsung, wir wurden alle nach vorne geschleudert und das Nilpferd sprang erstaunlich beweglich und schnell rechts zur Seite und lief ebenso erstaunlich schnell weg. Ich glaube nicht, dass wir es h\u00e4tten \u00fcberleben k\u00f6nnen, wenn wir mit dem Nilpferd kollidiert w\u00e4ren. Nunja, aber das ist schon wieder eine andere Geschichte. Zur\u00fcck zum Totschlagargument in meinem Kopf. Denn was da in Lake Naivasha los ist, diese Konzentration von Menschen und deren eklatant mangelnde Versorgung, hat ganz direkt etwas mit uns hier zu tun.<\/p>\n<p>In Lake Naivasha gibt es enorme Blumenfarmen, riesige Gew\u00e4chsh\u00e4user, man kann sich das kaum vorstellen, wenn man das nicht gesehen hat. Dort werden f\u00fcr uns die Blumen gez\u00fcchtet. Ich habe irgendwo gelesen, dass mehr als 80% der Blumen, die in Deutschland verkauft werden, aus Afrika und S\u00fcdamerika stammen. Panorama hatte zum Beispiel mal einen <a href=\"http:\/\/daserste.ndr.de\/panorama\/archiv\/2011\/rosenstory171.html\">Beitrag zu den Farmen am Lake Naivasha<\/a>. Es ist f\u00fcr den See und die ganze Umwelt dort eine Katastrophe und die Pestizide sind bei ungen\u00fcgender Schutzkleidung f\u00fcr die Arbeiterinnen und Arbeiter sehr gef\u00e4hrlich. Zudem erhalten sie f\u00fcr die harte Arbeit nur 20-30 Euro im Monat. Es hei\u00dft oft: &#8222;Die Blumenindustrie in Kenia ern\u00e4hrt mehr als eine halbe Million Menschen.&#8220; Das klingt so sch\u00f6n, aber ich habe zum Beispiel gesehen, wie die Menschen nach der Arbeit kilometerweit am Stra\u00dfenrand von der Farm zu Fu\u00df zu ihren H\u00fctten zur\u00fccklaufen. Mein kenianischer Kollege hat mir das gezeigt, ich habe mich so gesch\u00e4mt. Nicht einmal Transportm\u00f6glichkeiten werden ihnen zur Verf\u00fcgung gestellt. Mal ganz abgesehen von allem anderen.<\/p>\n<p>Das Krankenhaus, das ich f\u00fcr ein paar Stunden erleben durfte, zeigt die Probleme auch sehr deutlich. Der Grund wird <a href=\"http:\/\/www.nwhcc.info\/index.php?option=com_content&amp;view=article&amp;id=4:present&amp;Itemid=4\">hier<\/a> zusammengefasst: &#8222;In den letzten 10 Jahren sind durch die Blumenzucht viele Menschen in die Region eingewandert. Es wurden 700.000 Arbeiter eingestellt, 70% von ihnen sind Frauen. Die meisten haben ihre Familien mitgebracht. Die Gesundheitsversorgung wurde nicht entsprechend den wachsenden Bev\u00f6lkerungszahlen mitentwickelt. Das Krankenhaus in Naivasha versorgt mehr als 400.000 Menschen, obwohl es f\u00fcr weniger als die H\u00e4lfte gebaut wurde.&#8220;<\/p>\n<p>Ich musste am folgenden Tag noch einmal in das Krankenhaus fahren, um mit der Radiologin, die nachts keinen Dienst gehabt hatte, das R\u00f6ntgenbild zu besprechen (zum Gl\u00fcck hatte meine Reisende keine Sch\u00e4delfraktur). Tags\u00fcber war die Situation im Krankenhaus nicht viel ermutigender als nachts. Was aber kann ich tun, frage ich mich seitdem. Ich bin noch zu keinem Ergebnis gekommen. In der Zwischenzeit hadere ich stattdessen ungewollt mit so Sachen wie &#8222;\u00dcbers Wochenende nach New York fliegen.&#8220; Das bringt nun ja aber auch niemandem was. [Ohne Pointe. Ohne L\u00f6sung.]<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Diese Leute, die mal eben \u00fcbers Wochenende nach New York fliegen, freitags nach der Arbeit hin und sonntags zur\u00fcck. Wie viele Stunden ist man dann eigentlich da, erst recht, wenn man die Transfers vom und zum Flughafen abrechnet? Jedenfalls, seitdem ich letzten Herbst in Afrika war, ertrage ich solche Exzesse nur noch so schwer. 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