{"id":3861,"date":"2014-04-01T11:38:46","date_gmt":"2014-04-01T10:38:46","guid":{"rendered":"http:\/\/gedankentraeger.de\/?p=3861"},"modified":"2014-04-04T16:03:41","modified_gmt":"2014-04-04T15:03:41","slug":"aktion-mensch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gedankentraeger.de\/?p=3861","title":{"rendered":"aktion mensch."},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/www.behindertenparkplatz.de\/wie-ein-sprecher-der-aktion-mensch-behindertenfeindlichkeit-schuert\/\">Christiane<\/a> hat schon sehr gut dar\u00fcber geschrieben: In Bonn hat ein Richter eine 82-j\u00e4hrige Mutter verurteilt, deren geistig behinderte 57-j\u00e4hrige Tochter zu laut f\u00fcr die Nachbarn ist. Nun kann man sich alles m\u00f6gliche denken, was eine bisher als behindertenrechtsorientiert beleumundete Organisation wie die &#8222;Aktion Mensch&#8220; dazu zu sagen h\u00e4tte, aber der Pressesprecher Sascha Decker geht nicht auf die Situation ein, sondern wartet mit einem allgemeinen Statement zur Inklusion auf, das zudem erstaunt: &#8222;Dazu muss geh\u00f6ren, dass ich jemandem, der p\u00f6belt, oder der sich nicht an die Regeln h\u00e4lt, sagen kann: &#8218;Stopp. Du \u00fcberschreitest hier eine Grenze.&#8216; Ich denke, wir tun dem Thema Inklusion keinen Gefallen, wenn wir hier vor den Menschen mit Behinderung Schluss machen und sagen: &#8218;Das gilt f\u00fcr die nicht.'&#8220; [<a href=\"http:\/\/www.ardmediathek.de\/das-erste\/brisant\/recht-auf-ruhe-gilt-auch-bei-behinderung?documentId=20457182\">#<\/a>]<\/p>\n<p>Hat die &#8222;Aktion Mensch&#8220; also vor allem Verst\u00e4ndnis f\u00fcr die Nachbarn und das Urteil? Sie rechtfertigte sich gegen Kritik mit dem Argument, dass es sich nicht um eine Aussage zu dem Fall gehandelt habe, sondern um eine generelle Stellungnahme zur Inklusion, die von der ARD im Kontext des Beitrags irref\u00fchrend oder falsch platziert wurde. Dieses Argument scheint vorgeschoben, denn offensichtlich war die &#8222;Aktion Mensch&#8220; mit dem Beitrag in der ARD so zufrieden, dass sie ihn <a href=\"https:\/\/www.facebook.com\/aktion.mensch\">auf der eigenen Facebook-Seite verlinkt<\/a> hatte. Zudem hat sich der Pressesprecher <a href=\"http:\/\/www1.wdr.de\/studio\/bonn\/themadestages\/behinderte_laermt100.html\">auch im WDR in dieser Richtung ge\u00e4u\u00dfert<\/a>: &#8222;Es kann nicht sein, dass eine Gruppe von Menschen immer auf die &#8218;armen Behinderten&#8216; R\u00fccksicht nehmen muss. [\u2026] Wenn ein Kind zur Welt komme, eine Familie mit drei Teenagern in einer Wohnung lebe oder wenn ein 60ster Geburtstag mal ein bisschen lauter werde, dann finde man doch meist auch eine L\u00f6sung. Bei Behinderten \u2013 da ist sich Sascha Decker sicher \u2013 werden in solchen Zusammenh\u00e4ngen noch immer andere Ma\u00dfst\u00e4be angelegt.&#8220; (Wer solche Freunde hat, braucht wirklich keine Feinde mehr.)<\/p>\n<p>Lassen wir uns mal auf die Rechtfertigung ein, dass der Pressesprecher von &#8222;Aktion Mensch&#8220; nach einer Gerichtsentscheidung, die im Gegensatz steht zu vielen vorherigen Entscheidungen bei Gericht, und die ein v\u00f6llig neues Niveau an Diskriminierung er\u00f6ffnet, dass also eine Behindertenrechtsorganisation zu einer Entscheidung mit solcher Tragweite gar keine Meinung hat und stattdessen zeitgleich unschuldig O-T\u00f6ne zur Inklusion abgibt, die zuf\u00e4llig so interpretiert werden k\u00f6nnen, als ob sie etwas mit dem Kontext zu tun haben k\u00f6nnten [es f\u00e4llt mir \u00fcberaus schwer, an dieses Ausma\u00df an Naivit\u00e4t zu glauben]: Der Punkt ist, dass die Aussagen auch ohne den Kontext der Gerichtsentscheidung erschreckend sind.<\/p>\n<p>Ein Kind w\u00e4chst auf, ein 60. Geburtstag findet einmal im Leben statt, mit Teenagern kann man reden: Bei den Beispielen handelt es sich durchweg um tempor\u00e4re Situationen und zudem solche, die im Mainstream unseres Lebens verankert sind und alleine deshalb bei der Umwelt schon eher auf Verst\u00e4ndnis sto\u00dfen. Wie kann es sein, dass der Pressesprecher der &#8222;Aktion Mensch&#8220; so wenig versteht, dass und wie die Lage bei Menschen mit einer schweren Behinderung eine ganz andere und g\u00e4nzlich unvergleichbare ist? Genau deswegen werden doch zurecht &#8222;noch immer andere Ma\u00dfst\u00e4be angelegt.&#8220; Es gibt diese sch\u00f6ne Karikatur, in der eine Reihe von Tieren vor einem Baum steht, unter ihnen ein Affe und ein Elefant, und ihnen wird die Aufgabe gestellt, auf den Baum zu klettern. Darunter der Rechtfertigungssatz: &#8222;Aber wieso? Wir haben allen die gleiche Aufgabe gestellt!&#8220; So h\u00f6rt sich das f\u00fcr mich an, das Argument mit den gleichen Ma\u00dfst\u00e4ben.<\/p>\n<p>Bei einem Menschen wie meinen Sohn John ist nahezu nichts gleich, eben weil er fundamental anders ist, in seinem ganzen Wesen und Sein, und alleine dadurch schon permanent befremdet. Wenn er sich laut und aggressiv verh\u00e4lt und so richtig heftig st\u00f6rt, und zwar so, dass es einen selbst in der Existenz ersch\u00fcttert, dann ist das nat\u00fcrlich problematisch und kann auch nerven. Aber es l\u00e4sst sich nicht abstellen, gerade weil John nicht versteht, dass er st\u00f6rt. Wir wissen nicht, wie viel er versteht und wie er die Welt \u00fcberhaupt wahrnimmt. Wir k\u00f6nnen versuchen, verhaltenstherapeutisch etwas zu bewirken, und in kleinen Schritten funktioniert das auch, aber &#8222;l\u00f6sen&#8220; lie\u00dfe sich das Problem nur durch Sedierung. Das Argument fiel im Zusammenhang mit dem Gerichtsurteil tats\u00e4chlich auch: &#8222;Der Richter zeigte sich davon \u00fcberzeugt, dass es noch M\u00f6glichkeiten wie therapeutische und medizinische Ma\u00dfnahmen gebe, Einfluss auf die Tochter zu nehmen.&#8220; [<a href=\"http:\/\/www.merkur-online.de\/aktuelles\/welt\/behinderte-tochter-bonn-machte-laerm-mutter-verurteilt-zr-3439853.html\">#<\/a>]<\/p>\n<p>Wenn das der Weg ist, den wir als Gesellschaft \u2013 von Nachbarn initiiert, von einem Gericht als nunmehr legitime Rechtsauffassung auf den Weg gebracht und von einer Behindertenrechtsorganisation mehr oder weniger unbeholfen unterst\u00fctzt \u2013 nun einschlagen wollen, dann ist das wirklich eine Angstmaschine. Wer fragt eigentlich die Mutter in dem Bonner Fall? Sie wohnt mit der Tochter direkt zusammen, f\u00fcr sie wird es so laut sein wie f\u00fcr sonst niemanden. Sie h\u00e4lt es anscheinend aus, seit 57 Jahren. Man k\u00f6nnte sie fragen, wie sie das macht. Ich w\u00fcrde sie das gerne fragen, denn ich mache das erst seit 13 Jahren, und es zehrt an einem, man muss immer neue Wege finden, das zu meistern. Wir k\u00f6nnten lernen von dieser Frau, anstatt sie zu verklagen. Sie aber bekommt eine Ordnungsstrafe auferlegt und im Zweifelsfall irgendwann eine Ordnungshaft. Es d\u00fcrfte ziemlich klar sein, dass sie an dem Verhalten der Tochter nichts wird \u00e4ndern k\u00f6nnen, sofern sie sie nicht sedieren m\u00f6chte. Was soll eine Geldstrafe da eigentlich genau bringen?<\/p>\n<p>Dazu h\u00f6ren wir nichts von der &#8222;Aktion Mensch&#8220;. Der Pressesprecher rechtfertigte sich gestern in einem <a href=\"https:\/\/www.facebook.com\/aktion.mensch\">Kommentar bei Facebook<\/a>: &#8222;Ich habe also nicht das Urteil kommentiert, sondern generell Auskunft gegeben: Inklusion wird nur gelingen, wenn sich alle trauen, auf den anderen zuzugehen und ihm zu sagen: Das st\u00f6rt mich, das belastet mich, das mag ich nicht. Kann ich vielleicht helfen? (sd)&#8220; Der Kommentar liest sich f\u00fcr mich unglaublich zynisch, denn genau dieses &#8222;aufeinander zugehen&#8220; ist im Bonner Fall ja wohl gerade nicht passiert, es sei denn, man definiert &#8222;vor Gericht verklagen&#8220; als &#8222;aufeinander zugehen.&#8220; Etwas \u00c4hnliches habe ich selbst erlebt, als unser Nachbar ein zun\u00e4chst anonymes L\u00e4rmprotokoll f\u00fchrte und bei der Hausverwaltung einreichte, ohne vorher je an unserer T\u00fcr geklingelt zu haben, um das Gespr\u00e4ch zu suchen. Vom Pressesprecher kamen gestern weiterhin nur vage Allgemeinaussagen, die das Ganze noch schlimmer machen, weil sie in Bezug auf den Fall zynisch wirken.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.facebook.com\/aktion.mensch\">Heute<\/a> hei\u00dft es von einem anderen Autor der &#8222;Aktion Mensch&#8220;: &#8222;Die Hintergr\u00fcnde der Auseinandersetzung in dem konkreten Fall kennen wir nicht. Was dort genau passiert ist, wissen wir alle nicht. Deshalb hat sich unser Pressesprecher allgemein zum Thema Inklusion ge\u00e4u\u00dfert. Grunds\u00e4tzlich steht die Aktion Mensch nat\u00fcrlich auf der Seite von Menschen mit Behinderungen. (co)&#8220; Grunds\u00e4tzlich also. Im Einzelfall aber vielleicht doch nicht, oder wie? Wie ist diese neue Aussage zu verstehen? Immer noch und immer wieder diese Betonung, dass man sich zu dem Fall nicht \u00e4u\u00dfern will. Wenn man offenbar so viel Angst davor hat, sich zu dem Fall zu \u00e4u\u00dfern, warum hat man sich dann \u00fcberhaupt ge\u00e4u\u00dfert? H\u00e4tte man sich dann nicht besser gar nicht ge\u00e4u\u00dfert? Es muss ja einen Grund gegeben haben, warum man sich zu dieser merkw\u00fcrdig verqueren Vorgehensweise entschieden hat, sich nicht zu dem Fall, wohl aber zur Inklusion zu \u00e4u\u00dfern. Warum zieht man die Inklusion da mit rein?<\/p>\n<p>Den Begriff hat der Pressesprecher ganz offenbar sowieso nicht verstanden. Er definiert ihn in seinen Aussagen mit einer Haltung, mit der wir fr\u00fcher von Integration gesprochen und wie wir Integration gedacht haben. Vom Begriff der Integration haben wir uns aber bewusst abgewendet, weil er implizierte, dass die Menschen mit Behinderung so angepasst werden sollen, dass sie in die Gesellschaft hineinpassen, also von au\u00dfen in die Gruppe hinein integriert werden. Inklusion sollte ein Begriff sein, der von diesem Denken gerade wegf\u00fchrt und stattdessen die &#8222;Bringschuld&#8220; der Anpassung nicht mehr beim Mensch mit Behinderung ansetzt, sondern bei der Gesellschaft, die sich so umgestalten soll, dass jeder in sie hineinpasst. In seinen Aussagen zur Inklusion hat der Pressesprecher leider gezeigt, dass er gar nicht Inklusion denkt, sondern Integration.<\/p>\n<p>Derweil nimmt dann angesichts des Bonner Urteils unser Nachbar vielleicht auch sein L\u00e4rmprotokoll wieder auf und auch wir zahlen irgendwann Ordnungsgelder. Dabei zahlen wir die eigentlich sowieso schon w\u00f6chentlich an der Tankstelle: Wenn John morgens um sechs zu viel Krach macht, setzen wir uns regelm\u00e4\u00dfig samstags und sonntags mit ihm ins Auto und kurven durch das erwachende und schlafengehende Berlin. In Friedrichhain kauft sich ein Mann am Boxhagener Platz einen D\u00f6ner und ein Paar tr\u00e4gt auf der Gr\u00fcnberger Stra\u00dfe eine Pizzapackung nach Hause, das sind die Zubettgeher nach einer durchfeierten Nacht. In Kreuzberg f\u00e4hrt die Polizei besonders gerne Streife. In Mitte wird der Gendarmenmarkt gefegt. Am Sonntagmorgen gegen sechs begegnen sich in der ganzen Stadt diejenigen, die den Tag beenden, und diejenigen, die ihn beginnen, und wir sind die vorbeifahrenden Zeugen dieser Begegnungen und Bewegungen, weil wir unsere Nachbarn schonen m\u00f6chten \u2013 und wir erwarten dennoch st\u00e4ndig das n\u00e4chste L\u00e4rmprotokoll im Briefkasten. Tut mir leid, aber mich ermutigt das Bonner Urteil nat\u00fcrlich nicht. Allerdings ermutigt mich die Reaktion der &#8222;Aktion Mensch&#8220; noch viel weniger. So ist das wohl, wenn die Verb\u00fcndeten schwinden.<\/p>\n<p>[Ich w\u00fcrde gerne eine Stellungnahme der ARD zum Vorwurf der &#8222;Aktion Mensch&#8220; h\u00f6ren. Wurden die Aussagen in einen falschen Kontext gestellt? Hat man Herrn Decker gesagt, dass es um Berichterstattung zu dem Bonner Fall geht?]<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Christiane hat schon sehr gut dar\u00fcber geschrieben: In Bonn hat ein Richter eine 82-j\u00e4hrige Mutter verurteilt, deren geistig behinderte 57-j\u00e4hrige Tochter zu laut f\u00fcr die Nachbarn ist. Nun kann man sich alles m\u00f6gliche denken, was eine bisher als behindertenrechtsorientiert beleumundete Organisation wie die &#8222;Aktion Mensch&#8220; dazu zu sagen h\u00e4tte, aber der Pressesprecher Sascha Decker geht [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[23],"tags":[],"class_list":["post-3861","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-autismus"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/gedankentraeger.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3861"}],"collection":[{"href":"https:\/\/gedankentraeger.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/gedankentraeger.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/gedankentraeger.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/gedankentraeger.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=3861"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/gedankentraeger.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3861\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3894,"href":"https:\/\/gedankentraeger.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3861\/revisions\/3894"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/gedankentraeger.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=3861"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/gedankentraeger.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=3861"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/gedankentraeger.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=3861"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}