{"id":3961,"date":"2014-05-22T07:46:15","date_gmt":"2014-05-22T06:46:15","guid":{"rendered":"http:\/\/gedankentraeger.de\/?p=3961"},"modified":"2014-05-22T08:19:01","modified_gmt":"2014-05-22T07:19:01","slug":"die-verratene-generation","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gedankentraeger.de\/?p=3961","title":{"rendered":"die verratene generation."},"content":{"rendered":"<p><a title=\"die verratene generation\" href=\"http:\/\/www.flickr.com\/photos\/44263469@N07\/14242912975\/\" rel=\"\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" title=\"die verratene generation\" src=\"http:\/\/farm6.staticflickr.com\/5570\/14242912975_d8836629d7_n.jpg\" alt=\"die verratene generation\" width=\"320\" height=\"296\" \/><\/a><\/p>\n<p>Bei fast allen meinen deutschen Freundinnen, die Kinder bekommen haben, war dies mit einem recht lange andauernden K\u00fcrzertreten im Beruf verbunden. Gr\u00fcnde daf\u00fcr gab es gen\u00fcgend, vor allem f\u00fcr die, die nicht in Berlin leben. Es gab kaum Betreuung f\u00fcr Kinder unter 3 Jahren und sp\u00e4ter kamen die kurzen Schulzeiten und die vielen Ferienzeiten hinzu. Wie soll man Vollzeit arbeiten, wenn das Kind um sp\u00e4testens halb zwei wieder Zuhause ist und alle zwei Monate Ferien hat? Jetzt, da die Kinder gr\u00f6\u00dfer sind, f\u00e4llt vielen M\u00fcttern der Wiedereinstieg schwer. Nur die wenigsten k\u00f6nnen da anschlie\u00dfen, wo sie aufgeh\u00f6rt haben.<\/p>\n<p>Meine amerikanischen Freundinnen haben das Berufsleben nicht so lange und nachhaltig verlassen. Meine eine Kollegin und gute Freundin arbeitete ein Jahr lang Teilzeit, stockte dann wieder auf, blieb im gleichen Job und wurde \u00fcber die Jahre hinweg immer weiter bef\u00f6rdert, neben zwei Kindern. Als ich in den USA lebte, schien es mir viel leichter und akzeptierter zu sein, Beruf und Familie zu vereinbaren. Ich habe in Chicago drei Monate nach Johns Geburt wieder angefangen zu arbeiten. (Allerdings wurde ich dann nach anderthalb Jahren durch Johns schwere Epilepsie aus der Bahn getragen. Das ist dann Schicksal.)<\/p>\n<p>Weder die Erfahrungen in meinem deutschen noch in meinem amerikanischen Umkreis sind Beweise f\u00fcr irgendwas, es sind willk\u00fcrlich beobachtete Tendenzen. So kam es mir jedenfalls gr\u00f6\u00dftenteils vor, auch wenn immer das Gef\u00fchl an mir nagte, dass da vielleicht doch grunds\u00e4tzlich und strukturell etwas schief l\u00e4uft. Denn warum gibt es in Deutschland so viele Ma\u00dfnahmen, die das Kinderhaben unterst\u00fctzen sollen und dennoch funktioniert das f\u00fcr die Frauen gef\u00fchlt viel schlechter als in den USA, wo es nicht einmal Kindergeld gibt?<\/p>\n<p>In ihrem Buch &#8222;<a href=\"http:\/\/www.droemer-knaur.de\/buch\/7922907\/die-verratene-generation\">Die verratene Generation<\/a>&#8220; haben Kristina Vaillant und Christina Bylow sich auf die Suche nach den Strukturen gemacht, die das etwas vage und vor allem eher private Gef\u00fchl von Ungerechtigkeit in einen politischen und gesellschaftlichen Gesamtzusammenhang stellen. Mit konkreten Zahlen und Fakten legen sie Schicht um Schicht frei, dass das, was wir vielleicht f\u00fcr ein pers\u00f6nliches Problem halten, in Wirklichkeit im System angelegt und somit auf eine Weise auch gewollt ist.<\/p>\n<p>Frauen sind widerspr\u00fcchlichen Anreizen und Logiken ausgesetzt. Betreuungsgeld, Ehegatten-Splitting, Teilzeitangebote oder gar Minijobs suggerieren einerseits Hilfe beim Vereinbaren von Beruf und Familie. Andererseits sorgt nur Berufst\u00e4tigkeit f\u00fcr eine Rente, von der sich leben l\u00e4sst. Abgerechnet wird zum Schluss: &#8222;\u00dcber vierzig Prozent der Frauen, die zwischen 1962 und 1966 in den alten Bundesl\u00e4ndern geboren wurden, m\u00fcssen mit einer gesetzlichen Rente von unter 600 Euro im Monat rechnen. Bei den gleichaltrigen Frauen, die in der DDR geboren wurden, sind es nur 20 Prozent. Sie waren fast immer berufst\u00e4tig.&#8220; Die Anreize locken uns Frauen am Ende in eine Falle.<\/p>\n<p>Letztens sa\u00df in einer Talkshow ein sympathischer junger Journalist der ZEIT, der davon berichtete, dass er und seine Frau eigentlich nicht den klassischen Weg gehen wollten: Er arbeitet und sie bleibt mit den Kindern Zuhause. Dann h\u00e4tten sie aber gemerkt, dass es zu schwierig sei, zwei Berufst\u00e4tigkeiten mit den Kindern zu vereinbaren und so h\u00e4tten sie sich dann doch in das traditionelle Modell gef\u00fcgt. Das war alles ganz geschmeidig, wie er da so sa\u00df und das erz\u00e4hlte. Es t\u00e4uschte unheimlich gut dar\u00fcber hinweg, was da eigentlich geschehen war: Er musste nichts aufgeben, seine Frau dagegen schon. Er bedauerte das, immerhin, aber einen alternativen Weg zu suchen, der auch ihr mehr gerecht w\u00fcrde, das hatten sie nicht vermocht. Und so sa\u00df da wieder der erfolgreiche Mann in der \u00d6ffentlichkeit, die Frau Zuhause bei den Kindern. Das System funktioniert f\u00fcr die M\u00e4nner nach wie vor richtig gut. Man fragt sich wirklich: Warum sollten sie es \u00e4ndern wollen?<\/p>\n<p>Dazu kommt, dass nicht alle Frauen automatisch von Armut betroffen sind: &#8222;Nat\u00fcrlich trifft die Altersarmut viele Frauen nicht: Lehrerinnen, Richterinnen, Frauen im \u00f6ffentlichen Dienst und Beamtinnen der mittleren bis hohen Besoldungsstufen. Auch den Frauen, die einen gut verdienenden Mann an ihrer Seite haben, geht es, finanziell betrachtet, besser \u2013 solange die Ehe h\u00e4lt.&#8220; Doch auch hier lauert also Gefahr: Solange die Ehe h\u00e4lt. Immer mehr Ehen scheitern und das f\u00fchrt dazu, dass sich die finanzielle Lage der Frauen nach der Scheidung meist deutlich verschlechtert. Wo sich nach der Reform des Unterhaltsrechts 2008 nun eigentlich M\u00e4nner und Frauen zu gleichen Teilen um die Kinder k\u00fcmmern sollten und die finanziellen Einbu\u00dfen teilen, geschieht dies dennoch eher selten. Immer noch k\u00fcmmern sich meistens die Frauen um die Kinder und schultern die damit einhergehenden finanziellen Einbu\u00dfen.<\/p>\n<p>&#8222;Die Reformen des letzten Jahrzehnts setzten auf Eigenverantwortung auch bei den Frauen, die nicht ausschlie\u00dflich f\u00fcr sich selbst, sondern sehr viel f\u00fcr andere gesorgt haben. Unter anderer Gesetzgebung haben sie sich auf eine nun f\u00fcr sie h\u00f6chst ung\u00fcnstige Verteilung von unbezahlter und bezahlter Arbeit innerhalb ihrer Ehen und Partnerschaften eingelassen. Aber nicht nur geschiedene Frauen sind mit dem neuen Unterhaltsrecht von 2008 gemeint: Es betrifft alle Frauen, die in dem Konstrukt leben, das der Staat entgegen dem Prinzip der Selbstverantwortung wiederum durch ein antiquiertes Steuersystem f\u00f6rdert: die Zuverdiener-Ehe, das deutsche Standard-Modell. Ist der Hauptverdiener nicht mehr da, bricht dieses System zusammen.&#8220;<\/p>\n<p>Nach dem Lesen des Buchs scheint es mir, dass wir vor allem eine Reform des Steuerrechts brauchen: die Abschaffung des Ehegatten-Splittings und die Einf\u00fchrung von Steuerklassen, die sich nach Kinderzahlen richten und die Alleinerziehende nicht mehr fast wie Singles besteuern.<\/p>\n<p>Solange die Rente an die entlohnte Berufst\u00e4tigkeit gekoppelt ist, erhalten Frauen nur dann eine Rente, von der sie leben k\u00f6nnen, wenn man die Anreize Betreuungsgeld, Elterngeld und Kindergeld abschafft und dieses Geld stattdessen konsequent in Kinderbetreuungsangebote investiert. Das ist eine M\u00f6glichkeit. M\u00f6chte man dagegen mehr Zeit f\u00fcr Kinder und Familie erlauben (was die Anreize suggerieren), dann wiederum m\u00fcsste man das Rentensystem so \u00e4ndern, dass das unbezahlte K\u00fcmmern auch z\u00e4hlt. Entweder oder, lieber Staat. So widerspr\u00fcchlich, wie es heute durchgef\u00fchrt wird, schadet es den Frauen erheblich.<\/p>\n<p>&#8222;Zu lange wurde geschwiegen \u00fcber die in Deutschland besonders drastische Lohnungerechtigkeit zwischen M\u00e4nnern und Frauen, zu lange haben wir uns ein katastrophales Betreuungsm\u00e4ngelwesen f\u00fcr unsere Kinder gefallen lassen, zu lange haben sich Frauen in Fehden \u00fcber das falsche und richtige Muttersein bek\u00e4mpft. Zu lange haben sie f\u00fcr andere gesorgt und sich dabei selbst aus den Augen verloren. Die Quittung daf\u00fcr bekommen sie jetzt. Sie kommt in Form des Rentenbescheids ins Haus und konfrontiert uns mit der bitteren Bilanz unseres Lebens \u2013 und der Wahrheit \u00fcber ein Lebenskonzept, das Frauen auch heute noch nahegelegt wird: Die Mehrheit der 40- bis 50-j\u00e4hrigen Frauen arbeitet Teilzeit. Auch siebzig Prozent der Minijobs, jener sch\u00e4ndlichsten Erfindung des Arbeitsmarkts, wird von Frauen dieser Altersgruppe erledigt. Sie alle erwarten eine Rente weit unter dem Existenzminimum. Es sind keine Einzelf\u00e4lle, &#8222;Einzelschicksale&#8220;, wie es fr\u00fcher hie\u00df, und schon gar nicht haben diese Frauen ihr Leben selbst vermasselt, wie ihnen die Ideologie der &#8222;Wahlfreiheit&#8220; suggeriert. Diese Ideologie leugnet die Existenz jedweder Rahmenbedingungen. Sie leugnet den Einfluss von Herkunft und Geschlecht. Sie schiebt dem Einzelnen die Schuld zu, wenn er f\u00e4llt. Was die Frauen unserer Generation betrifft, ist diese Ideologie besonders fatal: Denn einerseits wurde die Selbstaufgabe der Mutter noch immer selbstverst\u00e4ndlich gefordert, andererseits wird gerade das Sorgen f\u00fcr andere am Ende gnadenlos und bis zur Existenzgef\u00e4hrdung hin abgestraft.&#8220;<\/p>\n<p>Ich bin dem Buch dankbar, dass es dies so deutlich herausarbeitet. Das Problem ist kein Privates, sondern es ist systemimmanent. Und wir m\u00fcssen auch endlich \u00fcber Geld reden, ohne dass dann gleich &#8222;die \u00d6konomisierung der Frau&#8220; heraufbeschworen wird.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bei fast allen meinen deutschen Freundinnen, die Kinder bekommen haben, war dies mit einem recht lange andauernden K\u00fcrzertreten im Beruf verbunden. Gr\u00fcnde daf\u00fcr gab es gen\u00fcgend, vor allem f\u00fcr die, die nicht in Berlin leben. Es gab kaum Betreuung f\u00fcr Kinder unter 3 Jahren und sp\u00e4ter kamen die kurzen Schulzeiten und die vielen Ferienzeiten hinzu. [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[12,19],"tags":[],"class_list":["post-3961","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-buecher","category-empfehlung"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/gedankentraeger.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3961"}],"collection":[{"href":"https:\/\/gedankentraeger.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/gedankentraeger.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/gedankentraeger.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/gedankentraeger.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=3961"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/gedankentraeger.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3961\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3982,"href":"https:\/\/gedankentraeger.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3961\/revisions\/3982"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/gedankentraeger.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=3961"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/gedankentraeger.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=3961"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/gedankentraeger.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=3961"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}