{"id":3995,"date":"2014-06-01T22:32:18","date_gmt":"2014-06-01T21:32:18","guid":{"rendered":"http:\/\/gedankentraeger.de\/?p=3995"},"modified":"2014-06-21T18:35:07","modified_gmt":"2014-06-21T17:35:07","slug":"ihr-lieben-ich-habe-das-kind-nicht-geschrumpft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gedankentraeger.de\/?p=3995","title":{"rendered":"ihr lieben, ich habe das kind nicht geschrumpft."},"content":{"rendered":"<p>Wir gehen einkaufen, John ist ungeduldig. Ich erkl\u00e4re, dass wir etwas einkaufen m\u00fcssen, wenn er essen m\u00f6chte und Hunger hat er doch, also m\u00fcssen wir einkaufen. Er jammert und schl\u00e4gt sich irgendwann mit der Faust ziemlich heftig auf den Kopf. Ich reagiere nicht, er macht es noch einmal, so geht es weiter. Ich ernte kritische Blicke anderer Einkaufender. Das verstehe ich, denn es ist eine ungew\u00f6hnliche Situation, aber nun ist es so: Ich wei\u00df genau, wenn ich jetzt auf John reagiere, dann wird er sich merken, dass das Schlagen auf den Kopf eine Wirkung erzielt, und er wird dieses Wissen auf lange Zeit einsetzen.<\/p>\n<p>Eine Mutter aus meiner Elterngruppe hat einen erwachsenen autistischen Sohn, der einmal damit anfing, sich die Nase so lange zu rubbeln, bis sie blutete. Sie war schockiert, reagierte entsprechend darauf und es resultierte darin, dass ihr Sohn in Zukunft dieses Naserubbeln immer wieder einsetzte, wenn er sie \u00e4rgern oder seinen Willen durchsetzen wollte. Das massive Naserubbeln und Nasenbluten wurde \u2013 \u00fcber Monate und Jahre \u2013 zu einem Riesenproblem.<\/p>\n<p>Kinder suchen Reaktionen, und immer wieder wollen und m\u00fcssen Grenzen ausgetestet werden. Das geht allen Eltern so. Gerade letzte Woche beobachtete ich in unserem Lidl einen Vater mit seiner etwa dreij\u00e4hrigen Tochter. Anfangs schoben sie friedlich an uns vorbei, dann fing sie an, ihren Vater zu sticheln und wollte dies und das haben, was er nicht einkaufen wollte. Er sah aus, als k\u00e4me er gerade von der Arbeit. Das M\u00e4dchen schien voll fokussiert, der Vater eher m\u00fcde.<\/p>\n<p>Sie ahnte ihre Chance, dr\u00e4ngelte immer weiter, aber er hielt erfolgreich dagegen. Gerade dachte ich, dass das ja beeindruckend gut f\u00fcr ihn funktioniere, als das M\u00e4dchen den Vater bat, sie aus dem Wagen zu heben, sie wolle selber laufen. Er hob sie heraus und prompt legte sie einiges an Dr\u00e4ngeln und Jammern nach. Sie rannte wild herum und hatte nun wesentlich mehr M\u00f6glichkeiten, Druck auf den Vater auszu\u00fcben. Als ich sie kurze Zeit sp\u00e4ter wieder sah, schimpfte der Vater mit der Tochter: &#8222;Es reicht jetzt wirklich!&#8220; Er versuchte, sie gegen ihren Willen zur\u00fcck in den Einkaufswagen zu setzen. Sie weinte und schrie, zog ihre Beine erst an den K\u00f6rper, strampelte dann mit ihnen, keine Chance f\u00fcr den Sitz im Einkaufswagen. Dem Vater war das Ganze sichtlich unangenehm und es blieb ihm nur noch, die Tochter auf dem einen Arm zu tragen, mit der anderen Hand den Wagen zu schieben und seinen Einkauf m\u00f6glichst schnell zu beenden. Er wirkte nun richtig m\u00fcde.<\/p>\n<p>Wenn Scott in so eine Situation zwischen John und mir von au\u00dfen hereinkommt, sagt er manchmal: &#8222;He plays you like a fiddle.&#8220; Das M\u00e4dchen im Lidl war auch eine wahre Geigenvirtuosin. Kinder scheinen fast einen siebten Sinn zu haben, wie \u2013 und vor allem auch wann \u2013 sie bei ihren Eltern welche Kn\u00f6pfe dr\u00fccken m\u00fcssen. Mit einem schwer autistischen und geistig behinderten Kind, Teenager oder auch Erwachsenem ist das alles &#8222;nur&#8220; in einer extremen Weise ausgepr\u00e4gt. Uns geht es doch so \u00e4hnlich. Mein Problem ist nur nicht, dass ich mein Kind nicht mehr in den Einkaufswagen zur\u00fcckbekomme, sondern dass John sich vielleicht ernsthaft verletzen kann, wenn er sich mit Wucht auf den Kopf schl\u00e4gt. Aber es geht einfach nicht, dass ich jedem Druck immer nachgebe, denn so kann man erstens die einfachsten Dinge im Leben nicht mehr bew\u00e4ltigen und zweitens hilft es John nicht weiter, weil es gef\u00e4hrliche Verhaltensweisen &#8222;belohnt&#8220; und damit verst\u00e4rkt. Wenn ich darauf reagiere, dass John sich mit der Faust auf den Kopf schl\u00e4gt, wird er das immer wieder tun, vielleicht sogar bald den Kopf gegen die Wand schlagen (wie man es manchmal von schwer betroffenen Autisten h\u00f6rt). Es hilft nur \u2013 auch und vor allem John selbst und seiner Gesundheit \u2013 das Ganze m\u00f6glichst unaufgeregt zu ignorieren, solange es nicht zu gef\u00e4hrlich ist. Also gehe ich betont unbeeindruckt neben ihm her und sage h\u00f6chstens mal: &#8222;Nee, das bringt nichts. Wir m\u00fcssen einkaufen, und das kannst Du.&#8220;<\/p>\n<p>Das f\u00e4llt mir nat\u00fcrlich ganz sch\u00f6n schwer. (Ich h\u00e4tte gerne diese Nerven aus Stahl. Wenn jemand erf\u00e4hrt, wo man die bekommt, bitte unbedingt Bescheid geben.) Die kritischen Blicke helfen leider nicht. John ist mittlerweile 1,80 m gro\u00df, aber in gewisser Weise ist er ja wie diese kleine Geigenvirtuosin im Lidl. Manchmal w\u00fcnschte ich, ich k\u00f6nnte mich erkl\u00e4ren, aber gerade in kritischen Situationen ist daran nat\u00fcrlich nicht zu denken. Vielleicht sollte ich einen Flyer entwerfen, den ich Menschen einfach in die Hand dr\u00fccken kann. (&#8222;Hallo, dieses Kind ist wie Ihres, nur ein bisschen extremer, also verhalte ich mich wie Sie, auch nur ein bisschen extremer.&#8220;)<\/p>\n<p>[Oder ich muss mich an Wayne Szalinski wenden, um John auf die gesellschaftlich anerkannte Gr\u00f6\u00dfe f\u00fcr solche Problematiken zu schrumpfen. Immerhin hatte dessen Schrumpfger\u00e4t ihm am Ende auch die Toleranz der Nachbarn eingebracht.]<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wir gehen einkaufen, John ist ungeduldig. Ich erkl\u00e4re, dass wir etwas einkaufen m\u00fcssen, wenn er essen m\u00f6chte und Hunger hat er doch, also m\u00fcssen wir einkaufen. Er jammert und schl\u00e4gt sich irgendwann mit der Faust ziemlich heftig auf den Kopf. Ich reagiere nicht, er macht es noch einmal, so geht es weiter. 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