{"id":403,"date":"2008-11-21T18:32:00","date_gmt":"2008-11-21T16:32:00","guid":{"rendered":"http:\/\/gedankentraeger.de\/?p=403"},"modified":"2008-11-26T15:58:38","modified_gmt":"2008-11-26T13:58:38","slug":"berlin-im-november","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gedankentraeger.de\/?p=403","title":{"rendered":"berlin im november."},"content":{"rendered":"<p>I<br \/>\nJohn balanciert auf einem Holzbalken. Ein Mann, eine Frau und ein M\u00e4dchen (vielleicht drei bis vier Jahre alt) kommen in unsere Richtung. &#8222;Ich will auch machen, was der Junge da macht!&#8220;, ruft das kleine M\u00e4dchen. Sie springt fr\u00f6hlich in Richtung des Holzbalkens, steht gerade darauf, als John anf\u00e4ngt, ein Medley seiner komischen Ger\u00e4usche (irgendwo zwischen L\u00f6we und Affe, durchsetzt mit diversen Zischlauten) zum Besten zu geben. Das M\u00e4dchen ist zwar leicht irritiert, scheint aber weiter auf demselben Balken balancieren zu wollen. Vater und Mutter sehen sich allerdings v\u00f6llig schockiert an, und der Vater ruft dringend und dr\u00e4ngend: &#8222;Milena, komm sofort her, wir gehen weiter!&#8220; Das M\u00e4dchen ist vom scharfen Ton des Vaters erschrockener als von Johns Ger\u00e4uschen, h\u00fcpft sofort von dem Balken und l\u00e4uft zu den Eltern, die sich ohne uns eines weiteren Blickes zu w\u00fcrdigen umdrehen und mit dem Kind davoneilen. Wir: die Auss\u00e4tzigen. Und die snobistischen Akademiker-Eltern in Prenzlauer Berg.<\/p>\n<p>II<br \/>\nIch kaufe mit John bei Lidl ein. Er streift durch die G\u00e4nge und bewundert die Verpackungen, die er sich so gerne ansieht. Weil ihm das so gut gef\u00e4llt, macht er dabei seine glucksenden Mir-geht-es-gut-Ger\u00e4usche. Zwei etwa sechsj\u00e4hrige M\u00e4dchen beobachten, wie er mit den Fingern gegen die Verpackungen schnipst (ein Zeichen seiner Anerkennung der Formen und Farben, seine Kommunikation mit den Dingen). Die beiden M\u00e4dchen tuscheln und als wir ganz bei ihnen in der N\u00e4he stehen, sagt das eine M\u00e4dchen laut und bestimmt, direkt in Johns Gesicht: &#8222;Du bist echt ekelhaft.&#8220; Ich bin schockiert, und sehe mich nach den Eltern um, die aber nicht zu sehen sind. Also gehe ich auf das M\u00e4dchen zu, sie sagt nach einem Blick in mein w\u00fctendes Gesicht gleich pr\u00e4ventiv: &#8222;Ich habe nichts gesagt!&#8220; Das zweite M\u00e4dchen verdr\u00fcckt sich in den Nebengang, aber die kleine Idiotin habe ich eingekesselt. Ich erwidere: &#8222;Ich habe genau geh\u00f6rt, was Du gesagt hast. Komm mir nicht so.&#8220; Sie: &#8222;Aber meine Freundin hat auch \u00fcber ihn gelacht!&#8220; Ich: &#8222;Das habe ich gesehen, aber das ist keine Entschuldigung f\u00fcr Dich. Du hast meinem Sohn etwas gesagt, das nicht in Ordnung war. Eins musst Du Dir merken: Es gibt ganz viele unterschiedliche Menschen auf der Welt, und die haben alle genauso ein Recht hier zu sein, wie Du. Das kannst Du Dir am besten f\u00fcr Dein ganzes Leben merken.&#8220; Sie h\u00f6rt mir nat\u00fcrlich kaum zu, und ich lasse sie gehen. John hat n\u00e4mlich in der Zwischenzeit angefangen, herzerweichend zu weinen. Ob er das M\u00e4dchen nun verstanden hatte, und darum weinte, oder ob er einfach intuitiv auf die Spannung zwischen mir und dem M\u00e4dchen reagierte, das wei\u00df ich nicht. Wir, die Auss\u00e4tzigen. Und die verw\u00f6hnten, hochn\u00e4sigen Blagen der snobistischen Akademiker-Eltern in Prenzlauer Berg.<\/p>\n<p>Warum die schlechten Erfahrungen immer hier, an der Grenze zwischen Mitte und Prenzlauer Berg? Kann das noch Zufall sein? Selbst wenn John das gr\u00f6\u00dfte Theater an der Supermarktkasse macht, hat uns in hier noch nie jemand vorgelassen, ganz im Gegensatz zu Friesoythe, meinem kleinen Heimatort, in dem uns schon h\u00e4ufiger Leute vorgelassen haben, obwohl ich dort viel seltener einkaufen gehe. In Berlin, jedenfalls in diesem Teil der Stadt, hat man keine Zeit f\u00fcr W\u00e4rme, R\u00fccksicht, Mitgef\u00fchl und \u00e4hnlichen Quatsch. Hier sind wir hart und unnachgiebig, Leid passt nicht in unser Leben, Menschen, die anders sind, m\u00f6chten wir in unserem Viertel am liebsten gar nicht haben, wir sind erfolgreich, schick gekleidet und unsere Kinder lernen schon mit f\u00fcnf Jahren Chinesisch, da haben wir keine Zeit, irgendwelche behinderten Kinder an der Kasse vorzulassen, die sollen doch woanders hingehen, zum Beispiel in den Wedding, da m\u00fcssen wir dann gar nichts davon wissen, dass es sie gibt; aber wenn sie wirklich darauf bestehen, hier zu wohnen, dann m\u00fcssen sie sich eben damit abfinden, dass wir ihnen bestenfalls die kalte Schulter zeigen, wenn wir uns und unsere Kinder nicht gerade demonstrativ von ihnen wegzerren.<\/p>\n<p>III<br \/>\nIm Park Sanssouci muss ich Johns Windel wechseln. Wir gehen auf die Schloss-Toilette, auf der nichts los ist. Die Toilettenfrau zeigt uns sofort die gr\u00f6\u00dfte Kabine, in der ich ihn am besten wickeln kann. Als wir wieder herauskommen, schenkt sie John ein gebasteltes Papierschiffchen und redet freundlich mit ihm. Dass er nicht antwortet, st\u00f6rt sie nicht. Ich sage: &#8222;Er kann nicht sprechen&#8220;, woraufhin sie sagt: &#8222;Ich wei\u00df. Aber er versteht bestimmt, wenn man ihm etwas schenkt.&#8220; Die nette Toilettenfrau in Potsdam.<\/p>\n<p>IV<br \/>\nWir fahren im ICE und John wird die Reise lang. Mehrmals schon sind wir durch den ganzen langen Zug gelaufen, ich muss aber noch irgendwie eine Stunde bis Berlin rumbringen. Also nehme ich ihn mit ins Bord-Restaurant und kaufe ihm \u00fcberteuerte Nudeln. Die verspeist er denn auch mit viel Freude. Eine halbe Stunde erkauft. Als ich bezahlen m\u00f6chte, fragt die Kellnerin, ob er ein Eis essen darf. Ich, etwas irritiert: &#8222;Ja, schon.&#8220; Sie z\u00fcckt ein Eis hinter ihrem R\u00fccken hervor und strahlt: &#8222;Das m\u00f6chte ich ihm so gerne schenken!&#8220; John freut sich, eine weitere Viertelstunde ist gesichert, wir sind schon kurz vor Spandau. Ich bedanke mich bei der Kellnerin, sie l\u00e4chelt auf eine Weise, die ganz unaufdringlich und angenehm sagt: &#8222;Ich wei\u00df Bescheid&#8220;. Vielleicht hat sie ein autistisches Kind in der Familie. Oder vielleicht ist sie einfach nur ein netter Mensch. Die patente Kellnerin im Bord-Restaurant des ICE Hannover-Berlin. Wenn die Toilettenfrauen und Kellnerinnen nicht w\u00e4ren, Menschen, die mir immer wieder zeigen, dass es auch anders geht, dass wir eben doch keine Auss\u00e4tzigen sind, wenn es nicht auch solche Erfahrungen g\u00e4be, dann w\u00fcrde ich vielleicht bald verzweifeln.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>I John balanciert auf einem Holzbalken. 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