{"id":4047,"date":"2010-11-18T12:11:37","date_gmt":"2010-11-18T11:11:37","guid":{"rendered":"http:\/\/gedankentraeger.de\/?p=4047"},"modified":"2017-04-16T13:12:10","modified_gmt":"2017-04-16T12:12:10","slug":"oma-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gedankentraeger.de\/?p=4047","title":{"rendered":"oma."},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/gedankentraeger.de\/wp-content\/uploads\/2010\/11\/uroma.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-medium wp-image-1619\" src=\"http:\/\/gedankentraeger.de\/wp-content\/uploads\/2010\/11\/uroma-248x300.jpg\" alt=\"\" width=\"248\" height=\"300\" \/><\/a><\/p>\n<p>Die Tage vom Todestag am Donnerstag bis zum Montag waren f\u00fcr mich ein bisschen wie im Nebel vergangen. Am Montag hatte ich das Bed\u00fcrfnis, mich auf den Abschied von meiner Oma vorzubereiten und kaufte eine neue schwarze Hose und einen schwarzen Pullover. Montag Nachmittag um halb f\u00fcnf war ich in Kreuzberg und holte meinen Cousin von der Arbeit ab, der uns alle fahren wollte, gemeinsam sammelten wir meinen Onkel und meine Tante in Charlottenburg ein. Schon um kurz nach neun kamen wir am Haus meiner Oma in Emstek an. Zehn Minuten vor uns, dem Berliner Wagen, war das Auto aus Siegen gekommen, f\u00fcnf Minuten davor der Wagen aus Heidelberg. Die Ravensburger riefen an, sie waren schon in Dortmund. Das Haus meiner Oma war voll von Verwandten, denn meine Oma hatte neun Kinder, zwanzig Enkelkinder und neunzehn Urenkel. Es gab H\u00fchnersuppe.<\/p>\n<p>Sp\u00e4t fuhr ich mit meinen Eltern nach Friesoythe, am n\u00e4chsten Morgen gleich wieder nach Emstek, um meine Oma noch ein letztes Mal zu sehen. Nach zehn sollte der Sarg geschlossen werden, um zehn Uhr also trafen sich die, die sie noch sehen wollten, viele wollten sie lieber lebendig in Erinnerung behalten, so waren wir eine recht kleine Gruppe. Meine Oma sah auf den ersten Blick aus wie eine andere Person, mein erster Gedanke war, dass wir in einem falschen Raum waren, aber ich wusste ja, dass es der richtige Raum ist, und je genauer man hinsah, umso mehr konnte man meine Oma erkennen. Meine Tante zupfte an Omas Haaren herum, die noch nicht so aussahen, wie Oma sie immer getragen hatte. Um den Hals trug Oma eine Perlenkette, an den H\u00e4nden einen sch\u00f6nen, roten Rosenkranz, den meine Eltern ihr aus Mexiko mitgebracht hatten. Wir konnten uns kaum \u00fcberwinden, den Raum wieder zu verlassen, weil genau das der endg\u00fcltige Schritt sein w\u00fcrde, danach kommt der Deckel auf den Sarg, dann wird man sie nie wieder sehen. Die H\u00e4nde sahen noch genau so aus wie immer, das waren original Omas H\u00e4nde, ich fand es sch\u00f6n, dass man ihr nicht die Fingern\u00e4gel manik\u00fcrt hatte, obenauf lag der Daumen mit dem etwas schief geschnittenen Nagel, genauso, wie er immer war. Ich hatte das Bed\u00fcrfnis, sie noch einmal anzufassen und habe ihr zum Abschied die H\u00e4nde gedr\u00fcckt, die nat\u00fcrlich eiskalt und steif waren, aber es hat sich trotzdem gut angef\u00fchlt, meine Oma noch ein letztes Mal zu ber\u00fchren.<\/p>\n<p>Sp\u00e4ter dann das Rosenkranzbeten in der Leichenhalle, das Monotone daran, dessen Effekt mich immer wieder erstaunt. \u201eDer f\u00fcr uns Blut geschwitzt hat\u201c, wenn der schmerzhafte, der schlimmste unter den Rosenkr\u00e4nzen beginnt, erschrickt man sich noch kurz, aber dann entzieht das Monotone den Signifikanten das Signifikat, das ist auch bei der Gr\u00e4bersegnung an Allerheiligen immer so, ich musste kurz an Saussure denken und mich \u00fcber die Semiotik wundern. Die neu gebaute Leichenhalle ist insofern ein Segen, als man nach dem Rosenkranz an der Seite der Halle hinausgeht und nicht mehr zum Eingang zur\u00fcckgehen und an allen anderen Besuchern der Beerdigung vorbeilaufen muss.<\/p>\n<p>Drau\u00dfen. Das Wetter war gro\u00dfartig, klare und kalte Luft bei Sonnenschein, die Blaskapelle in kleiner Choralbesetzung mit den sch\u00f6nen Tenorh\u00f6rnern spielte etwas entfernt vom Grab, als wir von der Leichenhalle hinter dem Sarg zum Grab liefen, und gerade als wir in den Gang unseres Familiengrabes einbogen, zog ein Schwarm von V\u00f6geln durch den blauen Himmel, in einem Film h\u00e4tte man diese V\u00f6gel wahrscheinlich f\u00fcr eine zu perfekte Choreographie gehalten. Bei fr\u00fcheren Beerdigungen fand ich den Anblick des Sarges in der Erde immer sehr schlimm, nat\u00fcrlich auch dieses Mal, aber nicht auf die gleiche Weise, vielleicht, weil ich meiner Oma kurz vorher noch so nahe gewesen war.<\/p>\n<p>In der Kirche kam der Pfarrer zur Predigt zu uns herunter und erz\u00e4hlte von meiner Oma, wie sie die ersten vier Kinder alleine durch den zweiten Weltkrieg bringen musste, der Mann im Krieg in Russland, und vieles mehr. Als Lesung wurde ein ber\u00fchrender Brief vorgetragen, den mein Opa zu Weihnachten 1945 aus der Gefangenschaft an meine Oma geschrieben hat. Man kann sich das heute nicht mehr vorstellen, wie die Generation der Gro\u00dfeltern gelebt hat. Meine liebe Oma, sie war 92 Jahre alt und hatte drei sehr schwierige letzte Jahre, ein langes und erf\u00fclltes Leben und eine Erl\u00f6sung also, aber dieses Wissen hilft ja nicht gegen die Trauer. Als der Pfarrer die Kommunion vorbereitete, musste ich wegen der Theatralik an Christoph Schlingensief denken, sp\u00e4ter dann auch an Wiebke, meine so fr\u00fch verstorbene Mitsch\u00fclerin. Ich musste daran denken, dass meine Oma am Martinstag gestorben war, und dass das der richtige Tag f\u00fcr sie war, der Tag des Heiligen der N\u00e4chstenliebe und des Teilens. Ich musste daran denken, wie sehr sie John geliebt hat, und er sie. Die beiden waren immer ein witziges Team, sie wurde immer kleiner und er immer gr\u00f6\u00dfer, und sie hat immer mit ihm gesprochen, als k\u00f6nne er alles verstehen. Nur wenn er wild durch ihren geliebten Garten lief, war sie immer nerv\u00f6s und hatte Angst, dass er ihre Blumen zertrampelt, das sah man ihr an, aber sie hat es ertragen. Als wir im August das letzte Mal zusammen bei ihr waren, hat sie sich so gefreut ihn zu sehen, da hat sie sogar &#8222;John&#8220; gesagt, obwohl sie eigentlich seit dem Schlaganfall gar nicht mehr sprach.<\/p>\n<p>\u00dcber zweihundert Leute beim anschlie\u00dfenden Kaffeetrinken, und doch habe ich au\u00dfer den unmittelbar betroffenen Familienmitgliedern fast niemanden gesehen. Meine Eltern erz\u00e4hlten mir sp\u00e4ter, wer alles dagewesen war, ich hatte es gar nicht bemerkt. Nach der Beerdigung gingen wir wieder ins Haus meiner Oma und blieben bis abends um neun. Am Auto bemerkte ich, dass ich meine Tasche vergessen hatte und ging noch einmal zur\u00fcck. Ich klingelte und musste in dem Moment daran denken, dass das ganz typisch Omas Klingeln war, sie hat diese laute Klingel, die durch den Flur hallt, ich kenne sonst niemanden, der so eine Klingel hat. Meine Cousine hat einen Text \u00fcber meine Oma geschrieben, in dem sie auch die Klingel erw\u00e4hnt, es muss uns also allen so gegangen sein, dass diese Klingel irgendwie unsere Oma ank\u00fcndigte. Jeden Sonntag haben wir meine Oma besucht, als ich noch bei meinen Eltern wohnte, die ersten neunzehn Jahre meines Lebens habe ich also jeden Sonntag diese Klingel geh\u00f6rt, und sp\u00e4ter dann auch an jedem Sonntag, an dem ich Zuhause war, denn Sonntag war Omatag, so viel war immer klar. Oft w\u00fcrde ich diese Klingel nun nicht mehr h\u00f6ren, wohl aber am n\u00e4chsten Morgen, als meine Eltern mich ein letztes Mal zu Omas Haus brachten, wo Wagen f\u00fcr Wagen verabschiedet wurde, so wie zwei Tage vorher Wagen f\u00fcr Wagen angekommen war, aus allen Richtungen Deutschlands, nun also zur\u00fcck in jedermanns neue Heimat. Wie wird das wohl werden, wenn der Dreh- und Angelpunkt, das Herz einer gro\u00dfen Familie nicht mehr da ist, die Frau, die bis zum Ende alle zusammengef\u00fchrt hat? Mein \u00e4ltester Cousin hat zum Gl\u00fcck schon beim Kaffeetrinken kleine Visitenkarten verteilt, die das erste Treffen der Gro\u00dffamilie im n\u00e4chsten Jahr ank\u00fcndigen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Tage vom Todestag am Donnerstag bis zum Montag waren f\u00fcr mich ein bisschen wie im Nebel vergangen. Am Montag hatte ich das Bed\u00fcrfnis, mich auf den Abschied von meiner Oma vorzubereiten und kaufte eine neue schwarze Hose und einen schwarzen Pullover. Montag Nachmittag um halb f\u00fcnf war ich in Kreuzberg und holte meinen Cousin [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[46],"tags":[],"class_list":["post-4047","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-trauer"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/gedankentraeger.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4047"}],"collection":[{"href":"https:\/\/gedankentraeger.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/gedankentraeger.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/gedankentraeger.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/gedankentraeger.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=4047"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/gedankentraeger.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4047\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":5269,"href":"https:\/\/gedankentraeger.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4047\/revisions\/5269"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/gedankentraeger.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=4047"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/gedankentraeger.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=4047"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/gedankentraeger.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=4047"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}