{"id":4430,"date":"2015-02-08T18:31:58","date_gmt":"2015-02-08T17:31:58","guid":{"rendered":"http:\/\/gedankentraeger.de\/?p=4430"},"modified":"2015-10-06T09:49:17","modified_gmt":"2015-10-06T08:49:17","slug":"4430","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gedankentraeger.de\/?p=4430","title":{"rendered":"\u00fcberfordert statt \u00fcbergl\u00fccklich? schreiben Sie uns."},"content":{"rendered":"<p>Was mich an dem Artikel auf <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/wissen\/gesundheit\/2015-02\/leben-mit-behinderung-leseraufruf-down-syndrom\">ZEIT ONLINE<\/a> st\u00f6rt:<\/p>\n<p>1. Die \u00dcberschrift: &#8222;\u00dcberfordert statt \u00fcbergl\u00fccklich? Schreiben Sie uns&#8220;<\/p>\n<p>In einem Qualit\u00e4tsmedium h\u00e4tte ich es gerne eine Nummer kleiner. Unser Leben mit einem schwerstbehinderten Kind ist keine emotionale Achterbahnfahrt. W\u00fcrde man bei einer Familie mit einem nicht-behinderten Kind auch die Wahl geben zwischen \u00fcberfordert und \u00fcbergl\u00fccklich?<\/p>\n<p>2. Der Teaser: &#8222;Viele Eltern behinderter Kinder haben uns berichtet: Von Freude, erfolgreicher Inklusion, Liebe und Chancen. Doch ist das die Realit\u00e4t f\u00fcr alle Familien? Melden Sie sich!&#8220;<\/p>\n<p>Die implizite Unterstellung hinter der Frage lautet: Das kann doch nicht die Realit\u00e4t f\u00fcr alle Familien sein. Meine Gegenfrage zun\u00e4chst: Warum ist es so schwer, die Formulierungen von Freude, erfolgreicher Inklusion und Liebe zu w\u00fcrdigen und anzuerkennen? Warum triggern sie sofort dieses &#8222;Kann doch nicht sein&#8220;? Das ist leider ganz typisch, das begegnet mir nun seit vierzehn Jahren. Es gibt in der Gesellschaft eine anscheinend recht tief verwurzelte innere Abwehr gegen diese positiven Sichtweisen. Ich habe selbst noch nicht herausgefunden, worin das genau begr\u00fcndet liegt, aber eine positive Einstellung wird teilweise geradezu als Angriff empfunden. Das ist wirklich erstaunlich. (Mich beeindruckt das jedenfalls immer wieder. Ist es wirklich so schwer, sich vorzustellen, dass man mit einem schwerstbehinderten Kind gl\u00fccklich sein kann?) Anstatt jetzt wieder nachzuhaken, dass das doch nicht sein kann, f\u00e4nde ich es viel interessanter, endlich mal an diesem Punkt anzuhalten und das sacken zu lassen: Offensichtlich wird das Leben von einigen\/vielen betroffenen Familien nicht als Trag\u00f6die empfunden. Punkt. Als Betroffene bzw. Angeh\u00f6rige ist es ein bisschen meine Aufgabe, dies gut zu erkl\u00e4ren zu versuchen. Die Aufgabe der Au\u00dfenstehenden ist es aber, sich M\u00fche zu geben, es zu verstehen.<\/p>\n<p>Und was hei\u00dft \u00fcberhaupt &#8222;Realit\u00e4t f\u00fcr alle Familien&#8220;? Wieso sollte es denn <em>eine<\/em> Realit\u00e4t f\u00fcr alle Familien mit einem behinderten Kind geben? Wir sind genauso individuell unterschiedlich wie Familien mit nicht-behinderten Kindern.<\/p>\n<p>3. &#8222;Gleichzeitig wissen wir aus den Recherchen: So einfach ist es nicht immer. Nicht f\u00fcr jeden. Es gibt, auch in Deutschland, Kinder mit Down-Syndrom, die in Heimen aufwachsen.&#8220;<\/p>\n<p>Das klingt so alarmierend. Tats\u00e4chlich gibt es in Deutschland leider viele Kinder, darunter aber auch sehr viele nicht-behinderte, die in Heimen oder Internaten aufwachsen, weil die Eltern mit ihnen nicht klarkommen oder keine Zeit f\u00fcr sie haben. Das muss nicht immer und nicht prim\u00e4r etwas mit einer Behinderung zu tun haben. Und ganz abgesehen davon hei\u00dft &#8222;Heim&#8220; nicht automatisch etwas Schlechtes. Es kann zum Beispiel auch sein, dass eine f\u00fcr die spezielle Disposition des Kindes herausragende Schule zu weit weg ist, um jeden Tag zu fahren. Es gibt viele Szenarien, auch durchaus sinnvolle. Weniger Dramatik w\u00fcrde gut tun.<\/p>\n<p>4. &#8222;Nicht in jeder Familie wird mit Behinderung offen umgegangen. Manche Eltern haben aus sozialen Gr\u00fcnden keinen Zugang zu Inklusion, sind nicht in der Lage, F\u00f6rderungsangebote sinnvoll zu nutzen.&#8220;<\/p>\n<p>Ich bin seit vielen Jahren in Kontakt mit Eltern- und Selbsthilfegruppen und kenne fast ausschlie\u00dflich Eltern, die offen mit der Behinderung ihres Kindes umgehen. Es gibt vereinzelt noch Familien, die sich mit der Offenheit schwer tun, aber ich bezweifle, dass sie nun ausgerechnet auf diesen ZEIT-Aufruf hin ihre Einstellung \u00e4ndern und sich dann dort gleich in der ganz gro\u00dfen \u00d6ffentlichkeit zu Wort melden. Auch ZEIT ONLINE selbst wird wissen, dass das h\u00f6chst unwahrscheinlich ist. Und die Eltern, die aus sozialen Gr\u00fcnden keinen Zugang zur Inklusion haben bzw. nicht in der Lage sind, F\u00f6rderangebote sinnvoll zu nutzen, haben m\u00f6glicherweise auch nicht unbedingt die ZEIT abonniert. Diese Passage ist l&#8217;art pour l&#8217;art. Fondor f\u00fcr den Text. Ich empfinde sie als respektlos, denn wenn man am Schicksal genau dieser Familien wirklich interessiert w\u00e4re, w\u00fcrde man die Familien \u00fcber Betroffenen- und Selbsthilfeverb\u00e4nde zun\u00e4chst nicht-\u00f6ffentlich zu kontaktieren versuchen.<\/p>\n<p>5. &#8222;An der seelischen Last, die durch die Sorge um ein nicht gesundes Kind entsteht, zerbricht so manche Partnerschaft.&#8220;<\/p>\n<p>Soll hier impliziert werden, dass es bei Familien mit einem behinderten Kind mehr Trennungen gibt als bei Familien mit nicht-behinderten Kindern? Es gibt meines Wissens eine ganz alte Studie, die zu dem Ergebnis kam, und die seither bereits mehrfach widerlegt wurde. Zuletzt las ich sogar, dass Beziehungen zwischen Eltern eines behinderten Kindes oft widerstandsf\u00e4higer seien, weil die gemeinsame intensive Erfahrung zu einer tiefen Verbundenheit f\u00fchren kann. Ja, sicher kann eine Partnerschaft zerbrechen, aber auch das muss nicht prim\u00e4r etwas mit der Behinderung des Kindes zu tun haben.<\/p>\n<p>6. &#8222;Mehrere Mitarbeiter von Hilfseinrichtungen haben in Gespr\u00e4chen mit ZEIT ONLINE betont: Die meisten M\u00fctter, die zu ihnen k\u00e4men, seien alleinerziehend. Sp\u00e4testens drei Jahre nach der Geburt des behinderten Kindes.&#8220;<\/p>\n<p>Man hat also mit Mitarbeitern von Hilfseinrichtungen gesprochen. Warum nicht mit betroffenen Familien selbst? Dass zu Mitarbeitern von Hilfseinrichtungen mehr alleinerziehende Frauen kommen, ist zudem doch noch kein Hinweis darauf, dass es bei behinderten Kindern wirklich mehr alleinerziehende M\u00fctter gibt. Ein klassischer Fehlschluss <em>Cum hoc ergo propter hoc<\/em>. Weil sie alleinerziehend sind, brauchen die M\u00fctter vielleicht mehr Hilfe von au\u00dfen: das kann ich mir schon vorstellen, es l\u00e4sst aber keinen Umkehrschluss zu. Und dass die Mitarbeiter es &#8222;betonen&#8220; und nicht einfach nur sagen, macht den eh schon w\u00fcrzigen Text vielleicht noch eindringlicher, aber nicht besser.<\/p>\n<p>7. &#8222;In den Reaktionen auf unser Dossier klingen Probleme aber nur leise an. In den Erz\u00e4hlungen fehlen h\u00e4ufig die V\u00e4ter, vom Job der Mutter ist wenig zu lesen.&#8220;<\/p>\n<p>Wenn in den Reaktionen auf das Dossier die V\u00e4ter fehlen oder vom Job der Mutter wenig zu lesen ist, dann zeigt das nur, wie subjektiv und selektiv Leserreaktionen sind. M\u00f6chte man diese Perspektiven portr\u00e4tieren, k\u00f6nnte man \u2013 auch hier wieder der Hinweis \u2013 zum Beispiel Betroffenen- und Selbsthilfeverb\u00e4nde kontaktieren. Meiner Erfahrung nach sind die V\u00e4ter in Familien mit einem behinderten Kind \u00fcberwiegend gleichwertig engagiert, und ich kenne auch viele berufst\u00e4tige M\u00fctter mit einem behinderten Kind. Alles nicht schwer zu finden.<\/p>\n<p>8. &#8222;Meist sind es die Frauen, die uns schreiben, die ihr Leben komplett auf das behinderte Kind ein- und umgestellt haben. Aber h\u00e4tte sich manche davon ihr Leben mit Kind vielleicht doch anders vorgestellt?&#8220;<\/p>\n<p>Hier kommt wieder dieser leicht herablassende und trotzige Unterton heraus, dass man sich das doch anders vorgestellt haben muss. Dabei: meines Wissens hat sogar niemand behauptet, dass er oder sie sich das Leben mit Kind nicht anders vorgestellt h\u00e4tte. Ich habe das zumindest noch nie so gelesen: &#8222;Ich habe zwar ein behindertes Kind, aber das Leben mit Kind ist genauso, wie ich es mir vorher vorgestellt habe.&#8220; Die meisten M\u00fctter werden doch eher sagen, dass sie sich das Leben mit Kind <em>nat\u00fcrlich<\/em> anders vorgestellt hatten. Aber, so what? Geht das nicht irgendwie sowieso allen Eltern so? H\u00e4tte sich manche Mutter eines nicht-behinderten Kindes ihr Leben mit Kind nicht vielleicht auch anders vorgestellt? Ist es nicht geradezu ein fundamentaler Bestandteil der Erfahrung des Elternseins, dass wir uns das vorher gar nicht richtig vorstellen k\u00f6nnen und dann in die neue Situation hineinwachsen? Wie jede andere Mutter sind wir M\u00fctter von behinderten Kindern auch keine Plattenspielernadel, die in dieser Rille h\u00e4ngen bleibt.<\/p>\n<p>Das ist das grundlegende Problem mit dem Text: Hier werden fortw\u00e4hrend die falschen Fragen gestellt.<\/p>\n<p>Diese Fragen k\u00f6nnte man allen Familien stellen. Sie dringen nicht zum Kern dessen vor, was vielleicht einen Unterschied ausmachen k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>9. &#8222;Gibt es V\u00e4ter da drau\u00dfen, die ihre Familie nach der Geburt eines nicht gesunden Kindes verlassen haben?&#8220;<\/p>\n<p>Gibt es die? Wenn ja, dann melden sie sich auf diesen Aufruf hin bestimmt gerne.<\/p>\n<p>Ach, das ist wirklich traurig, leider.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Was mich an dem Artikel auf ZEIT ONLINE st\u00f6rt: 1. Die \u00dcberschrift: &#8222;\u00dcberfordert statt \u00fcbergl\u00fccklich? Schreiben Sie uns&#8220; In einem Qualit\u00e4tsmedium h\u00e4tte ich es gerne eine Nummer kleiner. 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