{"id":4456,"date":"2015-02-24T18:28:03","date_gmt":"2015-02-24T17:28:03","guid":{"rendered":"http:\/\/gedankentraeger.de\/?p=4456"},"modified":"2015-02-25T07:25:45","modified_gmt":"2015-02-25T06:25:45","slug":"masernwelle-mmr-impfung-und-autismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gedankentraeger.de\/?p=4456","title":{"rendered":"Masernwelle, MMR-Impfung und Autismus"},"content":{"rendered":"<p>In Berlin gehen die Masern um. Seit Ausbruch der Infektionswelle sind bisher 547 F\u00e4lle registriert und ein anderthalbj\u00e4hriger Junge starb an den Folgen einer Masernerkrankung. Warum bricht eine Krankheit wieder aus, gegen die es einen wirkungsvollen Impfstoff gibt? Die einfache Antwort auf diese Frage ist in aller Munde: weil Eltern aus Angst vor Impfsch\u00e4den ihre Kinder nicht mehr impfen lassen. Schnell wurden darum auch Forderungen nach einer Impfpflicht laut. Doch besser als eine von au\u00dfen auferlegte Pflicht w\u00e4re wohl die Einsicht der Eltern. Dazu ist es aber n\u00f6tig zu verstehen, wie es \u00fcberhaupt so weit gekommen ist.<\/p>\n<p><strong>Wie die Angst vor der MMR-Impfung entstand<\/strong><\/p>\n<p>Im Jahr 1998 ver\u00f6ffentlichte der britische ehemalige Arzt Andrew Wakefield in der angesehenen Fachzeitschrift <em>The Lancet<\/em> eine Studie, die einen Zusammenhang zwischen Autismus und der MMR-Impfung nahe legte. Die ersten Symptome von Autismus fallen oft im Alter von etwa 15 Lebensmonaten auf, also zur gleichen Zeit, in der \u00fcblicherweise auch die MMR-Impfung durchgef\u00fchrt wird. Handelt es sich hier um eine zuf\u00e4llige Gleichzeitigkeit oder hat das eine etwas mit dem anderen zu tun? Wakefield und seine Kollegen untersuchten elf autistische Jungen und ein autistisches M\u00e4dchen im Alter von drei bis zehn Jahren. Sie f\u00fchrten verschiedene Untersuchungen durch: MRT, EEG, Endoskopie, Lumbalpunktion. Alle zw\u00f6lf Kinder hatten Magen-Darm-Erkrankungen. Wakefield konnte in seiner Studie zwar keine urs\u00e4chliche Verbindung zwischen der Impfung und dem Autismus nachweisen, warnte aber davor, dass das Vorkommen von Autismus ansteigen k\u00f6nne, falls es eine solche Verbindung gebe. Schon von Beginn an bewegte man sich im spekulativen Bereich, aber der Verdacht eines Zusammenhangs war ges\u00e4t und die Angst griff unter Eltern um sich. In Gro\u00dfbritannien sank die MMR-Impfrate von 92% auf 80%.<\/p>\n<p>In Folgestudien konnten die Ergebnisse der ersten Studie nie wiederholt werden, so dass schlie\u00dflich zehn der 13 Co-Autoren ihre urspr\u00fcnglichen Schl\u00fcsse zur\u00fcckzogen. Auch wurde bekannt, dass tats\u00e4chlich nur eines der zw\u00f6lf Kinder erst nach der Impfung autistische Verhaltensweisen entwickelt hatte. In allen anderen F\u00e4llen waren in den Akten der Kinder schon vor der Impfung Entwicklungsauff\u00e4lligkeiten notiert worden. Dazu kam, dass Wakefield vor dem Start der Studie ein Patent f\u00fcr einen alternativen Impfstoff beantragt hatte. Und von einem Anwalt, der in einem Impfschaden-Verfahren t\u00e4tig war, hatte Wakefield sechsstellige Geldsummen f\u00fcr die Untersuchung einer Verbindung zwischen Autismus und der MMR-Impfung erhalten.<\/p>\n<p>All dies f\u00fchrte dazu, dass die britische \u00c4rztekammer 2007 den Fall Wakefield genauer untersuchte. Es stellte sich heraus, dass Wakefield gegen\u00fcber den Eltern der Kinder eine medizinische Notwendigkeit f\u00fcr die invasiven neurologischen und gastro-intestinalen Untersuchungen behauptet hatte, sich diese Begr\u00fcndung einer medizinischen Notwendigkeit auf den \u00dcberweisungen zu den Fach\u00e4rzten aber nicht fand. Die Kontrollgruppe f\u00fcr die Studie hatte Wakefield mit Kindern etabliert, die eine Geburtstagsfeier seines Sohnes besuchten. Ohne Einverst\u00e4ndnis der Eltern hatte er die Kinder um Blutproben gebeten. Die Kinder erhielten daf\u00fcr 5 britische Pfund. Als Wakefield im Nachhinein darauf angesprochen wurde, zeigte er kein Bewusstsein f\u00fcr ein Fehlverhalten.<\/p>\n<p>Am 28. Januar 2010 entschied die britische \u00c4rztekammer, dass Andrew Wakefield im Versuch des Nachweises einer Verbindung zwischen Autismus und MMR-Impfung in seinen Studien &#8222;kaltschn\u00e4uzig, unethisch und unverantwortlich&#8220; gehandelt habe, woraufhin die Fachzeitschrift <em>The Lancet<\/em> die Ver\u00f6ffentlichung seiner 1998er-Studie am 2. Februar 2010 offiziell zur\u00fcckzog. Im Mai 2010 wurde Wakefield von der britischen \u00c4rztekammer die Lizenz zum Praktizieren in Gro\u00dfbritannien entzogen. Seine Anstellung beim <em>Royal Free Hospital<\/em> in Gro\u00dfbritannien hatte er allerdings schon im Dezember 2001 aufgegeben und war seither an Privatkliniken in Florida und Texas t\u00e4tig. Wakefield propagiert noch heute den Zusammenhang von Autismus und MMR-Impfung, er spricht auf Konferenzen (seit seiner Diskreditierung in Fachkreisen allerdings nun auf einschl\u00e4gigen Elternkonferenzen) und er gibt noch immer entsprechende Interviews. Das letzte Video datiert bei Youtube vom 13. Februar 2015.<\/p>\n<p><strong>Aber warum verbreitet sich der spekulative Zusammenhang so erfolgreich?<\/strong><\/p>\n<p>Wir mussten in den letzten 17 Jahren erleben, dass es der Angst vor der MMR-Impfung keinen Abbruch tut, wenn unethische Verhaltensweisen aufgedeckt werden, wenn die Ergebnisse als F\u00e4lschungen entlarvt werden, weil elf der zw\u00f6lf Kinder schon vor der Impfung Entwicklungsauff\u00e4lligkeiten zeigten, und wenn noch so viele Studien seither zum Ergebnis kommen, dass zwischen Autismus und MMR-Impfung kein Zusammenhang besteht. Warum aber ist der Glaube an den Zusammenhang so hartn\u00e4ckig?<\/p>\n<p>Der britische Arzt Dr. Michael Fitzpatrick, selbst Vater eines autistischen Sohnes, hat sich in seinen wissenschaftlichen B\u00fcchern zum Autismus ausf\u00fchrlich mit Ursachenmythen befasst. Denn die MMR-Impfung ist vielleicht die erfolgreichste Angstmaschine, aber bei weitem nicht die einzige. Jede Woche gibt es neue Vermutungen zur Ursache von Autismus: Fernsehkonsum, Alter der Eltern, Hefepilzbefall des Darms, Vitamin A- oder Sekretin-Mangel, Gluten-Unvertr\u00e4glichkeit, Virusinfektionen, Aspartam-Sch\u00e4den. Die Liste lie\u00dfe sich beliebig fortsetzen. Und diese Ursachentheorien stehen in direktem Zusammenhang mit alternativen Behandlungsmethoden.<\/p>\n<p>Impfskeptiker, die hochgetestete Impfverfahren ablehnen, lassen ihren Kindern andererseits zum Beispiel Sekretin spritzen, einen rohen Extrakt aus der Bauchspeicheldr\u00fcse des Schweins, der nur zum Test von Dr\u00fcsenfunktionen entwickelt und f\u00fcr keinen anderen therapeutischen Gebrauch jemals getestet wurde. Diese experimentelle Behandlung soll dem angeblichen Sekretin-Mangel bei Autisten entgegenwirken. Auf die Skepsis gegen\u00fcber der Wissenschaft folgt also paradoxerweise nicht selten ein erstaunlicher Leichtglaube gegen\u00fcber pseudowissenschaftlichen Interventionen.<\/p>\n<p>Labortests verleihen den alternativen Methoden dabei so etwas wie eine wissenschaftliche Aura. Behandlungen rekurrieren unter anderem auf medizinische Sackgassen aus der fr\u00fchen biologischen Psychiatrie der 60er und 70er Jahre. Abendl\u00e4ndische Mythen wie der Glaube des 19. Jahrhunderts, dass wir von unseren Exkrementen vergiftet werden (Vorstellungen, die wiederum letztlich bis zum christlichen S\u00fcndenfall zur\u00fcckf\u00fchren), tauchen wieder auf. Die diffusen Gef\u00fchle werden im 21. Jahrhundert noch durch die Idee verst\u00e4rkt, dass nicht nur der eigene K\u00f6rper, sondern auch die Umwelt uns vergiftet. Chemtrails spielen in der Autismushysterie nat\u00fcrlich auch eine Rolle.<\/p>\n<p>Es l\u00e4sst sich ziemlich genau verfolgen, wo und wie die Rationalit\u00e4t verliert und im Gegenzug die Verschw\u00f6rungstheorie gewinnt. Geboren ist dies aus akutem Leid, denn die Ursachenforschung in Bezug auf den Autismus befindet sich noch im Stadium der Grundlagenforschung. Ein Stadium, das f\u00fcr Betroffene oder ihre Angeh\u00f6rigen frustrierend und auch schwer auszuhalten sein kann. Die Pseudowissenschaft verspricht ersehnte Antworten, wo die Wissenschaft (noch) keine hat. Mit anderen Worten: Das Erfolgsgeheimnis der Pseudowissenschaft ist ihre Verwurzelung in den Gef\u00fchlen der Hilflosigkeit und der Unsicherheit. Dort hat sie sich eingenistet und von dort entfaltet sie ihre Wirkung.<\/p>\n<p><strong>Die Irrationalit\u00e4t gewinnt Oberhand<\/strong><\/p>\n<p>Dass Eltern von schwerbehinderten und\/oder chronisch schwerkranken Kindern leicht in einen solchen Strudel geraten k\u00f6nnen, ist schon l\u00e4nger bekannt und vielleicht auch vergleichsweise verst\u00e4ndlich. Eher neu ist, dass auch Eltern von gesunden, nicht-behinderten Kindern gegen\u00fcber diesen Mechanismen immer anf\u00e4lliger zu werden scheinen. F\u00fchlen sie sogar in Abwesenheit eines gr\u00f6\u00dferen gesundheitlichen Problems \u2013 quasi pr\u00e4ventiv \u2013 schon diese Form von Hilflosigkeit und Unsicherheit?<\/p>\n<p>Das Thema Impfen zeugt in jedem Fall von einem erheblichen Vertrauensverlust in die Institutionen. Man ist misstrauisch gegen\u00fcber dem, was die St\u00e4ndige Impfkommission oder die Kinder- und Jugend\u00e4rzte sagen. Man \u00fcbt nach privater Eigenabsch\u00e4tzung Kontrolle und scheinbare Sicherheit durch Pr\u00e4vention aus, indem man das Kind nicht impfen l\u00e4sst. In diesem Fall nimmt das Wort Pr\u00e4vention nat\u00fcrlich ironische Z\u00fcge an, denn die Impfung war ja die urspr\u00fcngliche Pr\u00e4vention. Aber im Zuge der beschriebenen Entwicklungen schl\u00e4gt bei manchen Eltern eben Stein bald Schere: Das Bed\u00fcrfnis der irrational-spekulativen Pr\u00e4vention je nach Intuition wird st\u00e4rker als das der rational-wissenschaftlichen je nach Stiko.<\/p>\n<p>Als Mutter eines autistischen Kindes f\u00fchle ich mich miserabel, wenn ich von der neuen Masernwelle lese. F\u00fcr Eltern wie mich wurden die zugrunde liegenden Spekulationen verbreitet. F\u00fcr Eltern wie mich gibt es die Maschinerie der Pseudowissenschaft, mit der Unsummen verdient werden, von Anw\u00e4lten in Gerichtsverfahren bis hin zu alternativen Therapeuten, auch wenn ich pers\u00f6nlich dazu &#8222;Nein danke&#8220; sage. Im Verlauf der letzten 17 Jahre wurden starke und offensichtlich kaum zu b\u00e4ndigende Theorien bef\u00f6rdert, die der n\u00e4chsten Generation von Eltern nun solche Angst machen, dass sie ihre Kinder nicht mehr impfen lassen.<\/p>\n<p>Eltern sollten sich bewusst werden: Die Geschichte des neuen Masernausbruchs ist in Wahrheit eine Geschichte des Autismus, und diese Geschichte ist wiederum eine Geschichte der Sorte Irrationalit\u00e4t, die aus Leid und Verzweiflung erwachsen kann. Wir Eltern von behinderten Kindern brauchen das nicht und die Eltern von nicht-behinderten Kindern brauchen das schon gar nicht.<\/p>\n<p>Verweise:<\/p>\n<p>Alex Hannaford: <a href=\"http:\/\/www.theguardian.com\/society\/2013\/apr\/06\/what-happened-man-mmr-panic\">Andrew Wakefield, autism inc.<\/a> The Guardian, 6. April 2013<\/p>\n<p>General Medical Council. <a href=\"http:\/\/www.rescuepost.com\/files\/facts-wwsm-280110-final-complete-corrected.pdf\">Fitness to Practise Panel<\/a>, Hearing 28 January 2010<\/p>\n<p>Michael Fitzpatrick: <a href=\"http:\/\/ije.oxfordjournals.org\/content\/34\/3\/716.1.full\">MMR And Autism: What Parents Need To Know.<\/a> London and New York:\u00a0 Routledge 2004<\/p>\n<p>Michael Fitzpatrick: <a href=\"http:\/\/ije.oxfordjournals.org\/content\/38\/5\/1415.full\">Defeating Autism: A Damaging Delusion. <\/a>London and New York: Routledge 2009<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In Berlin gehen die Masern um. 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